Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2006                          Nr. 10

Inhaltsverzeichnis

Wiedersehen mit Rosi Rubens in Santiago de Chile

Bei ihrem Besuch in Chile im Januar 2006 trafen sich Ingrid und Hubert Schneider mit Frau Rosi Rubens zweimal in deren Wohnung. Die Besucher von 1995 werden sich alle an das Ehepaar Rubens erinnern. Sie waren ein auffallendes Paar, elegant und sehr freundlich im Umgang. Leider erkrankte Werner Rubens damals, musste mehrere Tage im Krankenhaus verbringen. Inzwischen ist er verstorben, aber Rosi Rubens trafen wir, nunmehr 98 Jahre alt - das darf man in diesem Alter wohl sagen - in alter geistiger Frische an. Nur das Augenlicht hat nachgelassen. Durch das Radio ist sie trotzdem über die Geschehnisse in der Welt informiert. Und sie hat feste Positionen, wenn es um die Einschätzung der politischen Situation in Chile geht (während unseres Aufenthalts fanden gerade die Präsidentenwahlen statt).

Es waren aufregende Stunden, die wir mit ihr verbringen durften. Zeitweise waren ihre Tochter, ihre Enkeltochter und ihre Urenkelkinder anwesend. Es war faszinierend, wie sie fast übergangslos mit den unterschiedlichen Gesprächspartner spanisch, englisch oder deutsch parlierte. Sie hätte es auch in französisch gekonnt. Natürlich sprachen wir sehr ausführlich über ihr Leben in Europa und in Chile.

Rosi Flatow, geboren 1908 in Wattenscheid, wuchs als einziges Kind der Eheleute Bertha und Philipp Flatow auf, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in Wattenscheid lebten und ein gutgehendes Herrenbekleidungsgeschäft auf der Oststraße 21-23 eröffnet hatten."Flatow. Größtes Spezialgeschäft für Herren- und Knabenbekleidung am Platze!" Warb das Kaufhaus 1925 um neue Kundschaft. Bereits Mitte der zwanziger Jahre hatte sich Phjilipp Flatow soweit vergrößert, dass er als weiteres Eigentum das Wohnhaus an der Oststraße 19, Ecke Voedestraße erwarb, in dessen Erdgeschoss sich ein Gasthaus befand. Ende der 20er Jahre schloss Rosi Flatow, die mit sieben jüdischen Mädchen das "Städtische Lyzeum zu Wattenscheid" besucht hatte, ihre Schulausbildung ab.

Sie heiratete 1932 Werner Rubens und begleitete ihren Mann nach Köln, wo beide ein Universitätsstudium aufnahmen und wo sie die ersten Jahre des Naziregimes erlebten. Sie studierte romanische Sprachen und Literatur, Werner Rubens Sozialökonomie. In Köln unterstützten die jungen Eheleute Rubens- Flatow, die selbst keiner Partei angehörten, untergetauchte politisch Verfolgte, indem sie ihnen nächtliche Unterkunft gaben. Manchmal tippte Rosi Rubens auf Diktat Flugblätter.

Mitte der 30er Jahre, die "Nürnberger Rassegesetze" waren bereits bekannt gegeben worden, sahen Rosi und Werner Rubens keine Zukunft mehr in Europa. Der Vertrieb von Radios und anderen Kommunikationsmitteln, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdient hatten, wurde jüdischen Bürgern verboten. Ihr Mann habe gesagt: "Wir bleiben nicht in Europa. Wir gehen besser weit weg", erzählt Rosi Rubens über die Entscheidung zur Flucht. Die Entscheidung, nach Chile zu gehen, fiel Rosi und Werner Rubens nicht ganz so schwer. Sie gehörten zur jungen Flüchtlingsgeneration, die eine Ausbildung hatte und außerdem hatten sie Freunde, die schon in Chile lebten. "Es fällt leichter, in einem fremden Land Fuß zu fassen, wenn man bereits irgendwelche Beziehungen dorthin hat", schildert Rosi Rubens ihre Erfahrungen. Im September 1936 kamen sie im Hafen von Valparaiso an. Der Neuanfang fiel zu diesem Zeitpunkt noch leichter als später, nachdem die Devisengesetzgebung oder die Bestimmung für die Mitnahme von Gütern verschärft wurden. Das Ehepaar Rubens konnte sogar seine ganze Bibliothek mitnehmen, auch Bücher, die sie vor der Bücherverbrennung 1933 gerettet hatten. Für Werner Rubens, der eine Ausbildung als Innenarchitekt hatte, fiel der Einstieg ins chilenische Berufsleben leichter als vielen anderen. Später verlegte er sich auf die Fabrikation von Möbeln, die sehr nachgefragt waren. In der deutsch-jüdischen Gemeinde "B'ne Jisroel", die in Chile 1938 von Emigranten gegründet wurde, fanden viele Emigranten einen Heimatersatz. Rosi Ruben wurde zur Mitbegründerin der deutsch-sprachigen Frauengruppe der WIZO (Womens Jewish Zionist Organisation) in Santiago. 15 Frauen waren es, die 1937 die Gruppe bildeten. Rosi Rubens hatte bis vor kurzem noch die Leitung der Frauengruppe inne, die ein umfassendes Kulturprogramm organisiert und auch das jüdische Altersheim in Santiago betreut. Die Leitung hat Frau Rubens inzwischen abgegeben, aber sie ist immer noch sehr gut informiert, ihr Rat ist immer noch sehr gefragt.

Lange hatten Rosi und Werner Rubens einen Besuch in Deutschland abgelehnt, Werner Rubens hatte es sogar abgelehnt, einen sogenannten "Entschädigungsantrag" für den Besitz seiner Frau in Wattenscheid zu stellen. Er wollte mit Deutschland nichts mehr zu tun haben. Als dann 1995 die Einladung der Stadt Bochum zu einem Besuch kam, waren es vor allem die inzwischen aufgebauten Kontakte zu Irmtrud Wojak, die das Ehepaar dazu bewegten, die Einladung anzunehmen. Und ich denke, das war auch gut so. Der Kontakt zu uns, der nach 1995 nie abgebrochen ist, wurde nach dem Besuch im Januar dieses Jahres noch intensiviert, ja, er ist zu einer Freundschaft geworden. Gepflegt wird sie weniger durch Briefe, aber das Telefon ermöglicht vieles. Wir hoffen wenigstens, dass noch möglichst lange das Telefon klingelt und eine muntere Stimme sagt: "Hallo, hier ist Rosi. Ich möchte mal wieder Eure Stimmen hören ...".

(Hubert Schneider)
 

RosiRubens

Foto: Rosi Rubens mit Enkelin Valerie und Urenkelkindern im Januar 2006