Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

Blick in die Geschichte:
Die Einweihung der Bochumer  Synagoge im Jahre 1863 

Mit dieser neuen Rubrik möchten wir an große Ereignisse in der Geschichte der alten jüdischen Gemeinde und der Stadt Bochum erinnern. Aus aktuellem Anlass - im November d.J. wird die neue Synagoge eingeweiht - erinnern wir an die Einweihung der Bochumer Synagoge am 28. August 1863. Wir zitieren aus der Berichterstattung der lokalen Presse. 

Bereits am 26.8.1863 finden wir im Bochumer Kreisblatt und am 27.8.1863 im Märkischen Sprecher folgendes Inserat:

Synagogenweihe
Der Tempel unserer jüdischen Gemeinde ist nun fertig und steht der Einweihung nahe. Derselbe gehört, seiner Ausstattungen wegen, zu den Zierden der Stadt und dürfte es daher als Er-kenntlichkeit unsererseits erscheinen, wenn wir bei einem solchen seltenen Feste eine allgemeine Theilnahme zeigten, welche durch Bekränzung und Beflaggung der Straßen und Häuser zu erkennen gegeben würde. Bei ähnlichen Festen unsererseits hat die jüdische Gemeinde stets gleiche Aufmerksamkeit beobachtet und dürfen wir in diesem Falle von derselben nicht zurückstehen.


Im Märkischen Sprecher lesen wir dann am 1.9.1863 einen ausführlichen Bericht über die Einweihungsfeierlichkeiten:
Bochum, 31.Aug. Am 28. D. M. wurde in unserer Stadt die neue Synagoge, zu welcher vor ungefähr drei Jahren der Grundstein gelegt wurde, feierlich eingeweiht. Wir geben in Folgendem eine kurze Schilderung dieser für unsere Stadt so bedeutungsvollen Festlichkeit. - Nachmittags 4 Uhr gedachten Tages versammelten sich die Mitglieder der hiesigen israelitischen Gemeinde in der alten Synagoge, wo der Cantor derselben, Herr Edelstein, in kurzen, aber recht erhebenden  Worten die Abschiedsrede hielt. Darauf wurden die heil. Gesetzrollen den hierzu bestimmten Trägern übergeben und der Zug setzte sich dann in folgender Ordnung nach der neuen Synagoge durch die schön geschmückten Straßen in Bewegung. Voran die Schuljugend, geführt von 2 Comité-Mitgliedern, sodann der Rabbiner Dr. Philippsohn aus Bonn, dem die Einweihung übertragen war, begleitet von 2 Mitgliedern des Synagogen-Vorstandes. Hierauf folgte der Cantor der Gemeinde in Begleitung von 2 Amtsgenossen, den Toraträgern, denen sich die Sänger und Sängerinnen des Synagogenchors anschlossen. Die Gemeindemitglieder folgten dann zwei und zwei geordnet. Sobald der Anfang des Festzuges vor der neuen Synagoge, in der sich bereits der Landrath, der Magistrat und die Stadtverordneten eingefunden hatten, (ankam), ertönte drinnen das Präludium der Orgel, während dessen sich der Zug in die Synagoge begab. Der Rabbiner  und Cantor stellten sich vor dem Altar auf, die Gesetzrollenträger zu beiden Seiten derselben, die Gemeindemitglieder, denen sich ein großer Theil der hiesigen Bürgerschaft, sowie viele Auswärtige, angeschlossen hatten, nahmen in den unteren Räumen der Synagoge Platz. Nach beendigtem Präludium folgte ein Chorgesang, worauf der Festprediger, Dr. Philippsohn, die Kanzel betrat und mit dem üblichen Einweihungsspruche 'Schehechejonu' und dem Tempelweihgebete Salomonis (1.B.der Könige), hebräisch und deutsch gesprochen, den Act der Einweihung vornahm. Nach Beendigung dieses so erhebenden Gebetes folgte wiederum Choralgesang, während dessen ein dreimaliger Umzug durch die Synagoge mit den Gesetzrollen statt fand, die dann der Rabbiner in die heil. Lade stellte und mit den Worten: 'Heilig, heilig, heilig dem Ewigen!' den Einweihungsakt beschloß.

Diese feierliche Handlung, noch aber die sich hier anschließende Festrede, verfehlte nicht, den erhebendsten Eindruck auf die zahlreichen Zuhörer zu machen, wie es allerdings von dem rühmlichst bekannten Kanzelredner nicht anders zu erwarten war. In der Festpredigt entwickelte der Redner gründlich und deutlich, daß die israelitische Religion der Bund des Friedens sei 1) mit der ganzen Welt, 2) für Israel in‘s Besondere, 3.) für jeden einzelnen Israeliten. Die Ausführung und Entwicklung fand bei allen Anwesenden den ungetheiltesten Beifall. Mit einem innigen und ergreifenden Gebet auf König und Vaterland (Preußen in's Besondere, Deutschland im Allgemeinen), auf unsere Stadt, ihre Bewohner, Behörden und Bildungs-Anstalten, und auf die Provinz Westfalen, schloß die kirchliche Einweihungsfeier. Nach kurzer Pause begann der Abendgottesdienst, der durch die Mitwirkung des Synagogen-Chores und durch die gefällige und würdige Vortragsweise des Cantors Edelstein in recht feierlicher und erhebender Art war.

Am andere Tage hatten sich die Mitglieder der Gemeinde und die Festgenossen wiederum recht zahlreich in der Synagoge zum Morgengottesdienste eingefunden. Leider war aber Herr Dr. Philippsohn, in Folge der Anstrengung des vorigen Abends, nicht im Stande, dem allgemeinen Wunsche der Zuhörerschaft, sie durch einen religiösen Vortrag zu erbauen, nachzukommen. Im Auftrages des Vorstandes hatte es daher Her Lehrer Lewinger aus Dortmund, der dem Einweihungsfeste als Ehrengast beiwohnte, übernommen, einige Worte der Andacht an die Gemeinde zu richten. Anknüpfend an die Textworte der Festpredigt zeigte der Redner, daß das Gotteshaus eine Anstalt des Friedens und des Heiles sei. - Um 11 Uhr war der Morgengottesdienst beendigt.

Um 1 Uhr versammelten sich die Festgenossen in großer Zahl zu einem gemeinschaftlichem Mahle im Gartenlocal des Herrn Scharpenseel, woran der Magistrat, die Stadtverordneten und der Festprediger theilnahmen. Sinnreiche Trinksprüche würzten das Festmahl; der erste Toast galt dem Könige und wurde von Bürgermeister Greve ausgebracht, der zweite dem Muthe, der Thatkraft und Ausdauer des Synagogen-Vorstands, von Herrn Dr. Philippsohn ausgebracht. Der dritte offizielle Toast wurde von dem Vorsteher Herrn Ph. Würzburger auf den Festpediger ausgebracht und der vierte Toast von dem Vorsteher L. Würzburger galt den Behörden der Stadt, der fünfte von dem Vorsteher Herrn Herm. Herz auf die Bürgerschaft Bochum's, die so vielfach deutliche Beweise von reger Theilnahme an dem Synagogen-Weihefeste gegeben. Diesen fünf offiziellen Toasten folgten noch viele andere, zum Theil auch humoristischen Inhalts. Nach beendigtem Mahle, (woran circa 270 Personen theil nahmen), das Alle recht befriedigt verließen, wurden die Festgenossen durch die kleine Posse: 'Doctor Peschke' recht angenehm bis Sonnenuntergang unterhalten. Vor Beginn der theatralischen Vorstellung jedoch wurde ein Festprolog gesprochen, dessen Haupt-Inhalt: 'Glaube, Liebe, Hoffnung' die Zuhörer zu einem nicht enden wollenden Applaus hinriß. Den Schluß des zweiten Festtages bildete der Festball, der die frohen Tänzer und Tänzerinnen bis lange nach Mitternacht in heiterster Stimmung vereinigt hielt.

Der dritte und letzte Festtag verlief, wie die beiden vorhergegangenen, in der schönsten Weise, ohne jegliche Störung. Selbst der Himmel war diesen Festtagen recht günstig, weßhalb die fröhliche Menge den heutigen Nachmittag meist im Garten des Festlocals zubrachte, während die Giesenkirchen'sche Kapelle aus Dortmund die Piecen des gutgewählten Programms executeirte. Zum Amüsement der Festgenossen trug ein schönes Feuerwerk wesentlich bei, nach welchem der Saal sich wieder mit tanzlustigen Herren und Damen füllte, so sie bis zum anderen Morgen in der ungestörtesten Harmonie zusammenblieben. Endlich verdient noch hervorgehoben zu werden, daß der Herr Schapenseel mit bekannter Gewandtheit es verstandent, durch gute Speisen und Getränke sowie durch musterhafte Bedienung die Freuden des Festes wesentlich zu erhöhen.

So vergingen die drei Festtage in der schönsten Weise. Es war ein Fest, wie es vielleicht noch nie unsere Stadt gefeiert, ein Fest der Einmüthigkeit und der Verbrüderung aller Bürger, ohne Unterschied des Glaubens, ein Fest, das bei allen, die Theil daran nahmen, einen unvergeßlichen Eindruck zurückgelassen hat.

Vignette_Synagoge


Synagoge an der Wilhelmstraße
Vignette zu einer Stadtansicht von Bochum, ca. 1865 Bochum,
Deutsches Bergbaumuseum

Anmerkung: Dieser Artikel mutet uns Nachgeborene wie ein Bericht aus einer anderen Welt an. Eine blumen- und fahnen-geschmückte Stadt feiert das "vielleicht" schönste Fest ihrer Geschichte anlässlich der Einweihung einer Synagoge, einer "Zierde der Stadt". Und gut zwei Generationen später lassen es die Nachkommen der Mehrheit der damals Feiernden, die Nichtjuden, zu, dass diese "Zierde der Stadt", 1896 und 1926 umgebaut und modernisiert, zerstört wird, dass die Nachkommen der Minderheit der damals Feiernden, die Juden, zur Flucht aus Deutschland, aus Bochum gezwungen werden, und, wenn diese nicht gelingt, in die Vernichtungslager verschleppt werden? Wie das geschehen konnte, das treibt uns Nachgeborene trotz aller Erklärungsversuche immer noch um.  Und wir setzen darauf, dass die neue Bochumer Synagoge ein Zeichen ist, das anknüpft an den Optimismus des Jahres 1863, trotz zunehmendem Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Trage ein jeder von uns seinen Beitrag dazu bei, dass sich Geschichte nicht wiederholen möge.                                                  

 (Hubert Schneider)