Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

Siegfried Spandau erinnert sich ... 

Siegfried Spandau, er lebt heute mit seiner Frau in Jerusalem, ist unseren Leserinnen und Lesern bekannt: Vor einigen Jahren veröffentlichten wir seine Erinnerungen an das Bochumer Gerberviertel, in dem er aufgewachsen ist, regelmäßig taucht sein Name auch in der Rubrik "Leserbriefe" auf. Er hat uns zwei "Anekdoten" geschickt, in denen er sich an die Zeit vor der Emigration seiner Familie nach Argentinien im Jahre 1938 erinnert. Wir drucken sie gerne ab.


  Jerusalem, 13.5.07
 ... Diesmal schreibe ich Ihnen nichts über unsere hiesige politische Lage, denn sie wird immer verzwickter. Aber vielleicht interessieren Sie zwei Anekdoten, die ich miterlebt habe und die die damalige Zeit ziemlich gut widerspiegeln.

Es war wohl das Jahr 1937 in Kruft in der Eifel, dort wohnten ein Onkel und eine Tante von mir. Jedes Jahr in den Sommerferien musste der Junge aufs Land. Raus aus dem Kohlenpott in die gute Landluft. Die Familie meines Onkels Rosenberg war eine alteingesessene und bekannte Familie in der Umgebung. Noch mehr bekannt, weil die Gebrüder Rosenberg zwei gute Autoschlosser waren. Sie besaßen an der Hauptstraße Andernach-Mayen in Kruft ein schönes zweistöckiges Haus: An der Straße lagen die Tankstelle, ein Geschäft mit Autoersatzteilen, hinter dem Haus war eine große und der Zeit entsprechende moderne Werkstatt, weit hinten gab es noch einen großen Obst- und Gemüsegarten. Sogar eine Drehbank stand in der Werkstatt. Mein Onkel lehrte mich die ersten Schritte als Dreher dort zu tun. In späteren Jahren habe ich noch etwas dazu gelernt ...

Jede Woche gab es in Mayen einen Viehmarkt. Mein Onkel hatte einen Lastwagen, auf dem er eine Karosserie montiert hatte, und so kamen die Bauern zu ihm, um sich nach Mayen fahren zu lassen. In dieser Karosserie gab es auch Platz für das gekaufte Vieh: Ferkel, Ziegen, Geflügel etc., und so fuhren alle zusam-men, Bauern und das Vieh. Der dortige Geruch war nicht gerade Chanel Nr. 5, aber keinem machte das etwas aus. Mitzufahren war immer ein Erlebnis für mich.

Eines Tages sagte ein Bauer zu mir "Komm mal her, Junge, jetzt fass die Wutz (Ferkel auf plattdeutsch) mit der einen Hand an den Ohren und mit der anderen an den Schwanz." Was sollte ich machen, Angst wollte ich nicht zeigen, und nein wollte ich auch nicht sagen. Also: Den Mutigen gehört die Welt. Ich fasste an wie gesagt. Das Ferkel schrie wie am Spieß von der einen Seite und von der anderen Seite machte es sich auch bemerkbar, dass es ein Ferkel war. Zum Glück kam ich schnell zu dem Lastwagen, ohne das Ferkel zu verlieren. Mein Onkel lachte sich kaputt. "Wie siehst Du denn aus!" rief er, während er nicht aufhören konnte zu lachen. "Geh dich waschen." Auf der Rückfahrt roch ich auch nicht besser als alle anderen im Wagen. 

Eines Tages fand auf dem Nürburgring in der Eifel - in der Nähe von Mayen - ein Autorennen mit Karaciola, von Brauchitsch, Nuvolarie etc. statt. Ich hatte das Rennen im Radio gehört, und als es zu Ende war, ging ich auf die Straße, um alle die Autos zu sehen, die jetzt zurückkamen und an der Tankstelle vorbeifuhren. Vielleicht auch mit der Hoffnung, einer kommt zum Tanken und ich kann mich nützlich machen. Wie gedacht, hielt auf einmal ein großer offener Mercedes mit Offizieren dort an. Jemand sagte zu mir;" Kannst Du tanken? Mach den Tank voll!" Stolz fing ich an zu pumpen. Auf einmal sah ich einen Radfahrer kommen, ich erkannte ihn als einen Nachbarn meines Onkels. Von weitem wollte er sich schon bemerkbar machen, er gestikulierte wie verrückt und schrie beim Näherkommen mit voller Stimme: "Halt, wissen Sie nicht, dass Sie bei einem Juden tanken?" Was sollte ich machen? Ich hörte auf zu tanken. Man sagte mir: "Ruf den Besitzer!" Im selben Moment kam mein Onkel und fragte, was los sei. Man fragte ihn, nicht gerade freundlich: "Sind Sie der Besitzer und wie heißen Sie?" Mein Onkel antwortete freundlichst und schickte mich nach hinten. Nach kurzer Zeit hörte ich den Wagen fortfahren, getankt, denke ich, wurde nicht mehr. Bezahlt vielleicht, ich habe nicht gefragt. Aber mir war die Lust an Kruft vergangen, und ich wollte wieder nach Bochum zurück auf die Gerberstraße. Da wusste ich wenigstens, wer mir Freund oder Feind war.

Jetzt eine gegenteilige Anekdote. Am Tag vor unserer Abreise (1938 nach Argentinien) sollten die Einpacker und der dazugehörige Inspektor kommen. Kurz vor 8 Uhr war der Inspektor schon da, gut angezogen, mit großem Hakenkreuz im Knopfloch, wie es damals üblich war. Kurze Zeit später kamen auch die Packer und fragten, ob alles bereit sei zum Einpacken. Wie man sich vorstellen kann, war die Stimmung ziemlich angespannt. Wir hatten wohl alles in Ordnung, aber immer konnte noch etwas schief gehen, was unsere Ausreise verschieben und sogar verhindern konnte, man war ja nie sicher. Der Inspektor setzte sich auf einen Stuhl im Salon, vertiefte sich in eine Zeitung und war bald eingeschlafen, oder er tat wenigstens so. Die Leute fingen an, alles sachverständig einzupacken, während ich in der Küche war und zusah. Nach einiger Zeit sagte mir einer der Packer: "Hol deinen Vater, aber nicht, dass der da drinnen was merkt." Mein Vater kam sofort, und derjenige, der mit mir gesprochen hatte, sagte: "Herr Spandau, bringen Sie mir jetzt alles, was Sie an Wertsachen noch haben, ich kann das jetzt in den anderen Sachen verstecken, ohne dass es jemand merkt." Mein Vater sah mich an und ich ihn, ich glaube, wir dachten beide dasselbe. Ist das eine Falle? Man hatte Angst und war misstrauisch. Mein Vater sagte: "Wir haben nichts." Der Packer sagte: "Quatsch, alle haben immer etwas." Was tun, die Situation war schwierig. Der Packer sah das Zögern meines Vaters und sagte: "Haben sie keine Angst, sie können mir vertrauen." - "Gut," sagte mein Vater, "ich habe noch dieses und jenes." Dazu gehörte auch ein silberner Besteckkasten. Mein Vater hatte ihn vor kurzem beim Juwelier Pander, einem guten Freund, gekauft. Um es kurz zu machen. Alles ist gut in Argentinien angekommen. Nachdem alles gepackt war, war der Inspektor wieder aufgewacht. Er unterschrieb mehrere Papiere und ging. Wir hätten Millionen einpacken können, hatten aber keine.

Zwei verschiedene Anekdoten aus derselben Zeit. Es ist zum Nachdenken. ...