Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2008                          Nr. 12

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.

  Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

    - Veranstaltung zum 9. November 2007: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2007 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. 2007 stand die Gedenkveranstaltung ganz im Zeichen der Erinnerung an das Ende der alten jüdischen Gemeinde: 1942, vor 65 Jahren, wurden in drei Transporten über zweihundert namentlich bekannte Mitglieder der jüdischen Gemeinde in die Lager in Riga, Zamosc und Theresienstadt deportiert. Nur wenige von ihnen haben überlebt. Schülerinnen und Schüler Bochumer Schulen hatten mit ihren Lehrern in Zusammenarbeit mit unserem Verein die Gedenkveranstaltung vorbereitet: Am 9. November stellten sie dann die Ergebnisse ihrer Arbeit vor: Sie berichteten über die Deportationsziele und über Bochumer jüdische Familien, die in diese Orte verschleppt worden sind. Zugleich erarbeiteten die Schülergruppen eine kleine Ausstellung zum gleichen Thema, die am 10. November- im Rahmen eines Konzertes -  im Vorraum der Christuskirche gezeigt wurde. Vor dem Konzert lasen die Schülerinnen und Schüler aus Berichten von Überlebenden der Lager. Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung am 9. November führte Hubert Schneider zahlreiche Interessierte auf einem Rundgang zu den in der Innenstadt bereits verlegten Stolpersteinen. (Siehe hierzu den Bericht im Heft des Vereins aus dem Jahre 2007).

    - Während der Gedenkveranstaltung am 9. November enthüllte Frau Oberbürgermeisterin Dr. Scholz eine Stele, die auf das Projekt "Stolpersteine" hinweist: Wesentlicher Bestandteil dieser Stele ist eine historische Karte der Innenstadt Bochums, ergänzt mit einem Verzeichnis, das anzeigt, in welchen Straßen wie viele jüdische Familien wohnten.

    -  Das Projekt Stolpersteine wurde auch 2007 fortgeführt: Am 2. November 2007 war der Künstler Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 19 neue Steine. Am 14. November 2007 stellten einige Paten ihre Recherche-Ergebnisse während einer Veranstaltung in den Räumen des Stadtarchivs Bochum einer größeren Öffentlichkeit vor. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüber stand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. In Bochum liegen inzwischen rund 80 Stolpersteine. Bei sogenannten "Stolpersteinrundgängen" erfahren die Teilnehmer etwas über das Schicksal der Menschen, die hier einst wohnten, und damit auch etwas über die Bochumer Stadtgeschichte.

    - Am 16. Dezember 2007 wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und im Beisein prominenter Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft die neue Synagoge in Bochum eingeweiht. Über dieses Ereignis sind die Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde durch die Stadt Bochum und den Freundeskreis Bochumer Synagoge direkt informiert worden. Das Interesse der Bevölkerung an einer Besichtigung der Synagoge ist groß: Bis zum jetzigen Zeitpunkt gibt es weit über 100 Anmeldungen von unterschiedlichen Gruppen für eine solche Besichtigung. Bei der Bewältigung dieser großen und wichtigen Aufgabe unterstützt der Freundeskreis Bochumer Synagoge die jüdische Gemeinde: Vier seiner Mitglieder führen ein Großteil dieser Führungen durch, darunter Gerd Liedtke, der Vorsitzende des Freundeskreis, der auch Mitglied unseres Vereins ist, und Hubert Schneider, der Mitglied des Beirats des Freundeskreises ist.

    - Vom 14. - 16.Februar 2008 stand am Bochumer Hauptbahnhof der "Zug der Erinnerung". Eine Ausstellung über die Deportationen der Kinder aus Deutschland und Europa. Die Ausstellung wurde über viele Monate an vielen deutschen Bahnhöfen gezeigt. Ein breites Bochumer Bündnis hatte ein umfassendes Begleitprogramm zum Aufenthalt des Zuges in Bochum vorbereitet und durchgeführt. Unser Verein beteiligte sich daran mit 6 Veranstaltungen:
      a) Zusammen mit Andreas Halwer vom Stadtarchiv führte Hubert Schneider eine Veranstaltung für Multiplikatoren (LehrerInnen und LeiterInnen von Jugendgruppen) mit dem Thema "Schicksale jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Bochum und Wattenscheid" durch. Jugendliche, die den "Zug der Erinnerung" besuchen wollten, sollten vorbereitet sein. Eine Möglichkeit der Vorbereitung war u. M. nach die Beschäftigung mit Einzelschicksalen von jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Bochum und Wattenscheid. Während der Veranstaltung wurden entsprechende Materialien vorgestellt und die Möglichkeiten zur Vorbereitung auf den Ausstellungsbesuch erörtert.
      b) In einer einstündigen Live-Sendung im Campus Radio der Ruhr Universität erörterten Hubert Schneider und eine Mitarbeiterin des Deutschen Gewerkschaftsbundes das Ausstellungsprojekt und seine mögliche Wirkung auf die Öffentlichkeit.
      c) In einem öffentlichen Vortrag im Stadtarchiv berichtete Hubert Schneider über "Schicksale Bochumer jüdischer Kinder und ihrer Familien in Bochum".
      d) In zwei Stolperstein-Führungen begleitete Hubert Schneider die Teilnehmer einmal durch die Bochumer Innenstadt, einmal durch das Ehrenfeld und die Gegend um den früheren Moltkemarkt, berichtete jeweils über jüdisches Leben an diesen Orten.
      e) In einem Vortrag referierte Hubert Schneider zum Thema "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt ...". (Siehe hierzu auch den Bericht in unserem Mitteilungsheft 2007).

    - Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") und auf dem jüdischen Friedhof wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

    - Nach dem Erscheinen des Freimark-Buches veranstaltete Hubert Schneider immer wieder Lesungen in der Stadt. Hervorzuheben ist in diesem Jahr eine Lesung vor ca. 600 Schülern der Bochumer Berufsschulen.

    - Hubert Schneider beteiligt sich an den Führungen durch die neue Synagoge in Bochum. Besonders wichtig sind dabei die Führungen mit Schulklassen. Sie, die i.d.R. in der Schule die Geschichte der Juden nur als Verfolgungsgeschichte erleben, sollen erfahren, was wirkliches jüdisches Leben, was jüdische Religion bedeutet. Und es ist zu hoffen, dass dieses Wissen die jungen Leute gegen neofaschistische Propaganda, die sich ja besonders an Jugendliche richtet, widerstandsfähig macht.

    - In die gleiche Richtung gehen auch andere Aktivitäten unseres Vereins. Wir möchten zunehmend deutlich machen, dass die Geschichte der Juden in Bochum nicht erst 1933 beginnt, sondern dass Juden davor angesehene Bürger der Stadt Bochum waren, großen Anteil am politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt hatten. Darauf zielten auch bereits durchgeführte und geplante Veranstaltungen:
      a) am 8. November 2007 führte Hubert Schneider in der Evangelischen Stadtakademie einen Workshop zum Thema "Judenhäuser in Bochum" durch. Am Beispiel des Hauses in der Franzstraße, in dem zuletzt u.a. die Familien Schüler, Baruch, Seidemann, Rosenbaum und Freudenberg wohnen mussten, konnte anschaulich gezeigt werden, welche Bedeutung diese Familien seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Bochum hatten    b) In einer geplanten Vortragsreihe soll die Bedeutung einzelner jüdischer Familien in der Stadt Bochum dargestellt und erörtert werden.
      c) In einem Vortrag im Stadtarchiv sprach Hubert Schneider am 3. Juni 2007 über die jüdische Familie Salomons, von der auf Umwegen ein Fotoalbum erhalten geblieben ist. Wir haben darüber im Mitteilungsheft 2002 berichtet. Inzwischen haben wir weitere Erkenntnisse gewonnen, auch erfahren, dass der 1927 geborene Sohn Bodo in England überlebt hat. Der Versuch, mit ihm in Verbindung zu treten, scheiterte leider.

    - Gemäß unseres Satzungsauftrages kümmern wir uns auch um die weitere Erforschung jüdischen Lebens in Bochum. Im Zentrum der Arbeit steht seit einiger Zeit die Geschichte der Bochumer Judenhäuser. Hubert Schneider bereitet eine größere Studie vor. Am 13. Dezember 2007 stellte er das Projekt im Forschungskolloquium von Professor Tenfelde im Institut für soziale Bewegungen an der Ruhr Universität Bochum vor. Das bereits im letzten Bericht erwähnte Projekt zu den Bochumer Familien Hünnebeck und Sutro (Kooperation mit dem Bochumer Stadtarchiv und der "Rosa Strippe") steht kurz vor dem Abschuss.

    - Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Ein intensiver Briefwechsel zeugt davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird. Vereinzelt werden wir gedrängt, das Blatt doch mehrmals im Jahr erscheinen zu lassen. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden. So haben wir in diesem Jahr u.a. wertvolle Informationen und vor allem auch Fotos zur Geschichte der Familie Seidemann erhalten, die in Bochum einige Einzelhandelsgeschäfte und auch eine Hosenfabrik besaß. Die Nachfahren leben heute in den USA.

    - Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richtet. So unterstützen wir die Aktion "Eine Stadt solidarisch - Nazis keine Chance: Bochum gegen rechts. Einige Mitglieder unseres Vereins - Klaus Kunold, Ralf Feldmann und Hubert Schneider- sind dabei selbst aktiv. So beteiligten sie sich an der Planung und Durchführung von Veranstaltungen  zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung in Bochum im Juni 1933. Ralf Feldmann erinnerte während einer Mahnwache am 12. März 2008 an die Übergriffe der Nationalsozialsten 1933 gegen den Gewerkschaftsführer Fritz Husemann und das vorbildliche Verhalten des damaligen Richters Greiff.

    - Regelmäßig bekommen wir Anfragen aus der Stadt oder von außen, die Fragen nach dem früheren jüdischen Leben in Bochum betreffen. Immer wieder beraten wir Studierende und Leute, die sich mit Aspekten jüdischen Lebens in Bochum beschäftigen. Dabei tauchen immer neue Aspekte auf: So betreut Hubert Schneider im Moment eine Examensarbeit zum Thema "Anfänge jüdischen Lebens in Bochum". Ganz aktuell sind Anfragen zum Schicksal der Familien Koppel und Freudenberg. Ein Anwohner am Bochumer Stadtparkviertel möchte sich mit den "Juden am Stadtpark" beschäftigen.

    - Auch als Institution sind wir in Bochum präsent: Hubert Schneider arbeitet als Vorsitzender des Vereins mit im Beirat des Freundeskreises Bochumer Synagoge. Im Freundeskreis engagieren wir uns v. a. bei der Öffentlichkeitsarbeit, wenn es um die Geschichte der alten jüdischen Gemeinde geht.

    - Im laufenden Jahr konnten wir wieder Besuch in Bochum begrüßen: Hermann Brecher aus Jerusalem war - zusammen mit seinem Enkel Tom - vom 6. bis 13. Mai hier. Vom 4. bis 14. Juni waren Marge und Jerry Freimark - zusammen mit Tochter Linda - in Bochum. Beide hatten Gelegenheit zu einer Begegnung mit Mitgliedern unseres Vereins. Im Herbst 2007 kam ein Enkel des früheren Bochumer Rechtsanwalts Ferse - zusammen mit seiner Frau - für einige Stunden aus San Francisco nach Bochum. Hubert Schneider betreute das Paar hier.

    - Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde. In den USA starben Emmi Block und Gladys Zuckermann, beide gehörten zu den Besuchern von 1995. Vor allem mit Frau Block hatten wir lange einen intensiven Kontakt. Wir trauern um Frau Block und Frau Zuckermann, werden die Erinnerung an die Verstorbenen in unserem Gedächtnis aufbewahren. Nach wir vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse:

    www.erinnern-fuer-die-zukunft.de                                (Hubert Schneider)