Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

"Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt ..."
Vortrag von Hubert Schneider, gehalten am 29. November 2006 am Landgericht Hagen.


"Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt ...". Dieser Satz steht auf der Medaille, mit der Israel und die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem im Namen des jüdischen Volkes "Gerechte unter den Völkern" ehrt. Zu diesen "Gerechten" zählen alle, die mindestens einem Juden in den Jahren 1933-1945 das Leben gerettet haben. Hans-Georg Calmeyer, der in dieser Ausstellung vorgestellte Jurist, gehört zu diesen "Gerechten". Der Ihnen vor zwei Wochen vorgestellte Kurt Gerstein gehört nicht dazu. Calmeyer gehört wie all die anderen Geehrten zu denen, die sich engagierten, die weder gleichgültig noch verängstigt waren, die ihr Leben, ihre Freiheit, ihre Karriere riskierten, um Juden zu retten - und manchmal einen hohen Preis dafür bezahlten. Hitlers Europa war keine Welt, in der es nur Opfer und Täter gab. Die Tragödie ist, dass es nicht genug Gerechte unter den Völkern gab. Es war einfacher, sich abzuwenden, sich und seine Familie zu schützen oder an der Orgie des legalisierten Blutvergießens teilzunehmen. Und doch ist es wichtig, dass es einige gab, die sich widersetzten, wichtig für die Geretteten und wichtig für die übrige Menschheit, wenn sie ihre Selbstachtung nicht verlieren will.

Niemand weiß, wie viele es waren. Wissenschaftlicher haben Schätzungen von
50. 000 bis 500.000 abgegeben - Zahlen, die so viel Spielraum lassen, dass sie fast bedeutungslos sind. Israel hat bisher ca. 21.300 "Gerechte" geehrt. "Ein paar tausend Gerechte, ein paar Millionen Tote und viele Millionen Europäer - es bleibt unbegreiflich, solange man auch darüber nachdenkt", schrieb die Tochter eines Mitarbeiters des Roten Kreuzes, der die Anweisungen seiner Zentrale missachtete und Tausende ungarischen Juden das Leben rettete. "Können wir, die Erben jener Generation, ein Urteil sprechen, oder können wir nur trauern? Die Geschichte beweist, dass es möglich war, das Böse zu bekämpfen."  

Unter denen, die Widerstand leisteten, waren patriotische Deutsche, Offiziere und Männer aus Hitlers Armee, Abenteurer und Industrielle, Heilige und Sünder. Sie kamen aus allen Ländern des besetzten Europas: Aus Frankreich, Holland und Bel-gien im Westen bis Polen, dem früheren Jugoslawien, Albanien und der ehemaligen Sowjetunion im Osten, von Skandinavien im Norden bis Griechenland und Italien im Süden. Britische Kriegsgefangene waren darunter (einer, Hauptfeldwebel Charles Coward, tauschte in Auschwitz tote gegen lebende Juden ein). Ein japanischer Konsul rettete in Litauen Rabbiner und Studenten einer Talmudschule. Einige Retter handelten aus christlicher Nächstenliebe, manche waren Muslime. Viele verstanden ihre Tat offiziell oder inoffiziell als Beitrag zum Widerstand: Sie setzten so den Kampf gegen das Reich fort. Es waren Konservative oder Sozialisten, Liberale oder Kommunisten darunter. Manche hegten seit langem freundschaftliche Gefühle für Juden, einige unterstützten sogar die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina. Andere waren vor dem Krieg noch nie Juden begegnet. Alle bekannten sich zur Unteilbarkeit der Menschlichkeit und zu kollektiver und individueller Verantwortung. Der bulgarische Staatsmann Dimo Kazasov sagte: "In meinen Augen hat eine Nation, die ihre moralischen und menschlichen Werte aufgibt, ihr Existenzrecht verwirkt." Die Eltern von Cornelia Schmalz-Jacobsen, der früheren Ausländerbeauftragten des Deutschen Bundestages, beschlossen: "Unsere Kinder sollen eher Waisen werden, als mit feigen Eltern aufzuwachsen." Ihre Geschichte werde ich später noch erzählen.

Je mehr Geschichten man liest, desto deutlicher erkennt man, dass keine der sehr bekannten Geschichten einzigartig ist - die Menschen, die Anne Frank versteckten; der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg, der Tausende ungarische Juden rettete, bevor er im Niemandsland der Gulags verschwand; Oskar Schindler, der deutsche Fabrikbesitzer. Es gab andere Menschen, andere Diplomaten, andere Industrielle. In Holland, Frankreich und Italien beteiligten sich ganze Dörfer an der Rettung jüdischer Flüchtlinge. In Dänemark und Bulgarien schien es, als habe sich die gesamte Bevölkerung des Landes gegen die Pläne der Nazis verschworen. Bis auf 472 konnten alle 7700 dänischen Juden über den Sund nach Schweden gebracht werden. Etwa 80 Prozent der bulgarischen und 92 Prozent der italienischen Juden überlebten den Krieg.

Auch Deutsche zählen zu den "Gerechten" - 410 wurden bis heute in Israel geehrt. Damit soll der überwältigenden Masse des deutschen Volkes allerdings keine Absolution erteilt werden. "Für meine Generation gibt es keine Vergebung", sagte der Oberfeldwebel, der in Weißrussland Juden aus seinem Arbeitskommando rettete, "ganz egal, ob wir vor dem Gesetz schuldig oder unschuldig waren. Wer sehen wollte, sah. Jeder wusste, dass man die Juden nicht ins Paradies abtransportierte." Doch auch hier ermöglichte der Umstand, dass unter den Gerechten einige Deutsche waren, einen Neuanfang. 

Bevor ich nach den Motiven und Beweggründen der Retter frage, danach, ob es spezifische Eigenschaften gibt, die allen, die jüdisches Leben unter Gefahr für das eigene Leben in Sicherheit brachten, eigen waren, möchte ich Ihnen - als weitere Beispiele - die so unterschiedlichen Geschichten des Majors Eberhard Helmrich und seiner Ehefrau Donata , des Majors Max Liedtke und seines Adjudanten, Oberleutnant Albert Battel, der Gräfin Maria v. Maltzan und des Oskar Schindler erzählen. 

Major Eberhard Helmrich und Ehefrau Donata.

  Der Major der deutschen Besatzungsarmee Eberhard Helmrich und seine Frau Donata wussten, dass sie ihr Leben riskierten. Sollte die Gestapo entdecken, dass sie nicht nur in Polen, sondern im Herzen des Deutschen Reichs, mitten in Berlin, Juden Zuflucht gewährten, dann würden ihre vier Kinder zu Waisen werden. Lange überlegten sie, welche Verpflichtung schwerer wiege; dann kamen sie zu dem Entschluss, dass sie ihre Kinder eher als Waisen zurücklassen, denn als Kinder von Feiglingen aufwachsen sehen wollten. Auf abenteuerliche Weise konnte Eberhard dann fast 300 jüdische Zwangsarbeiter schützen, die auf dem Gut in der Nähe von Drohobycz arbeiteten, das er im Auftrag der Wehrmacht leitete. Donata holte mindestens fünf jüdische Mädchen, die nur oberflächlich als "Ukrainerinnen" getarnt waren, als Hausmädchen nach Berlin und Hamburg. Außerdem, so ein Zeuge, vermittelten die beiden weitere hundert jüdische Frauen als Hausmädchen nach Polen. Für viele stellte Eberhard im Keller seines Hauses gefälschte Papiere her. Das Ehepaar tröstete sich mit folgender Überlegung: "Sobald wir zwei Menschen gerettet hätten, wären wir quitt mit Hitler, selbst wenn man uns ertappte, und mit jedem Geretteten mehr hätten wir die Nase vorn."

Obwohl Eberhard Helmrich nichts von den Nazis hielt, ging er zur Wehrmacht und wurde als Versorgungsoffizier eingeteilt. In Drohobycz bestand seine Aufgabe darin, die in dieser Gegend stationierten deutschen Truppen mit Lebensmitteln zu versorgen. Er baute ein Gut auf, auf dem er etwa 300 "gesunde, arbeitsfähige junge Männer und Frauen" beschäftigte, die zu fast 90 Prozent Juden waren. Die Ernten waren ausgezeichnet, die Truppen gut genährt und die Vorgesetzten zufrieden. Während der Massenmorde und Deportationen aus Drohobycz im Herst 1942 und im Frühjahr und Sommer 1943 widersetzte sich Helm-rich wiederholt dem Befehl, seine jungen Arbeiter zu überstellen. Er erklärte seinen Vorgesetzten, das würde das Ende des Gutes bedeuten, dann könne er der Wehrmacht keine Lebensmittel mehr liefern. Der Major beschützte auch den jüdischen Chirurgen Dr. Sasha Weissmann dadurch, dass er ihm gefälschte Papiere gab, die ihn als Agrarspezialisten auswiesen. Bei der Gestapo gab er an, der Doktor sei für die Leitung des Gutes unentbehrlich.
Vor dem Krieg hatten in der Stadt 15 000 Juden gelebt, als die Rote Armee im August 1944 in Drohobycz einmarschierte, waren es gerade noch 400.

Im November 1944 war Helmrich auf Heimaturlaub in Berlin und brachte auf der Rückreise seine Frau zu einem Besuch mit zurück. Von Donata wusste er, dass es immer schwieriger wurde, Hauspersonal zu finden, weil deutsche Frauen in den Fabriken arbeiten mussten, um die Männer zu ersetzen, die zur Wehrmacht eingezogen worden waren. In Drohobycz hatte Helmrich das 16-jährige jüdische Mädchen Susi Almann als Haushälterin eingestellt. Susis Vater Wilhelm war ein Geschäftsmann aus Wien, der 1939, nach dem "Anschluss" Österreichs nach Galizien geflohen war. Eberhard hatte ihn als Vorgesetzten der jüdischen Gutsarbeiter angeworben.

Susi Almann, die später als Susi Bezalel in Ramat Ghan bei Tel Aviv lebte, war das erste jüdische Mädchen, das, verkleidet als Ukrainerin und ausgestattet mit entsprechenden Papieren, Donata Helmrich mit nach Deutschland nahm, weil dort kaum noch Hauspersonal zu bekommen war. Später brachten die Helmrichs noch Susis Schwester Hansi in Berlin und drei weitere Mädchen in Hamburg unter. Alle fünf überlebten, wohn-ten später in Israel, den USA, in Australien und in Deutschland.

Eberhard und Donata Helmrich überlebten ebenfalls, doch ihre Ehe scheiterte. Eberhard ließ sich von Donata scheiden und heiratete eines der jüdischen Mädchen, die er vor der Gestapo gerettet hatte. Sie zogen nach New York. Donata Helmrich arbeitete als Privatsekretärin für Konrad Adenauer. Nach ihrer Pensionierung zog sie sich in ein Landhaus mit Reetdach auf der Insel Sylt zurück.

Israel ehrte Eberhard Helmrich 1965 und Donata 21 Jah-re später. Sie starb, bevor sie die Medaille von Yad Vashem entgegennehmen konnte. Es war ihre Tochter Cornelia Schmalz-Jacobsen, die spätere Ausländerbeauftragte des Deutschen Bundestages, die zu ihrem Andenken einen Baum in Yad Vashem pflanzte. 

Major Max Liedtke und Oberleutnant Albert Battel.

 Besonderes Interesse darf auch die Geschichte einer Judenrettung in der polnischen Stadt Przemysl am San beanspruchen. Hier kam es im Juli 1942 im Zusammenhang mit einer "Aktion" der SS, die Juden der Stadt in das Vernichtungslager Belzec zu deportieren, zu einer offenen Konfrontation zwischen Wehrmacht und SS. Wehrmachtsoffiziere schützten "ihre" Arbeitsjuden, indem sie die einzige Brücke über den San, die zum Ghetto führte, sperrten. Gleichzeitig ließen sie SS-Polizeikräfte unter Androhung von Maschinengewehrfeuer von der Brücke abdrängen. So wurden diese gewaltsam daran gehindert, die Juden zu deportieren, die unter dem Kommando der Ortskommandantur standen.

Die Initiative zu dieser Rettungstat ging von Oberleutnant Albert Battel aus. Er war der Adjudant des erst vor kurzem aus der griechischen Hafenstadt Piräus nach Przemysl versetzten Majors Max Liedtke, der nunmehr die Funktion des Ortskom-mandanten wahrnahm. Battel konnte sowohl Liedtke als auch die anderen Offiziere der Kommandantur von seiner Idee überzeugen, dass der Schutz der jüdischen Arbeiter gegenüber der SS durchgesetzt werden müsse. Diese würden dringend für Arbeiten in den Lagern benötigt, die den Nachschub der Heeresgruppe Süd sicherstellen sollten. So wurde jedenfalls gegenüber der SS argumentiert, eine Argumentation, die wir ja auch schon bei Major Helmrich gefunden haben.

Liedtke und Battel brachten mehr als 500 Menschen, darunter auch Familienangehörige der Arbeiter, im Keller der Ortskommandantur unter und stellten sie eine ganze Woche lang unter ihren Schutz, während die SS-Schergen draußen die anderen Bewohner des Ghettos zusammentrieben. Angeblich sollten sie umgesiedelt werden; tatsächlich aber schaffte man sie in die Vernichtungslager. Binnen einer Woche wurden mindestens 10 000 Juden aus Przemysl verschleppt. Liedtkes Vorgesetzter, der Oberbefehlskommandant in Krakau, meldete hernach nach oben: "Zusammenarbeit mit Polizei reibungslos (bis auf den Fall Przemysl)."

Die Motive für die ungewöhnliche, nicht ungefährliche Handlungsweise der Offiziere Battel und Liedtke liegen nicht offen zutage. Denn jedes Rettungshandeln dieser Art konnte nur erfolgreich sein, wenn es innerhalb der Logik der militärischen Interessen begründet wurde. Es ist daher nicht immer leicht zu erkennen, wo Wehrmachtsbelange und "kriegswichtige Interessen" nur vorgeschoben wurden, um retten zu können, und wo sie tatsächlich der Grund für die rettende Tat waren.

NSDAP-Mitglied Albert Battel, im Zivilleben Rechtsanwalt in Breslau, hatte sich indes schon zuvor für Juden eingesetzt. Auch in Przemysl galt er als engagierter Freund der Juden. Erstaunlicherweise hat ihn die Rettungsaktion keineswegs "Kopf und Kragen" gekostet. Stattdessen wurde er wenig später, im August 1942, sogar zum Hauptmann befördert. Major Max Liedtke, der Theologie studiert und beruflich als Journalist und Verleger gearbeitet hatte, kam ebenfalls davon, vermutlich, weil sein Vorgesetzter, General Kurt Freiherr von Gienanth, ihn deckte.

Die verfolgten Juden, die Liedtke und Battel im Sommer 1942 unter den Schutz der Wehrmacht stellten, konnten nur für eine gewisse Zeit gerettet werden. Die meisten von ihnen fielen in der Folgezeit dem Holocaust zum Opfer. Das hat die israelische Gedenksätte Yad Vashem, wie in vergleichbaren Fällen, jedoch nicht daran gehindert, Oberleutnant Albert Battel und Major Max Liedtke als "Gerechte unter den Völkern" zu ehren - posthum: Während Liedtke tragischerweise noch 1955 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verstarb, war Albert Battel bereits drei Jahre zuvor im hessischen Hattersheim einem Herzinfarkt erlegen.

Die hier vorgestellten Fälle der Militärs zeigen auch etwas Allgemeines: Weniger an der kämpfenden Front, wohl aber in den rückwärtigen Gebieten der eroberten Länder ergriffen Angehörige der Besatzungsverwaltung, die Leben retten wollten, ihre Chance. Einige Wehrmachtsoldaten nutzten ihre Dienststellung als Arbeitgeber in kriegswichtigen Betrieben und Werkstätten, um die Hand über die Verfolgten zu halten, vergleichbar den zivilen Unternehmen wie Oskar Schindler, von dem noch die Rede sein wird. Aber ihre Zahl ist gering: Diese hier erzählten und etwa dreißig weitere Geschichten von "Rettern in Uniform", die als Angehörige der Wehrmacht, der Polizei oder der SS während des Zweiten Weltkrieges verfolgten Juden oder Kriegsgefangenen halfen und sie zu retten versuchten, sind in den vergangenen Jahren von Historikern und Journalisten biografisch erkundet worden. Trotz der prekären Quellenlage wäre es eventuell möglich, einige Dutzend weitere zu ermitteln. Mehr aber nicht. Über die von vielen vermutete Dunkelziffer lässt sich nur spekulieren. Hält man sich vor Augen, dass allein die Wehrmacht von etwa 18 Millionen Männern und einer halben Million Frauen durchlaufen wurde, so wird unmittelbar deutlich, dass es sich bei dieser geringen Anzahl von Rettern tatsächlich um eine verschwindend kleine Minderheit gehandelt hat. 

Gräfin Maria Helena Francoise Isabel von  Maltzan.

Sie war die Tochter einer deutsch-schwedischen Adeslfamilie. Geboren 1909, wuchs sie im Schloss der Maltzans auf einem schlesischen Gut mit 7 000 Hektar Grund auf. Als Hitler an die Macht kam, trat fast die gesamte Familie in die NSDAP ein. Ihre Mutter hasste Juden. Der Bruder, ein überzeugter Nazi, schloss seine Schwester später vom Erbe aus. Eine Schwester war mit Feldmarschall Walter von Reichenau verheiratet, der sich als einer der ersten hohen Offiziere zum Nazismus bekannte. Maria studierte Naturwissenschaften an den Universitäten Breslau und München, wo sie erstmals aktiv am Widerstand ge-gen den Nationalsozialismus teilnahm. Gleichzeitig pflegte sie jedoch weiterhin ihre Verbindungen zur besseren Gesellschaft. Während des Krieges studierte sie Veterinärmedizin.

1939 lernte sie in Berlin Hans Hirschel kennen, den jüdischen Herausgeber einer avantgardistischen Literaturzeitschrift und verliebte sich in ihn. Als drei Jahre später zu befürchten war, dass man ihn in ein Konzentrationslager schicken würde, bot sie ihm an, in ihre Dreizimmerwohnung in der Detmolder Straße zu ziehen. Bis zum Ende des Krieges versteckte sie ihn dort in einem großen Mahagonidiwan, dem man aufklappen konnte, um Bettzeug darin unterzubringen. Die Wohnung wurde häufig von der Gestapo beobachtet. Hirschel hatte weder Geld noch Lebensmittelmarken. Maria teilte ihre Rationen mit ihm und arbeitete auf zwei Posten, um ihrer beider Unterhalt und anderweitige Rettungsaktionen zu finanzieren. Hirschel zufolge ruinierte sie dabei ihre Gesundheit und erlitt wegen der ständigen Anspannung beinahe einen Nervenzusammenbruch.

Hirschel war nicht der einzige Jude, der bei der Gräfin Zuflucht fand. Nach Schätzungen hat sie zwischen 1939 und 1945 zu unterschiedlichen Zeiten mindestens 60 Menschen versteckt. Einer, Wolfgang Hammerschmidt, ein junger "Halbjude", der später beim ZDF arbeitete, konnte der Gestapo entfliehen. Er litt an einer Lungenentzündung und blieb vom 12.3. bis Ende April 1945 bei ihr. Sie pflegte ihn und sorgte dafür, dass er zu essen hatte, obwohl zu jener Zeit in der belagerten Hauptstadt fast nichts zu bekommen war. 

Zusammen mit der schwedisch-protestantischen Kirche in Berlin half Gräfin Maltzan, Dutzende Juden aus Deutschland herauszuschmuggeln. Wie sich Pastor Erik Mygren später erinnerte, schmiedete sie immer wieder Fluchtpläne. Die Kirche kaufte die Juden frei, sie schmuggelte sie durch die städtische Kanalisation aus der Stadt heraus.

Auf einer ihrer letzten Missionen führte sie eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge durch die Wälder zu einer Eisenbahnlinie. Die Besatzung des Zuges, der Möbel heimkehrender schwedischer Diplomaten geladen hatte, war bestochen worden, einen außerplanmäßigen Halt zu machen. Andere Mitglieder des Widerstands, die im Dunkeln warteten, sollten die Kisten aufbrechen, so dass die Juden sich darin verstecken konnten. Maria übergab ihnen ihre Schützlinge und machte sich auf den Heimweg. Dabei wurde sie von Gestapoleuten entdeckt, die mit Suchscheinwerfern und Spürhunden unterwegs waren. Um die Hunde von ihrer Fährte abzubringen, watete sie durch einen Fluss, schmierte sich auf einem Bauernhof mit Mist ein und schwamm durch einen Teich. Eineinhalb Tage hockte sie frierend, nass und hungrig im Gestrüpp und wartete auf die Gelegenheit, fliehen zu können, ohne sich dabei zu verraten. Schließlich war es soweit: Die Luftschutzsirenen heulten, und die Verfolger gingen in Deckung. Als sie aus dem Wald schlich, stieß sie auf eine Gruppe von Leuten, die verzweifelt versuchten, das Feuer zu löschen, das in einer Fabrik ausgebrochen war. Sie half ihnen bei ihren Bemühungen und trat dann mit einer glaubwürdigen Erklärung für ihr verdrecktes Aussehen den Rückweg in die Stadt an. Kaum hatte sie die Schwedische Kirche erreicht, berichtete Pastor Mygren, fiel sie in Ohnmacht.

Einmal wollten zwei Gestapoleute ihre Wohnung durchsuchen. Sie befahlen ihr, den Mahagonidiwan zu öffnen, in dem sich Hans Hirschel versteckt hielt. Sie weigerte sich und erklärte, der Diwan ließe sich nicht öffnen. Da die Gestapoleute darauf bestanden, schlug sie vor, sie sollten doch mit ihrem Revolver hineinfeuern, vorher müssten sie ihr allerdings eine Erklärung unterschreiben, dass sie für den Schaden aufkämen, wenn niemand gefunden würde. Daraufhin zogen die Gestapoleute ab. Als sie ein anderes Mal zum Verhör in das Gestapo-Hauptquartier gebracht wurde, bat sie den verantwortlichen Offizier darum, einen Nazi-Minister anrufen zu dürfen, um ihm zu erklären, warum sie verspätet zum verabredeten Abendessen erscheinen würde. Da ließ man sie lieber gehen.

 Einmal kam sie spät nachts mit einer Schusswunde am Hals nach Hause. Hirschel war entsetzt und fragte, was passiert sei. Sie antwortete kurz, solche Fragen dürfe er ihr nie stellen.

Maria von Maltzan und Hans Hirschel heirateten kurz nach dem Einmarsch der Russen in Berlin, ließen sich jedoch ein Jahr später wieder scheiden. 1972, drei Jahre vor Hans' Tod, heirateten sie ein zweites Mal. Als sie 1986 von Yad Vashem gebeten wurde, ihre Tätigkeiten im Widerstand gegen die Nazis darzustellen, schrieb Maria von Maltzan zurück: "Ich kenne die Beweggründe für meine Taten, und das gleiche gilt - das weiß ich sicher - für die, die mich um Hilfe baten. Wie sie habe ich keine glücklichen Erinnerungen an jene Zeiten. Ich hoffe aus ganzem Herzen, und mehr kann ich dazu nicht sagen, dass es solchen Hass, solche Grausamkeit, solche Unmenschlichkeit zwischen Menschen nie mehr geben wird!"

Oskar Schindler.

Ein Gerechter unter den Völkern musste kein Heiliger sein. Der sudetendeutsche Geschäftsmann Oskar Schindler, der 1 200 seiner jüdischen Arbeiter rettete, wird von Moshe Bejski, der als junger polnisch-jüdischer Musterzeichner in Schindler Emailwarenfabrik in Krakau arbeitete und später Richter am höchsten israelitischen Gericht wurde, so beschrieben:

"Schindler war ein Trinker, Schindler war ein Casanova. Seine Ehe war ziemlich schlecht. Er hatte nicht nur eine, sondern oft mehrere Geliebte gleichzeitig. Nach dem Krieg gelang es ihm kaum, ein normales Geschäft zu führen. Während des Krieges, solange er Küchengeräte produzieren, sie auf dem Schwarzmarkt verkaufen und damit viel Geld verdienen konnte, war er jedoch erfolgreich. Doch er konnte nicht unter normalen Bedingungen arbeiten, kalkulieren, eine Stellung halten, selbst in Deutschland nicht. In Israel sammelten einige Überlebende etwas Geld, wenn er knapp bei Kasse war. Die 3 - 4 000 Dollar, die wir schickten, hatte er nach zwei oder drei Wochen ausgegeben, dann rief er an und sagte, er habe keinen Pfennig mehr. Er gab das Geld schneller aus, als wir es aufbringen konnten."  Und Bejski führt fort: "Ich weiß also, wer Schindler war; doch ohne Schindler wären die meisten der 1 200 Juden nicht am Leben geblieben, auf jeden Fall nicht als Gruppe. Man musste ihn nehmen, wie er war. Schindler war ein sehr komplizierter Mensch, ein guter Mensch, der gegen das Böse war. Er handelte spontan. Er war ein Abenteurer, jemand, der Risiken einging, obwohl ich nicht weiß, ob er das gerne tat. Er tat, um was er gebeten wurde. Er liebte Kinder und betrachtete die Kinder und Enkel derjenigen, die er gerettet hatte, als seine Familie. Er war sehr feinfühlig. Als Durchschnittsmensch hätte Schindler nicht getan, was er getan hat. Mit allem, was er tat, brachte er sich in Gefahr. Selbst wenn er viel weniger getan hätte, dürfte man ihn schon zu den Gerechten zählen." 

Bald nach dem Überfall Deutschlands auf Polen reiste der damals 31-jährige Schindler nach Krakau, um dort deutschen "Treuhändern" eine konfiszierte jüdische Fabrik abzukaufen. 

Der 22-jährige Bejski hörte erstmals 1942 von Schindler, wenige Monate, nachdem er aus dem Ghetto in das nahegelegene, berüchtigte Arbeitslager Plaszow transportiert worden war. Jeden Tag marschierte ein Kommando jüdischer Arbeiter aus dem Ghetto in Schindlers Fabrik. Als das Ghetto im März 1942 liquidiert wurde, trieb man die Arbeiter und einige tausend andere Juden nach Plaszow. Bewaffnete Aufseher brachten die Arbeiter weiterhin jeden Morgen zu Schindler und holten sie abends wieder ab. Der Industrielle hatte die Behörden bald dazu überredet, auf seinem Fabrikgelände ein Zweiglager einzurichten zu dürfen. Ein paar Dutzend Arbeiter zogen in die Baracken, die er hatte bauen lassen. Laut Bejski waren die Verhältnisse dort sehr viel besser als im Lager. Eine Verlegung in Schindlers Lager war in Plaszow sehr begehrt.

Das Küchengeschirr, das Schindler produzierte, war für das Militär bestimmt, doch er verkaufte einen Teil auf dem Schwarzmarkt.

In den Jahren 1943 und 1944 erhöhte Schindler die Zahl der Beschäftigten in seiner Fabrik von ein paar Dutzend auf 700. Einige SS-Offiziere auf Inspektionstour beschuldigten einen Gefangenen der Sabotage, weil er einen Schubkarren zu langsam über den Fabrikhof geschoben habe. Sie schickten ihn nach Plaszow, wo er erschossen werden sollte. Als Schindler davon hörte, eilte er sofort zum Lager und "kaufte" das Leben des Mannes für eine Flasche Wodka. Ein anderes Mal kamen zwei Gestapoleute in Schindlers Büro und forderten ihn auf, ihnen eine fünfköpfige Familie auszuliefern, die gefälschte polnische Papiere gekauft habe. "Drei Stunden später", erzählte Schindler später, "torkelten zwei betrunkene Gestapoleute aus meinem Büro, ohne ihre Gefangenen und ohne die belastenden Schriftstücke, die sie gefordert hatten."

Als 1944 die Russen weiter westwärts rückten, verschaffte sich Schindler die Erlaubnis, die Emailwarenfabrik in seine Heimatstadt im Sudetenland zu verlegen und etwas 400 weitere Arbeiter einstellen zu dürfen. Außerdem konnte er einen neuen Vertrag abschließen, so dass er neben Küchengeschirr nun auch Granathülsen produzierte. Das Gerangel, auf Schindlers Liste zu kommen, war groß. Jeder wusste, dass die Überlebenschancen in der Obhut des eigenwilligen Geschäftsmanns größer waren als in den Konzentrationslagern.

800 Männer kamen nach einem langen und strapaziösen Transport - mit einem Zwischenaufenthalt im Konzentrationsla-ger Groß Rosen - schließlich in Brünnlitz, einer Stadt in der Nähe von Schindlers Geburtort Zwittau, an. Schindler war noch nicht da, und auch die Maschinen fehlten noch. Aber die 800 Männer bekamen drei große Räume im oberen Stockwerk eines Gebäudes.

Die Männer waren also da, aber die 300 Frauen, die ebenfalls auf der Liste gestanden hatten, wurden nach Auschwitz transportiert. Es waren zumeist Mütter, Frauen und Schwestern der Schindler-Männer. Als Schindler davon hörte, schickte er eine Sekretärin, eine Deutsche, mit einem Sack voll Diamanten nach Auschwitz, mit denen sie die Lagerbehörden bestechen sollte. Ein paar Wochen später trafen die 300 Frauen in Brünnlitz ein. Dies ist der einzig dokumentierte Fall, dass so viele Frauen aus dem Lager herauskamen und überlebten. Wieder tat Schindler mehr als schlichter Anstand verlangt hätte.

Dann hörte er, dass in Zwittau ein Zug mit zwei Waggons voller Juden aus Golleschau, einem Auschwitzer Nebenlager, angekommen war. Im Chaos des letzten Kriegswinters waren sie zwei Wochen lang ohne Lebensmittel und Wasser ziellos umhergefahren. Schindler schaffte es, den Frachtbrief in die Hände zu bekommen, und trug als Zielort "Zwittau" ein. Mit einem Kommando Schweißer aus seiner Fabrik öffnete er die Waggons. Etwa 100 abgemagerte Juden lebten noch, 17 waren jedoch erfroren. Schindlers seit langem kränkelnde Ehefrau Emilia kümmerte sich um die 100 Überlebenden aus Golleschau und gab ihnen Haferbrei zu essen. Sie reiste 300 km, um gegen zwei Koffer voll Wodka - aus den Vorräten von Schindlers Schwarzmarktgeschäften - Medikamente einzutauschen. Von den Überlebenden wog kaum einer mehr als 35 kg. Auf Befehl des SS-Kommandanten sollten diese wandelnden Skelette zur Arbeit getrieben werden. Obwohl Schindler wusste, dass die meisten unmöglich arbeiten konnten, bezahlte er bis Kriegsende für sie wie für alle anderen Sklavenarbeiter 5 Mark pro Tag an Berlin.

Im März 1945 wusste jeder in Brünnlitz, dass der Krieg gewonnen bzw. verloren war. Unter den jüdischen Arbeitern wa-ren zwei Radiotechniker. Schindler gab ihnen oft Radios, die sie für die deutschen Beschäftigten reparieren sollten. Die Techniker nutzten die Gelegenheit, um die BBC-Sendungen für Polen zu hören. Einmal "vergaß" Schindler eine Woche lang, ein Gerät abzuholen. Die Gefangenen stellten das Vorrücken der Alliierten auf einer improvisierten Landkarte nach, doch sie wussten, dass es noch zu früh zum Feiern war. Wenn die SS nach dem üblichen Schema vorging, würde man die Juden auf Gewaltmärschen ins Reich treiben - und dabei war die Überlebenschance sehr gering. Gleichzeitig machte Schindler sich Sorgen darüber, was mit ihm, einem deutschen Kapitalisten mit zweifelhaften Verbindungen, geschehen würde, wenn er den Sowjets in die Hände fiel. Er wählte wie immer einen gewagten Ausweg aus dieser doppelten Zwickmühle.

Schindler teilte den Juden mit, dass er einen heimlichen Vorrat an Gewehren, Revolvern und Handgranaten in einem Lagerraum neben seiner Wohnung versteckt habe. Er gab Bejskis jüngerem Bruder Uri, der als Hausangestellter bei ihm arbeitete, den Schlüssel. Sollte die SS versuchen, die Juden zu holen, so sagte er ihnen, müssten sie sich wehren und fliehen. Ein ehemaliger Offizier der polnischen Armee brachte 15 Gefangenen bei, wie man die Waffen benutzte. Am Nachmittag des 8. Mai wurden die Waffen an die 15 ungeübten Schützen ausgegeben, und sie verteilten sich rund um die Fabrik. Doch in der darauffolgenden Nacht zog sich die SS zurück.

Schindler hatte versprochen, dass er seine Schützlinge nicht im Stich lassen würde, bevor nicht der letzte SS-Mann abgezogen war. Er hielt Wort. Doch 5 Minuten nach dem Abzug der Nazis fuhr er in einem Lastwagen Richtung Westen. Am Steuer saß Richard Rechen, ein Jude, der sich freiwillig dazu gemeldet hatte und später in Haifa lebte. Die Juden sprachen darüber, was sie ihrem Retter zum Dank geben sollten. Sie schrieben ihm Briefe auf deutsch und hebräisch, gerichtet an jeden jüdischen Amtsträger, dem er vielleicht begegnete. Darin bezeugten sie ihm, dass er ihr Leben gerettet habe und Hilfe verdiene. Ein Jude ließ sich zwei Goldzähne ziehen, ein anderer machte daraus einen Ring für Schindler. Schindler selbst öffnete sein Schwarzmarktlager und gab jedem Gefangenen eine Flasche Wodka, 200 Zigaretten und eine Anzuglänge marineblauen Stoffes.

Schindler und Rechen entkamen den Russen und erreichten Paris, wo der flüchtige Unternehmer vom American Jewish Joint Distribution Committee eine Belohnung von 15 000 Dollar bekam. Mit diesem Geld kaufte er sich eine Farm in Argentinien, mit der er nicht viel Glück hatte. Als Schindler 1961 Israel seinen ersten von 17 Besuchen abstattete, bereiteten ihm etwa 220 Überlebende einen überwältigenden Empfang. Schindler starb im Oktober 1974 an Leberzirrhose und wurde auf dem Berg Zion in Jerusalem beerdigt. Über 400 Überlebende "Schindler-Juden" und ihre Familien nahmen an dem Begräbnis teil. So viele trauernde Juden hatte man auf dem katholischen Friedhof noch nie gesehen. 

Motive und Beweggründe.

"Bitte machen Sie nicht zuviel Wirbel. Stellen Sie mich nicht als den großen Helden dar." Alle, die mit Rettern gesprochen haben, kennen diese Antworten. "Ich habe meine Pflicht getan", heißt es. "Es war doch selbstverständlich, ein Akt der Menschlichkeit, Christenpflicht, das zu tun. Menschen waren in Gefahr. Sie brauchten Hilfe. Also half ich ihnen." Dass die Bittsteller Juden waren, fügen viele hinzu, sei nur ein Zufall. "Für uns spielte es keine Rolle, dass sie Jüdin war", sagte einer der britischen Kriegsgefangenen, die ein Mädchen in ihre Obhut nahmen, das von einem Todesmarsch geflüchtet war. "Sie war einfach ein menschliches Wesen." Doch die bittere Wahrheit ist, dass es in Hitlers Europa schon eine Heldentat war, wenn man einen Juden, alle Juden, als menschliche Wesen behandelte. "Ich habe zu einer Zeit Menschen geholfen", schrieb der deutsche Oberfeldwebel Hugo Armann, der im Ghetto Wilna 1942 sechs weißrussische Juden vor den Todesschwadronen gerettet und seine schützende Hand über 35 bis 40 weitere Juden aus seinem Arbeitskommando gehalten hatte, "ich habe zu einer Zeit Menschen geholfen, als sie nicht als Menschen behandelt wurden. " Das ist eine Gemeinsamkeit.

Wenn Hilfeleistung so selbstverständlich war, warum sahen viele Millionen anständige Europäer, die ihr Vaterland liebten und in die Kirche gingen, beiseite (oder Schlimmeres)? Die einfachste Erklärung ist die Angst, der Selbsterhaltungstrieb. Krieg und Besatzung brachten sie und ihre Familien unmittelbar in Gefahr. Wie streng unsere Prinzipien auch sein mögen, niemand kann beschwören, dass er nicht ebenso gehandelt hätte. Lass dich nicht in Schwierigkeiten bringen. Pass auf dich auf. Doch die Ungewissheit, die der allgegenwärtige Krieg in sich barg, wirkte sich auch in gegenteiliger Richtung aus. Sicherheit war eine Illusion. Ein Leben war nicht viel wert. Partisanen kämpften und starben. "Wovor sollte ich Angst haben?" fragte Erik Mygren, der schwedische Pastor in Berlin. "Der Tod war immer nahe. Tag und Nacht fielen Bomben. Ein zusätzliches Risiko wog nicht schwer. Doch für manche Leute war es eine Über-lebensfrage." Die Nazi-Justiz war brutal und unberechenbar. Gegen jemanden mit einer Pistole in der Hand, der dich erschießen will, und sei es aus einem noch so lächerlichen Grund, hatte man keinerlei Handhabe. "Damals sah man das Leben mit anderen Augen", sagte ein polnischer Retter der amerikanischen Autorin Nechama Tec. "Ein Leben zählte nichts. Man konnte mitten auf der Straße einfach getötet werden, weil man die Hand zu langsam aus der Tasche nahm. Ich habe so etwas gesehen: Ein Mann wurde erschossen, weil er zu langsam auf den Befehl reagierte, die Hände aus den Taschen zu nehmen."

Konformistische Neigungen verstärkten jedoch bei vielen den Drang zum Selbstschutz. Die Nazis, ihre Verbündeten und Kollaborateure schufen ein Klima, in dem es erlaubt war, Juden zu töten. Es erforderte keine große Anstrengung, barg kein unmittelbares Risiko, wenn man sich anpasste, das Morden stillschweigend hinnahm oder sich sogar daran beteiligte. Man konnte sich sogar Lob und Belohnung verdienen. Diese Tendenz herrschte besonders in solchen Gesellschaften vor, in denen Juden als Außenseiter galten, als Eindringlinge, die nationalen Bestrebungen im Wege standen, als wirtschaftliche Konkurrenten. Es ist kein Zufall, dass in den Ländern, in denen die meisten nicht assimilierten Juden lebten - Menschen, die sich anders kleideten, eine andere Sprache sprachen, an einen anderen Gott glaubten, deren Bindungen und Beziehungen über die Nationalgrenzen hinausreichten -, die örtlichen Hilfstruppen bedenkenlos kollaborierten. Vielfach ist heute die blutrünstige Begeisterung dokumentiert, mit der die litauische, lettische und ukrainische Polizei mordete, brandschatzte und plünderte. Die nazistische Ideologie mit ihrem Kult um Blut, Stahl und arische Überlegenheit sanktionierte und kanalisierte den Willen zur Zerstörung. In Polen, wo vor dem Krieg 3,3 Millionen Juden lebten, hatten selbst Teile der Widerstandsbewegung Bedenken, mit dem jüdischen Untergrund zusammenzuarbeiten.

Umgekehrt war die Bereitschaft, die Juden zu schützen, gleich was es koste, dort am größten, wo sie eine kleine, gut in das Gesellschaftsgefüge integrierte Minderheit darstellten, in Ländern, deren nationale Identität unumstritten war, in denen die Juden keinerlei Bedrohung darstellten, weder kulturell noch politisch, noch wirtschaftlich. Das herausragende Beispiel ist Dänemark, wo die Juden nicht nur sehr stark assimiliert waren, sondern es auch zahlreiche Ehen zwischen Juden und Nichtjuden gab. In Italien gehörten die jüdischen Gemeinden von alters her zur Landschaft. Bulgarien mit seinen 50 000 sephardischen Juden ist eines der wenigen osteuropäischen Länder ohne antisemitische Tradition. In diesen Ländern fand der Nazismus am wenigsten Anklang - und hier konnten anerkannte einheimische Persönlichkeiten andere Normen setzen. König Christian von Dänemark widersetzte sich den Deutschen mit seiner Rede über "unsere jüdischen Mitbürger". In Italien machte Bischof Nicolini Assisi zu einem sicheren Zufluchtsort. In Griechenland predigte Erzbischof Damaskinos, dass "alle Bürger Griechenlands, unabhängig von Rasse und Religion, von den Besatzungsmächten gleich behandelt werden müssen". In Frankreich schützte das Vichy-Regime die einheimischen Juden, überließ jüdische Flüchtlinge jedoch den übermächtigen Deutschen. Nicht zufällig stehen die Niederlande, wo der Geist der Toleranz tief verwurzelt ist, mit an der Spitze der Liste der Gerechten in Yad Vashem. Doch selbst in Ländern, in denen der Antisemitismus eine lange Tradition hat, zeigten einige Widerstandsgruppen Mut und Menschlichkeit. Viele Bücher sind über polnische Retter geschrieben worden, die zwar eine Minderheit, aber keine unbedeutende darstellten. Sie operierten nicht im luftleeren Raum.

Letztlich oblag die Entscheidung, etwas zu tun, jedoch jedem einzelnen und fiel oft aufgrund einer momentanen Stimmung. In den meisten Fällen machte ein Jude, der in Not war, den ersten Schritt - manchmal war es ein Bekannter, manchmal ein völlig Fremder. Angesichts der Umstände hatte man selten die Zeit, zu überlegen oder nach Hause zu gehen und mit der Familie darüber zu sprechen. Man musste ja oder nein sagen. Eine Untersuchung ergab, dass 70 Prozent der Retter ihre Entscheidung innerhalb von Minuten trafen und 80 Prozent sich ohne vorherige Beratung mit anderen entschieden. Manche glaubten, eine kurzfristige Verpflichtung einzugehen. Sie stellten ein Versteck für eine Nacht bereit oder bis der Hilfesuchende eine dauerhafte Bleibe gefunden hatte. Oft wurden daraus Wochen oder Monate. Je besser der Retter "seinen" Juden als eigenständige Persönlichkeit kennen lernte, als einen Menschen mit Ängsten und Schwächen, Vorlieben und Begabungen, desto unwahrscheinlicher wurde ein Hinauswurf.

Aus welchen Motiven handelten die, die zu helfen bereit waren? Seit nahezu zwei Jahrzehnten suchen Sozialwissenschaftler mit den Methoden ihrer Wissenschaft, mit Interviews und Fragebögen, eine Antwort auf diese Frage. Man ist sich einig, dass Altruismus, Menschenliebe, nicht in Sekundenschnelle entsteht. Einfühlungs-vermögen und Mitgefühl sind Eigenschaften, die eng mit der persönlichen Geschichte verknüpft sind. Die Neigung, ja zu sagen, war bereits in Persönlichkeit und Lebensstil des Retters angelegt. Doch darüber hinaus kann die Forschung nur mögliche Verhaltensmuster aufzeigen. 

Nechama Tec beschreibt in ihrer Studie über polnische Retter "When Light Pierced the Darkness" (1) sechs verbreitete Eigenschaften:

    - Individualität oder Isoliertheit;

    - Unabhängigkeit oder das Selbstbewusstsein, persönlichen Überzeugungen  entsprechend zu handeln, unabhängig davon, wie diese von anderen bewertet werden;

    - intensives und langfristiges Engagement für Arme und Hilfsbedürftige;

    - die Einstellung, Hilfe für Juden als geringfügige Selbstverständlichkeit zu betrachten;

    - ein unerwarteter, ungeplanter Beginn der Rettung von Juden;

    - die grundsätzliche Einschätzung der Juden als hilflose Wesen, die auf den Schutz anderer unbedingt angewiesen sind.

Tec fasst zusammen: Wertvorstellungen, deren Quelle hier gleichgültig ist, scheinen tief in der Persönlichkeit verwurzelt zu sein. Alle erlebten sie als mächtige und verbindliche Maßstäbe des persönlichen Verhaltens. Überdies wurden diese Imperative meist wohl schon lange vor dem Krieg integrativer Bestandteil des moralischen Wertgefüges. In vielen Fällen kam eine lange Geschichte der Hilfeleistungen für Bedürftige zutage.          

Eva Fogelman sagte in einem Referat zum Thema "Moralischer Mut während des Holocaust":

"Letztendlich war die Erziehung, nicht das soziale Umfeld, von größerer Bedeutung. Welche Werte wurden in den Familien derer, die Retter wurden, am häufigsten gelehrt? Vor allem war es Toleranz gegenüber den Unterschieden zwischen Menschen ... Wenn wir unsere Kinder lehren, jedes Leben zu achten, Mitgefühl für Menschen in Not zu empfinden und Unterschiede zwischen den Menschen zu tolerieren, könnten wir eine Gesellschaft schaffen, in der Auschwitz undenkbar wäre."


1) Tec, Nechama: When Light Pierced the Darkness, New York 1986