Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

Ottilie-Schoenewald-Schule in Bochum

Wie wir im letzten Mitteilungsheft berichteten, gibt es in Bochum seit dem Schuljahr 2005/06 eine Ottilie-Schoenewald-Schule: Lehrerkollegium und Schüler des Weiterbildungskollegs Bochum (Abendgymnasium) haben beschlossen, ihrer Schule den Namen dieser bedeutenden jüdischen Frau Bochums zu geben. Anlässlich der Namensgebung hielt Prof. Dr. Okko Herlyn von der Evangelischen Fachhochschule Bochum am 12. Dezember 2005 im Museum Bochum die Festansprache. Wir drucken sie nachfolgend ab.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung" - Ein jüdischer Bildungsauftrag


Eine Schule unserer Stadt gibt sich mit dem heutigen Tag einen neuen Namen:
"Ottilie-Schoenewald-Weiterbildungskollegs der Stadt Bochum". Dieser Name hält die Erinnerung an eine ehemalige Bochumer Bürgerin wach, die zu den ersten weiblichen Stadtverordneten gehörte, in späteren Jahren dann in Holland, England und den Vereinigten Staaten in vielfältiger Weise sozialarbeiterisch tätig war und sich hier vor allem für die Rechte der Frauen einsetzte. Allein diese sparsamen biografischen Reminiszenzen mögen genügend Impulse für ein pädagogisches Programm darstellen, das mit einer Namensgebung ja auch immer verbunden ist. Aber Ottilie Schoenewald war, wie Sie wissen, auch eine sehr selbstbewusste Jüdin. Das gibt der Namennennung dieser Schule noch einmal einen eigenen Akzent. Mit seinem neuen Namen stellt sich das Weiterbildungskolleg damit nämlich zugleich einem besonderen, wenn man so will: spezifisch jüdischen Bildungsauftrag. Wir wollen ihn mit Hilfe eines bekannten alten jüdischen Wortes veranschaulichen: "Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung".

Dieses Wort birgt in zweifacher Hinsicht einen spezifisch jüdischen Bildungsauftrag, den man an einer kleinen grammatikalischen Doppeldeutigkeit demonstrieren kann. Das Adjektiv "jüdisch" hat nämlich in unserem Zusammenhang einen sowohl subjektiven wie objektiven Sinn.

Wenn wir von der Erinnerung als dem Geheimnis der Erlösung hören, so meint dieses Wort einen spezifisch jüdischen Bildungsauftrag zunächst in einem grammatisch subjektiven Sinn: Es ist eben ein Wort aus jüdischem Munde und zwar wahrscheinlich aus dem Munde Israel ben Eliezers, Baal Shem Tov, des Begründers des chassidischen Judentums in Osteuropa im 18. Jahrhundert. Baal Shem Tovs bekanntes Wort, das vor einigen Jahren sogar auf einer Briefmarke der deutschen Post AG zu finden war, benennt insofern einen für jüdisches Denken und Glauben typischen Sachverhalt, als die Erinnerung hier eine nirgends sonst in dieser Dominanz anzutreffende Rolle spielt.

Blättern wir allein in der Hebräischen Bibel, so kommt dort das Verb "sachar" / "sich erinnern" nicht weniger als 169 mal vor. Sich-Erinnern ist für das jüdische Volk und für die jüdische Gemeinde stets der Schlüssel zum Überleben gewesen. Der jüdische Gottesdienst lebt von der Erinnerung an die großen Taten Gottes. "Darum gedenke ich der Taten Gottes", heißt es etwa im 77. Psalm, "ja, ich gedenke deiner früheren Wunder und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach" (Psalm 77, 12 f). Auch die Zehn Gebote setzen bekanntlich zunächst mit einer Erinnerung ein: "Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe" (Exodus 20, 2). Die Glaubensinhalte werden von Generation zu Generation vor allem erinnernd weitergegeben; so exemplarisch in der Pessach-Haggadah, in der der Jüngste der Tischgemeinschaft fragt: "Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?" und die Antwort zu einer großen Erinnerung an die Befreiungsgeschichte des Volkes hinführt: "Einst waren wir Knechte des Pharao in Mizrajim (Ägypten), da führte uns der Ewige, unser Gott, heraus von dort, mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm ..." Und weiter: "Es ist unsere Pflicht, vom Auszug aus Mizrajim zu erzählen und jeder, der ausführlich vom Auszug aus Mizrajim erzählt, ist lobenswert."

Die Christenheit – das darf hier am Rande vermerkt sein – hat diese im wahrsten Sinne des Wortes fundamentale, also begründende Bedeutung des Erinnerns für den Glauben übernommen. Verschiedentlich werden wir bereits im Neuen Testament aufgefordert, des Gewesenen zu gedenken, etwa in Jesu bekannten Abendmahlsworten: "Solches tut zu meinem Gedächtnis ..." (Lukas 22, 19).

Dabei ist für jüdisches Denken "sachar" etwas anderes als nostalgische Rückschau, so als blätterte man in dem vergilbten Fotoalbum der eigenen Geschichte, womöglich um diese am Ende zu verklären. "Sachar" meint nicht die bürgerliche Beschwörung der "guten alten Zeit" oder gar der "ol‘ time religion", wie es in einem alten Spiritual heißt. Wenn der Hausvater am Sederabend, dem Beginn des Pessachfestes, dem Jüngsten am Tisch antwortet: "Einst waren wir …", so ist dieses "Wir" wörtlich gemeint. Das Befreiungsgeschehen Gottes gilt jedem jüdischen Menschen damals wie heute, über Generationen hinweg. " Sachar" – das war und das ist für Israel nicht so sehr die Befriedigung einer historischen Neugier, sondern die Vergegenwärtigung eines Geschehens, in welchem Gott, so wie er da in der Vergangenheit gehandelt hat, auch wieder in der Gegenwart und Zukunft handeln kann und wird. Im "sachar" identifiziert sich das gegenwärtige Israel immer wieder neu mit seiner Geschichte, mit der Geschichte Gottes, vergewissert sich der jüdische Glaube stets neu der unverbrüchlichen Treue Gottes zu seinem Volk.

Man kann fragen, ob das Wort, die Vokabel "sich erinnern" diese Besonderheit jüdischen Glaubens und Denkens in seiner Tiefe trifft. Der ehemalige Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, hat deshalb in einer viel beachteten Rede 1993 in Auschwitz fein und scharf noch einmal zwischen " erinnern" und "gedenken" unterschieden: "Erinnern", so sagte er damals, "erinnern kann man sich leicht des längst – manchmal zu Recht – Vergessenen. Sich bloß zu erinnern, um das Erinnerte für einen rasch verbrauchten Zweck zeitweise parat zu haben, kostet nicht viel, kostet kaum schweißtreibende Anstrengung aller verfügbaren Sinne. Gedenken aber ist Arbeit, die den ganzen Körper, das Bewusstsein, den Willen beschlagnahmt. Gedenken ist ein langer Weg zurück und von dort Rückkehr in die Gegenwart, und zwar eine solche, die sich dem Gedenken verschließt und lediglich kurzfristiger Erinnerung Parkplätze einräumt. Gedenken heißt vergegenwärtigen, lebendig halten, was ins bestenfalls kostenlose Erinnern fortgleitet. Darum sagt die Schrift von Gott, dem Herrn, dass er gedenkt und im Gedenken lebendig macht und lebendig erhält. Wir leben im Gedenken, wir leben vom Gedenken Gottes. Wer etwas von der hebräischen Sprache weiß, versteht, dass das Wort "sachar" dies alles umschließt."(2)

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Dieses Wort bezeichnet aber auch in einem sozusagen grammatisch objektiven Sinne einen ebenfalls spezifisch jüdischen Bildungsauftrag. Wenn sich das Weiterbildungskolleg der Stadt Bochum nun ausgerechnet den Namen einer jüdischen Frau zu eigen macht, so wird damit deutlich, dass ein solcher Bildungsauftrag nun noch einmal einen besonderen, unaustauschbaren Gegenstand hat: Es ist die unserem Volk und seiner Bildung gebotene Erinnerung, mit Peter Beier zu sprechen: das stete Gedenken des jüdischen Schicksals schlechthin. Worum es inhaltlich geht, muss, so darf ich annehmen, in diesem Kreis nicht eigens entfaltet werden. Es geht heute darum, deutlich zu machen, dass die Erinnerung an die leidvolle Vergangenheit des jüdischen Volkes, an die nicht zu zählenden Diskriminierungen, Ausgrenzungen und Verfolgungen jüdischer Menschen im Laufe der Geschichte bis hin zum Abgrund der Shoah, dass die Erinnerung daran nie und nimmer zur lästigen Pflichtübung werden darf, derer man sich dann, so wie es kleinbürgerliche und zunehmend auch intellektuelle Stammtische immer unverhohlener fordern, doch allmählich entledigt haben sollte. Zu welchen politischen Folgen solch ein neu legitimiertes Vergessen führen kann, zeigte vor nicht allzu langer Zeit die Äußerung eines forschen jungen Vorsitzenden einer großen Bundestagsfraktion: "Wir brauchen in Zukunft die Zuwanderung von Menschen, die wir haben wollen. Aber das setzt voraus, daß wir sagen, wen wir nicht haben wollen. Dazu hat die alte Bundesrepublik – aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus, die ich respektiere – nicht den Mut gefunden. Unsere Generation will sich nicht mehr derart in Haftung für unsere Vergangenheit nehmen lassen."(3) So redet eine bornierte, geschichtsvergessene angebliche Leitkultur, für die am Ende Auschwitz nur noch eine nervende "Moralkeule"(4) ist.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Das meint: Es täte auch uns nicht gut, würden wir das Gedenken an das jüdische Schicksal allmählich stillschweigend ad acta legen wollen. Bereits eigene Erfahrung lehrt uns hundertfach die schlichte psychologische Erkenntnis, dass nur der von den erdrückenden Schatten der Vergangenheit loskommt, der sich diesen Schatten noch einmal und immer wieder stellt. Jede psychotherapeutische Arbeit etwa mit traumatisierten Menschen basiert auf der Erinnerung, der Anamnese, der therapeutischen Durcharbeitung des Gewesenen als Grund des Gewordenen. Jede Trauerarbeit etwa ist vor allem Erinnerungsarbeit. Was so im Individuellen gilt, belegt und erwiesen ist, ist längst auch im Kollektiven erwiesen, spätestens seit Alexander und Margarete Mitscherlichs bahnbrechendem Werk über "Die Unfähigkeit zu trauern"(5). "Wo Schuld entstanden ist", schreiben die Mitscherlichs, "erwarten wir Reue und das Bedürfnis nach Wiedergutmachung. Wo Verlust erlitten wurde, ist Trauer, wo das Ideal verletzt wurde, ist Scham die natürliche Konsequenz."(6) Die Ursachen dafür, dass solche Reaktionen in der deutschen Bevölkerung im Hinblick auf die NS-Vergangenheit nahezu ausgeblieben sind, sehen die Autoren "in einer kollektiven seelischen Abwehranstrengung"(7), die in ihrer gesellschaftlichen Konsequenz nicht nur zur Unfähigkeit zu trauern führt, sondern damit auch zur Unfähigkeit, die Lebensverhältnisse neu, produktiv und vor allem human und solidarisch zu gestalten. Das härtere soziale Klima, das uns in unserem Land seit Jahren zunehmend entgegenschlägt und das bürgerliche Parteien mittlerweile ungeniert propagandistisch ins Positive wenden – "Leistung muss sich wieder lohnen" – dieses Klima ist – nicht nur, aber auch – späte Folge einer verdrängten Vergangenheit einer staatlich legitimierten völligen Desolidarisierung der Gesellschaft. Gewiss wird man, um einem möglichen Missverständnis sogleich entschieden entgegenzutreten, die Selektion an der Rampe von Auschwitz nicht mit Hartz IV oder dem geltenden Asylgesetz vergleichen dürfen. Aber das Vergessen der Rampe von Auschwitz wird eine Gesellschaft unempfindlicher und skrupelloser im Hinblick auf neue Desolidarisierungen, neue Ausgrenzungen und möglicherweise auch neue Selektionen machen, sei es denen in einem neuen, zunehmenden Arm-/Reich-Gefälle, sei es im Asylrecht, sei es im Bereich der vorgeburtlichen Diagnose, um nur einige Beispiele zu nennen.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Das Ottilie-Schoenewald-Weiterbildungskolleg der Stadt Bochum will es offenbar besser machen. Mit dem Namen der Bochumer Jüdin Ottilie Schoenewald setzt sich diese Schule gewissermassen ein eigenes Bildungsprogramm: eben die Erinnerung an die jüdische Geschichte, vor allem an die Geschichte Bochumer Jüdinnen und Juden zu ihrer Sache zu machen. Damit befindet sich das Kolleg in durchaus guter Gesellschaft. Viele kleinere und mittlerweile auch größere Initiativen engagierter Bochumer Bürger stehen dafür gerade: der jahrelange Einsatz etwa des Stadtjugendrings für eine kontinuierliche Gedenkfeier am 9. November genauso wie die forschenden und publizierenden Aktivitäten etwa des Stadtarchivs oder der Evangelischen Stadtakademie. Die unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit etwa der VVN z.B. mit ihren alternativen Stadtrundgängen genauso wie die Begegnungsarbeit mit ehemaligen Bochumer Juden etwa des Vereins Erinnerung für die Zukunft. Manch ein couragiertes Engagement etwa einer Schülergruppe genauso wie das ein oder andere Lehrangebot an den Theologischen Fakultäten und an der Evangelischen Fachhochschule, wobei sich die kleine, aber immer größer werdende jüdische Gemeinde in Bochum als außerordentlich kooperativ erweist. Stolpersteine des Gedenkens an einzelne jüdische Bürgerinnen und Bürger gibt es bereits hier und da; weitere sollen folgen. Der gemeinsam mit Studierenden gestaltete "Weg des Gedenkens" mit den Namen aller ermordeten Bochumer Juden und deren öffentliche Verlesung auf dem Husemannplatz vor einigen Jahren war ebenfalls ein Zeichen in die richtige Richtung, ähnlich wie der große gemeinsame jüdischchristliche Gottesdienst anlässlich des 50. Jahrestages des Novemberpogroms 1998 in der Christuskirche. Die Enthüllung der Gedenkstele auf dem Dr.-Ruer-Platz im vergangenen Jahr durch die Oberbürgermeisterin muss erwähnt werden und nicht zuletzt die feierliche Grundsteinlegung der neuen Synagoge im November diesen Jahres unter großer öffentlicher und auch medialer Beachtung. Weitere Ideen warten noch auf ihre Realisierung, etwa die eines alternativen Stadtführers, der auswärtige Besucher im Modell eines Lehrpfads unkompliziert und informativ an die wichtigsten Stätten jüdischen Lebens und Leidens in dieser Stadt führt.

Solche und möglichst viele weitere Initiativen bleiben insofern schon deshalb außerordentlich wichtig, weil das Stadtbild Bochums, was die jüdische Geschichte anbelangt, zu weiten Teilen immer noch von einer merkwürdigen Verschwiegenheit geprägt ist. "Jeden Tag laufe ich dran vorbei ..." Die, von der ich diesen Satz vor ein paar Jahren hörte, war eine Studentin der Evangelischen Fachhochschule. Wir standen mit einer Seminargruppe vor der bis dahin offiziellen Gedenktafel der Stadt Bochum am Rande des Dr.-Ruer-Platzes, vor jener Tafel also, die an die Vernichtung der Bochumer Synagoge am 9. November 1938 erinnern soll. "Jeden Tag laufe ich dran vorbei", so sagte sie und fuhr dann fort: "Aber mir ist bislang diese Tafel noch nie aufgefallen." Die Äußerung jener jungen Frau scheint mir symptomatisch zu sein für ein Stadtbild, wo es an vielen Orten, an denen Steine sprechen könnten, bis heute merkwürdig verschwiegen zugeht.

So lässt sich etwa der tatsächliche Standort der ehemaligen Synagoge von einem Ortsunkundigen nur schwer ermitteln. Dazu müssten wir nämlich durch eine Toreinfahrt der Firma Ankenbrandt gehen und würden auf einem Hinterhof landen, der vor allem durch seine Garagen und Müllcontainer auffällt, nirgendwo aber daran erinnert, dass hier dereinst die jüdische Gemeinde 75 Jahre lang gebetet, gesungen, auf die Worte der Thora gehört und Schabbat, Pessach, Jom Kippur, Chanukka, Purim, Beschneidung und Bar Mizwa gefeiert hat.

Oder wir begeben uns vor das imposante "Kortum"-Gebäude, eines der bedeutendsten Beispiele deutscher Kaufhausarchitektur aus dem Jahr 1914. Die Stadtgeschichte weist aus, dass das Geschäft einmal der jüdischen Familie Alsberg gehörte und bis 1933 "Kaufhaus Alsberg" hieß. Im Zuge der sogenannten Arisierung wurde die Familie enteignet und der Name in "Kortum" umgewandelt. Kein Hinweis an diesem Gebäude zeugt von diesem Vorgang. Eine Schülergruppe, die vor ein paar Jahren mit der Geschäftsleitung diesbezüglich Kontakt aufnahm, wurde rüde abgewiesen: "Wollen Sie etwa Arbeitsplätze gefährden?"

Von Kortum ist es nicht weit bis zur Schützenbahn. Hier befand sich die alte jüdische Schule; gegenüber die älteste Synagoge. Auch etliche jüdische Häuser waren hier einst. Jetzt regieren in dieser kleinen Geschäftsstraße glatte Fassaden, Lieferantenzuwege und Dönninghaus-Würste.

Vielleicht machen wir jetzt einen Schlenker ins Brückviertel, genauer in die Franzstraße. Hier stand eines der sogenannten " Judenhäuser". Nach Zwangsenteignung und Vertreibung aus ihren Häusern, Geschäften, Praxen und Kanzleien wurden jüdische Familien hier auf engstem Raum zwangsinterniert – eine in vielen Städten angewandte vorbereitende Maßnahme, um die geplanten Deportationen sozusagen "logistisch" zu erleichtern. Wissen die heutigen Bewohner der Franzstraße 11 um die Schicksale, die sich dereinst in ihren Mauern zugetragen haben?

Dem innerstädtischen Ring folgend kommen wir irgendwann auf den Ostring und an dem dort noch heute befindlichen Nordbahnhof vorbei. Von hier aus erfolgten in späteren Jahren die Deportationen Bochumer Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Nichts von dem, was nun wie ein romantischer Westernbahnhof aussieht, erzählt noch von den herzzerreißenden Szenen, die sich hier abgespielt haben müssen. Nichts erzählt hier mehr etwas von der Verlängerung dieser Gleise, die für viele jüdische Menschen hier begannen und u. a. an der Rampe in Auschwitz endeten.

Fünf Minuten von hier gelangen wir auf den Imbuschplatz am Nordring. Auf diesem Platz, dem ehemaligen "Platz der SA", fand am 9. Juni 1933 eine öffentliche Bücherverbrennung vor allem jüdischer Schriftsteller statt. Der Imbuschplatz, benannt nach Heinrich Imbusch, einem christlichen Gewerkschaftsführer und Widerstandskämpfer, ist heute Parkplatz in einer sogenannten sozialen Randlage. Im Vordergrund die Reste zweier Lüftungstürme eines Tiefbunkers, im Hintergrund ein verwahrlostes Toilettenhäuschen, umbraust vom Verkehr des Nordrings. Kein Hinweis weit und breit an das gespenstische Geschehen in jener Juninacht 1933.

Ich erwähne diese wenigen und unschwer fortzusetzenden Beispiele jener merkwürdigen Verschwiegenheit des Bochumer Stadtbilds nicht deshalb, um alte Wunden aufzureißen, sondern deshalb, um die Bedeutung der erwähnten erfreulichen Initiativen der letzten Jahre umso schärfer hervorzuheben und dass manches notwendige Erinnern an das jüdische Schicksal in Bochum wohl noch vor uns liegt.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Gewiss um fasst dieser im subjektiven wie im objektiven Sinne spezifisch jüdische Bildungsauftrag mehr als didaktisch gut aufbereitete Stadtrundgänge und ins Auge fallende politisch korrekte Beschriftungen, mehr als sicher notwendige Gedenkstunden und öffentliche Betroffenheitsadressen. Er umfasst vor allem Arbeit. Und an einer Schule eben auch Bildungsarbeit. Bildungsarbeit, die – und das wäre das nach vorne Weisende dieses Auftrags – sensibel macht für jedwede Signale in unserer Gesellschaft, die in irgendeiner Weise von Menschenverachtung, von Ausgrenzung, von Intoleranz, von kultureller oder religiöser Überheblichkeit oder gar von körperlicher, seelischer, personaler oder struktureller Gewalt künden. Wir müssen uns aufmachen zu einem Engagement gegen jedwede Leit-Unkultur des Vergessens, des Verharmlosens und des neuerlichen Sich-Weg-Duckens.

Eine solche aktive, nicht nur die Erinnerung wach haltende, sondern sich gleichzeitig gegenwärtig einmischende Gedächtnisarbeit erfordert nicht selten Mut und zivile Courage. Manch einer mag sich dabei überfordert fühlen. Gerade unter jungen Menschen, mit denen es ja das Weiterbildungskolleg vor allem zu tun hat, beobachte zumindest ich zunehmend eine sich eher zurücknehmende, eine eher resignierende, wenn nicht gar sich eher anpassende Grundhaltung. Das mag aus den gegenwärtigen gesellschaftlichen, vor allem wirtschaftlichen Gegebenheiten heraus menschlich nachvollziehbar sein. Hinnehmbar sollte es für das Weiterbildungskolleg grundsätzlich nicht sein. Bildung umfasst ja bekanntlich nicht nur die notwendige Weitergabe irgendeines Wissens, sondern hat es im umfassenden pädagogischen Sinne eben auch mit Bilden, mit Formen, mit Vorleben, jüdisch gesprochen: mit Weisung, mit "Tora" zu tun. Die Schrift, die Juden und Christen zu ihrem weitaus größeren Teil gemeinsam als die "Heilige" bezeichnen, ist ja nicht in erster Linie ein wissenswerter Text – das gewiss auch. Sie ist für Juden und Christen in erster Linie "Tora", Verheißung, Gebot, Wegweisung, verbindliche Orientierung für ein vor Gott und den Menschen zu verantwortendes Leben.

Es wäre noch nicht der schlechteste Bildungsauftrag, wenn im Ottilie-Schoenewald-Weiterbildungskolleg Menschen nicht nur darin unterwiesen, sondern vor allem dazu ermutigt würden, für eine Welt einzutreten, in der Juden und Christen, Menschen aller Religionen, Kulturen und Hautfarben, Gläubige und Atheisten, Frauen und Männer, Kinder und Alte, Einheimische und Fremde, Starke und Schwache ihr unverbrüchliches Recht auf ein menschenwürdiges Leben nebeneinander und vor allem miteinander haben. Der entmutigenden Vereinzelung, der wachsenden gesellschaftlichen Desolidarisierung ist auf Dauer nur gemeinsam zu wehren. Dem kollektiven Gedächtnisschwund ist auf Dauer nur mit einem kollektiven Aufgebot für ein friedliches, akzeptierendes Miteinander der Verschiedenen in unserem Land entgegenzutreten.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Wer von uns wollte sich diesem jüdischen, diesem menschlichen Bildungsauftrag entziehen? Wer von uns wäre nicht erlösungsbedürftig?
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1 cf C.-D. Hinnenberg, Gedenke – erinnere dich: in: H.-J. Barkenings u.a. (Hg), Tun und erkennen, Duisburg 1994, 5ff

2 P. Beier, Gedenken, nicht nur erinnern, in: ders. Übergänge. Predigten und Reden, Düsseldorf 1999, 136f

3 Friedrich Merz, zit. nach WAZ vom 1.4.2000

4 so Martin Walser in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998 in Frankfurt

5 A. und M. Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967

6 zit. nach Kindlers Literaturlexikon, Band 11, München 1988, 777

7 ebda.