Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2007                          Nr. 11

Inhaltsverzeichnis

Von der Diskriminierung zum „Familienlager“ Auschwitz-Birkenau: Die nationalsozialistische „Zigeunerpolitik.“ 

Vor einiger Zeit erarbeitete die "VVN Bochum BdA" eine Ausstellung zum Thema "Zigeuner" in Bochum. Bei der Präsentation dieser Ausstellung in der Bochumer Christuskirche hielt Hubert Schneider den Einführungsvortrag, den wir im Wortlaut wiedergeben. 

Meine Damen und Herren, als ich mir vor Jahren – im Kontext der Arbeit am Gedenkbuch „Opfer der Shoah aus Bochum und Wattenscheid“ in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz einen Ausdruck mit den Namen der Opfer machen ließ, bei denen als Geburtsort oder letzter Wohnort „Bochum“ angegeben war, erlebte ich eine Überraschung: Die Anzahl der Namen von Sinti und Roma, die mit Bochum in Verbindung gebracht wurden, war wesentlich größer als die Anzahl der Namen von Bochumer Juden. Nun entspricht das sicher nicht der Realität – wir wissen, dass nur ein Bruchteil der Namen der in Auschwitz ermordeten Juden bekannt ist, die in der Gedenkstätte erstellten Listen ein schiefes Bild bieten - , die Überraschung für mich bestand in folgendem: Ich wusste nichts davon, dass aus Bochum auch Sinti und Roma deportiert worden sind. Und das ging nicht nur mir so: Sinti und Roma als Opfer des nationalsozialistischen Terrors war in der Forschung kaum ein Thema, erste Lokalstudien waren damals im Entstehen, Karola Frings arbeitete über Düsseldorf, Michael Zimmermann über Essen. Auch in Auschwitz hatte man sich damit kaum beschäftigt. Inzwischen ist vieles passiert: In der Gedenkstätte Auschwitz fand ein großer internationaler Kongress zum Thema Sinti und Roma statt, dort wurde (in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma) das Gedenkbuch "Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau" herausgegeben, vor einiger Zeit wurde in einem der ehemaligen Häftlingsblöcke im ehemaligen Stammlager Auschwitz eine eindrucksvolle Ausstellung eröffnet. In Deutschland sind einige große Arbeiten, viele Lokalstudien zum Thema entstanden. In Bochum erschien im Jahre 2002 das von der VVN herausgegebene und von Lutz Berger, Christine Eiselen und Volker Gerwers verfasste Buch: Verachtet, vertrieben verfolgt. Die Verfolgung der Sinti und Roma in Bochum und Wattenscheid.

Meine Damen und Herren, auf diese Lokalstudie werde ich hier und heute nicht eingehen, das können Sie alle leicht nachlesen. Ich werde – in der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit – versuchen, den Akzent auf die allgemeine Politik der Ausgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung und schließliche Ermordung der Sinti und Roma legen. Der Schwerpunkt meiner Ausführungen liegt auf dem Zeitraum 1933-1945. Ich werde aber darzustellen versuchen, dass die Diskriminierung 1933 nicht vom Himmel fiel, 1945 auch nicht verschwand, sondern dass es eine Kontinuität des negativen Bildes von Sinti und Roma  gibt, das alle politischen Systeme überdauert hat und noch heute tief in der Bevölkerung verwurzelt ist.

Sinti und Roma, die ursprünglich aus Indien stammen, werden im jetzigen Deutschland erstmals 1407 in einem „Urkundenbuch der Stadt Hildesheim“ erwähnt. Sie fanden anfänglich wohlwollende Aufnahme, wie z.B. ein Schutzbrief Kaiser Sigismunds aus dem Jahr 1423 erweist. Das änderte sich jedoch bald: Die Gründe sind vielschichtig. Sinti und Roma wurden zu einer Außenseitergruppe gemacht, die – ähnlich wie die Juden – leicht ausgegrenzt werden konnten und als Sündenböcke für Ängste und Spannungen in der Gesellschaft herhalten mussten. Die zunehmende territoriale Abgrenzung im Reich verstärkte solche Ausgrenzungstendenzen, zumal gegenüber nicht oder noch nicht sesshaften Gruppen. Die Behörden und Herrschaften des Reiches verhielten sich zunehmend  restriktiv, den Sinti und Roma wurde der Schutz entzogen, auf den Reichstagen von 1498 und 1551 wurden sie schließlich für vogelfrei erklärt.

Die überlieferten historischen Dokumente, vor allem die vielen sogenannten "Zigeuner-Edikte“ belegen seit dieser Zeit in erster Linie eine Geschichte der Verfolgung. Mit Nachdruck ist jedoch darauf hinzuweisen, dass dies nur die eine Seite und nur ein Teil der historischen Wirklichkeit ist. Die andere Seite ist die Jahrhunderte lange Geschichte des Heimischwerdens und der aktiven Beteiligung an der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung. Seit dem 16. Jahrhundert ließen sich zahlreiche Sinti auf Dauer nieder. Ihre Spuren verlieren sich in der Mehrheitsbevölkerung. Entgegen dem verbreiteten Geschichtsbild, das die Sinti nur als fahrendes Volk und als Kern der vielen Vagantengruppen des 17. und 18. Jahrhunderts sieht, war schon damals ein großer Teil von ihnen sesshaft. Jedenfalls lassen sich viele Familien in den örtlichen Kirchenbüchern bis in jene Zeit nachweisen. Die Ausbildung ihrer Gewerbe und deren Bedeutung für die vorindustrielle Gesellschaft, ihr Anteil an der sozia-len Entwicklung, ihr Beitrag zur Kultur und Kunst, ihre Rolle bei den Auswanderungsbewegungen in die USA und andere Elemente dürfen nicht unterschätzt werden. All dies zeigt, dass Sinti in vielfältiger Weise teilnahmen und teilhatten an der allgemeinen Geschichte in Deutschland.

Die historischen Quellen erlauben keine genauen Angaben darüber, wie viele der Sinti „Fahrende“ blieben. Doch auch diese hatten in der Regel feste Wohnorte, in denen sie den Winter überlebten, während sie im Sommer in einer begrenzten Re-gion über die Dörfer zogen, um ihrem Gewerbe als Kesselflicker, Korbmacher oder Kleinhändler nachzugehen. Feste, örtliche Bindung und ein fahrendes Gewerbe waren so miteinander verknüpft. Es ist in erster Linie diese Lebensform, mit der Sinti in Erscheinung traten und die ihr Bild in der Bevölkerung prägte.

„Fahrende“ gehörten zu den Bevölkerungsgruppen, die der fest gefügten Ständegesellschaft verdächtig und deshalb immer in der Gefahr waren, an den Rand gedrängt zu werden. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert grenzte die Gesellschaft Juden, „Zigeuner“, verelendete Bevölkerungsteile und andere Gruppen aus, indem sie ihnen den Zugang zu bestimmten Gewerbezweigen verschloss und sie mit Vertreibung, Folter und Hinrichtung verfolgte. Als Reaktion bildeten sich vielfach Vagantengruppen, an denen sich solche Ausgestoßene, etwa desertierte oder entlassene Soldaten, unter ihnen auch Sinti, beteiligten.

Im späten Absolutismus kamen Versuche auf, „Zigeuner“ ähnlich wie andere Gruppen den Normen der Erwerbsgesellschaft anzupassen. Die Bemühungen, sie – teils unter Zwang –  zu „brauchbaren Bürgern“ zu machen, scheiterten meistens an der ungeduldigen Durchführung und an der Beharrlichkeit der Betroffenen, ihre eigene Lebensart festzuhalten. Zwangsmassnahmen und andere Repressalien trafen freilich nicht nur fahrende, sondern auch sesshafte Sinti und Roma.

Seit dem 19. Jahrhundert zogen Roma in größerer Zahl aus Südosteuropa ins Deutsche Reich. Zugleich wurden zunehmend Eigenschaften auf Sinti und Roma projiziert, die eine durch Erwerbsarbeit und Disziplinierung geprägte bürgerliche Gesellschaft verdrängte. Sinti und Roma wurden auf Klischees reduziert: die sexuell verführerische Zigeunerin, den genialischen Zigeunergeiger, die hexengleiche Wahrsagerin, den räuberischen Vagabunden. Einerseits galten sie als „edle Wilde“, andererseits als „Lumpenproletariat“. In diesen Phantasien waren gleichermaßen Ausbruchssehnsucht und Angst vor dem Fremden aufgehoben. Sowohl im deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik als auch in den ersten Jahren der NS-Herrschaft galt die „Bekämpfung der Zigeunerplage“ nahezu ausschließlich als Aufgabe der Polizei. Unter „Zigeunerplage“ verstand man die „Belästigung“ der eingesessenen Bevölkerung durch fahrende Gruppen, doch im Grunde allein schon deren Lebensform und Verhalten. Der Ruf „Wäsche von der Leine, Hühner in den Stall, Kinder ins Haus, die Zigeuner kommen!“ ist bis heute in der Bevölkerung lebendig, stammt aber, wie die ländliche Szenerie zeigt, aus einer längst vergangenen Zeit. Der Vorwurf des Kinderdiebstahls, der auch gegen die Juden erhoben wurde, ist ein bekanntes und tiefsitzendes Vorurteil gegenüber „fremden“ Gruppen. Dass jedoch gegensätzliche soziale Loyalitäten und daraus folgend unterschiedliches Verhalten auch zu Spannungen und Konflikten führten, ist nicht verwunderlich. Die Tatsache, dass sich ein Spruch, wie der zitierte, über viele Jahrzehnte lebendig erhalten hat und die Einstellung gegenüber Sinti und Roma bis heute mitbestimmt, macht indessen ebenso sichtbar, wie fest überkommene Vorstellungen – ob begründet oder unbegründet – sitzen.

Vereinzelte kirchliche, schulische und von Fürsorgeeinrichtungen getragene Versuche, Sinti und Roma durch die Verbindung von Hilfe und Disziplinierung zu assimilieren, schlugen gegenüber den polizeilichen Abwehrmaßnahmen kaum zu Buche. Für ausländische Roma war die Ausweisung vorgesehen; für die inländischen Fahrenden existierte  eine vielfältige Skala von Mitteln. Von zentraler Bedeutung waren dabei die Anforderung zahlreicher Personal- und Reisepapiere, das Verbot des Reisens und Rastens „in Horden“ sowie schikanöse Auflagen bei der Erteilung des Wandergewerbescheins, der für die berufliche Tätigkeit unerlässlich war.

Diese polizeiliche „Zigeunerbekämpfung“ erreichte jedoch ihr Ziel nicht, da die Behörden in der Praxis nur im Auge hatten, die Fahrenden aus ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich fernzuhalten. So schoben sie sich gegenseitig das „Problem“ zu. Der gemeinsame Nenner der gegen Sinti und Roma gerichteten Maßnahmen, die ja auf die Verhinderung einer dauerhaften Niederlassung zielten, lautete paradoxerweise „Sesshaftmachung der Zigeuner“. Konsensfähig wurde diese Forderung dadurch, dass nahezu jede Gemeinde ganz selbstverständlich davon ausging, dass nicht sie selbst der Ort sein werde, an dem sich Sinti und Roma dauerhaft niederzulassen hätten. „Sesshaftmachung“ konnte aus dieser Warte mithin „als Quintessenz“ der Vertreibungspolitik verstanden werden.

In den ersten Jahren der NS-Herrschaft wurden zunächst jene Formen der Diskriminierung fortgeführt, die schon im Kai-serreich und in der Weimarer Republik üblich gewesen waren. So wurden verschiedene Ländergesetze nach dem Vorbild des Bayerischen Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetzes von 1926 verschärft. In mehreren Städten gingen Polizei- und Fürsorge-ämter daran, fahrende Sinti und Roma gegen geltendes Recht das Betreten privat geführter Plätze zu verwehren und ihnen kommunale, oft mit Stacheldraht umgebene Sammellager anzuweisen. Waren deutsche Sinti bereits vorher meistens mit Mindestfürsorgesätzen abgespeist worden, so gingen manche Gemeinden nach 1933 dazu über , einen gesonderten „Zigeunersatz“ einzuführen, der unter dem Satz für „hilfsbedürftige Volksgenossen“ lag.

Weitere Unterdrückungsmaßnahmen folgten aus der Dy-namik des NS-Rassismus. So war Sinti und Roma seit 1936 auf der Basis des „Blutschutz-" und des „Erbgesundheitsgesetzes“ entweder als „Artfremden“ oder als „Gemeinschaftsfremden“ eine Eheschließung mit „Deutschblütigen“ verboten. Dadurch wur-de das herkömmliche zweifache Feindbild, das die Zigeuner als beunruhigende Fremde sowie als vorgeblich arbeitsscheue Schmarotzer brandmarkte, aufgegriffen und auf den NS-Rassismus bezogen, der nach 1933 in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften eine entscheidende Rolle spielte. Dieser Rassismus ordnete die einzelnen Menschen verschiedenen „Rassen“ zu und unterschied dabei „höherwertige“ und „minderwertige Rassen“. Gesellschaftliche Konflikte und Widersprüche wurden so „biologisch“ interpretiert, ihre „Lösung“ darin gesehen, die „minderwertigen Rassen“ auszubeuten und schließlich auszurotten.

Es war die Aufgabe der 1936 gegründeten „Rassehygienischen Forschungsstelle“ beim Reichsgesundheitsamt unter der Leitung des Nervenarztes Dr. Robert Ritter, Sinti und Roma zu erfassen und rassistisch einzuordnen. Ritters Institut nahm seine anthropometrischen und genealogischen Untersuchungen an Sinti und Roma im Frühjahr 1937 auf. Neben Ritter waren Eva Justin und Sophie Erhardt wichtige Mitarbeiterinnen. „Fliegende Arbeitsgruppen“ von „sprachkundigen und rassebiologisch besonders geschulten Sachbearbeitern“ reisten durch das Deutsche Reich, um die Sinti und Roma aufzusuchen und zu „verhören“. Dabei machten sie auch ausgiebig Gebrauch von Kirchenbüchern und Registern, die ihnen Pfarrämter und Kirchen zur Verfügung stellten. Sinti und Roma, die sich misstrauisch zeigten , wurden nicht selten geschlagen und hatten mit polizeilichen Schikanen zu rechnen. Die führenden Institutsmitarbeiter verfassten und unterzeichneten „gutachtliche Äusserungen, mit denen Personen als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ eingestuft wurden. Diese Einstufungen bildeten später die Grundlage für die Deportation deutscher Sinti und Roma nach Auschwitz.

Generelle Kriminalisierung war ein weiteres Element, mit dem das NS-System vorausgehende polizeiliche Maßnahmen gegenüber Sinti und Roma rassistisch radikalisierte. Schon zur Olympiade 1936 wurden in Berlin Sinti und Roma festgesetzt. Im Zuge einer „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ wurden dann 1938 zahlreiche Sinti und Roma in die KZs Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen deportiert. 1938/39 wurde zudem ein kriminalpolizeilicher Apparat aufgebaut, der eigens der „Zigeunerbekämpfung“ diente. Ein Erlass Heinrich Himmlers, des Reichsführers der SS und Chefs der deutschen Polizei, vom 8. Dezember 1938 verlangte eine „Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus.“

Kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 ordnete das Reichssicherheitshauptamt an, dass „Zigeuner und Zigeunermischlinge“ ihren Aufenthalts- bzw. Wohnort nicht mehr verlassen durften. Diese Festsetzung ging mit Berufsverboten und der sozialen Isolation  in „Zigeunersammellagern“ einher. Seit 1941/42 durften Sinti und Roma die Volksschule nicht mehr besuchen, sie wurden von der „nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ nicht mehr betreut und waren vom Jugenddienst, der Wehrmacht und dem Reichsarbeitsdienst ausgeschlossen. Am 13. März 1942 verfügte der Reichsarbeitsminister, dass die sozialrechtlichen Sonderbestimmungen für Juden fortan auch für Sinti und Roma gelten sollten.

Im Mai 1940 wurden 2500 Sinti in das besetzte Polen deportiert. Unter den schwierigen Bedingungen des besetzten Landes fanden sie kaum eine Überlebensmöglichkeit und starben vielfach an Hunger, Kälte und Seuchen. Die übergroße Mehrheit der Deportierten wurde wie die Juden unter SS-Führung und -Bewachung in Arbeitskolonnen zusammengefasst und von Lagern und Ghettos aus zum Bau von Straßen, Schützengräben, Bunkern, Flughafengeländen oder KZs gezwungen. Im Dezember 1941 wurden etwa 5000 Sinti und Roma vor allem aus Österreich und Deutschland im Ghetto Lodz konzentriert und im Vernichtungslager Chelmno in Gaswagen erstickt.

Die systematisch betriebene physische Vernichtung der Sinti und Roma setzte 1941 mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ein. „Zigeuner“ zählten neben Juden, Funktionären der KPdSU, Partisanen, Patienten in psychiatrischen Kranken-häusern und anderen „unerwünschten Elementen“ zu den Opfern der NS-Einsatzgruppen, die vielfach in unmittelbarer Nähe und mit dem Wissen der Wehrmacht tätig wurden. Aber auch Wehrmachtsteile selbst und Besatzungsbehörden machten die Massenerschießung zum Hauptmittel der deutschen „Zigeunerpolitik“. In Polen wurde die Mehrheit der ermordeten Sinti und Roma nicht in Lagern, sondern durch Massenerschießungen umgebracht. Auf dem Balkan wurden kroatische und slowenische Roma von Ustascha-Milizen teils sofort erschossen, teils kurzfristig zur Zwangsarbeit interniert und schließlich 1942/43 in Absprache mit den deutschen Verbündeten in die Todeslager deportiert, sofern man die Waggons nicht bis zum Tod der Eingesperrten auf einem Abstellgleis stehen ließ. In Serbien begann die deutsche Besatzung am 9. Oktober 1941 mit der Erschießung von Juden und Roma. Harald Turner, der Chef des deutschen militärischen Verwaltungsstabes in Serbien, verwies am 29. August 1942 mit unverhohlenem Stolz auf das Ergebnis: “Serbien einziges Land, in dem Judenfrage und Zigeunerfrage gelöst.“

Das Reichssicherheitshauptamt verfügte schließlich auf einen Befehl Himmlers vom 16. Dezember  1942 für den März 1943 die Konzentration „zigeunerischer Personen“ in Auschwitz-Birkenau. Das dortige „Zigeunerfamilienlager“ existierte 17 Monate. Von den etwa 23.000 dort Zusammengepferchten  - darunter fast 10.000 Kinder – aus über 10 europäischen Ländern wurden 20.078 ermordet: 32 wurden nach einem Fluchtversuch erschossen, 6.432 wurden mit Gas erstickt, 13.614 erlagen den Lebensumständen im Lager, darunter fast alle Kinder. Von April 1944 an wurden die noch Arbeitsfähigen ausgesondert und nach Buchenwald, Ravensbrück und Flossenbürg überstellt, wo sie der „Vernichtung durch Arbeit“ sowie furchtbaren Zwangssterilisationsexperimenten ausgesetzt waren. Das „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz –Birkenau wurde in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 „aufgelöst“. Die dort Festgehaltenen, von denen manche bis zuletzt Widerstand leisteten, wurden auf Lastkraftwagen zu den Gaskammern transportiert.

Schätzungen über die Gesamtzahl der im Rahmen des NS-Völkermordes getöteten Sinti und Roma schwanken erheb-lich. Sie liegen zwischen 220.000 und 500.000. Die Gründe für diese Schwankungen sind offenkundig. Es gibt einzelne genaue Listen wie z.B. über das „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau. Dagegen existieren keine zuverlässigen Angaben über die Opfer der Massenerschießungen oder auf andere Weise Umgekommenen.

Parallel zum Völkermord an Sinti und Roma in Auschwitz und in den besetzten Gebieten Ost- und Südosteuropas wurde in Deutschland als zweiter Teil der Vernichtungspolitik die Zwangssterilisation von Sinti und Roma durchgeführt. Die Zwangssterilisation stellte für die Betroffenen eine Katastrophe dar. Das weitere Leben wurde zur Qual – sowohl wegen häufiger Folgeerkrankungen oder der traumatischen Erinnerungen an die Umstände des Eingriffs als auch deshalb, weil im Zusammenleben der Sinti und Roma die Nachkommen als Inbegriff von Glück und Ansehen sowie als Garanten der sozialen Sicherung im Alter gelten. Einmalig an der NS-Verfolgung war der rassistische Völkermord an Sinti und Roma. Das NS-System knüpfte aber auch an die traditionelle Verfolgung an. Diese hatte Sinti und Roma zugleich vertreiben und sesshaft machen wollen. Das NS-System verband diese beiden Ziele in mörderischer Form: Man schickte Sinti und Roma in den Tod, an den einzigen „Ort“, an dem Vertriebensein und Sesshaftigkeit dauerhaft  In eins fielen.

Lassen Sie mich abschließend noch einen Blick auf die Nachkriegszeit werfen. In den ersten Nachkriegsjahren war das Handeln der überlebenden Sinti und Roma weithin von dem Bestreben geleitet, die gebliebenen Familienbindungen wiederherzustellen, soweit dies nach der Verfolgung und Massenvernichtung noch möglich war. Es dauerte nicht lange, bis die früher herrschende „Zigeunerpolitik“, die die dauerhafte Niederlassung von Sinti und Roma abwehren sollte, wieder einsetzte. Da eine grundlegende Umstrukturierung der Kriminalpolizei nach 1945 ebenso unterblieb wie ihre effektive Entnazifizierung, konnte es geschehen, dass vormalige „Zigeunerspezialisten“ mit den Sinti und Roma befasst blieben und ihnen bei Entschädigungsverfahren sogar als Zeugen oder Experten gegenüberstanden. 

Bald suchten Kommunen nach herkömmlichem Muster durch überhöhte Mieten, ungenügende Ausstattung und plötzliche Auflösung oder gar Zerstörung öffentlicher Lagerplätze so wie durch schikanöse Polizeikontrollen auf privaten Plätzen und die Einschränkung von Fürsorgeleistungen fahrende Sinti und Roma zum Fortzug zu bewegen, zumal sich die Stadtverwaltungen oft von den Anwohnern der Lagerplätze unter Druck gesetzt sahen. Diese führten die gängigen Argumente ins Feld, die durchweg die verschiedenen politischen Systeme überlebt hatten, und verwiesen auf Unverträglichkeiten, die etwa aus der unzulänglichen hygienischen Ausstattung der Plätze resultierten, sowie auf Konflikte mit den „Zigeunern“, um eine Verlegung des Lagers zu fordern. Derartige Verhaltensmuster haben wenig an Aktualität eingebüßt; sie kommen heutzutage vor allem wieder zum Tragen, wenn osteuropäische Roma vertrieben werden sollen – ich verweise in diesem Zusammenhang auf den Umgang mit den wenigen Roma, denen in der Folge des Krieges im früheren Jugoslawien 1999/2000 die Flucht in die Bundesrepublik Deutschland gelungen war.

Wie schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ging Bayern auch in der Bundesrepublik bei der Sondergesetzgebung gegen Sinti und Roma besonders weit, indem es nicht nur – wie die übrigen Bundesländer auch – zu Anfang der fünfziger Jahre eine „Landfahrerordnung“ verabschiedete, sondern außerdem im Landeskriminalamt eine bundesweite „Zigeunerkartei“ einrichtete. Sie argumentierte dabei mit einer von der Staatsangehörigkeit gesonderten „Volkszugehörigkeit“, was angesichts der Erfahrungen in der Vergangenheit doch be-denklich erscheint.

In einem Grundsatzurteil sah der Bundesgerichtshof 1956 eine rassistische Verfolgung der deutschen Sinti und Roma erst mit dem Auschwitz-Befehl Himmlers vom 16. Dezember 1942 als gegeben an. Die vorhergehenden Erlasse wurden dagegen nach dem herkömmlichen Feindbild als „polizeiliche Vorbeugungs- und Sicherungsmaßnahmen“ gewertet: Es habe sich dabei angesichts der „asozialen Eigenschaften, der „Kriminalität“ und der „Möglichkeit der Spionage lediglich um sicherheitspolitische und kriminalpräventive Schritte gehandelt. Dieses Urteil wurde jedoch im Jahr 1963 dahin revidiert, dass ab 1935, mindestens aber ab 1938 von einer Kollektivverfolgung auszugehen sei. Als diese Revision  1965 im Schlussgesetz zum Bundesentschädigungsgesetz bestätigt wurde, waren allerdings bereits viele Geschädigte gestorben oder hatten resigniert die Auseinandersetzung mit der Justiz aufgegeben, zumal sie vor den Gerichten oft in einer Art behandelt worden waren, die eine elementare Achtung gegenüber den Opfern der NS-Verfolgung vermissen ließ. 

Als Gegenstück zu dieser Rechtsprechung vermag es kaum zu überraschen, dass Ermittlungen gegen den vormaligen Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle Dr. Robert Ritter und gegen seine Assistentin Eva Justin wegen ihrer Mitverantwortlichkeit für die Deportationen und Zwangssterilisationen von Sinti und Roma bereits im Vorfeld einer Gerichtsverhandlung 1950 bzw. 1960 eingestellt wurden. Ähnliches gilt für jene Angehörigen der Kriminalpolizei, die während der NS-Zeit die Verfolgung und Vernichtung der Roma und Sinti betrieben hatten. Erst im Jahre 1991 kam es zur ersten Verurteilung eines SS-Angehörigen des KZ Auschwitz-Birkenau, dem die Ermordung von Sinti und Roma nachgewiesen werden konnte – sie wird als einziges Beispiel auch in der schon erwähnten Ausstellung im ehemaligen Stammlager Auschwitz dokumentiert.

Sicher hat sich in den letzten Jahren vieles verändert – ich erwähnte es am Beginn meiner Ausführungen. Das Interesse an der Geschichte und gegenwärtigen Situation der Sinti und Roma ist gewachsen, es gibt ein neues Problembewusstsein. Tiefgreifende und dauerhaftere Impulse löste der Beginn einer eigenständigen Bürgerrechtsarbeit der deutschen Sinti und Roma seit Ende der siebziger Jahre aus. Diese Bürgerrechtsarbeit sieht es als zentrale Aufgabe an, einer Verdrängung der Vernichtungspolitik des NS-Regimes gegen Sinti und Roma im öffentlichen Bewusstsein entgegenzuwirken. Sie betont vor diesem Hintergrund die besondere Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für eine angemessene Entschädigung und für die Beendigung diskriminierender Praktiken. Inzwischen ist als eine weitere Aufgabe die Vertretung der Interessen und Bedürfnisse der ausländischen Roma, die in diesem Land leben oder Asyl und Aufenthalt suchen, hinzugekommen. Das alles darf aber nicht den Blick dafür verstellen, dass Vorurteile gegenüber den „Zigeunern“ in der Bevölkerung und Benachteiligungen von Sinti und Roma keineswegs verschwunden sind. Wir alle erinnern uns an die Diskussionen, welche der Änderung des Asylgesetzes vorausgingen. Besondern die Roma aus südosteuropäischen Ländern kamen ins Gerede. Angesichts der damals hohen Zugangszahlen und wachsenden sozialen Belastungen wirkten die Roma, behaftet mit alten Vorbehalten, wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und die wenigen Sinti und Roma, denen es nach der Änderung des Asylgesetzes im Verlauf des letzten Balkankrieges gelang, nach Deutschland zu fliehen, hier um Asyl zu bitten, konnten von den deutschen Behörden wieder abgeschoben werden. Man erklärte sie kurzerhand zu ethnischen Albanern und behauptete, ihre Sicherheit sei nicht gefährdet. Widerspruch dagegen war in den Medien oder in der breiteren Öffentlichkeit kaum zu vernehmen.