Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

Gerd Liedtke: Eine neue Synagoge – und dann?

Gerd Liedtke, Vorsitzender des Freundeskreises Bochumer Synagoge e.V., Mitglied unseres Vereins, berichtet über die Arbeit des Freundeskreises.

Jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid lässt sich bis ins 17. Jahrhundert hinein nachweisen. Die damals nur wenigen hier lebenden Juden feierten ihre Gottesdienste in Privathäusern. Synagogen entstanden erst später: Seit 1829 gab es eine Synagoge in Wattenscheid, sie befand sich an der Oststraße - die erste in Bochum an der Schützenbahn. Zwischen 1861 und 1863 wurde der repräsentative Neubau in der heutigen Huestraße errichtet, den Max Grewe, der damalige Bürgermeister, als eine „Zierde für die Stadt“ bezeichnete.

Die Nationalsozialisten haben in ihrem Wahn Menschen jüdischen Glaubens verfolgt, vertrieben, umgebracht. Sie haben die Mittelpunkte ihrer Gemeinden vernichtet, wie im gesamten Reich so auch in Wattenscheid und Bochum. Ihnen ist es aber nicht gelungen, jüdisches Leben in Bochum für immer auszulöschen. Inzwischen gibt es wieder eine lebendige jüdische Gemeinde, eine Gemeinde, die allerdings kein Gotteshaus hat.

Die neue Synagoge, die an der Castroper Straße in Höhe des Planetariums entstehen soll, wird ein sichtbares Symbol für jüdisches Leben in Bochum sein.

Diese Sätze finden wir in der Bochumer Erklärung, die am 12.06.2003 auf Betreiben des damaligen Oberbürgermeisters Ernst Otto Stüber von ihm selbst und fünf weiteren bedeutenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterzeichnet worden ist. Anlass war der offizielle Besuch von Paul Spiegel, seinerzeit Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei der Stadt Bochum.

Inzwischen ist der Neubau der Synagoge und des Gemeindezentrums sichtbar dabei, sich zum Bestandteil der religiösen und kulturellen Vielfalt sowie der Stadtarchitektur in unserer Region zu entwickeln. Das Richtfest liegt längst hinter uns. Der Baufortschritt 10 lässt die Fertigstellung Ende September/Anfang Oktober erwarten. Dann werden die Außenanlagen im Bereich des Planetariums und der Synagoge neu gestaltet, so dass im November 2007 das Gotteshaus eingeweiht werden kann.

Diesen Stand nehme ich zum Anlass, einige Fakten und Gedanken zur Erinnerung und Zukunft jüdischen Lebens niederzuschreiben.

Die jüdische Geschichte in unserer Region ist weitgehend unsichtbar geworden. Begegnungen und Gespräche mit Überlebenden der Shoa und anderen Zeitzeugen wird es bald nicht mehr geben.

Wo und durch wen kann die Erinnerung wach gehalten werden?

    Wie lässt sich die jüdische Vergangenheit so darstellen, dass jüdische Menschen nicht nur auf eine Opferrolle festgelegt werden?

    Wie kann dem Vergessen entgegengearbeitet und die unsichtbar gemachte jüdische Geschichte wieder sichtbar gemacht werden?

    Wie sieht eine angemessene Erinnerungs- und Auseinandersetzungskultur aus?

An den Antworten auf diese Fragen müssen und wollen wir arbeiten.

Es gibt - beispielhaft - in Bochum drei Projekte. die eine Zeit lang in einer gewissen Parallelität konkurrierend diskutiert worden sind, die sich aber bei näherer Betrachtung durchaus sinnvoll ergänzen:

    Eine Gedenkstele am Standort der 1938 von den Nazis niedergebrannten Synagoge, die am 9. November 2004 enthüllt worden ist,

    Stolpersteine zum Gedenken an bestimmte Personen, die im Dritten Reich ermordet oder anderweitig in den Tod getrieben worden sind, eine Erinnerungsart, die es bereits in vielen deutschen Städten gibt und um deren Weiterentwicklung die Stadtarchive von Bochum und Hattingen bemüht sind und ein

    Stationenweg, auf dem mit Stelen an die lange Tradition jüdischen Lebens in unserer Region erinnert werden soll. Das schließt natürlich das Gedenken an die Zerstörung der Synagogen durch die Nazis und die Opfer der Shoa ein. An diesem Projekt, das von der Evangelischen Stadtakademie entwickelt worden ist und das auch der Freundeskreis Bochumer Synagoge mit trägt, wird noch gearbeitet. Hier stellen wir uns bezüglich der Formulierung von Texten, aber auch der Pflege der Stelen eine intensive Kooperation mit den Schulen vor. Die letzte Station eines solchen Weges wird die neue Synagoge sein; sie wird zurzeit gebaut.

Es folgen einige persönliche Wahrnehmungen der letzten Wochen über den Umgang mit diesem schlimmen Kapitel unserer Geschichte.

So erschütternd es ist, dass viele Jugendliche einschließlich ihrer Lehrer völlig unvorbereitet in das „Tagebuch der Anne Frank“ (Schauspielhaus Bochum) gegangen sind, so bemerkenswert und erfreulich sind die Auseinandersetzungen anderer junger Menschen mit der Zeit des Dritten Reiches und seiner unsäglichen Folgen.

    So hat eine 4. Klasse der Gräfin-Imma-Schule bei der Durcharbeitung der Judenverfolgung erfahren, dass in Bochum eine neue Synagoge gebaut wird und sich spontan zu einer Sammlung aus dem Taschengeld (!) entschlossen. ·

    Elf junge Mädchen verschiedener Schulen haben ihre Eindrücke eines Besuchs im ehemaligen „KZ Dora Mittelbau“ bei Nordhausen in die Form eines Tagebuchs gebracht und mit Hilfe einer versierten Theaterpädagogin (Junges Schauspielhaus Bochum) auf verschiedene Bühnen gebracht. Das war so ernsthaft gestaltet und überzeugend „gespielt“, besser „gelebt“, dass einem um diese Mädchen und ihre Zukunftssicherheit auf diesem Gebiet nicht bange ist.

    Schließlich sei die Übernahme von Patenschaften für Stolpersteine durch Schülerinnen und Schüler erwähnt, die im Stadtarchiv das Leben der Juden recherchiert haben, bis ihre Spuren im Tod endeten.

Wenn unser Verein „Erinnern für die Zukunft“ heißt, dann soll, muss der Blick auch nach vorn gerichtet werden. Viele Spannungen und Auseinandersetzungen sind bei besserer Kenntnis anderer Völker und Religionen vermeidbar. Wir müssen aufgeschlossen gegenüber Fremdem sein, damit das Fremde bekannt und verstanden wird. Das erwarten wir allerdings in beiden Richtungen.

Wir freuen uns, dass es nach den abscheulichen Verbrechen der Nazis auch in Bochum wieder eine Synagoge geben wird, ein architektonisch wertvolles Wahrzeichen der Stadt, vor allem aber ein offenes Zentrum jüdischen Lebens, das uns einlädt, die Vielfalt von Kultur und Religion nicht als Missionsaufgabe, sondern als Reichtum zu erfahren.

In der Satzung des Freundeskreises steht u.a. die Aufgabe „ Unterstützung bei der Errichtung und Unterhaltung einer Synagoge“. Mit „Unterhaltung“ ist natürlich nicht die Sorge um Gas, Wasser, Strom und Reinigung gemeint, sondern die inhaltliche Umsetzung dessen, was im vorigen Absatz zu lesen ist. In dieser Richtung voran zu kommen, wird unser Bemühen und unsere Freude sein.