Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

„Möge seine Seele eingeflochten sein in den Kreis der Lebenden (Inschrift auf Grabsteinen auf dem jüd. Friedhof) und „den Toten mit den Ergebnissen dieser Recherchen wieder ein Gesicht geben“ (Dr.Linnemann) 

Diese beiden zentralen Aussagen möchte ich über eine sehr eindrucksvolle Veranstaltung am 22. Nov. 2006 im Museum Bochum stellen, in der 20 Menschen, die während der Zeit des Faschismus in den Tod getrieben, gedacht wurde.

Anhand eines alten und eines neuen Stadtplanes führten Herr Halwer vom Stadtarchiv und Dr. Schneider durch die Veranstaltung an die Orte, wo die neuen Stolpersteine aus Messing am gleichen Tag von Gunter Demnig in den Boden dort eingelassen worden waren, wo ermordete ehemalige jüdische BürgerInnen aus Bochum und Wattenscheid gelebt hatten.

An immer mehr Orten in der Stadt wird nun wieder die Erinnerung an diese Menschen und die Vergangenheit sichtbar. Seit November 2005 wird so bisher an 53 Menschen an 27 Orten in Bochum erinnert – über 9500 mal in 135 Städten in Deutschland. „Dieser ‚Erfolg’ des Projektes ist ein wichtiges Signal gegen rechts-extreme Tendenzen in unserer heutigen Gesellschaft“ so Fr. Dr. Wölk, Leiterin des Stadtarchivs in der Begrüßung zur Veranstaltung. Dies gilt um so mehr, weil zu jedem „Stolperstein“ BürgerInnen als Paten sich mit der Biografie der Opfer befassen. Einmal jährlich werden die Ergebnisse dieser Recherchen in Bochum der Öffentlichkeit in einer eigenen Veranstaltung vorgestellt.

Da die meisten BochumerInnen, die sich für dieses Projekt engagieren, kaum Kenntnisse über die Menschen haben, werden sie vom Stadtarchiv und Dr. Schneider vom Verein „Erinnern für die Zukunft“ in die Recherchenarbeit eingeführt, unterstützt und mit Informationen versorgt.

Für alle Anwesenden wurden die Biografien der Ermordeten durch Dokumente, Fotos und Tonaufnahmen auf einer großen Leinwand sehr anschaulich dargestellt.

An folgende frühere BochumerInnen und WattenscheiderInnen erinnerten: Berufschule des europäischen Bildungszentrums ./. Sophia u. Albert Block (Moltke Markt 29); Freimauerloge „Zu den drei Rosenknospen“ / Moses Rambam (Königstr. 20); Alt-OB Stüber ./. Oberbürgermeister Dr. Otto Ruer (Willy-Brandt -Platz), M. Lutter u.a. ./. Max Pander  (Bongardstr. 14); Dr. Linnemann ./. Bertha Wittgenstein u. Hannah Wittgenstein-Mayer (Luisenstr.1); CDU-Ratsfraktion ./. Lehrerin Else Hirsch (Wilhelmsr. 16); „Erinnern für die Zukunft e.V. ./. Ferdinand und Ella Sternberg (Kortumstr. 112); H. Friedrichsmeier ./. Erich, Irma und Heinz Lewkonja (Kortumstr. 131); E.u.W. Kroker ./. Paul und Clothilde Schüler (Kanalstr. 16); J.u.E. Grevel ./. Benjamin und Ella Leiser (Wittener Str. 416); Albert-Einstein-Gymnasium ./. Wilhelm und Claus Naftalie (Querenburger Sr. 24); PDS. Die Linke ./. Meier Brecher (Jägerstraße 16); M.und.J. Hoffmann ./. Walter und Elfriede Heilbronn (Kortumstr. 10); H.Schlüter ./. Berta und Helene Sachs (Scharnhorststr. 2); Maria-Sybilla-Merian-Gesamtschule ./. Salomon Meiseles (Hochstr. 42; Dies. ./. Heinz und Martha Groß, Hugo und Inge Spiero (Stresemannstr. 42); Dies. ./. Julius, Rudi und Grete Liebreich (Westenfelder Str. 48; Bez.-Vertretung Wattenscheid ./. Emil, Hans und Betty Silbermann, Anneliese Poppers (Hochstr. 32).

Während es in Archiven zu manchen Namen ausführlichere Unterlagen gibt, liegt bei anderen außer den Namen kaum etwas vor, wie bei Moses Rambam, Königsstr. 20. Als die Paten schon aufgeben wollten, fanden sie eine heute noch in Bochum lebende frühere Nachbarin des Schreibwarenhändlers, die sich  an Ram-bam erinnern konnte.

Wie wichtig diese Erinnerungsarbeit ist, musste Alt-OB Stüber erkennen, als er im Rahmen seiner Recherchen zu Dr. Ruer 200 Passanten nach ihrem Wissen über Dr. Ruer fragten: Nur ca. 14 % wussten überhaupt, wer das war.

Hatten manche noch ihr Leben durch Emigration retten können, um so erschütternder waren Schicksale wie das von Max Pander: Auf dem Weg nach Cuba wähnte er sich schon gerettet, doch sein Visum war gefälscht. Er musste zurück nach Europa und wurde in Auschwitz ermordet. Oder auch das Schicksal der Lehre-rin Else Hirsch, die 1939 viele Bochumer jüdische Kinder rettete, selbst aber nach Riga deportiert wurde. Dort verlieren sich ihre Spuren.              

(Günter Nierstenhöfer)