Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

Anfänge jüdischen Lebens in Bochum nach 1945.
Vortrag anlässlich der Grundsteinlegung zur Bochumer Synagoge am 14. November 2005.


Während einer Veranstaltung im Kontext der Grundsteinlegung zur neuen Synagoge in Bochum am 14. November 2005 hielt Dr. Hubert Schneider im Planetarium Bochum einen Vortrag "Anfänge jüdischen Lebens in Bochum nach 1945". Wir drucken ihn nachfolgend ab.

Meine Damen und Herren, ich möchte mit einem Brief des langjährigen Bochumer Rabbiners Dr. Moritz David vom 21. März 1947 beginnen, gerichtet an Siegbert Vollmann, den damaligen Vorsitzenden der kleinen jüdischen Gemeinde Bochum, der gewissermaßen die Ausführungen von Frau Dr. Wölk und Herrn Dr. Keller aufgreift. Dr. David schreibt:

"Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Dortmund mit Angabe Ihrer Adresse und der Mitteilung, daß die Bochumer Gemeinde noch 50 Seelen zählt, und heute schickt mir Herr Baer aus Paris den von Ihnen erhaltenen Brief, von dem ich mit besonders teilnehmendem Interesse Kenntnis nahm. Da selbst in der tragischen Geschichte unseres Stammes so Entsetzliches nicht geschehen ist wie in unseren Tagen, können keine Worte zum Ausdruck bringen, was man fühlt beim Gedenken der Menschen, mit denen man Jahrzehnte hindurch verbunden war, und die gleichfalls Opfer eines durch Hitler zu Bestien gewordenen Volkes geworden sind. Um so mehr freut man sich, wenn man hie und da hört, daß manche doch noch, wenn auch mit Wunden aller Art überlebt haben, und so spreche ich Ihnen, l. Herr Vollmann sowie allen anderen Mitgliedern der Gemeinde Bochum meinen Glückwunsch in dem Sinne aus, daß mit Gottes Hilfe eine bessere Gegenwart und Zukunft Sie soweit möglich entschädigen möge für Alles, was das Schicksal ihnen auferlegt hatte."

In Bochum gab es also wieder eine jüdische Gemeinde. Sie war bereits im Dezember 1945 als "Jüdische Religionsgemeinde Bochum" gegründet worden, hatte Siegbert Vollmann, der im August 1945 krank aus dem Juden-Internierungslager in Berlin zurückgekehrt war, zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt. Und Vollmann zieht in einem Brief von 1947 einen Vergleich zwischen dem Zustand der Stadt Bochum und der Situation in seiner Gemeinde: "Sie würden große Augen machen", schreibt er an die Familie Sternberg in den Haag, "wenn Sie Bochum heute sehen würden. Genau so kümmerlich sieht unsere Gemeinde aus; es sind ja nur wenige zurückgekommen, ... , im grossen ganzen sind es hauptsächlich Mischehen und grösstenteils Leute, die Sie früher nicht gekannt haben."

Lt. den überlieferten Erhebungsbögen für die Mitgliedskarten der jüdischen Religionsgemeinde Bochum hatten sich 1947 55 Menschen zur Gemeinde angemeldet, sie hatten überlebt, "wenn auch mit Wunden aller Art", wie Dr. David vermutet. Was waren das für Menschen, und welcher Art waren die Wunden, die man ihnen zugefügt hatte? Darum soll es in den nächsten Minuten gehen. Grundlage meiner Ausführungen sind die komplett erhaltenen Erhebungsbögen aus den Jahren 1945/47, die sich im Nachlass Vollmann befinden. Auf diesen Erhebungsbögen gibt es eine Rubrik: Angaben über besonders Erlebnisse im 3. Reich, in denen die Antragsteller mit unterschiedlicher Ausführlichkeit über ihr und das Schicksal ihrer Familien Auskunft geben.

Schauen wir uns zunächst die Gruppe der in sogenannten Mischehen lebenden Jüdinnen und Juden an, die nach Vollmann den Kern der Gemeinde bildeten. Das waren 1947 insgesamt 29 der 55 Mitglieder: 17 jüdische Frauen waren mit christlichen Männern verheiratet; acht jüdische Männer mit christlichen Frauen. Vier Sonderfälle gab es: Die 1905 in Bochum-Gerthe geborene christliche Bertha Braunstein geb. Rino war bei der Eheschließung zum Judentum übergetreten, ihre beiden Kinder waren jüdisch. Sie war mit dem aus Polen stammenden sogenannten Ostjuden Abraham Braunstein verheiratet, im Oktober 1938 in Herne ausgewiesen worden, lebte zunächst an der deutsch-polnischen Grenze im Lager Zbaszyn, nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1.9.1939 im Ghetto Dombrowa, überlebte und kam nach Bochum zurück. Über das Schicksal ihres Mannes wissen wir nichts.

Die 1897 in Dortmund geborene Grete Molitor war Christin, mit dem Juden Leo Rosenberg verheiratet. Sie arbeitete als Propagandistin bei der Firma Henkel in Düsseldorf, wurde dort nach der Pogromnacht 1938 fristlos entlassen, weil ihr Mann Jude war. Man legte ihr nahe, sich scheiden zu lassen, dann könne sie ihre alte Stelle wieder antreten. Um ihren nach einem Schlaganfall linksseitig gelähmten Mann weiter unterstützen zu können, ließ sie sich im Einvernehmen mit ihm 1939 zum Schein scheiden. Was sie offensichtlich nicht wusste: Ihr Mann verlor durch die Scheidung den Schutz, den Juden vorläufig noch genossen, wenn sie in einer "Mischehe" lebten. 1942 wurde Leo Rosenberg nach Theresienstadt deportiert, er starb dort am 3. Dezember 1943. 1946 trat Frau Molitor in die Gemeinde ein.

Die 1905 geborene Hedwig Straus war Christin, mit dem Juden Hermann Straus verheiratet. 1936 verlor sie ihr Geschäft. Ihr Mann floh 1938 aus Deutschland ins benachbarte Ausland, Hedwig Straus folgte ihm 1939 mit ihrer Tochter. 1940 wurde Hermann Straus verschleppt, man hat nie mehr etwas von ihm gehört. Hedwig Straus wurde 1943 von der Gestapo verhaftet und nach neuntätiger Haft nach Deutschland abgeschoben, dort wurde sie inhaftiert. Ihre 1925 geborene getaufte Tochter Gisela wurde 1944 verhaftet und in ein Lager gebracht, aus dem sie erst durch den Einmarsch der Alliierten befreit wurde.

Die evangelische Ida Meyer war mit dem Juden David Meyer verheiratet. Dieser kam 1944 nach Buchenwald, gilt als verschollen. Ida Meyer trat 1946 in die jüdische Gemeinde ein.

Von den 25 "normalen Fällen" lebten 18 gemäß den Nürnberger Gesetzen von 1935 in sogenannten "privilegierten Mischehen", d.h. sie lebten ihre Religion nicht, ihre Kinder waren getauft. Sieben lebten in nichtprivilegierten Mischehen, d.h. sie nahmen nach wie vor am jüdischen Leben in Bochum teil, ihre Kinder wurden jüdisch erzogen. Nach 1935, mit Nachdruck ab 1942, wurde auf die christlichen Partner dieser Menschen immer wieder erheblicher Druck ausgeübt, sie sollten sich von ihren jüdischen Partnern scheiden lassen. Diese verloren dann den Schutz, den die Ehe mit Christen noch bot, man konnte sie auf die Deportationslisten setzen. Dieser Schutz wurde im September 1944 aufgehoben: Von den 25 in solchen Mischehen lebenden Personen wurden Ende September 1944 zehn Frauen und sechs Männer in Arbeitslager deportiert: Die Frauen kamen in der Regel nach Kassel-Bettenhausen, die Männer zunächst nach Mitteldeutschland, dann teils nach Theresienstadt, teils in ein Judeninternierungslager nach Berlin.

Drei Frauen und zwei Männer entgingen im September 1944 der Verhaftung dadurch, dass sie Bochum verließen und untertauchten. Drei Frauen verloren den Schutz, den sie zunächst in Mischehen hatten dadurch, dass die Männer starben:

Die 1868 geborene Henny Ermeler geb. Elkan kam im Juli 1942 nach Theresienstadt, überlebte und kam 1945 nach Bochum zurück, wo ihre getaufte Tochter lebte.

Esther Möller kam mit ihren jüdischen Söhnen Willy und Horst im Januar 1942 nach Riga, von dort in das Konzentrationlager Kaiserwald, später ins Lager Stutthof und ins Lager Stein. Dort wurde sie im Januar 1945 durch die Rote Armee befreit. Nach Aufenthalten in Lodz, Bialystok, Warschau und Berlin kam sie schließlich mit ihren Kindern im September 1945 wieder nach Bochum.

Die 1889 geborene Rebeka Ehrlich geb. Eisemann, deren christlicher Ehemann Wilhelm 1933 verstorben war, sollte eigentlich nach Theresienstadt deportiert werden, wurde durch die schwere Verwundung ihres Sohnes als Soldat aber zweimal zurückgestellt, um den Sohn zu pflegen. Im September 1944 kam sie schließlich in ein Judeninternierungslager nach Berlin.

Philipp Goldscheider hatte sich bereits 1931 von seiner christlichen Ehefrau scheiden lassen. Nach 1936 arbeitete er in Belgien und Luxemburg. Dort wurde er nach dem Einmarsch der Deutschen interniert, konnte jedoch nach Belgien fliehen. Er tauchte unter und überlebte. Nach der Befreiung Belgiens wurde er dort als Deutscher verhaftet und interniert, schließlich im April 1946 nach Deutschland abgeschoben.

Diese Gruppe hatte zwar überlebt, sie und ihre Ehepartner hatten aber mannigfaltige Schmähungen und Verfolgungen nach 1933 erfahren. Emmy Vollmann, die christliche Ehefrau von Siegbert Vollmann, hat in der Nachkriegszeit einen ausführlichen Bericht über ihre Erfahrungen geschrieben. Um der Forderung nach Scheidung von ihrem Ehemann Nachdruck zu verleihen, wurden die Maßnahmen gegen sie und ihren Mann immer schärfer: Der Entlassung bei Kortum 1935 folgte die zwangsweise Auflösung seines danach gegründeten kleinen Fabrikationsbetriebes zum 1. Januar 1939. Zuvor hatte man ihnen schon nach der Pogromnacht fristlos ihre Wohnung gekündigt, 1939 mussten sie ins Judenhaus in der Horst-Wesselstraße 56 und im Mai 1942 Rottstraße 9 ziehen. 1941 wurde ihre Wohnungstür mit dem Judenstern "geziert". Sie durfte mit reduzierten Lebensmittelkarten nur zu bestimmten Zeiten in bestimmten Geschäften einkaufen, sie erlebte Schmähungen verschiedenster Art, wenn sie sich mit ihrem Mann auf der Straße blicken ließ. Diese Erfahrungen machten alle nichtjüdischen Ehepartner, und sie hielten den Belastungen, die dies für ihre Ehe bedeutete, stand.

Die jüdischen Partner dieser Ehen hatten vor 1933 zumeist am Rande der jüdischen Gemeinde gelebt oder überhaupt keinen Kontakt mit ihr gehabt, jetzt bildeten sie den Kern der neuen Gemeinde. Hinzu kamen sieben Kinder der nach der Nazi-Definition in nichtprivilegierten Mischehen lebenden Eltern, die zumeist das Schicksal der Eltern geteilt hatten:

Alfred Braunstein war mit seiner Mutter 1938 nach Polen ausgewiesen worden, hatte verschiedene Ghettos und Lager überlebt. Johanna Menzels Sohn Karl-Heinz war 1939 mit einem Kindertransport nach Holland gekommen, Tochter Margot war im September 1944 mit der Mutter ins Lager nach Kassel-Bettenhausen gekommen. Die zweite Tochter, verheiratet mit einem jüdischen Mann, wurde mit ihrem Mann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Willy und Horst Möller hatten mit ihrer Mutter Esther Riga, Kaiserwald und Stutthof überlebt. In diese Gruppe gehören noch der 1923 geborene Günter Preger und der 1922 geborene Bernhard Brechner. Günter Preger war mit seiner Mutter und seiner Schwester 1942 nach Riga deportiert worden, die Mutter und die Schwester wurden ermordet, der Junge kam zurück. Bernhard Brechners Familie gehörte zu der Gruppe der sogenannten Ostjuden in Bochum, die Familie war bereits 1933 ausgewiesen worden. Die Eltern wurden in Auschwitz ermordet, Bernhard überlebte in verschiedenen Lagern.

Eine besondere Gruppe in der jungen Gemeinde bildeten die zehn vormals aktiven Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde, die die Verfolgung und Deportation überlebt hatten:

Alfred Salomon, dessen Eltern nach Riga deportiert und dort ermordet worden waren, hatte Auschwitz überlebt und kam zurück. Ida und Hugo Meyer, deren Tochter ermordet worden war, kamen aus Theresienstadt zurück. Rosalie Samuel war mit ihrem Mann Leopold 1942 nach Theresienstadt deportiert worden, der Mann starb dort, sie war im Februar 1945 von Theresienstadt aus in einer Tauschaktion in die Schweiz gekommen, kam nach dem Krieg ebenfalls nach Bochum zurück.

Marianne Schwarz, deren Mutter in Theresienstadt gestorben war, deren Schwester mit Familie deportiert und ermordet worden war, überlebte den Transport nach Riga, die anschließenden Aufent halte in den Lagern Kaiserwald und Thorn, schloss sich 1946 zunächst der Gemeinde an. Zurück kamen auch Max Unger, Lina Waismann und deren Tochter Esther. Alle waren im Oktober 1938 in der sogenannten Polenaktion aus Deutschland ausgewiesen worden und hatten sich zunächst in einem Lager an der deutsch-polnischen Grenze aufgehalten. Nach Kriegsausbruch waren sie in verschiedenen Ghettos und Lager gebrachten worden, hatten überlebt. Max Schmerler war 1939 nach Holland geflohen, dort aufgegriffen und nach Auschwitz gebracht worden. Von dort aus war er als Sklavenarbeiter in verschiedene Arbeitslager verschleppt worden. Else Adler entging der Verhaftung durch die Gestapo im März 1942 durch die Flucht nach Frankreich, wo sie nach kurzfristiger Inhaftierung untertauchte und im Untergrund überlebte.

Ein besonderer Fall ist die Bochumer Familie Rosenstein/Wegerhoff. Die 1927 geborene Frieda Rosenstein hatte Theresienstadt überlebt und kam zurück. Ihre Mutter Sara war zusammen mit ihren Kindern Salli-Hermann und Karin Wegerhoff Ende März 1945 von der Gestapo im KZ-Lager Henrichshütte erschossen worden. Ein Onkel wurde in Auschwitz ermordet. Zwei Kinder der ermordeten Karin Wegerhoff, der 1933 geborene August und die 1936 geborene Margit traten 1946 in die Gemeinde ein. Zwei Kinder des in Auschwitz ermordeten Onkels, der 1936 geborene Josef und die 1939 geborene Gisela, gehörten nach 1945 ebenfalls zur Gemeinde.

Mitglied der alten Gemeinde war auch die ursprünglich evangelische Marie Levisohn, die bei ihrer Heirat 1927 zum Judentum übergetreten, nach dem Tod ihres Mannes 1938 aber wieder ausgetreten war, um ihr Geschäft behalten zu können. Die Zwangssituation akzeptierte man 1946 und nahm Frau Levisohn wieder in die Gemeinde auf.

Hatten die bisher genannten Mitglieder der neuen jüdischen Gemeinde alle einen Bezug zu Bochum, so traf das auf die letzten von mir erfassten Sieben Personen nicht zu: Moses Goldfeld, Klara Kaufmann, Moritz Ryszke und seine Tochter Mira Mary sowie Simon Singer kamen aus Polen. Als sogenannte Displaced Persons konnten und wollten sie nach dem Krieg nicht mehr in ihre alten Wohnorte. Traumatische Erfahrungen und neue Verfolgungen ließen sie in den Westen fliehen, und so landeten sie in Bochum. Moritz Ryszke z.B. war mit seiner am 17. September 1923 in Zoppot geborenen Tochter Mira-Mary der einzige Überlebende einer 17-köpfigen Familie. Er selbst lebte mit Frau und Kindern bei Kriegsausbruch in Danzig, musste dann seine Fünfzimmerwohnung mit Geschäft und Speicher aufgeben. Alle kamen in ein Ghetto nach Polen. Im Mai 1942 wurde Moritz Ryczke mit seinen Kindern in das Lager Majdanek verschleppt. Seine Frau, seine Eltern, seine Geschwister und deren Ehepartner und Kinder wurden am 31. Oktober 1942 nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Moritz Ryszke kam mit seiner Tochter von Majdanek in die Lager Auschwitz, Sachsenhausen, Dachau, Natzweiler, Mauthausen Flossenbürg und Bergen-Belsen. Hier wurden sie im April 1945 befreit.

Die 1931 geborene Ingrid Jonas zog aus Dortmund zu, ihre Mutter war in Auschwitz ermordet worden. Eva Schwarz kam aus Pinna nach Bochum, ihr Vater war in Theresienstadt gestorben.

Das waren sie also, die Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde Bochum, sie waren versehen "mit Wunden aller Art", wie Dr. David das genannt hatte. Sie, die einst mehr am Rande der Gemeinde gelebt hatten, bildeten nun deren Kern. Und es waren nicht immer nur die religiösen Überzeugungen, die sie zu Mitgliedern der Gemeinde werden ließen. Die erzwungene Rückführung auf die jüdische Identität - allein dadurch, dass man durch das Regelwerk der Nürnberger Rassengesetze unweigerlich mit ihr konfrontiert worden war - und die Erfahrungen der Zwangs- und Schicksalsgemeinschaft während der NS-Zeit wurden zu wichtigen Bestandteilen ihrer Nachkriegsidentität. Hinzu kam noch das Bewusstsein, die Shoah überlebt zu haben und in einer persönlichen Verantwortung gegenüber den Überlebenden und Toten zu stehen, wie es Karl- Heinz Menzel, Gründungsmitglied der Gemeinde, in einem Gespräch formulierte:

"Ich bin nie ein frommer Jude gewesen und wäre wohl nie in die Synygoge gegangen, nachdem ich es nicht mehr brauchte nach der Schulzeit, wenn nicht das Dritte Reich gekommen wäre. Und heute habe ich das Bedürfnis zu gehen, auch wenn es allein ist, um das Totengebet für meine Angehörigen und andere zu sprechen. Um die Möglichkeit zu geben, dass andere das auch können, gehe ich zur Synagoge. Damit wir genug Männer sind, um das Kaddisch zu sprechen, und dazu muss man zehn Männer haben. Ich fühle das als innerliche Verpflichtung. Ich kann kein Hebräisch lesen, gebe mir auch gar keine Mühe, es zu können. Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Vielleicht kann man das kaum erklären. Meine Schwester ist in Auschwitz geblieben, mein Großvater in Treblinka. Ich habe elf Angehörige verloren."

Das galt auch für den Vorsitzenden Siegbert Vollmann. Wie er selbst in einem Brief bekannte, beschäftige er sich jetzt immer mehr "mit Dingen, denen ich früher ziemlich fern gestanden habe". Sein Kontakt zur alten Gemeinde war vor 1933 nicht sehr eng gewesen, Vollmann war kein tief religiöser Mensch. Warum also dieser Wandel? Siegbert Vollmann, - so erklärte der kürzlich verstorbene Sohn Gert, der in Holland überlebt hatte, die Entwicklung des Vaters - war nach 1933 in eine jüdische Identität gezwungen worden und hatte als Jude leiden müssen. Und er wollte nach seiner Befreiung nun bewusst als Jude leben, seine noch vorhandene Kraft in den Dienst der überlebenden Juden stellen. Und dieser "Dienst" entwickelte sich zu einer umfassenden Tätigkeit, die Vollmann in einem Brief so beschreibt: "Zunächst macht mir die Gemeindearbeit sehr viel zu schaffen, da ich ja auch Wiedergutmachungssachen der Gemeinde und für die deportierten Juden bearbeite. ... Dann bekomme ich viele Anfragen vom Ausland, die beantwortet werden müssen. Verhandlungen am Nachlassgericht über Nachlasspflegschaften, Todeserklärungen, Verhandlungen mit der Wiedergutmachungsstelle in Bochum im Interesse unserer Leute etc.etc.".

Nachdem die in New York erscheinende deutsch-jüdische Zeitung "Aufbau" 1945 die Meldung von der Wahl Vollmanns zum Vorsitzenden der Bochumer Gemeinde verbreitet hatte, wurde dieser zum Mittler zwischen den überlebenden Bochumer Juden, die es in alle Kontinente verschlagen hatte. Ein von ihm initiiertes Gemeindeblatt informierte die früheren Gemeindemitglieder über die Geschehnisse in Deutschland und in Bochum.

Vollmann setzte seine ganze Kraft dafür ein, die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der kleinen und armen Gemeinde zu befriedigen. Dabei galt es zunächst, die teilweise zerstörten Friedhöfe und die Leichenhalle wieder herzurichten. Die vielen Anfragen der Emigranten nach dem Zustand der Gräber ihrer Vorfahren konnte er bald positiv beantworten, von den meisten Gräbern machte er Aufnahmen und schickte sie den Angehörigen. Im September 1947 konnte Vollmann sogar vermelden, dass in Bochum nach fünf Jahren erstmals wieder ein jüdischer Gottesdienst stattgefunden hatte. Nach über einjähriger mühevoller Arbeit war es gelungen, in der Brückstraße 33b einen Gebetssaal einzurichten. Dennoch blieb die Gestaltung des religiösen Lebens schwierig: Es fehlten kompetente Vorbeter, und immer häufiger an genügend Männern, um die für einen Gottesdienst notwendige Mindestzahl Zehn zu erreichen. So kam es, dass es üblich wurde, jeweils in den umliegenden Gemeinden nur eine religiöse Feier durchzuführen: in Herne, Recklinghausen, Dortmund, Gelsenkirchen oder Bochum. Gelegentliche Versuche, einen Vorbeter aus dem DP-Camp Bergen-Belsen nach Bochum zu holen, scheiterten an den hohen finanziellen Forderungen derselben. Als in der überalterten Gemeinde doch einmal ein Junge geboren wurde, konnte die Beschneidung nicht vorgenommen werden, weil der Mohel fehlte, und der in Bergen-Belsen vorhandene Fachmann verlangte DM 1000 plus Fahrgeld, was Vollmann mit großer Verbitterung registrierte. Siegbert Vollmann berichtete aber auch, dass bereits ab 1946 religiöse Feste feierlich in der Gemeinde begangen wurden: Rosch Haschanah, Channuka, Purim, Pessach. Auch hier schlossen sich die Gemeinden immer öfter zu gemeinsamen Veranstaltungen zusammen. Und in dem ihm eigenen Humor berichtete er von der Feier zum Sederabend des Jahres 1950 bei der Gemeinde in Recklinghausen:

"Es war sehr schön. Ich muss immer wieder sagen, die jüdische Religion ist die beste Religion, es gab zum Abendbrot zwischen den beiden Sederabschnitten, eine wundervolle Suppe mit Mazzeklößchen, dann eine herrliche Zunge, dick geschnitten, mit Sauce Meerretich, grünen Salat und potatos, hintendrauf Mazzeplätzchen mit Weintunke. Nun frage ich Sie, welche Religion bietet so etwas?"

Die Probleme der Gemeinde wurden immer größer, in den folgenden Jahren wurde sie immer kleiner: Einige der alten Menschen starben, andere verließen Bochum, emigrierten, besonders viele der Überlebenden aus den Lagern, die die Rückkehr nach Bochum nur als Zwischenaufenthalt benutzt hatten, um danach zu ihren Angehörigen ins Ausland überzusiedeln. 1952 hatte die Gemeinde noch 32 Mitglieder einschl. Kinder. Der Zwang zur Zusammenarbeit der einzelnen kleinen jüdischen Gemeinden führte schließlich zum Zusammenschluss der drei Gemeinden Bochum-Herne- Recklinghausen. Zentrum wurde Recklinghausen: Hier war das alte Gemeindehaus an die jüdische Gemeinde zurückgegeben worden. Es wurde in der Folge wieder in Ordnung gebracht und eine Synagoge eingebaut. Die Bemühungen Vollmanns, auch in Bochum als Ersatz für den früheren Immobilienbesitz der Gemeinde entsprechende Renditeobjekte zu erhalten, scheiterten. Vollmann, der trotz aller Zweifel, was die allgemeine politische Entwicklung in Deutschland betraf, Anfang der 50er Jahre an jüdisches Leben in Bochum glaubte, wollte der neu gegründeten Gemeinde wieder eine solide finanzielle Basis verschaffen. Er widersprach damit den Vorstellungen der Jewish Trust Corporation, die nach der Shoah jüdisches Leben in Deutschland für undenkbar hielt und die an einer finanziellen Entschädigung zugunsten des Aufbaus des Staates Israel interessiert war. Diese Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland noch möglich sei, belastete alle nach 1945 gegründeten jüdischen Gemeinden, löste eine große Kontroverse aus, die international ausgetragen wurde. Mit der vollständigen Enthüllung der nationalsozialistischen Verbrechen herrschte in der jüdischen Öffentlichkeit die Erwartung, dass Deutschland ein gebanntes Land sein werde, in dem kein Jude mehr leben sollte. Auch die jüdischen Hilfsorganisationen, die nach dem Mai 1945 ihre Arbeit in Deutschland aufnahmen, gingen davon aus, dass die neugegründeten jüdischen Gemeinschaften nicht mehr als ein temporärer Übergang seien, der nur solange Bestand haben würde, bis die physisch Versehrten wiederhergestellt, eine Auswanderungsmöglichkeit gefunden und die rechtlichen Fragen der Entschädigung oder Wiedergutmachung abgewickelt sein würden. Mit der Gründung des Staates Israel verstärkte sich dieser moralische und politische Druck noch. Dieser spiegelt sich auch in Briefen wider, die Siegbert Vollmann von früheren Bochumern erhielt, die überlebt hatten und nicht nach Deutschland zurückgekehrt waren. So schrieb ihm Bertha Pander, die früher mit ihrem Mann Max Pander an der Bongardstraße ein Schmuckgeschäft besessen hatte, die mit Mann und Tochter nach Theresienstadt deportiert und deren Mann und Schwiegersohn schließlich in Auschwitz ermordet worden waren, am 22. Januar 1949 an Vollmann:

"Wenn ich auch keine Beschädigtenrente hier bekomme, bin ich froh hier in USA zu sein. Ich wäre nie nach Bochum zurückgegangen, wenn man mir auch Gutes versprochen hätte. Mit einem Volk, das mir und meiner ganzen Familie so viel Leid angetan hat, will ich nichts gemeinsam haben". Und skeptisch fügt sie hinzu: "Ist in Bochum auch wieder so viel Antisemitismus?"

Und Billa Speier, die Mitte der dreißiger Jahre nach Palästina ausgewandert, deren Bruder Hermann Simons mit Frau Sophie und Tochter Ellen 1942 von Bochum aus nach Zamosz deportiert und ermordet worden war, schrieb am 8. Mai 1950 an Vollmann: "Leider kann ich Ihnen keinen Antwortschein beilegen, weil wir dies in unserem jungen Staat noch nicht haben. Aber auch die Zeit dazu wird kommen. Wir haben schon so vieles erreicht, wie Sie aus Berichten und Zeitungen erfahren. Mit tut es leid um jeden Juden, der noch in Deutschland lebt und den Weg nach hier nicht findet. Lieber hier trockenes Brot als dort im Allerbesten schwelgen." Siegbert Vollmann blieb bei seiner Position bis zu seinem Tod im Juli 1954. Im Jahre 1955 kam es bei der Frage der Entschädigung für den früheren jüdischen Gemeindebesitz zu einem Abkommen zwischen der Stadt Bochum und der Jewish Trust Corporation.