Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

Leserbriefe
Auch in diesem Jahr erhielten wir - als Reaktion auf das letzte Mitteilungsblatt - einige Briefe von unseren Lesern. Einige drucken wir in Auszügen ab.

Hermann Brecher
schrieb aus Israel: Jerusalem, den 26.10.05 ...Auch bedanke ich mich fürs Mitteilungsblatt, das wie immer die aufrichtigen und wahrscheinlich auch mutigen Reden des Hubert beinhaltet, mit denen ich mich absolut identifiziere. Wo nimmt man noch viele solche antifaschistischen Freunde her?

Ich habe den Vortrag über Ottilie Schoenewald aufmerksam mit großer Verwunderung gelesen, aber möchte dazu etwas sagen. Es geht um den Verlauf der Ausweisung der polnischen Juden am 28. Oktober 1939. Viele, auch in Israel, wissen davon nichts oder wenig und auch nicht alles und sogar fehlerhaft, so wie das im Referat erzählt wurde.

Ich möchte da, als Miterlebender, jedenfalls in Bochum, auch für die Geschichte erzählen:

Am 27. Oktober, am Abend waren meine Schwester Fanni und Frieda und ich zuhause, in der Jägerstrasse 12, gegenüber dem Westfalenplatz. Es wunderte uns, dass unser Vater nicht zuhause war, denn er war für uns auch die Mutter, die in Bochum 1937 gestorben war. War ihm etwas geschehen? Um 7 Uhr abends kam in unsere Wohnung ein Polizist und fragte nach dem Vater. Wir konnten ihm nicht antworten und verstanden auch nicht den Grund. Er sagte nur, dass unser Vater zum Polizeirevier kommen soll. Um 9 Uhr kam der Polizist wieder, aber unser Vater war noch nicht zuhause, und so sagte er zu mir: "Ob Euer Vater kommt oder nicht, ihr werdet morgen früh nach Polen abgeschoben." Da sah ich die Sache ernst. Ich ging meinen Vater suchen. Erst in einem Cafehaus, wo oft viele Juden waren. Dann kam ich zu der Familie Rosenheck, die auch Ostjuden waren und gute Freunde. Ich fragte sie, ob sie wissen, wo unser Vater ist. Sie antworteten: "Ja, wir polnische Bürger, Juden, müssen Deutschland verlassen, morgen früh." - "Und?" fragte ich. Da sagten sie mir, dass eine Gruppe polnischer Juden und auch mein Vater hinter der Stadt spazieren, um vielleicht doch die Ausweisung zu verhindern. Das war natürlich ein naiver Gedanke. Dann ging ich zu meinem Vater und erzählte ihm, dass der Polizist uns morgen früh abholt, auch wenn der Vater nicht da ist. Der Polizist benahm sich noch 'menschlich', denn er sagte, dass die Polizei am Morgen mit Pferd und Wagen komme um uns abzuholen, und wir sollten packen, was wir mitnehmen können. Mein Vater kam um 1 Uhr nachts nachhause. Wir packten, was möglich war, und dann ging mein Vater zum Polizeirevier. Alle Männer über 15 Jahre kamen ins Polizeirevier. Ich war ein Monat jünger und blieb mit meinen Schwestern zuhause.

Am Morgen, den 28. Oktober 1938, um 7 Uhr kam die Polizei zu uns mit Pferd und Wagen, nahm alles, was wir packten, auf den Wagen und zusammen fuhren wir zum Bahnhof an der Hattinger Straße. Am Bahnhof waren schon viele Familien versammelt und auch alle Männer, die im Polizeirevier waren, auch unser Vater. Ich erinnere mich, dass einige Frauen, vielleicht auch die Frau Schoenewald, uns Essen und Trinken brachten und sehr barmherzig zu uns waren.

Alle waren polnische Juden, polnische Bürger, vielleicht 150 Personen. Dann kam der Zug, ein normaler Personenzug, alle gingen hinein mit Pack und Gut. Natürlich ließen wir die Möbel und Inhalt der Wohnung zurück.

Wie ich schon im Mitteilungsblatt über meine Erinnerungen aus Bochum schrieb: "ich stand im Zug am Fenster, schaute den letzten Blick auf Bochum ... und weinte."

Der Zug verliess (mein?) Bochum in der Richtung Polen. Wir kamen an die deutsch-polnische Grenze zum Städtchen Neu-Bentschen. Alle mussten den Zug verlassen, denn so sagte man, die Polen lassen den Zug nicht rein.

Wir nahmen unser Gepäck raus und trugen es teilweise eine kurze Strecke, nach 200 Metern kam der Befehl: "Alle zurück in den Zug." Der Zug fuhr über die polnische Grenze zum Bahnhof Zbaszyn. Das war schon Polen. In der Bahnhofhalle waren 17 000 Personen, die so wie wir aus verschiedenen Städten Deutschlands ausgewiesen worden waren. Da waren Leute, die im Nachthemd aus den Betten rausgeholt und so nach Polen abgeschoben worden waren. Das war eine schreckliche Nacht. Die Menschen waren nervös, die Kinder weinten, ein tohu wabohu. "Was wird weiter mit uns?" fragte jeder, wohin jetzt??? Einige, die die Möglichkeit hatten oder Verwandte, die in derselben Nacht kamen, fuhren weiter zu ihren An gehörigen, aber die Masse hatte nicht diese Möglichkeit und erwachte am frühen Morgen mit der Verordnung der polnischen Macht, dass das Verlassen des Städtchens verboten ist. Das Städtchen wurde mit Polizei und Militär umzingelt, und keiner konnte raus. Da kamen Lastwagen auf den Straßen mit Hilfsgütern verschiedener jüdischer Organisationen in Polen, die Lebensmittel verteilten. Ein Teil der Leute mieteten Wohnungen oder Zimmer bei der polnischen Bevölkerung, aber wir hatten auch diese Möglichkeit nicht. Wir wurden untergebracht, so wie viele andere, in einem mehrstöckigen Gebäude, das mal als Getreidespeicher gedient hatte, die wir 'die Mühle' nannten. Jemand brachte Bretter, Matratzensäcke und Stroh, und jeder baute sein Bett. Auf jeder Etage wohnten sehr viele Menschen. Jemand sorgte auch fürs Essen, das wie in jedem Lager auf dem Hof verteilt wurde.

So gingen die Tage und Wochen vorbei, und die Frage "was weiter?" blieb offen. Jüdische Organisationen bemühten sich bei den polnischen Machtorganen, die Erlaubnis zu bekommen, Kindertransporte ins Ausland zu schicken oder in Kibbuzim in Polen mit der Versicherung, dass diese Polen während eines Jahres verlassen würden, mit der Hoffnung, nach Palästina auszuwandern. Viele Kinder kamen auf diesem Wege ins Ausland und überlebten den Krieg. Kurz vor Ausbruch des Krieges wurde das Lager aufgelöst, das Verbot des Verlassens des Städtchens aufgehoben, und jeder fuhr, wohin er wollte und konnte.

Das war das Ende der Zbasziner Tragödie und der Anfang einer neuen schrecklichen Tragödie, wie wir alle kennen. Ich möchte einige Wörter hinzufügen, die für uns die schicksalswichtigen Erlebnissen erleuchten:

    1. Die formelle Ausrede der Naziregierung für die plötzliche Ausweisung war, dass die polnische Regierung die Staatsbürgerschaft denen entzog, die Polen in den letzten 5 Jahren nicht besucht hatten, staatenlos waren. Warum nur Juden?

    2. Warum das schändliche Verhalten der polnischen Regierung, die ihre (wir) Bürger in einem Lager einkesselte und uns die Freiheit nahm? War das kein Antisemitismus?

    3. Warum wollten die Bochumer Ostjuden, wie mein Vater, der Ausweisung entgehen? Sie wollten nicht ins antisemitische Polen mit der Hoffnung, irgendwo auf der Welt ihren Platz zu finden.

    4. Was wäre, wenn...? Wo würde ich heute sein? In der Geschichte gibt es kein 'Wenn' oder 'Vielleicht', sondern die Wirklichkeit allein, aus der jeder lernen muss.
     

    5. Warum weinte ich beim Verlassen Bochums, trotz der grausamen Nazizeit?

Hanna Deutch aus New York nahm in verschiedenen e-mails Stellung zu einzelnen Kapiteln des letzten Mitteilungsblattes:

5. November 2005 Ich habe das Mitteilungsblatt mit großem Interesse gelesen. Ich möchte Euch allen gratulieren. Habe viel davon gelernt oder besser erfahren von Sachen, die mich interessierten und die ich nicht wusste, aber besonders von Menschen. Es tut mir nur leid, dass es nicht mehr Menschen gibt wie die der "Erinnern für die Zukunft". Es müsste so was geben und Menschen wie Ihr in jeder Stadt in der ganzen Welt, dann würde es vielleicht keine Kriege mehr geben und keine Menschen würden mehr sterben von Krieg und Hunger. Ich habe 2 Ergänzungen zum Mitteilungsblatt...

Brief von Dr. David.
Ich werde nie den 1. Februar, 1939, vergessen. Ich bekam einen Brief, dass ich am 2. Februar mit dem Kindertransport nach England abfahren sollte. In unserer Gemeinde war es so, dass wir jeden Freitagabend und Samstagmorgen in die Synagoge gingen. Ich war seit jungen Jahren im Chor bis zum 9. November 1939. Dr. David war der Mittelpunkt unserer Gemeinde, und da war nichts, was wir ihm nicht erzählen würden. Nachdem er am 12. Januar 1939 meine Mutter o.b. und meine Tante Hannah o.b. in einer Doppelhochzeit getraut hatte, war es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich zu ihm ging, um mich zu verabschieden. Als ich in sein Haus kam, sagte mir jemand, dass er krank wäre. Ich erklärte dann, warum ich da war. Sie ging zu ihm und führte mich dann ins Schlafzimmer, wo er im Bett war. Ich setzte mich auf sein Bitten hin auf sein Bett und er segnete mich. Ich werde das Gefühl nie vergessen. Als ich 1942 nach Manchester kam, besuchte ich ihn und seine Frau in dem Altersheim, von dem er sprach. Er war gerade aus Australien zurückgekommen. Ich fragte ihn, warum er denn mitgefahren ist, und seine Antwort war: "Ich konnte die jungen Leute nicht alleine fahren lassen." Gibt es das heute noch? Das war typisch Dr. David.

Ottilie Schoenewald.
Nichts ist erwähnt von ihrem Aufenthalt in New York, ehe sie zu (ihrer Tochter) Doris nach Chicago ging. Sie war in New York, ehe ich 1962 von Montreal nach hier kam. Ich bin 1955 in B'nai B'rith in Montreal eingetreten. Als ich nach hier kam, bin ich transferiert und bin Mitglied der Leo Baeck Loge geworden, nicht zu verwechseln mit dem Leo Baeck Institut. Dort hörte ich von der Wunderfrau, die Präsidentin von 1950 bis 52 war. Sie ist bis zum heutigen Tag angesehen. Als ich 1966-68 als Präsidentin der Loge eingeführt wurde, sagte man mir, da ich aus derselben Stadt käme, sollt ich versuchen, in ihre Schuhe zu steigen.. Ich erklärte mit voller Stimme, dass das nicht möglich sei, da es nur eine Ottilie Schoenwald gebe, aber dass ich versuchen würde, alles mein Bestes zu tun. Ich kannte Dr. Schoenewald und Frau, aber noch besser kannte ich die Tochter, da wir zusammen in die Schule gingen, obwohl wir nicht in derselben Klasse waren, da Doris älter war als ich.

Ruth Levy geb. Simons schrieb aus Israel:
Haifa, 15.11.2005 ... Recht herzlichen Dank für Ihren herzlichen Brief vom 22.8.2005, besonders über den Inhalt der "Stolpersteine" und dass Sie Paten dafür gefunden haben. Nun warte ich mit Geduld auf ihre nächste Nachricht. Inzwischen erhielt ich das Mitteilungsblatt "Erinnern für die Zukunft", mit vielem Dank...

Mit Siegfried Spandau in Israel führen wir einen regelmäßigen Briefwechsel. Zum letzten Mitteilungsblatt schrieb er:
Jerusalem, 7.11.05 ... Ein weiterer Grund dieses Schreibens ist Ihnen für das Entsenden des Mitteilungsblattes herzlichst zu danken. Ich brauche nicht zu betonen, dass ich es mit Punkt und Komma gelesen habe. Es gibt in ihm immer viel Neues für mich. Das Mitteilungsblatt und meine Korrespondenz mit Ihnen sind doch die einzigen lebenden Verbindungen, die ich mit Bochum habe. Alles Andere sind Erinnerungen. Beim Lesen stoße ich immer wieder auf Namen von Personen, die ich kannte und deren ich nicht mehr gedachte. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern viele von ihnen oder besser gesagt die meisten von ihnen gekannt haben. Auch erfuhr ich aus dem Mitteilungsblatt, dass das Haus der Familie Fromm auf der Kanalstraße, so hieß sie doch früher, nach ihrem Verlassen ein Judenhaus wurde. Gab es noch mehrere dieser Häuser in Bochum? Da ich dieses Haus ziemlich gut kannte, ist es mir gut vorzustellen das Leiden derjenigen, die dort zusammenleben mussten. ...

Helga Szlamazarnek schrieb uns aus Argentinien:
Buenos Aires, 28. November 2005 Ich danke Ihnen vielmals herzlichst für das Mitteilungsblatt "Erinnern für die Zukunft", das ich mit Interesse lese, doch leider hat mein Gedächtnis sehr nachgelassen. Doch ich las vom Tod der Cousine meines Mannes, Ilse Goldberg, so auch von Gert Vollmann aus Holland, den wir glaube ich in Bochum bei unserer so wunderbaren Einladung gesehen haben, so auch Alfred Salomon, glaube ich. Ihre Artikel, Dr. Schneider, gefallen mir sehr. Leider kann ich jetzt nicht so gut sehen, da ich operiert bin von Katarakt auf einem Auge, das nächste am 6. Dezember. Es freut mich, dass der Grundstein zum Bau der Synagoge schon gelegt ist. Es hat mich sehr berührt, eine Ansichtskarte für meinen 80. Geburtstag zu bekommen am 23. November. Ich danke Ihnen sehr dafür. Es ist ein schönes Motiv mit Blumen.