Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

Ansprache 9. November 2005

Während der Veranstaltung am 9. November 2005 zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938 hielt Prof. Dr. Jähnichen von der Ruhr Universität die Hauptrede. Wir drucken sie nachfolgend ab.


Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrter Herr Rabinovich, meine Damen und Herren,

      das Jahr 1938, speziell der 9. November 1938, markiert im Schicksal der deutschen Juden einen „historischen Wendepunkt“. Mit diesen Worten hat die Reichsvertretung der Juden in Deutschland zu Beginn des Jahres 1939 die Ereignisse des vorangegangenen Jahres kommentiert. Die antisemitische Hetze und Politik des NS-Staates radikalisierte sich und nahm offen gewalttätige und terroristische Formen an. Nach der Ausgrenzung und Entrechtung folgte nun der Schritt zur Ausstoßung, Verfolgung und Ermordung. All dies konzentrierte sich wie in einem Brennglas in den dramatischen Geschehnissen der Nacht vom 9. auf den 10. November. In dieser Nacht wurden in Deutschland 36 jüdische Mitbürger getötet, ebenso viele schwer verletzt, an den folgenden Tagen kamen mehr als 20.000 in Konzentrationslager, darunter mehr als 100 Bochumer. Wenige von ihnen kamen wieder frei und konnten noch kurz vor der Entfesselung des Krieges Deutschland verlassen. Die meisten wurden während des Krieges deportiert, nur einzelne, wie der heute hier anwesende Alfred Salomon haben die Vernichtungslager überlebt und sind sogar nach Bochum zurückgekehrt.

       Darüber hinaus wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November eine Unzahl von Wohnungen und Geschäften zerstört – und fast alle Synagogen in Deutschland. Im Ruhrgebiet blieb keine Synagoge ohne Zerstörungen, alle 30 Synagogen von A wie Ahlen, der ältesten in unserer Region aus dem Jahr 1757, über B wie Bochum, D. wie Dortmund, M. wie Mülheim bis W wie Witten wurden nachhaltig zerstört, die meisten verbrannt, viele demoliert, bis auf wenige Ausnahmen fast alle noch vor Ausbruch des Krieges abgerissen.

       Gerade die Synagogen waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge, die öffentlich sichtbare Präsenz von jüdischen Menschen, von ihrem religiös begründeten Selbstverständnis und von der Praktizierung ihres Glaubens in den Städten unserer Region, dies wollten die Nationalsozialisten auslöschen. Daraus hat die NS-gleichgeschaltete Presse kein Hehl gemacht, auch nicht nach dem 9. November. So haben die „Herner Nachrichten“ vom 11.11.1938 es vielleicht am drastischsten in unserer Region zum Ausdruck gebracht: Die niedergebrannte Synagoge bezeichnete man als „überflüssig“ und hielt sie für einen Schandfleck im Stadtbild. Nur wenige haben es damals geahnt oder sogar ausgesprochen, dass dort, wo die Synagogen gebrannt haben, bald auch die Kirchen und ganze Städte brennen sollten.

       Die NS-Propaganda und –presse hat die Zerstörungen des 9. November gefeiert und bejubelt. Damit hat man die mühsam erkämpfte Emanzipation des Juden seit der Zeit des 19. Jahrhunderts rückgängig machen wollen. Die christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft hat sich in Europa und in Deutschland lange schwer damit getan, jüdisches Leben zu tolerieren und vor allem zu akzeptieren, vor allem in der öffentlich sichtbaren Weise, wie dies durch den Bau eine Synagoge zum Ausdruck kommt.

       Synagogen waren und sind die Mittelpunkte jüdischen Gemeindelebens. Sie dienen als Orte der Zusammenkunft, so die Grundbedeutung des aus dem Griechischen stammenden Wortes „Synagoge“: zusammenkommen, sich versammeln. Ungefähr seit 2200 Jahren existieren Synagogen als Gebäude und als Orte, an denen sich jüdische Menschen versammeln, zum Gebet und zum Lob Gottes sowie um die heilige Schrift zu lesen, sie zu interpretieren und auszulegen. Seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 wurden die Synagogen zum zentralen Ort des öffentlich sichtbaren jüdischen Lebens. Auch wenn sie den Verlust des Tempels und des Tempelkultes nicht ersetzen konnten, wurden sie die zentralen Stätten jüdischen Gottesdienstes und jüdischen Lebens. Wann und wo immer es jüdischen Mitbürgern möglich war, mieteten sie Räume, nutzten diese als Betsäle, oder, wenn es den Gemeinden möglich war, bauten eigene Synagogen. Dies wurde den jüdischen Gemeinden sehr häufig schwer gemacht: lange Zeit durften und sollten Synagogen nicht nach außen hin im Stadtbild sichtbar werden. In aller Regel waren es zunächst Beträume in Privathäusern, die eingerichtet werden konnten, später eigene, allerdings versteckt liegende Gebäude, die kaum oder gar nicht als religiöse Stätten auffallen durften. So auch die erste Synagoge in Bochum, in zweiter Reihe hinter einem Haus in der Schützenbahn stehend, von Kortum in seiner Darstellung als ein Giebelhaus mit spitzbogigen Fenstern gezeichnet. Erst im Zuge der Emanzipation und Gleichberechtigung der Juden konnten nach außen sichtbare Synagogen mit deutlich von der Umgebung abweichenden Stilelementen gebaut werden, so auch die Bochumer Synagoge von 1863 an der damaligen Wilhelmstraße. Dieser nach und nach erweiterte Bau konnte schließlich rund 500 Menschen fassen und war das deutliche Zeichen eines selbstbewussten jüdischen Lebens in unserer Stadt.

       Der 9. November ist der Versuch, der gottlob nicht gelungene Versuch einer Auslöschung dieser Tradition. Es ist auffällig, dass die Nationalsozialisten überall, wo sie in Europa wüteten, die Synagogen zerstörten und dabei bewusst die Räume zu entweihen versuchten, die heilige Schrift verbrannten oder andere Symbole bewusst und mutwillig schändeten. Der jüdische Historiker Gunnar Heinsohn sieht einen wesentlichen, für ihn den entscheidenden Grund für diese Aktionen und letztlich auch für die Ermordung der Juden darin, dass Hitler und die Nationalsozialisten im jüdischen Denken den prinzipiellen Gegenentwurf zu den eigenen Zielen gesehen haben. Der Nationalsozialismus betrieb die Außerkraftsetzung der Heiligkeit des Lebens, welche die jüdische Ethik in grundsätzlicher Weise vertritt. Hitler hat immer wieder die Aufhe- bung des Gewissens, welches er fälschlich für eine „jüdische Erfindung“ hielt, und die Abschaffung des fünften Gebots als Ziele genannt, um seinem schrankenlosen und brutalen Herrendenken den Weg zu bereiten. Demgegenüber bedeuten die gleiche Würde aller Menschen und der Schutz des menschlichen Lebens die Grundpfeiler jüdischer, christlicher und humanistischer Ethik.

       Was sich am 9. November 1938 ereignete und was hier auf dem Spiel gestanden hat, haben vielleicht einige Deutsche geahnt, nur wenige jedoch in seinen Ausmaßen ermessen, geschweige denn, dass sie sich dem entgegen gestellt haben. In unserer Region gibt es leider kein Beispiel des beherzten Widerspruchs, wie er aus Ostpreußen durch den dortigen Landrat Richard Bredow berichtet wird. Dieser zog sich, als er über die Gauleitung von den geplanten Aktionen erfuhr, seine Wehrmachtsuniform an und sagte seiner Frau: Ich fahre nach Schierwindt zur Synagoge und will als Christ und als Deutscher eines der größten Verbrechen in meinem Amtsbereich verhindern.“ Leider ist diese Tat eine fast singuläre Ausnahme, und dies bleibt bis heute für Christen und für Deutsche beschämend.

       Meine Damen und Herren, der 9. November lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber wir können und wir müssen daraus Konsequenzen für die Zukunft ziehen. Eine grundlegende Konsequenz hat der kürzlich verstorbene jüdische Religionsphilosoph Emil Fackenheim, im übrigen Ehrendoktor der Evangelisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität, gezogen. Er formulierte als Antwort auf die NS-Zeit das Gebot, dass Juden als Juden überleben müssen, damit das jüdische Volk und die jüdische Tradition nicht untergehe. Dies ist die heutige Form des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, damit Hitler nicht siegt, damit er nicht doch noch mit seinen Zielsetzungen durchkommt.

       Wenn die jüdische Gemeinde am kommenden Montag den Grundstein für eine neue Synagoge in Bochum legen wird, ist dies ein wesentlicher Schritt dahin, dem jüdischen Leben, speziell dem religiösen jüdischen Leben hier ein Zentrum und einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Wir beglückwünschen die jüdische Gemeinde, dass es ihr mit diesem Schritt gelingt, gegen die Nacht vom 9. November 1938 ein deutliches Zeichen zu setzen. Gerade auf diese Weise wird dem von Emil Fackenheim postulierten Gebot, dass jüdisches Leben sichtbar und präsent bleibt, entsprochen, auch in Bochum. Als nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft in dieser Stadt wollen wir das Unsere zur Unterstützung des Baus der Synagoge tun und deutlich zum Ausdruck, dass wir uns über diesen Neubeginn öffentlichen jüdischen Lebens freuen. Wir wünschen der jüdischen Gemeinde zu diesem Werk Gottes Segen, Shalom.