Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

Grundsteinlegung der Synagoge für die jüdische Gemeinde Bochum – Herne – Hattingen am 14. November 2005 in Bochum

Zwischen Planetarium, Hildegardisgymnasium Stadtpark und Castroper Strasse wird die neue Synagoge gebaut.

In einer feierlichen Veranstaltung – begleitet von Chorliedern mit Klavier, Violine und Gesangssoli wurde bei trockenem, aber kaltem Wetter vielen prominenten Gästen und hunderten BürgerInnen unter ihnen viele SchülerInnen des benachbarten Gymnasiums der Grundstein für die neue Synagoge gelegt.

Der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Rabinovich begrüßte neben den RepräsentantInnen der drei Städte, Mitglieder des Landesparlaments und der Landesregierung sowie den Gesandten Israels, Landesrabbiner Dr. Brandt und den Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel.

In seiner Begrüßung hob er hervor, dass die jüdische Gemeinde inzwischen mehr Mitglieder habe als zu ihrer Hochzeit 1930, als sie 1244 zählte, obwohl nach dem Krieg nur noch 5 Mitglieder zurückgekehrt waren; unter ihnen Alfred Salomon, der über 80-jährig an der Grundsteinlegung teilnahm.

Unter Hinweis auf neonazistische Demonstrationen im Jahr zuvor gegen eine neue Synagoge in Bochum berichtete er, dass sich damals viele Mitglieder geschworen hatten, „alles was in unseren Kräften steht, daran zu setzen, eine Synagoge hier zu bauen“.

Die neue Synagoge solle wieder ein Wahrzeichen für die Stadt werden, wie es die alte in der Wilhelmstrasse war. Sie solle Zentrum des jüdischen Lebens und eine Ort für junge Menschen werden sowie allen BürgerInnen offen stehen, eine Brücke zwischen verschiedenen Religionen und Menschen werden und zum Abbau von Vorurteilen beitragen.

Als Vertreterin der jungen Generationen trug Irina Bondas, die als Mädchen vor 6 Jahren aus der Ukraine ohne Deutschkenntnisse hierher gekommen war und inzwischen Deutsch studiert, einen unter die Haut gehenden, sehr eindrucksvollen eigenen Text. Er zeugte von Erfahrungen, die von ihrer Heimat ausgehend über einen Besuch in Dachau sich eindringlich mit jüdisch sein, Ressentiments, Verfolgung, Vernichtung und Erinnerung auseinander setzte.

Bochums Oberbürgermeisterin Dr. Ottilie Scholz erinnerte u.a. an Worte des früheren OB Heinemann 1968 bei der Einweihung einer und die Stadt in Erfüllung dieser Verpflichtung immer wieder Projekte gegen Rassismus und Ausgrenzung unterstütze. Die neue Synagoge solle „ein Zeichen sein für alles, was in der Vergangenheit geschehen ist .und für die Zukunft wappnen“. Dabei erinnerte sie an die „Bochumer Erklärung“ der Repräsentanten der wichtigen gesellschaftlichen Gruppen zum Bau einer neuen Synagoge.

Paul Spiegel erinnerte an die erste Synagoge in Bochum Ende des 16. Jahrhunderts, die so klein und eng war, dass Frauen wie über eine „Hühnerleiter“ zu ihren Plätzen kamen und der Küster durch das Wohnzimmer im Nachbarhaus musste, um zu sehen, ob alle Kerzen aus waren. Über die Erinnerungen an die Schreckenserfahrungen während des Nationalsozialismus und das konsequente Entgegentreten aktueller Anfeindung rechter Gruppen freute er sich, dass es bald in Bochum für die neue große Gemeinde wieder eine Synagoge geben werde.

Zuvor hatte der Leiter der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei in Vertretung von Ministerpräsident Dr. Rüttgers auf die besonders engen Beziehungen NRWs zu Israels hingewiesen und darauf, dass in NRW wieder eine Reihe von Gemeinden entstehen und Synagogen gebaut werden. An ein Zitat anlehnend, dass die Juden in Deutschland auf gepackten Koffern sitzen, freute er sich, dass Menschen, die sich ein Haus bauen, keine Koffer mehr brauchen.

Der Gesandte der israelischen Botschaft wies auf die Synagoge als Versammlungsort hin, dass sich darin auch Freude, Leid, Schmerz und Trauer widerspiegeln. In Erinnerung an die Ermordung von Ministerpräsident Rabin vor 10 Jahren erinnerte er an das Symbol der Steine, die Juden aus der Wüste mitbrachten und auf die Gräber legten. Er äußerte die Hoffnung, dass dieser Grundstein auch in Erinnerung an Rabin zu Verständigung, Aussöhnung und Frieden führen möge.

Der ehemalige Landesrabbiner Dr. Brandt nahm schließlich die Grundsteinlegung vor.

Nach der Grundsteinlegung fand im Planetarium ein Symposium statt, bei dem Herr Dr. Keller, Frau Dr. Wölk und Herr Dr. Schneider Vorträge zu unterschiedlichen Aspekten jüdischen Lebens in Bochum hielten. Inzwischen wurde mit dem Bau der Synagoge begonnen, die Einweihung soll im September 2007 zu Rosch Haschana stattfinden.

(Günter Nierstenhöfer)