Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

„Verfolgung von Minderheiten im Nationalsozialismus am Beispiel der Zeugen Jehovas“.

Diesen Titel trug eine Ausstellung, die im Foyer des Kulturzent-rums in Herne gezeigt wurde. Hubert Schneider hielt den Einfüh-rungsvortrag, dessen Text wir im Wortlaut wiedergeben. 

Meine Damen und Herren, eine allgemeine Lehre aus der Geschichte lautet: Seht, wie der Staat mit seinen Minderheiten umgeht, und ihr erkennt seinen Charakter! Am Umgang mit seinen Minderheiten lässt sich ablesen, welches Maß an Gerechtigkeit, Toleranz und Humanität ein Staat praktiziert – beziehungsweise, in welchem Maße er diese humanen Grundwerte missachtet.

Für den NS-Staat liegt das Ergebnis auf der Hand. Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, setzten sie um, was sie zuvor propagiert hatten: Formierung der Gesellschaft nach völkischen Idealen. Wer sich dieser Politik widersetzte bzw. sich ihr zu entziehen suchte, dem wurde mit „Ausmerzung“ oder „Umerziehung“ gedroht. Die rechtlichen Voraussetzungen wurden alsbald geschaffen, als die Verfassung der Weimarer Republik mit der nach dem Reichstagsbrand erlassenen Notverordnung vom 28. Februar 1933 in wesentlichen Bestimmungen faktisch außer Kraft gesetzt wurde. Diese „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ hob die als Grundrecht im Artikel 114 verankerte „Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit“ auf und schuf somit für das NS-Regime die Basis zur Anwendung der sogenannten „Schutzhaft“. Diese bis zum Ende des NS-Regimes angewandte Schutzhaft war eine „politische Polizeihaft“. Unter Ausschaltung der Justiz konnte die Polizei Regimegegner ohne eine vorliegende Straftat verhaften und als Vorbeugungsmaßnahme eine unbegrenzte Haft anordnen. Und so entstanden gleich nach diesen Februartagen die ersten Konzentrationslager. Zuerst waren es improvisierte oder „wilde“ Konzentrationslager – Beispiele hierfür haben wir in allen Ruhrgebietsstädten -, die später aufgelöst wurden. Die von der SS in Deutschland und Österreich neugebauten großen Konzentrationslager waren bei Kriegsbeginn die berüchtigten Lager Dachau, Sachsenhausen (Oranienburg), Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen und das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück.

Die ersten Häftlinge in den Konzentrationslagern waren politische Gefangene. Sie wurden Schutzhäftlinge genannt, da sie mit dem sog. Schutzhaftbefehl der Gestapo in die Lager eingewiesen wurden. Unter ihnen befanden sich Kommunisten, Sozialdemokraten, aber auch unbeliebte liberale Redakteure und Publizisten und manchmal auch konservativ eingestellte persönliche Feinde der Naziführer. Innerhalb der Gruppe der politischen Häftlinge nahmen die Kommunisten und Sozialdemokraten, d.h. der „marxistische Feind“, die Hauptrolle ein. Im Jahre 1937, aber nicht selten auch schon vorher, wurden Kriminelle und sog. Asoziale von der Kriminalpolizei in die Konzentrationslager eingewiesen. Während die Opposition gegen das NS-Regime abnahm, wurden die Konzentrationslager mit den inhaftierten angeblichen Oppositionellen immer größer; ein direkter Zusammenhang zwischen wirklicher Opposition und Inhaftierung bestand nicht. Und so wurden  immer mehr Gruppen und Minderheiten Ziel der Verfolgung, die den völkischen Idealen der Nazis nicht entsprachen. In vielen Fällen handelten die Nazis dabei im Einvernehmen großer Teile der Bevölkerung bzw. großer Interessengruppen, die diesen Minderheiten schon lange mit Vorurteilen begegnet waren. Nicht selten waren diese Gruppen auch vorher Verfolgungen ausgesetzt. Neben der größten Gruppe, den Juden, gehörten dazu die Sinti und Roma, die Homosexuellen, und in vielen Fällen hörten die Verfolgungen nach dem Ende des III. Reiches auch nicht auf.

Zu den von den Nationalsozialisten verfolgten Minderheiten gehörte von Anfang an die kleine Gruppe der Zeugen Jehovas. Gegen diese religiöse Minderheit ging der NS-Staat mit einer heute kaum noch nachvollziehbaren Härte vor. Dabei muss man wissen, dass die Religionsgemeinschaft der „Ernsten Bibelforscher (Zeugen Jehovas)“ im Jahre 1933 lediglich etwa 25.000 Mitglieder zählte. Als Glaubens-gemeinschaft wurde die Organisation schon ab April 1933 in einzelnen Ländern Deutschlands verboten, wobei dieses Verbot von den großen christlichen Kirchen, die ja schon in den zwanziger Jahren heftigste Angriffe gegen das „Sektenunwesen der Zeugen Jehovas“ geführt hatten, durchaus begrüßt wurde. Für die katholische Kirche, die in den ersten Wochen nach dem Januar 1933 von ihrer zuvor erklärten Gegnerschaft zum Nationalsozialismus abrückte und nach einem Modus vivendi mit der Regierung Hitler suchte, erkannte Kardinal Michael von Faulhauber in einer Protestnote vom 5. Mai 1933 gegen die Unterdrückung des politischen Katholizismus dankbar an, „dass sich im öffentlichen Leben unter der neu-en Regierung manches gebessert hat: Die Gottlosenbewegung ist eingedämmt, die Freidenker können nicht mehr offen gegen Christentum und Kirche toben, die Bibelforscher können nicht mehr ihre amerikanisch-kommunistische Tätigkeit entfalten.“ Dieses Einvernehmen zeigte sich auch darin, dass an maßgeblichen Besprechungen über die Verbote der Bibelforscher und anderer Gruppen in der Anfangszeit des ‚Dritten Reiches‘ auch Vertreter der großen Kirchen teilnahmen. Und „Das Evangelische Deutschland“, ein führendes Presseorgan auf protestantischer Seite, stellte in einem Bericht zum preußischen Bibelforscherverbot fest: „Die Kirche wird dankbar anerkennen, dass durch dieses Verbot eine Entartungserscheinung des Glaubens beseitigt worden ist. ... Damit ist jedoch noch keine vollständige Bereinigung der Sekten erreicht. Erwähnt seien nur die ‚Neuapostolischen‘.“ Zumindest bis Mitte der 1930er Jahre gab es ein regelrechtes Zusammenspiel zwischen den beiden gro-ßen Kirchen und dem Staat beim Vorgehen gegen einzelne Sekten. Mit Hintergrundberichten über die jeweiligen Glaubensgemeinschaften glichen die Kirchenbehörden mangelnden sektenkundlichen Sachverstand auf staatlicher Seite aus, teilweise leisteten sie für die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und andere Verfolgungsinstanzen auch direkte Zuträgerdienste. Allenfalls Stimmen aus den Kreisen des kirchlichen Widerstandes, zum Beispiel 1937 Karl Barth in seinem Schweizer Exil, bekundeten ihre Solidarität mit den verfolgten Zeugen Jehovas.

In den folgenden Jahren wurden ca. 10 000 Mitglieder der Zeugen Jehovas zeitweise in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht. Weshalb, so fragt man sich, war der NS-Staat nicht in der Lage, der kleinen Gruppe der Bibelforscher einfach keine Aufmerksamkeit zu schenken und sie durch Nichtbeachtung zu tolerieren?

Tatsache ist, dass der NS-Staat sie wie einflussreiche politische Feinde betrachtete. Dabei definierten sich die Zeugen Jehovas selbst gar nicht als politische Menschen. Sie verstanden sich primär als gläubige Christen, die Distanz zum politischen Umfeld zu halten versuchten. Allerdings enthielt ihre Vorstellung von einem realen Reich Gottes auf Erden, das am Ende auch alle irdischen Herrschaftsstrukturen aufheben werde, hinreichenden Konfliktstoff. Denn sie kollidierten mit den Gehorsamsforderungen des totalitären Staates.

Zudem legten die Zeugen Jehovas eindeutig widerständiges Verhalten an den Tag. Es ist der Sache und der Wirkung nach als politisch einzuschätzen, auch wenn es religiös gedacht war. In ihren Schriften bezeichneten die Zeugen das Dritte Reich als „Teufelsherrschaft“ und Hitler als „Antichrist“. Sie weigerten sich, die nationalsozialistische Grußformel „Heil Hitler“ auszusprechen und benutzten weiterhin die gewohnten bürgerlichen Grußformen „Guten Morgen“ und „Guten Tag“, wozu unter den gegebenen Verhältnissen großer Mut gehörte. Noch viel schwerer wog, dass sie sich standhaft weigerten, den Eid auf Hitler als den Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu leisten. Aus der Sicht des nationalsozialistischen Staates stellten diese Verhaltensweisen ein ganzes Bündel von Loyalitätsverweigerungen dar, das geradezu als eine Kampfansage gegen den NS-Staat gewertet wurde. Tatsächlich stuften die SS- und Gestapoführer die Zeugen Jehovas schon in den 30er Jahren als Staatsfeinde ein.

Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1935 verschärfte sich die Situation. Denn nun wurde jeder Mann einer bestimmten Altersgruppe ohne Ausnahme zwangsverpflichtet. Seit dem Kriegsbeginn 1939 schließlich sahen sich die Zeugen Jehovas vor die denkbar größte Herausforderung gestellt: Entweder sie beugten sich den sogenannten Kriegsnotwendigkeiten, also den Forderungen des nationalsozialistischen Militärstaates, und schworen ihren Überzeugungen ab. Oder aber sie blieben ihrem Glauben treu und verweigerten den Kriegsdienst. Das aber bedeutete, der sicheren Todesstrafe entgegenzusehen. Bis zum heutigen Tage ist es noch immer viel zu wenig bekannt, dass viele Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft dieses Martyrium auch tatsächlich auf sich nahmen. Den einschlägigen Forschungen des Historikers Detlef Garbe zufolge sind ungefähr 250 deutsche und österreichische Zeugen Jehovas vom Reichskriegsgericht wegen Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt und – in der Regel durch das Fallbeil – hingerichtet worden. Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas war die einzige Gruppe, die während der NS-Zeit die Kriegs-dienstverweigerung propagierte und praktizierte. Dabei hatte der Gruppenverbund eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Denn jene Männer, die als Zeugen Jehovas den Kriegsdienst verweigerten, konnten immerhin sicher sein, dass ihre Religionsgemeinschaft voll hinter ihnen stand und sie in jeder Phase ihres schweren Weges moralisch unterstützte.

Eine immer wieder diskutierte Frage lautet: Waren die Zeugen Jehovas eigentlich Pazifisten? Muss man sie von den politisch motivierten Pazifisten unterscheiden? Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass letztere in der Regel nicht den Weg der offenen Kriegsdienstverweigerung gingen. Etliche Prominente unter ihnen erkannten schon vor 1933 oder spätestens kurz danach die Gefahr und emigrierten. Andere - wie zum Beispiel Carl von Ossietzky – wurden verhaftet und in Konzentrationslagern gequält. Während des Krieges suchten die Anhänger der verbotenen pazifistischen Organisationen Nischen im militärischen Apparat, welche die Chance zu bieten schienen, nicht mit dem eigentlichen Kriegshandwerk in Berührung zu kommen. Diese Sachverhalte zu betonen ist bedeutsam: Einmal, um die Einzigartigkeit des Verhaltens der Zeugen Jehovas angemessen herauszustellen: nämlich die offene und demonstrative Weigerung, einen Kriegsdienst zu leisten. Zum anderen, um klarzustellen, dass es falsch wäre, die Zeugen Jehovas, die den Kriegsdienst verweigerten, umstandslos in die Geschichte der pazifistischen Bewegung einzuordnen. Diese verstand sich ja immer – bei unterschiedlichen Motiven – als eine ausgesprochen politische Bewegung, während die Zeugen Jehovas, um mit Detlef Garbe zu sprechen, „nicht oder zumindest nicht in erster Linie politisch oder pazifistisch motiviert“ waren.

Legen wir uns nun noch einmal die Frage vor, woher die Feindseligkeit, die erbarmungslose Härte und Brutalität rührte, mit der die Militärjustiz des nationalsozialistischen Staates gegen die Zeugen Jehovas vorging, die den Kriegsdienst verweigerten? Schließlich spielten die paar Hundert zum Dienst eingezogenen Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft bei einem Personalbestand der Wehrmacht von insgesamt etwa 20 Millionen Menschen - quantitativ betrachtet - doch eine gänzlich marginale Rolle! Weshalb hielten die Militärrichter diese Menschen, die doch lediglich ihren Glauben zu leben versuchten und gar nicht politisch sein wollten, für so gefährlich, dass sie nicht davor zurück schreckten, ihnen das Leben zu nehmen? Warum kannten die Richter des Reichskriegsgerichts letztlich keinerlei Gnade, wenn es gegen die winzige Minderheit der Kriegsdienstverweigerer aus religiöser Überzeugung ging?

Wer diesen Fragen nachgeht, muss erkennen, dass der NS-Staat auch andere widerständige Menschen mit der gleichen Härte verfolgte. Wehrmachtsgerichte verhängten insgesamt mehr als 30 000 Todesurteile. Über 22 000 Deserteure der Wehrmacht wurden zum Tode verurteilt, von denen etwa 15 000 auch tatsächlich vollstreckt wurden. Sämtliche Militärs und Zivilisten, die direkt oder indirekt am Widerstand des 20. Juli 1944 beteiligt waren, wurden ebenfalls umgebracht. Das heißt: der nationalsozialistische Staat war ein totalitärer Militärstaat, der keine Abweichung duldete. Er definierte den Wehrdienst in ideologischer Überhöhung als „Ehrendienst am deutschen Volk“ und signalisierte damit, dass es ausnahmslos niemandem erlaubt war, sich den Zumutungen des Staats zu entziehen. Bezeichnenderweise gebrauchte der NS-Staat auch nicht den Begriff der Kriegsdienstverweigerung, der uns heute geläufig ist, sondern er wertete diesen Sachverhalt sprachlich und juristisch als „Wehrkraftzersetzung“, worunter eine aktive Handlung gegen die nationalsozialistische Volksgemeinschaft verstanden wurde. Seit Kriegsbeginn 1939 wurde die „Zersetzung der Wehrkraft“ mit der Todesstrafe bedroht.- Die Härte des NS-Staates gegen jene Zeugen Jehovas, die sich dem Kriegsdienst verweigerten, erklärt sich zum einen aus dieser totalitär-militaristischen Vorstellungswelt. Zum anderen fürchtete der NS-Staat aber auch die „propagandistischen Wirkungen“ der „hartnäckigen Überzeugungstäter“, also deren potentielle Werbekraft.

Wie die Deserteure der Wehrmacht, so stießen auch die Zeugen Jehovas in den Nachkriegsjahrzehnten trotz ihrer hohen Blutopfer nur selten auf Verständnis und Respekt. Denn in der Zeit des Kalten Krieges gerieten sie erneut mit dem Staat in Konflikt, da sie neben dem Kriegsdienst auch den Ersatzdienst verweigerten, was in der BRD zwischen 1958 und 1969 alleine 1500 Strafverfahren gegen Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft wegen Fahnenflucht oder Zivildienstflucht zur Folge hatte. Mit Recht ist gesagt worden: „Ausgerechnet diese religiösen Totalverweigerer, die bereits von den Nationalsozialisten als ‚Wehrkraftzersetzer‘ grausam verfolgt worden waren, fanden sich entgegen den Intentionen der Verfassungsväter und -mütter auch in der Bundesrepublik Deutschland im Gefängnis wieder.“

Weshalb stellten die Kriegsdienstverweigerer und Deserteure für die deutsche Öffentlichkeit auch nach 1945 ein so großes Problem dar? Die Antwort lautet: Diese Menschen konfrontierten die große Mehrheit der Deutschen mit einem provozierenden Tatbestand: Dass es neben den Millionen von aktiven Tätern, willigen Gehorchern und Mitläufern, die dem NS-Staat ge-dient und damit seine Massenverbrechen ermöglicht hatten, tatsächlich auch noch etwas anderes gegeben hat: Nämlich die Möglichkeit der Verweigerung und des Widerstands, und zwar gerade auch für den „kleinen Mann“ und die „kleine Frau“. Das war eine hochbrisante Erkenntnis, die so eigentlich niemand hören wollte. Das war der eigentliche Grund dafür, dass die Deserteure, Wehrkraftzersetzer und Kriegsdienstverweigerer auch noch nach 1945 auf mehrere Jahrzehnte hinaus im öffentlichen Bewusstsein das blieben, was sie schon in der NS-Zeit gewesen waren: Vaterlandsverräter, Feiglinge, Volksschädlinge, Narren und Dreckschweine. Das führte zu der aberwitzigen Konstellation, dass ausgerechnet diese mutigen Menschen es auch nach dem Ende des NS-Terrors nicht wagen konnten, sich öffentlich zu erkennen zu geben. Die Kriegsgeneration der Täter und Mitläufer behielt ihre Prägekraft über Jahrzehnte hinweg.

So ist es auch zu erklären, dass sich die historische Forschung erst seit den 80er Jahren um die Wehrmachts-deserteure und auch um die Geschichte der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit kümmerte. In dieser Zeit entstand das grundlegende Buch von Detlef Garbe über die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“. Dieser Autor hat lange nachgedacht über die Spannung zwischen deren religiöser Motivation und dem objektiven Befund, dass sie nicht nur schweigende Opfer, sondern bekennende Verweigerer waren. In seinem Buchtitel „Zwischen Widerstand und Martyrium“ hat er diese Problematik einzufangen versucht.

Meine Damen und Herren, das grundlegende Buch von Detlef Garbe ist 1993 erschienen. Seit dieser Zeit hat die Forschung zum Schicksal von Minderheiten im Nationalsozialismus Fortschritte gemacht. Auch das Schicksal der „Zeugen Jehovas“ wurde differenzierter erforscht. Ergebnisse wurden in einer großen Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung – Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ in vielen deutschen Städten gezeigt. Anfang 2003 wurde im Düsseldorfer Landtag die Ausstellung „Erinnern für die Zukunft“ eröffnet. Zahlreiche Lokalstudien mit der Darstellung vieler persönlicher Schicksale zeigen deutlich, dass dies alles nicht irgendwo, sondern hier vor Ort, in unserer Stadt geschah. Für Herne hat der Arbeitskreis „Rosa Winkel“ Forschungsergebnisse vorgelegt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass von den ca. 80 Mitgliedern des Herner Gebetskreises und den ca. 25 der Gruppe in Wanne-Eickel fünf Männer und zwei Frauen hingerichtet wurden bzw. in Lagern ums Leben kamen. 60 Personen wurden zu Haftstrafen von insgesamt 139 Jahren, 4 Monaten und 8 Tagen verurteilt. Viele der Herner Zeugen Jehovas landeten in dem berühmt-berüchtigten Konzentrationslager Wewelsburg. Erste Forschungsergebnisse zum Schicksal dieser Menschen in diesem Lager hat kürzlich Kirsten John-Stucke vorgelegt. Die heute hier eröffnete Ausstellung zeigt konkrete Beispiele aus den 5 Regierungsbezirken in NRW, auch das ist ein Ergebnis großer Anstrengungen in den letzten Jahren.  

Meine Damen und Herren, ich habe zu Beginn gesagt: Seht, wie ein Staat mit seinen Minderheiten umgeht, und ihr erkennt seinen Charakter! Am Umgang mit seinen Minderheiten lässt sich ablesen, welches Maß an Gerechtigkeit, Toleranz und Humanität ein Staat praktiziert bzw. in welchem Maße er diese humanen Grundwerte missachtet. Die hier gezeigte Ausstellung zeigt am Beispiel der Zeugen Jehovas die menschenverachtende Haltung des NS-Regimes gegen solche, die sich den eigenen Vorstellungen entgegen stellten. Dabei wird auch deutlich¸ dass die Nazis in vielen Fällen auf vorhandene Stimmungen, Vorurteile in weiten Kreisen der Bevölkerung zurückgreifen konnten. Nur so ist es ja zu erklären, dass die Politik gegen diese Minderheiten so wenig Widerspruch in der Öffentlichkeit erfuhr. So soll denn diese Ausstellung den Besucher auch nachdenklich stimmen. Er soll sich selbstkritisch fragen, mit welchen Vorurteilen er heute unter uns lebenden Minderheiten begegnet, seien es nun die „Sinti und Roma“, die „Juden“, die „Homosexuellen“, die „Asylbewerber“ oder vielleicht auch die „Zeugen Jehovas“. Diese Selbstreflexion soll ihn auch befähigen, sich öffentlich zu melden, wenn die Rechte dieser Minderheiten in unserer Gesellschaft verletzt werden. Und es steht der Volkshochschule Herne gut an, dass sie „als Hochschule des Volkes“ diese Ausstellung zeigt, es ist zu wünschen, dass viele Menschen, vor allem auch Schulklassen, den Weg hierher finden.