Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

"Stolpersteine in Bochum"

In den letzten Mitteilungsheften haben wir immer wieder über die Aktion "Stolpersteine" berichtet. Inzwischen sind im Stadtgebiet Bochum insgesamt 32 Steine verlegt. Wir erinnern daran: Bürger, Schulklassen oder Organisationen übernehmen es, Recherchen über Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde, die Opfer der Shoah wurden, durchzuführen. Die Ergebnisse der Recherchen werden in einer Veranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt, in schriftlicher Form in einem "Bürgerbuch" gesammelt, das im Stadtarchiv Bochum zur Einsicht ausliegt. Der Kölner Künstler Günter Demnig verlegt vor den ehemaligen Wohnungen der Betroffenen "Stolpersteine". Um zu zeigen, wie die Ergebnisse solcher Recherchen aussehen können, drucken wir folgenden Text zu Ella und Ferdinand Sternberg ab, der vom Verein "Erinnern für die Zukunft" verfasst worden ist. Wir danken Herrn Professor Schoenholz, dem Schwiegersohn, Daniel und Michael Schoenholz, den Enkelsöhnen von Ella und Ferdinand Schoenholz, für die Überlassung des Nachlasses der 1994 verstorbenen Ilse Schoenholz-Sternberg.

Verein "Erinnern für die Zukunft e.V.", Bochum:

STOLPERSTEINE FÜR ELLA STERNBERG GEB. KAUFMANN UND FERDINAND STERNBERG.

ERGEBNIS DER RECHERCHE:

F erdinand Sternberg geb. 21. Dezember1885 in Herborn/Hessen, ermordet in Riga-Bikernieki am 30. März 1942.
Ella Sternberg geb. Kaufmann, geb. 4. Mai 1884 in Schiefbahn b. Krefeld, ermordet in Auschwitz am 5. November 1943.

Ort der Verlegung der Steine: Kortumstraße 112

Ferdinand Sternberg (1) hatte drei Brüder und zwei Schwestern. Der Bruder Julius Sternberg lebte nach 1945 in Den Haag. (In den Akten der jüdischen Gemeinde befindet sich ein Briefwechsel zwischen Herrn Vollmann und der Familie Sternberg).

Die Schwester Rosa Bock geb. Sternberg, geboren am 19. November 1887 in Herborn ,war mit Abraham Bock verheiratet und lebte in Siegburg. Dort wurde am 20. November 1915 der Sohn Albert geboren. 1921 starb Abraham Bock. Nachdem Rosas Sohn im Jahre 1938 zu einem Onkel nach Argentinien emigriert war, zog Rosa Bock zum Bruder nach Bochum, wohnte bei ihm Kortumstraße 112. Von dort aus wurde sie deportiert und ermordet.

Die Schwester Jeanette Sternberg geb. Sternberg, der Bruder Berthold Sternberg (Landwirt) und der Bruder Louis Sternberg emigrierten rechtzeitig nach Argentinien, 1955 lebten sie in der Colonia Avigdor, Prov. Entre Rios.(2)

Im November 1922 heiratete Ferdinand Sternberg Ella Kaufmann geb. 4.5.1884 in Schiefbahn b. Krefeld. 1924 wurde das einzige Kind des Ehepaars, Ilse, geboren.

Ella Sternberg war die Tochter von Hermann Kaufmann (1832- 1915) und Regina Kaufmann geb. Joseph (1844-1935), wohnhaft in Schiefbahn b. Krefeld. Nach dem Tod des Mannes zog Regina Kaufmann zu ihren Kindern nach Bochum, wo sie auch starb. Ella Kaufmann hatte drei Geschwister: eine ältere unverheiratete Schwester, Theodora (Dora) Kaufmann, geboren am 30. Januar 1882 die später bei ihr in der Kortumstraße 112 lebte und von dort aus deportiert und ermordet wurde. Der Bruder Gustav Kaufmann hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Bochumer Kortumstraße 112 das Manufakturwarengeschäft Gustav Kaufmann gegründet. Ella Kaufmann arbeitete in dem Geschäft mit. Nachdem Gustav Kaufmann im September 1915 als Soldat gefallen war, führte Ella das Geschäft weiter. Über das Schicksal des zweiten Bruders Sally Kaufmann ist nichts bekannt.

Nach ihrer Heirat 1922 übertrug Ella Kaufmann ihrem Mann Ferdinand Sternberg die Führung des Geschäfts, blieb aber selbst die Eigentümerin.

Die Geschäfte gingen offensichtlich zunächst nicht sehr gut: Nachkriegszeit und Inflation machten auch dem Betrieb Gustav Kaufmann – so hieß das Geschäft noch immer – zu schaffen. Wie eine Auskunft der Rheinisch-Westfälischen Boden-Kredit-Bank – Rheinboden – in Köln aus dem Jahre 1952 besagt, musste Frau Sternberg im Jahre 1925 eine Hypothek in Höhe von 70 000 RM auf das Geschäftsgrundstück aufnehmen. Schlechte wirtschaftliche Bedingungen waren auch der Grund dafür, dass man Ende 1929 eine weitere Hypothek in Höhe von 14 000 RM aufnehmen musste. Und am 22. März 1934 wurde weiterhin zu Gunsten der Stadtverwaltung Bochum für rückständige Grundbesitzabgaben eine Höchstbetragssicherungshypothek über 2 000 RM eingetragen.

Trotzdem lebten die Sternbergs nicht schlecht. Tochter Ilse erinnert sich daran, dass sie eine Sechs-Zimmerwohnung in der zweiten Etage des Hauses Kortumstraße 112 bewohnten. Das Geschäft befand sich im ersten Obergeschosse. Im Haushalt war ein Dienstmädchen beschäftigt. Regelmäßig machte die Familie Ferien: In Bad Salzuflen, Bad Münster am Stein, Bad Cochem, Bad Godesberg und 1931 auf der Insel Norderney. Nach 1933, so erinnert sich Ilse weiter, fuhr sie nur noch zu Verwandten auf Ferien.

An das Leben der Familie erinnerte sich Ilse Sternberg später so:
"Ich wurde als Ilse Sternberg 1924 in Bochum geboren. ... Als einziges Kind und als Jüngste auf beiden Seiten der Familie genoss ich ein sehr liebevolles Familienleben. Wir hatten regen Verkehr mit Onkeln, Tanten, Kusins, Kusinen und auch entfernten Verwandten. Der mir bekannte Stammbaum meiner Familie geht bis auf 1782 zurück. Meine Mutter stammte vom Niederrhein bei Krefeld, mein Vater aus Hessen-Nassau. Meine Großmutter von mütterlicher Seite kam aus Kettwig an der Ruhr, wo auch ihre Großeltern schon wohnten. Sie waren alle tief verwurzelte deutsche Patrioten.

In meinem Elternhaus war die Stimmung auch vor 1933 schon be drückt, als mehr und mehr Deutsche zu Mitgliedern der NSDAP wurden. 1932 wurde von Hindenburg als Reichspräsident wiedergewählt, und meine Familie atmete noch einmal erleichtert auf. Das machte zur Zeit einen Eindruck auf mich. Ich schrieb einen kurzen Gratulationsbrief an von Hindenburg und war stolz darauf, von ihm eine Antwort zu erhalten."

Ihr Elternhaus beschreibt Ilse als religiös. Gottesdienste in der Synagoge und der Religionsunterricht spielten eine große Rolle Dass es der Familie Sternberg vor 1933 ökonomisch gut ging, bestätigt auch Erna Philipp, die als Gemeindesekretärin der jüdischen Kultusgemeinde arbeitete. In einer eidesstattlichen Erklärung vom 1. März 1957 schreibt sie:

"Ich versichere hiermit an Eides statt:
Von April 1928 bis zu meiner am 23. August 1939 erfolgten Auswanderung nach England war ich die Fürsorgerin, Sekretärin und Rendantin der Synagogengemeinde Bochum i/Westfalen. Als Rendantin oblag mir die Einziehung der Kultussteuer. Grundlage für die Kultussteuer-Veranlagung waren die vom Finanzamt erhobenen Einkommen- und Vermögenssteuern. Ich erinnere mich, dass Herr und Frau Ferdinand Sternberg, Bochum, Kortumstraße 112 bis zur Nazi Verfolgung 1933 zu der höheren Kultussteuer-Gruppe gehörten, die Kultussteuer vom Einkommen und vom Vermögen zu entrichten hatten."

An die Entwicklung nach 1933 erinnerte sich Ilse Sternberg:
"Diese Sachlage änderte sich aber in steigendem Maße nach 1933. Zunächst fand im April 1933 der Boykott gegen jüdische Geschäfte statt, der ... Verdienstausfall bedeutete, während die Gehälter der Angestellten weiter bezahlt werden mussten. Bis zu dieser Zeit hatten wir ungefähr 10 Angestellte, darunter ein Frl. W., die später heiratete, und eine Witwe mit einem Sohn von der Umgegend Bochums, Frau G. Ich erinnere mich nur noch an Vornamen von Lehrmädchen, wie Grete und Elfriede. Damals erschien Pöbel mit Plakaten ‚Kauft nicht bei Juden’ vor unserem Haus. Diese Zeit ist mir auch in der Erinnerung geblieben, weil mein Vater tagsüber in unserer Wohnung war und mit mir spielte, wenn ich von der Schule nach Hause kam."

Auch im privaten Umfeld und in der Schule gab es Veränderungen. Ilse schreibt später:
"Uns gegenüber wohnte eine Familie mit drei Kindern – Hilde, An neliese und ein Sohn, der es zum Oberscharführer brachte. Von ihnen, die einige Jahre älter waren als ich, und die mich immer freundlich gegrüßt und mir zugewinkt hatten, lernte ich früh, dass es Deutsche gab, die sich wie Wetterfahnen drehten, denn ab April 1933 kannten sie mich plötzlich nicht mehr. Mir war das arg, aber meine Eltern erklärten mir, dass es nicht meine Schuld sei." Und weiter: "In der Schule war ich immer darauf bedacht, nicht aufzufallen, denn wenn ich gelegentlich während des Unterrichtes beim Flüstern ertappt wurde, konnte ich mich gleich auf sehr verletzende antisemitische Bemerkungen gefasst machen, mit nur dünn verschleierten Drohungen gegen das ganze Judentum, wie z.B. dass allen Juden noch Schlimmeres bevorstehe, und ich mich noch wundern würde." Synagogenbesuche und der Religionsunterricht gewannen immer größere Bedeutung. "So gab es doch etwas Positives, und ich fühlte mich nicht vollkommen isoliert und minderwertig."

Das sehr große Etagengeschäft war mit der zunehmenden Verringerung der Umsätze nicht mehr zu halten, die Unkosten wurden zu hoch. 1937 verkleinerten die Sternbergs den Betrieb, verlegten ihn in einen Raum ins Parterre, der Verkaufsraum war jetzt nicht mehr halb so groß wie vorher.(3) Man beschäftigte jetzt auch nur noch zwei Verkäuferinnen, die nach der Pogromnacht entlassen werden mussten, da danach das Geschäft nicht mehr eröffnet wurde. Ab 1. Januar 1939 durfte es auch offiziell nicht mehr von den Sternbergs geführt werden.

Das alles blieb nicht ohne Einfluss auf die Besitzverhältnisse des Hauses Kortumstraße 112. Hatten die hohen Hypotheken schon im November 1933 dazu geführt, dass bereits am 17. November 1933 die Zwangsverwaltung des Grundstücks angeordnet wurde, so wurde im Jahre 1939 die Zwangsversteigerung des Besitzes angeordnet. (4) Die Sternbergs konnten aber ihre Wohnung in dem Haus behalten.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November wird zur einschneidenden Erfahrung nicht nur für die Familie Sternberg, sondern für alle noch in Deutschland lebenden Juden. Ilse Sternberg, die diese Nacht als vierzehnjähriges Mädchen erleben musste, hat darüber einen sehr ausführlichen und eindrucksvollen Bericht geschrieben, der bereits mehrfach veröffentlicht wurde.(5) Haften blieb ihr nicht nur der Akt der Barbarei, auch die fehlende Anteilnahme der von diesen Aktionen nicht betroffenen nichtjüdischen Nachbarn, die im Haus Kortumstraße 112 und in den angrenzenden Häusern wohnten. Diese Nachbarn waren natürlich Zeugen der Vorgänge, und Ilse kann sich sehr genau an die Familie des gegenüberliegenden wohnenden Sanitätsrats Dr. G. erinnern, die – verborgen hinter Gardinen – die Vorgänge verfolgte. Dass die Nachbarn nicht eingriffen, das konnte man nicht erwarten, das wäre auch sinnlos und viel zu gefährlich gewesen. Was verletzte, war die fehlende Anteilnahme in den Tagen nach dem 9. November, und dabei hatte man z.T. jahrzehntelang nebeneinander gewohnt.

Die Folgen des 9. November waren einschneidend: Das Geschäft und große Teile des übrigen Hauses waren verwüstet. Die Sternbergs hatten für die Beseitigung der größten Schäden auf eigene Kosten zu sorgen: Allein die Ersetzung der großen Fensterscheibe zur Kortumstraße kostete 2 000 RM. Die nicht gestohlenen oder vernichteten Lagerbestände an Stoffen waren von Ella und Ilse Sternberg in Sicherheit gebracht worden. Deren Wert wurde im folgenden Liquidationsverfahren von einem von der Nazibehörde eingesetzten Gutachter bewertet, i.d.R. weit unter dem tatsächlichen Wert, und in der Erinnerung von Ilse danach weit unter Wert an einen Geschäftsmann gegeben, der sein Geschäft in der Brückstraße betrieb.(6)

Und natürlich bemühten sich die Sternbergs nach dem 9. November 1938, aus Deutschland wegzukommen. Ferdinand Sternberg sollte – wie viele andere jüdische Männer – verhaftet und schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht werden. Wiederholt suchte man nach ihm, doch es gelang der Familie, ihn so zu verstecken, dass ihm der Gang nach Sachsenhausen erspart blieb.

Ferdinand und Ella Sternberg gelang es nicht mehr, Deutschland zu verlassen. Lediglich die Tochter kam Ende August 1939 – wenige Tage vor Kriegsbeginn – mit einem Kindertransport nach England. (7) Von dort aus korrespondierte Tochter Ilse regelmäßig mit ihren Eltern, erhalten sind zahlreiche Briefe der Eltern, erhalten ist ein langer Brief Ilses, den sie als Fortsetzungsbrief während des Transportes von Bochum nach England und in den ersten Tagen ihres Aufenthalts dort schrieb.(8) Die Briefe der Eltern sind geprägt von der Sorge um die Tochter in England. Sie gehen intensiv auf die Briefe der Tochter ein, sie teilen ihre Sorgen, geben gute Ratschläge, wenn es um die schulische Entwicklung der 15-jährigen geht oder um Schwierigkeiten, die sich beim Einleben bei den verschiedenen Familien ergeben, in denen Ilse nacheinander lebt. Dabei wird deutlich, wie groß ihr Vertrauen in die Tochter ist. Über die Erfahrungen und die sich verändernden Lebensumstände der Eltern erfahren wir wenig. Sei es, dass man die Zensur fürchtet, sei es, dass man die Tochter, die ja genug mit der Bewältigung der eigenen Schwierigkeiten zu tun hat, schonen möchte. Doch verschiedentlich erwähnen sie, dass Ferdinand Sternberg "eine neue Beschäftigung" habe. Was das für eine Beschäftigung ist, das erfahren wir aus dem Brief von K.N., der damals mit seiner Familie im Haus Kortumstra ße 112 wohnte, vom 1. Oktober1945: Ferdinand Sternberg, vormals Mitglied des Beirats der Vereinigten Kaufmannschaft e.V. Bochum, der nach dem 9. November 1938 seine Beschäftigung als Geschäftsführer im Manufakturwarengeschäft seiner Ehefrau verloren hatte, musste ab Mitte 1940 – wie so viele andere jüdische Männer – Zwangsarbeit leisten. Er arbeitete als Bauarbeiter bei der Kokerei der Zeche Bruchstraße.(9)

Alle antijüdischen Gesetze wurden natürlich auch auf die Familie Sternberg angewandt. In einer im Nachlass liegenden Liste werden alle die Schmuckstücke und Wertgegenstände genannt, die Juden abgeben mussten – für Bochum war die Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten Münster zuständig. Und natürlich mussten sie den diskriminierenden "Judenstern" tragen. Siegbert Vollmann, der Vorsitzende der Bochumer jüdischen Gemeinde nach 1945, bescheinigte der damals noch in England lebenden Ilse Sternberg am 15. August 1952:

"Wir bescheinigen Frl. Ilse Sternberg,18, St. George’s Road, Temple Fortune, London N.W. 11, dass ihre Eltern im Januar 1942 nach Riga deportiert wurden. Sie wohnten zu dieser Zeit Bochum, Kortumstr. 112. Alle Juden, die zur Deportation kamen, mussten am Tage ihrer Verschickung ihre Wohnung abschließen und den Schlüssel abgeben. Sofort nach dem Aufbruch versiegelte ein Beamter des Finanzamtes oder der Gestapo die Türen, sodass kein Fremder mehr Zutritt zur Wohnung hatte. Später wurden dann vom Finanzamt alle Möbel, Kleidungsstücke etc., die sich in der Wohnung befanden, verwertet – entweder verkauft oder der Stadt Bochum übergeben. Dieser Vorgang wiederholte sich bei allen Juden, die im Laufe des Jahres 1942 deportiert wurden."

Bis zum Schluss bestand zwischen den Eltern und der Tochter Briefkontakt – zuletzt waren es nur noch kurze Mitteilungen, höchstens 25 Worte!), die durch das Internationale Rote Kreuz übermittelt wurden. Nachricht der Eltern vom 2. November 1941, übermittelt am 14. November 1941:
"Geliebtes Kind! Rotkreuzbrief von August erhalten. Gratuliere zu Deinem Glück. Bleibe gesund. Wir sind’s auch. Dank, grüsse Hymanns, Jakobs, Leiterin. Innige Küsse Vati, Mutti, Dora.”
Nachricht der Eltern vom 7. Dezember 1941, übermittelt am 18. Dezember 1941:
"Geliebtes Kind! Wir sind alle gesund, hoffentlich Du auch. Mache weiter gute Fortschritte, wünschen schönen Geburtstag, viel Glück. Grüsse alle. Innige Küsse Vati, Mutti, Dora."
Und die letzte Nachricht der Eltern vom 4. Januar 1942, wurde am 22. Januar 1942, übermittelt: "Geliebtes Kind! Letzte Nachricht vom September. Inhalt sehr erfreulich. Weiter Glück. Hoffen Dich gesund und zufrieden. Wir sind es auch. – Sorge Dich nicht. Küsse Vati, Mutti, Dora."

"Sorge Dich nicht", das sind die letzten Worte, die Tochter Ilse von ihren Eltern hört. Wenige Tage später, am 27. Januar 1942 wurden Ella und Ferdinand Sternberg, zusammen mit mindestens 62 anderen Bochumer Jüdinnen und Juden nach Dortmund gebracht, von dort aus nach Riga.(10)

Wie erfuhr die Tochter Ilse davon? Sie erhielt Ende Januar 1942 von Erich Kaufmann, einem Verwandten, der damals in Lissabon lebte und über den zeitweise der Briefwechsel zwischen Eltern und Tochter gelaufen war, einen Brief. Darin wurde ihr mitgeteilt, dass die Eltern ihn gebeten hatten, Ilse zu schreiben, dass sie in den nächsten Tagen deportiert würden. Danach gab es kein Lebenszeichen mehr.

Erst nach dem Krieg erfuhr Ilse, was damals geschehen war. Fritz Kaufmann, ein Vetter von Ilse, der die Konzentrationslager überlebt hatte, war nach seiner Befreiung zunächst in sein Heimatdorf Schiefbahn – Ella Sternberg geb. Kaufmann war dort geboren worden – zurückgekehrt, schrieb ihr am 8. Dezember 1945. Von dem einzigen anderen jüdischen Überlebenden dieses Dorfes, Werner Rübsteck, erfuhr er, dass Ella und Ferdinand Sternberg im Februar 1942 im Ghetto in Riga lebten. Werner Rübsteck berichtete auch, dass Ella Sternberg mit seiner Mutter und seiner Schwester am 2. November 1943 von Riga nach Auschwitz deportiert worden sei. Dort sei sie wohl ermordet worden. Weiter berichtet er, er habe gehört, Ferdinand Sternberg sei im Juni 1943 von seiner Frau getrennt worden, in ein Konzentrationslager gekommen. Dort sei er seines Wissens 1944 erschossen worden. (11)

Für den Tod von Ella Sternberg gibt es also eine klare Zeugenaussage: Sie ist in Auschwitz ermordet worden. Dass zum angegebenen Zeitpunkt ein Transport von Riga nach Auschwitz ging, zeigt auch ein Eintrag in dem von Danuta Czech herausgegebenen " Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau 1939-1945" vom 5. November 1943:

"Mit einem Transport des RSHA - Reichssicherheitshauptamt - sind 1000 Juden aus dem Lager in Riga eingetroffen. Nach der Selektion werden 120 Männer, die die Nummern 160701 bis 160821 erhalten, und 30 Frauen, die mit den Nummern 66659 bis 66699 gekennzeichnet werden, als Häftlinge ins Lager eingewiesen. Die übrigen Männer und Frauen werden in den Gaskammern getötet." Ella Sternberg, die zu diesem Zeitpunkt fast 60 Jahre alt war, zudem nach fast zwei Jahren Aufenthalt im Ghetto sicher stark geschwächt, gehörte mit ziemlicher Sicherheit nicht zu denen, die "als Häftlinge" ins Lager eingewiesen wurden. Wir gehen davon aus, dass Ella Sternberg geb. Kaufmann am 5. November 1943 in Auschwitz ermordet wurde.(12)

Das Todesdatum für Ferdinand Sternberg bedarf allerdings der Korrektur. Das legen neuere Erkenntnisse nahe. Der Transport von Dortmund nach Riga, in dem sich neben Ella und Ferdinand Sternberg weitere mindestens 62 Bochumer Jüdinnen und Juden befanden, kam am 1. Februar 1942 in Riga an (13). Die Menschen des Transports kamen geschlossen in einem Hauskomplex unter. Auch im Rigaer "Reichsjudenghetto" wurde ein "Judenrat" gebildet, in dem die "Ältesten" (das muss man nicht immer wörtlich nehmen), eines jeden Transportes versammelt waren. Diese Ältesten schrieben oder ließen ein "Journalbuch" für ihre Gruppe erstellen. Das einzige "Journalbuch", das erhalten ist und das heute in einem Rigaer Archiv liegt, ist das der Dortmunder Gruppe. In ihm sind auf 98 beidseitig handschriftlich beschriebenen Blättern eine Fülle von Nachrichten sowohl für alle Gruppen und für die gesamte Lagerpolizei, als auch für die Gruppe selbst oder einzelne Personen überliefert. Der erste Eintrag stammt vom 15.3.1942, der letzte vom 4.9.1942. (14)

Unter den Personen, die im "Journalbuch" namentlich genannt werden, befindet sich der Name von Ferdinand Sternberg. Zitiert seien die Einträge vom 29. März 1942 und vom 2. April 1942:

Eintrag vom 29. März 1942: "Zum ersten Transport nach Dünamünde sind von der Gruppe eingeteilt, die Sanitäter: Ferdinand Sternberg, Nathan Michel, Ernst Ley, die Schwester Johanne Szulmann. Die obengenannten haben am Montag, den 30.3., 7 Uhr morgens zum Abtransport nach Dünamünde ohne Gepäck auf dem Kasernenhof pünktlich u erscheinen, gez. Dr. Herzberg."

Eintrag am selben Tag: "Die Schwester Anne Wolff von der Gruppe Dortmund ist nachträglich für Dünamünde eingeteilt. Ich habe die Schwester Anne Wolff persönlich am 29.3. morgens im Auftrag des Herrn Dr. Aufrecht von der Tatsache in Kenntnis gesetzt. Der Termin der Abreise wird noch bekannt gegeben. Dr. Herzberg."

Eintrag 2. April 1942: "Am 3.4.42 stellen die Gruppen um 6.45 zwei kräftige Lagerpolizisten zu meiner Verfügung am Prager Tor. Die Gruppe Dortmund steht bei der Gruppe zum Einsatz bereit (nach Wien, Berlin). Die geforderten Polizisten sollen bei dem Abtransport der Leute nach Dünamünde behilflich sein und müssen zur genannten Stunde zu meiner Verfügung stehen. Arbeitseinsatz-Zentrale."

Diese Eintragungen bedürfen der Interpretation und der historischen Einordnung:

Der Dortmunder Transport war am 1. Februar 1942 in Riga angekommen und ins sogenannte "Reichsjudenghetto" gebracht worden. Schon bald ging man daran, die alten und nicht mehr voll arbeitsfähigen Menschen auszusortieren. "Dünamünde" war ein Tarnbegriff: Die Aussortierten sollten dort in einer Fabrik leichtere Arbeiten verrichten, so sagte man ihnen. Nur: In Dünamünde ist nie ein Transport angekommen. Das war auch schon bald den im Ghetto zurückgebliebenen Menschen klar: Die Fahrzeit nach Dünamünde betrug mindestens 30 Minuten für einen Weg, der LKW mit den Abtransportierten war aber schon nach 20 Minuten wieder zurück, um die nächste Menschengruppe zu übernehmen. Wie wir heute wissen, wurden die Menschen in den nahegelegenen Wald von Bikernieki gebracht, dort in vorbereiteten Massengräbern erschossen. 55 Massengräber und eine zentrale Gedenkstelle erinnern heute dort an den Massenmord.

Für Ferdinand Sternberg heißt das, dass er mit größter Wahrscheinlichkeit zu den Toten des ersten im Journalbuch genannten Transportes gehört. Das bisher vermutete Todesdatum – s. oben S. 6 Anmerkung 10 – muss verändert werden. Wir gehen heute davon aus, dass Ferdinand Sternberg am 30. März 1942 im Wald von Bikernieki ermordet wurde. (15)

(Hubert Schneider)

Sternberg02

Foto: Ferdinand und Ella Sternberg in Bad Mnster / Stein

______________________________________________________________

1 Alle hier angeführten Fakten sind – wenn nicht anders erwähnt – dem Nachlass der Familie Sternberg entnommen, der sich in Kopie im Archiv des Vereins "Erinnern für die Zukunft e.V." befindet. Die Unterlagen wurden dem Verein von Prof. Walter Schoenholz, dem Witwer der 1994 verstorbenen Ilse Schoenholz geb . Sternberg, und deren Söhnen Daniel und Michael zur Verfügung gestellt.

2 Das geht aus den sogen. Wiedergutmachungsakten der 50er Jahre hervor: Die drei Geschwister Berthold, Louis und Jeanette Sternberg waren zusammen mit Ilse Sternberg die Erben der ermordeten Schwester bzw. Tante Rosa Bock geb. Sternberg. Der nach 1945 in Holland lebende Bruder Julius Sternberg oder dessen Kinder tauchen als Erben nicht auf, es kann angenommen, dass er zu diesem Zeitpunkt ohne Nachkommen verstorben war. Rosa Bocks Sohn Albert, der 1939 nach Argentinien emigriert und der eigentliche Erbe seiner Mutter war, war lt. Bericht des Treuhänders Erich Bendix an das Amtsgericht Siegburg vom 15. August 1950 "in Amerika" ohne Nachkommen verstorben. Die Sterbeurkunde befand sich in Händen von Herrn Bendix.

3 Das erste Obergeschoss wurde als Büroraum an die jüdische Firma Seidemann vermietet. Da diese Etage aber zu groß war, benutzten die Seidemanns nur einen Teil für ihre Büroräume. Der andere Teil wurde abgegrenzt, man hatte sich darauf verständigt, dass die Sternbergs, nachdem sie ihre Geschäftsräume ins Parterre verlegt hatten, den größten Teil der Verkaufstheken und Regale oben stehen lassen konnten. Zur Familie Seidemann s. Hubert Schneider (Hg.): "Es lebe das Leben ... ". Die Freimarks aus Bochum. Eine deutsch-jüdische Familie. Briefe 1938-1946, Essen 2005, S. 104f. (Anm. 102).

4 Die Zwangsversteigerung fand am 10. November 1939 statt. Der Einheitswert des Hauses belief sich im Jahre 1935 auf 94 000 RM und im Jahre 1940 auf 68 500 RM. Die Rheinisch-Westfälische Bodenkreditbank, die das Anwesen bei der Versteigerung erworben hatte, verkaufte es am 1. Juli 1942 für 92 000 RM an den Kaufmann O.S. in Siegen.

5 Dieser Augenzeugenbericht wird hier nochmals als Anlage beigefügt. Neu ist, dass in dieser Nacht nicht nur die Geschäftsräume im Parterre, sondern auch im ersten Obergeschoss die Büroräume der Firma Seidemann und die dort abgestellten Verkaufstheken und Regale zerstört wurden. Margot Connell geb. Löwenstern, die damals bei der Firma Seidemann arbeitete, die rechtzeitig emigrieren konnte und die Ilse später in London traf, hat dies bestätigt. Die Zerstörungen des Geschäftes Sternberg wurden auch von anderer Seite bestätigt. K.N., der zusammen mit seiner Familie ebenfalls Kortumstraße 112 gewohnt hatte, schrieb am 1. Oktober 1945: "Als dann in der Nacht vom 8.-9. November 1938 (sic!) Wohnung und Geschäft zerstört wurden, begann auch der traurige Schicksalsweg der Fam. Sternberg." Auch O.W. aus der Brückstraße gab am 19 .Dezember 1951 zu Protokoll, dass in der "Kristallnacht" der Laden der Sternbergs "arg mitgenommen worden ist." Und Erna Philipp, frühere Sekretärin und Fürsorgerin der Synagogengemeinde Bochum, gab am 1.3.1960 vor der Botschaft der BRD in London zu Protokoll: " ... Als Sekretärin und Fürsorgerin der Synagogengemeinde Bochum führte mich mein Weg zum Gemeindehaus Bochum, Wilhelmstr. 16 bis zu meiner Auswanderung am 26. Aug. 1939 täglich durch die Kortumstraße. Die Schrecken der Kristallnacht und dem dieser Nacht folgenden Tag sind unauslöslich in meinem Gedächtnis. Die Gemeindemitglieder wandten sich an mich als Fürsorgerin um Rat. So entsinne ich mich der Zerstörung des Geschäftes Gustav Kaufmann, Kortumstraße am Tage nach der Kristallnacht. Frau Ella Sternberg, geb. Kaufmann zeigte mir, was an Unheil angerichtet war. Schaufenster und Glaskasten zerschlagen, alle Einrichtungsgegenstände im Laden und Büro zertrümmert. Stoffe zerschnitten und alles durcheinander vertrampelt. Es war ein solches Bild sinnloser und brutaler Zerstörung, wie ich es niemals vorher oder nachher gesehen habe und dessen ich mich deshalb nach mehr als 20 Jahren noch erinnere." Für Schaden an Eigentum infolge Zerstörung und Plünderung der Schaufensterauslagen, der Warenvorräte und der Geschäftseinrichtung in der Kristallnacht wurde Ilse Schoenholz lt. Bescheid des Regierungspräsidenten Arnsberg vom 19. Dezember 1961 7.000 DM zugesprochen. Der darüber hinausgehende Entschädigungsantrag – Frau Schoenholz hatte 10 000 DM gefordert – wurde zurückgewiesen.

6 In einem der zahlreichen sogenannten "Wiedergutmachungsverfahren", die Ilse Schoenholz geb. Sternberg nach dem Krieg führte, kam es im Dezember 1951 mit der Firma in der Brückstraße zu einer juristischen Auseinandersetzung. Der Verfahrensgegner von Ilse Schoenholz erklärte, er habe nur eine kleine Menge an Seiden-und Chiffonresten der Firma Sternberg übernommen,. Die Bezahlung sei teilweise in bar, z. Teil dadurch erfolgt, dass er das Ehepaar Sternberg "mit Unterwäsche eingekleidet habe." Das Verfahren endete mit einem Vergleich: Ilse Schoenholz erhielt 300 DM, war aber niemals mit diesem Ergebnis einverstanden.

7 Ilse hatte zunächst vier Jahre die jüdische Volksschule in Bochum besucht, war dann zur Städtischen Oberschule für Mädchen gewechselt. Sie war eine sehr gute Schülerin, wie die erhaltenen Zeugnisse belegen. Die Höhere Schule, das Freiherr v . Stein-Gymnasium, musst sie im November 1938 auf Grund eines Erlasses des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15.11.1938 verlassen. Am 24.8.1939 wanderte sie nach England aus. Nach ihrer Ankunft in Folkstone wurde Ilse, wie die meisten Kinder, in einer Herberge untergebracht. Nach kurzer Zeit wurde sie von einer englischen Familie aufgenommen, verbrachte dort einige Monate, gewöhnte sich an die neuen Verhältnisse. Mehrere Umsiedlungen folgten, bis sie schließlich zu einer recht wohlhabenden jüdischen Familie in Manchester kam, bei der sie dann ihre Schulausbildung in England beginnen konnte. Sie ging drei Jahre zur Stand Grammar School for Girls in Salford nahe Manchester, schloss als einziges nichtenglisches Mädchen als Zweite ihres Jahrgangs ab, was ihr ein Stipendium für ein Universitätsstudium einbrachte. Sie studierte in Exeter, Devonshire, an der University of the South West und belegte vorwiegend Sprachen. Sie schloss ihr Studium 1947 mit "honours" in Französisch ab und bekam the Bachelor of Arts Diplom. Bis zu ihrer Heirat mit Walter Schoenholz und der Ausreise in die USA im Herbst 1952 arbeite Ilse Sternberg als Sekretärin verschiedenen Stellen in England und Frankreich.

8 Die Korrespondenz zwischen Eltern und Tochter dauerte bis Januar 1942: Nach Kriegsbeginn über Verwandte in Luxemburg. Nachdem Luxemburg von Deutschland besetzt worden war, lief der Briefwechsel über Verwandte in Portugal

9 Mit der Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft wurde nach dem 9. November 1938 begonnen. Am 20.12.1938 richtete Dr. Syrup als Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung – mit ausdrücklicher Billigung Hermann Görings – an die Präsidenten der Landesarbeitsämter folgenden Erlass: "Nach den mir vorliegenden Berichten hat sich die Zahl der Arbeitslosen erheblicht vermehrt. Der Staat hat kein Interesse daran, die Arbeitskraft der einsatzfähigen, arbeitslosen Juden unausgenutzt zu lassen und diese unter Umständen aus öffentlichen Mitteln ohne Gegenleistung zu unterstützen. So ist anzustreben, alle arbeitslosen und einsatzfähigen Juden beschleunigt zu beschäftigen und damit nach Möglichkeit die Freistellung deutscher Arbeitskräfte für vordringliche, staatspolitisch wichtige Vorhaben zu verbinden. Der Einsatz erfolgt in Betrieben, Betriebsabteilungen, bei Bauten, Meliorationen usw., abgesondert von der Gefolgschaft. (...) Es ist sichergestellt, dass dem Unternehmer oder seinem Betrieb aus der Tatsache, dass er Juden beschäftigt, keinerlei Nachteile erwachsen." Es war offensichtlich, dass den Juden nur ausgesucht schwere und unangenehme Arbeit zugeteilt werden sollte. Baustellen, Straßen- und Wegebau, Abfallbeseitigung, öffentliche Toiletten und Kläranlagen, Steinbrüche und Kiesgruben, Kohlehandlung und Knochenarbeit wurden als passend angesehen. Bereits am 19. November 1938 waren die Juden aus dem allgemeinen Wohlfahrtssystem ausgeschlossen worden: Sie mussten sich an besondere Stellen wenden, und an sie wurden andere und weit strengere Beurteilungskriterien angelegt als an die allgemeine Bevölkerung. Die deutschen Fürsorgebehörden versuchten, die Last auf die jüdischen Wohlfahrtsdienste abzuwälzen, aber auch dort waren die verfügbaren Mittel durch die zunehmende Not überbeansprucht. Die Lösung für das Problem sollte der Erlass vom 20. Dezember 1938 bringen. (S. hierzu Gruner, Wolf: Der geschlossene Arbeitseinsatz deutscher Juden. Zur Zwangsarbeit als Element der Verfolgung 1939-1943, Münster 1988.

10 Alfred Gottwaldt und Diana Schulle geben zu diesem Transport, der am 27. Januar 1942 in Dormund abging und am 1. Februar 1942 in Riga ankam, mit dem 938 Personen deportiert wurden: Vorgesehen war die Deportation von Juden aus dem Gestapobezirk Dortmund schon für den 12. Dezember 1941. Der Grund für die Verschiebung um sechs Wochen lag vermutlich in der allgemeinen Verkehrssperre, um während der Weihnachtszeit 1941 die zahlreichen Urlauberzüge für Wehrmacht und Rüstungsindustrie nicht zu behindern. Neben 293 Dortmunder Juden befanden sich 64 Personen aus Bochum (inzwischen sind die Namen von 71 Bochumern bekannt HS), 377 Juden aus Gelsenkirchen sowie Juden aus weiteren 20 Städten des Einzugsbereichs der Gestapoleitstelle Dortmund in diesem Transport. Er begann seinen Lauf in Gelsenkirchen und nahm in Recklinghausen weitere 70 Personen auf, bevor auf einem abgelegenen Gleisabschnitt an der Nordseite des Hauptbahnhofs Dortmund die Juden aus jener Stadt zusteigen mussten. Aus diesem Transport sind 121 Überlebende bekannt." (Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Eine kommentierte Chronologie, Wiesbaden 2005, S. 135). Jeanette Wolff, die mit demselben Transport wie die Sternbergs im Januar 1942 mit ihrer Familie von Dortmund nach Riga deportiert worden war, hat nach ihrer Befreiung im Jahre 1947 einen Erlebnisbericht geschrieben: Sadismus und Wahnsinn. Erlebnisse in den Deutschen Konzentrationslagern im Osten. Der Text ist im Jahre 2002 erneut veröffentlicht worden. In: Bernd Faulenbach (Hg.) unter Mitarbeit von Anja Wissmann: "Habt den Mut zu menschlichem Tun". Die Jüdin und Demokratin Jeanette Wolff in ihrer Zeit (1888-1976), Essen 2002, S. 101 – 136.

11 Auffällig ist hier, dass es für die Deportation von Ella Sternberg Zeugen gibt, vom Schicksal Ferdinand Sternsbergs hat der Briefschreiber nur gehört. Siehe hierzu unten Seite 8. Fast zum gleichen Zeitpunkt erhielt Ilse Sternberg von dem in Deutschland stationierten und ihr bekannten Soldaten L.A.G. Nicholson einen Brief, datiert vom 15. Dezember 1945. Ilse hatte ihn gebeten, in Bochum Nachforschungen nach ihren Eltern anzustellen, was er auch getan hatte. Nicholson hatte bei verschiedenen jüdischen Leuten Erkundigungen eingeholt, Frau Rute, wohnhaft in der Lindener Strasse 92, hatte ihm berichtet: Am 21. Januar 1942 wurde ein Befehl herausgegeben, durch den alle in Bochum wohnenden Juden (darunter auch Herr und Frau Sternberg) aufgefordert wurden, auf Anordnung der Gestapo am Bochumer Hauptbahnhof zu erscheinen, wo sie die Schlüssel zu ihrer Wohnung abliefern und in einen Sonderzug einsteigen mussten. Frau Rute war die Frau des früheren Synagogendieners. Ihr Mann und ihre Tochter Eva sind Opfer der Shoah. Siegbert Vollmann berichtete später, dass Frau Rute 1945 kurzfristig in Bochum war, dann aber in die amerikanische Besatzungszone zu ihrem Sohn Leo gezogen sei. Walter Schoenholz, der Ehemann von Ilse Schoenholz, berichtet in einem Brief v. 17.10.2004, dass andere Überlebende Ilse nach dem Krieg erzählt hätten, Ella und Ferdinand Sternberg seien im Ghetto in Lodz gesehen worden. Dafür gibt es keine Bestätigung.

12 Ella Sternberg wurde durch Beschluss des Amtsgerichts Bochum vom 19. Juli 1949 für tot erklärt. Als Todesdatum wurde der 8.Mai 1945 festgesetzt. (Akten jüdische Gemeinde).

13 Zu diesem Transport schreibt Jeanette Wolff: "Am Morgen des 25. Januar 1942 (es war wohl der 27. Januar) trat ein lange, trauriger Zug unter Bewachung der Gestapo den Weg (vom Börsensaal) zum Bahnhof an. Nicht etwa, dass man uns auf den Bahnsteig brachte, wir wurden weit außerhalb der Station in vollkommen verschmutzte, ungeheizte Waggons verladen, auf deren Toiletten der Kot halbmeterdick gefroren war. Wohin wir kamen, wussten wir nicht. Erst als wir im Zuge waren, sickerte langsam durch, dass unser Weg nach Riga in Lettland ging. In ungeheizten Waggons eingeschlossen, ohne irgend etwas Warmes, ohne Verpflegung und die Möglichkeit, seine Notdurft zu verrichten, fuhren wir fünf Tage und fünf Nächte. Als wir die Begleitmannschaften baten, austreten zu dürfen, mussten in jedem Waggon die Aborte mit den Händen ohne Werkzeug gesäubert werden. Das war, abgesehen von dem aufsteigenden Ekel, in der bitteren Kälte eine furchtbare Arbeit. Man ließ schließlich nach langem Bitten aus jedem Waggon einige Leute nach Wasser gehen – wir waren fast verdurstet -, dann durften wir uns für fünf Minuten draußen im Schnee notdürftig säubern und austreten, Männlein und Weiblein gemeinsam; für die Frauen und Mädchen eine schreckliche Angelegenheit. Ging’s der SS nicht schnell genug, gab es auch Kolbenschläge. Die furchtbare Kälte, und dazu noch Tag und Nacht fast unbeweglich sitzen müssen, brachte entsetzliche Erfrierungen mit sich, an denen später noch viele zugrunde gingen. Hunderten von Menschen faulten die Zehen und die Finger ab. Mehrere Waggons mit Lebensmitteln waren von der jüdischen Gemeinde und den Verschickten zusammengebracht worden. Diese Waggons wurden in Königsberg abgehängt. Ebenso sahen wir die Gepäckwagen mit unseren Koffern, Matratzen, Öfen und Nähmaschinen , die mitgenommen worden waren, niemals wieder. Endlich nach langer Qual kamen wir hungrig und steif gefroren am Rigaer Bahnhof Shirotawa an. Deutsche und lettische SS empfing uns am Bahnhof mit Stock und Kolbenschlägen, und das noch vorhandene Gepäck wurde uns aus der Hand geschlagen. Ungefähr meterhoch lag der Schnee in unberührter Weiße, und über diesem, am unendlich tiefblauen Himmel, stand eine strahlende Sonne. Eine Märchenlandschaft, so erschien sie uns, die wir aus dem Kohlenrevier kamen. Damals wussten wir noch nicht, dass unter diesem Schnee schon Tausende von Leichen, Opfer der Nazis, begraben lagen, dass diese zartweiße Schneedecke für Tausende unschuldiger Menschen zum Leichentuch geworden war. Dann kam der Weg ins Getto ..." (Jeanette Wolff, Sadismus und Wahnsinn, S. 103f.).

14 Zur Aktion "Dünamünde" und zum Holocaust in Lettland s. das kürzlich erschienene Buch von Andrej Angrick und Peter Klein: Die "Endlösung" in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941-1944, Darmstadt 2006. Die Autoren werten auch alle erreichbaren Dokumente zur Situation im "Reichsjudenghetto" aus.

15 Ferdinand Sternberg wurde auf Beschluss des Amtsgerichts Bochum vom 19. Juli 1949 für tot erklärt. Als Todesdatum wurde der 8. Mai 1945 festgesetzt.