Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins. 

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

- Veranstaltung zum 9. November 2006: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2006 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. 2006 stand die Gedenkveranstaltung ganz im Zeichen der seit 2004 in Bochum durch den Kölner Künstler Gunter Demnig verlegten "Stolpersteine". Bereits um 15 Uhr begleiteten Klaus Kunold und Hubert Schneider zahlreiche Bochumer Bürger auf unterschiedlichen Rundgängen zu den bereits verlegten Stolpersteinen: Klaus Kunold begann am Schauspielhaus, Hubert Schneider am Dr. Ruer-Platz. Im Mittelpunkt der um 17.30 beginnenden Hauptveranstaltung standen Beiträge von Dr. Ingrid Wölk und Schülern des Europäischen Bildungszentrums: Dr. Wölk führte in das Projekt "Stolpersteine" ein, die Schüler präsentierten die Ergebnisse ihrer Recherchen, sie sie als Paten des Stolpersteins für Stefan Hamburger erarbeitet hatten.

- Das Projekt Stolpersteine wurde 2006 und 2007 fortgeführt: Im  November 2006 und im Mai 2007 war Gunter Deminig wieder in Bochum, verlegte zahlreiche Steine, am 22. November 2006 stellten einige Paten ihre Recherche-Ergebnisse während einer Veranstaltung im Museum Bochum einer größeren Öffentlichkeit vor. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Unser Verein hatte 2006 die Recherchen für Ella und Ferdinand Sternberg übernommen. Ursula Saul-Ludwig und Johannes Ludwig haben die Ergebnisse am 22. November im Museum Bochum präsentiert. Eine Besonderheit im Falle Sternberg war, dass die Enkel von Ella und Ferdinand, die in den USA leben, die Arbeit an den Recherchen intensiv begleitet haben. Ihnen wurde die Kopie einer Videoaufzeichnung von der Stein-Verlegung und von der Präsentation im Museum zur Verfügung gestellt.

- Die Diskussion um die Gestaltung einer Stele zum Projekt "Stolpersteine", die an zentraler Stelle in Bochum aufgestellt werden soll, ist abgeschlossen.  Die Stele wird noch in diesem Jahr aufgestellt werden.

- Im Dezember 2006 feierten wir Richtfest beim Bau der neuen Bochumer Synagoge. Der Bau ist inzwischen weit fortgeschritten, die Synagoge wird noch in diesem Jahr eingeweiht werden.  Der "Freundeskreis Bochumer Synagoge" - der Vorsitzende Gerd Liedtke ist Mitglied unseres Vereins, Hubert Schneider ist Mitglied des Beirates - sammelt in zahlreichen Veranstaltungen nicht nur Geld, sondern klärt in verschiedenartigen Veranstaltungen auch über jüdisches Leben im Allgemeinen und in Bochum im Speziellen auf. Das führte zu einigen Veranstaltungen, die unser Verein zusammen mit dem "Freundeskreis" und anderen Trägern durchführte.

 - Von besonderer Bedeutung für die Erinnerungskultur in Bochum war im Jahre 2006 die Entscheidung der Stadt Bochum, dem Deutschen Riga-Komitee beizutreten. Unser Verein hatte während der Sitzung unseres Vereins über die Gedenkstätte in Riga-Bikernieki diskutiert, die an die 1941/42 nach Riga deportierten und dort ermordeten Juden erinnert. Der Verein fasste den Beschluss, bei der Stadt Bochum den Antrag zu stellen, die Stadt Bochum möge dem deutschen Rigakomitee beitreten, das sich u.a. die Pflege dieser Gedenkstelle zur Aufgabe gemacht hat. Hubert Schneider stellte daraufhin diesen Antrag, der ohne Probleme die Gremien durchlief, so dass der Rat der Stadt Bochum noch vor Weihnachten den Beschluss fasste, dem Riga-Komitee beizutreten. Der offizielle Beitritt wurde in einer bewegenden Veranstaltung am 27.1.2007 vollzogen.

- Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") und auf dem jüdischen Friedhof wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat. 

- Nach dem Erscheinen des Freimark-Buches veranstaltete Hubert Schneider zahlreiche Lesungen in der Stadt. Hervorzuheben sind die sehr gut besuchten Veranstaltungen in der Buchhandlung Janssen und im Gemeindesaal der Bochumer Meinolphuskirche. Letztere war besonders anregend, weil die Freimarks ja in den 30er-Jahren direkt gegenüber dieser Kirchen wohnten. Eine weitere Lesung fand im katholischen Forum statt.

- Hubert Schneider hielt bei verschiedenen Veranstaltungen Vorträge: Bei einem Workshop in Bochum im Institut für soziale Bewegungen zum Thema "Zwangsarbeiter" referierte er zum Thema "Jüdische Displaced Persons und die deutsche Bevölkerung" (der Vortrag liegt inzwischen in gedruckter Form vor). Bei einem Workshop in Essen berichtete er über die Rolle der deutschen Industrie beim Völkermord an den Juden (Beispiel IG Farben und Auschwitz-Monowitz). Der Vortrag kann im Internet nachgelesen werden. In Kooperation mit dem "Freundeskreis Bochumer Synagoge" und dem Stadtarchiv veranstaltete Hubert Schneider im Stadtarchiv einen Workshop zum Thema "Judenhäuser in Bochum". Die Kooperation mit dem Bochumer Anwaltsverein wurde wieder belebt: Am 28. Oktober hielt Hubert Schneider im Landgericht Bochum einen Vortrag zur Biografie Dr. Siegmund Schoenewalds als Rechtsanwalt. Neue Aktenfunde hatten einen vertieften Einblick in das Geschehen in Bochum 1933 ermöglicht. In Kooperation mit dem Anwaltsvereins und dem "Freundeskreis Bochumer Synagoge" hielt Hubert Schneider am 16.11.2006 im Planetarium Bochum einen Vortrag zum Schicksal des Ehepaars Schoenewald. In Kooperation mit dem Landgericht Hagen hielt Hubert Schneider am 29.11.2006 einen Vortrag zum Thema "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt ... ". Im Mittelpunkt der Ausführungen standen Berichte über Nichtjuden, die unter Einsatz ihres Lebens während der Zeit 1933-1945 Juden vor der Ermordung retteten.

- Gemäß unseres Satzungsauftrages kümmern wir uns auch um die weitere Erforschung jüdischen Lebens in Bochum. Im Zentrum der Arbeit steht seit einiger Zeit die Geschichte der Bochumer Judenhäuser. Hubert Schneider bereitet eine größere Studie vor, wird das Projekt demnächst im Forschungskolloquium von Professor Tenfelde vorstellen. Daneben steht ein kleineres Projekt "Hünnebeck",  für das eine Publikation in Kooperation mit dem Stadtarchiv und der "Rosa Strippe" in Arbeit ist.

- Inzwischen gibt es in Bochum eine "Ottilie-Schoenewald-Schule". Der von Hubert Schneider zur Begründung der Namensgebung gehaltene Vortrag liegt inzwischen gedruckt als Broschüre vor.

- Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Ein intensiver Briefwechsel zeugt davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird. Vereinzelt werden wir gedrängt, das Blatt doch mehrmals im Jahr erscheinen zu lassen. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden. So haben wir in diesem Jahr u.a. wertvolle Informationen zur "Arisierung" des Betriebes des Vaters von Herrn Wassermann erhalten.

- Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richtet. So unterstützen wir die Aktion "Eine Stadt solidarisch - Nazis keine Chance: Bochum gegen rechts”. Einige Mitglieder unseres Vereins - Klaus Kunold, Ursula Saul-Ludwig und Johannes Ludwig - sind dabei sehr aktiv.

- Regelmäßig bekommen wir Anfragen aus der Stadt oder von außen, die Fragen nach dem früheren jüdischen Leben in Bochum betreffen. Immer wieder beraten wir Studierende und Leute, die sich mit Aspekten jüdischen Lebens in Bochum beschäftigen. Dabei tauchen immer neue Aspekte auf: So betreute Hubert Schneider eine Arbeit über den Fußballverein des RjF Schild Bochum. Im Moment betreut er eine Examensarbeit zum Thema "Anfänge jüdischen Lebens in Bochum". Ganz aktuell ist die Anfrage einer Großnichte von Paul Schüler, Bankier in Bochum, der 1942 nach Riga deportiert wurde, die Informationen über Onkel und Tante haben möchte.

- Auch als Institution sind wir in Bochum präsent: Hubert Schneider arbeitet als Vorsitzender des Vereins mit im Beirat des Freundeskreises Bochumer Synagoge und im Beirat des Stadtarchivs Bochum. Im Freundeskreis engagieren wir uns v. a. bei der Öffentlichkeitsarbeit, wenn es um die Geschichte der alten jüdischen Gemeinde geht. Der Beirat im Stadtarchiv beriet  das Archiv bei der Gestaltung einer stadtgeschichtlichen Ausstellung nach dem Umzug in das alte Aralhaus. Für die stadtgeschichtliche Ausstellung hat unser Verein ein Fotoalbum der jüdischen Familie Salomons zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung wurde am 3. Juni 2007 eröffnet.

- Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde. Im November starb Gerhard Jordan in New York, der zu den Besuchern von 1995 gehörte. Und Ende Dezember erhielten wir die betrübliche Nachricht, dass Rosi Rubens, mit der Hubert Schneider bis kurz vor ihrem Tod engen Kontakt hatte, am 23. Dezember gestorben ist. In Nachrufen in der Presse in Santiago und in der WAZ wurden Leben und Wirken von Frau Rubens gewürdigt. Und zuletzt erreichten uns die Nachrichten, dass Shimon Zucker in Israel und Audrey Mishow in St. Louis verstorben sind. Mit Herrn Zucker hatte sich zuletzt ein Kontakt angebahnt. Frau Mishow gehörte  - zusammen mit ihrem bereits vor Jahren verstorben Mann Fred - zu den Besuchern von 1995. Sie stand in regelmäßigem brieflichen Kontakt mit uns. Wir trauern mit den Angehörigen, werden die Erinnerung an die Verstorbenen in unserem Gedächtnis bewahren. 

- Nach wir vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Dank des großen Einsatzes von Johannes Ludwig wurde dies möglich.

Unsere Adresse: http://www.erinnern-fuer-die-zukunft.de               

(Hubert Schneider)