Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

Zur Erinnerung an Karl-Heinz Menzel

Nach langer schwerer Krankheit ist am 4. Juli 2006 Karl- Heinz Menzel in Bochum gestorben. Mit ihm haben wir nicht nur eines der letzten in Bochum lebenden Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde verloren, sondern eine Persönlichkeit, die jüdisches Leben in Bochum nach 1945 entscheidend geprägt hat. Am 23. September 1922 in Bochum geboren, konnte er 1939 mit einem Kindertransport nach Holland fliehen, er überlebte dort und kam nach Bochum zurück. Die Schwester Ruth wurde mit ihrem Mann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, die Mutter Johanna war mit der zweiten Schwester Margot im September 1944 nach Kassel- Bettenhausen deportiert worden, beide überlebten und kehrten nach Bochum zurück.

Diese Erfahrungen waren es, aus denen Karl-Heinz Menzel sein Engagement für die neue jüdische Gemeinde ableitete. In einem Gespräch sagte er: "Ich bin nie ein frommer Jude gewesen und wäre wohl nie in die Synagoge gegangen, nachdem ich es nicht mehr brauchte nach der Schulzeit, wenn nicht das Dritte Reich gekommen wäre. Und heute habe ich das Bedürfnis zu gehen, auch wenn es allein ist, um das Totengebet für meine Angehörigen und andere zu sprechen. Um die Möglichkeit zu geben, dass andere das auch können, gehe ich zur Synagoge. Damit wir genug Männer sind, um das Kaddisch zu sprechen, und dazu muss man zehn Männer haben. Ich fühle das als innerliche Verpflichtung. Ich kann kein Hebräisch lesen, gebe mir auch gar keine Mühe, es zu können. Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Vielleicht kann man das kaum erklären. Meine Schwester ist in Auschwitz geblieben, mein Großvater in Treblinka. Ich habe elf Angehörige verloren."

Karl-Heinz Menzel wirkte bis zum Ausbruch seiner schweren Krankheit vor einigen Jahren in den unterschiedlichsten Funktionen in der Jüdischen Gemeinde Bochum, dann der Verbundgemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen, gestaltend mit. Auch die Neuorganisation der Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen erlebte er noch, zog sich dann aber immer mehr zurück.

Aber er wirkte nicht nur in der Gemeinde, er war auch eine der wichtigsten Kontaktpersonen zu den Überlebenden der alten Gemeinde, die es in alle Welt verschlagen hatte. Das Ehepaar Menzel hatte immer ein offenes Haus, wenn die ehemaligen Freunde und Bekannten nach Bochum kamen, halfen ihnen, den immer schwierigen Besuch in der alten Heimat zu erleichtern. Die Menzels selbst reisten auch viel und besuchten die alten Bekannten. Schon früh versuchte Karl-Heinz Menzel, Gruppen ehemaliger Bochumer zu einem Besuch in Bochum zu ermuntern. Dass dies nicht gelang, lag sicher nicht an ihm. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Karl Heinz-Menzel zu den frühen Mitgliedern unseres Vereins "Erinnern für die Zukunft" gehörte, dessen vordringliches Ziel es ja zunächst war, den Besuch der ehemaligen Bochumer Juden in Bochum politisch durchzusetzen. Wir alle erinnern uns gerne und oft, mit welcher Begeisterung er sich bei dem dann im September 1995 stattfindenden Besuch von nahezu 60 alten Bekannten und deren Angehörigen engagierte. Die damals erneuerten Kontakte hat er in den folgenden Jahren intensiv gepflegt.

Unserem Verein blieb Karl-Heinz Menzel bis zum Ausbruch seiner Krankheit sehr verbunden. Er fehlte bei keinem Treffen, begleitete unsere Arbeit konstruktiv und kritisch. Wir trauern um Karl-Heinz Menzel, dessen Mitarbeit wir in den letzten Jahren schon vermisst haben. Der endgültige Abschied markiert auch eine Zäsur in unserem Vereinsleben. Wir werden uns seiner immer dankbar erinnern, an sein Engagement, seine Kritikfähigkeit, an sein freundliches Wesen.

(Hubert Schneider)

KHMenzel