Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2008                          Nr. 12

Inhaltsverzeichnis

9. Juni 1933: Bücherverbrennung in Bochum.

 Zahlreiche Gruppen aus Politik, Kultur, Schulen, Jugendgruppen und Gewerkschaften – zusammengeschlossen in der “Initiative 10.6.“ an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten in Bochum vor 75 Jahren. Die zentrale Gedenkveranstaltung fand am Abend des 10.Juni 2008 in der Christuskirche statt: eine kulturelle Erinnerung mit szenischen Darbietungen und Texten aus verbrannten Büchern. Die mit Unterstützung des Schauspielhauses zusammengefügten Beiträge der teilnehmenden Gruppen hatten ihre Höhepunkte in Theaterstücken von Schüler- und Jugendgruppen, denen es beeindruckend gelang, mit der Erinnerung die Frage wach zu halten, was es kulturell und politisch bedeutet, wenn Bücher verbrannt werden. Andere Jugendgruppen hatten bereits  zuvor auf mehreren Plätzen der Innenstadt öffentlich aus verbrannten Büchern gelesen.
  Am späten Nachmittag versammelten sich zahlreiche Menschen auf dem heutigen Imbuschplatz, dem früheren Kaiser-Friedrich-Platz, dem Ort der Bücherverbrennung, um der Enthüllung einer Erinnerungstafel beizuwohnen. Ralf Feldmann vom Bochumer “Bündnis gegen rechts“ hob in seiner Ansprache besonders das Engagement der jungen Generation hervor. Erinnerung und politischer Kampf gegen die gewalttätigen Neonazis unserer Tage gehöre zusammen und die jungen Menschen zeigten mit ihren Beiträgen, dass Nazis in unserer Stadt nie wieder eine Chance hätten. Wir drucken den Text dieser Rede nachfolgend ab.
  Bei der Abendveranstaltung in der Christuskirche, an der auch Frau Oberbürgermeisterin Dr. Scholz teilnahm, erinnerte Hubert Schneider an die Ereignisse in Bochum am 9. Juni 1933 und ordnete sie historisch ein. Auch diesen Text dokumentieren wir nachfolgend.
  Klaus Kunold, Ehrenvorsitzender der Bochumer VVN - Bund der Antifaschisten, gibt in seinem Artikel einen Überblick über die Veranstaltungen, die an die Bücherverbrennung vor 75 Jahren in Bochum erinnerten.

Klaus Kunold:
75. Jahrestag der Bücherverbrennung in Bochum

  Erstmals nach den Sommerferien  in NRW tagte im September 2007 wieder das Bündnis Bochum gegen Rechts. Auf der Zusammenkunft wurden Ideen gesammelt und Vorstellungen entwickelt, welche Themen im Jahr 2008 in den Mittelpunkt der Arbeit gerückt werden könnten. Man einigte sich darauf, an die Ereignisse um den 10./11. März 1933 und an die Bücherverbrennung im Juni 1933 in Bochum zu erinnern.
  In der Nacht vom 10. auf den 11. März 1933 hatte die SA die Gewerkschaftshäuser besetzt,  das Inventar zerschlagen, Gewerkschaftsfunktionäre festgenommen und misshandelt. Die SA verbrannte auf dem Neumarkt (heute Ecke Neustraße/ Südring) Gewerkschaftsmaterialien, Bücher, Broschüren und Zeitschriften. Die VVN - Bund der Antifaschisten hatte zum 75. Jahrestag des Überfalls auf die Gewerkschaftshäuser am 12. März 2008 zu einer Mahnwache an dem ehemaligen Standort des Verwaltungsgebäudes des Alten Bergarbeiterverbandes und zum Gedenken an Fritz Husemann, den ehemaligen Vorsitzenden der o.g. Gewerkschaft, aufgerufen.
  Bereits am Tag vorher, am 11. März 2008, fand eine Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude am Husemannplatz zur Erinnerung an die Verhaftung des SPD-Vorsitzenden von Bochum, Heinrich König, statt. Er wurde am 11. März 1933 durch die SA verhaftet. Gleichzeitig erinnerte man an den Amtsgerichtsrat Eberhard Greiff, der den Verhafteten wieder auf freien Fuß setzte. Heinrich König gelang es, mit seiner Familie ins Ausland zu fliehen.
  Vor 75. Jahren, am 9. Juni 1933, verbrannten auch in Bochum die Nazis Bücher, Broschüren und Zeitungen. Die Initiative 10.6. - 75. Jahrestag  der Bücherverbrennung nahm dieses Datum zum Anlass, um mit verschiedenen Veranstaltungen die Öffentlichkeit in Bochum auf  die damalige Bücherverbrennung aufmerksam zu machen. Die Initiative wurde von Organisationen, Parteien, Gewerkschaften, Gruppen, Vereinen und städtischen Einrichtungen unterstützt. Sehr positiv war, dass sich einige Schulen mit Projekttagen und anderen schulischen Veranstaltungen an dem Vorhaben beteiligten.
  Höhepunkte waren am 10. Juni 2008 eine kurze Kundgebung auf dem Imbuschplatz, am Ort des Geschehens am 9./10. Juni 1933 sowie die Lesungen an verschiedenen Orten in der Innenstadt. Am Abend fand eine gut besuchte Veranstaltung mit einem interessanten Programm in der Christuskirche statt. Dieses Programm wurde hauptsächlich von SchülerInnen Bochumer Schulen und von Jugendverbänden gestaltet, was sehr eindrucksvoll war. Die Klassen 10e und 10f der Volkshochschule-ARGE Kombikurse präsentierten im Foyer der Christuskirche  die Ergebnisse ihrer Projektarbeit zum Thema Bücherverbrennung in Bochum. Das Schauspielhaus Bochum und die Bochumer Musikschule/Bochumer Symphoniker wirkten ebenfalls  mit. Oberbürgermeisterin Scholz bedankte sich in ihrem Grußwort bei den Veranstaltern des Bündnisses und betonte, dass in Bochum kein Platz für Nazis sein darf.
 

Ralf Feldmann:
Ansprache vom 10. Juni 2008 auf dem Imbuschplatz:

  Liebe Bochumer Mitbürgerinnen und Mitbürger,
  vor 75 Jahren verbrannten - meist junge - Menschen hier auf dem Imbuschplatz – damals hieß er noch Kaiser-Friedrich- Platz – Bücher. Die Reihe von Bücherverbrennungen überall in Deutschland hatte einen Monat zuvor in Berlin begonnen. Im Land der Dichter und Denker landeten die Werke der literarischen, humanistischen, kritischen, demokratischen Elite mit schauderhaften Ritualen auf Scheiterhaufen. So auch hier in Bochum am Abend des 9. Juni.
  Der Hitlerjugend war es damals gelungen, nicht nur ihre Braunhemden, sondern auch Lehrlinge des benachbarten Bochumer Vereins und der Zechen, Mitglieder evangelischer Jugendverbände und Schüler zu verführen, den kritischen Geist in Deutschland symbolisch in die Flammen zu werfen. Heute und in diesen Tagen sind es die Gewerkschaftsjugend, andere Jugendgruppen und zahlreiche Schülerinnen und Schüler der verschiedensten Schulen in Bochum, die auf den Plätzen unserer Stadt, in ihren Schulen, in Bibliotheken und gleich gemeinsam in der Christuskirche an den Niedergang von Geist und Kultur erinnern. Wir im Bochumer Bündnis gegen rechts mit unserer “Initiative 10.6“ sind sehr froh darüber, dass unser Impuls, gemeinsam die Erinnerung wach zu halten, so gute Resonanz gefunden hat, vor allem bei den jungen Menschen in Bochum.
  Heute wissen wir dass die prophetischen Worte Heinrich Heines – die Oberbürgermeisterin hat sie als Mahnung für alle vor ihrem Dienstzimmer an die Fassade des Rathauses gehängt -  grausamst Wirklichkeit geworden sind: “Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“  Und doch werden n a c h Auschwitz und Buchenwald in Deutschland wieder Menschen verbrannt. Vor zwei Wochen jährte sich  zum 15. Mal der schreckliche Brandanschlag auf die türkische  Familie Genc in Solingen, dem 5 Frauen und Mädchen zum Opfer fielen, weil sie Migranten waren. Nicht die einzigen Morde, nicht der einzige Brandanschlag:  Seit 1990 fielen in unserem Land mindestens 140 Menschen rechtsextremistischer Gewalt zum Opfer, vor allem Migranten, aber auch Obdachlose und Behinderte. Die Erinnerung an die Barbaren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft – an diese Zeit ohne Kultur, Moral und Recht – und der politische Kampf gegen die gewalttätigen Neonazis unserer Tage und die Schlipsfaschisten hinter ihnen gehören zusammen. In diesen Tagen, 75 Jahre nach der Bücherverbrennung zeigen vor allem die jungen Menschen in unserer Stadt: Nazis haben hier in Bochum nie wieder eine Chance.
  Die Scheiterhaufen der Bücher  symbolisieren das Scheitern des deutschen Bildungsbürgertums im Nationalsozialismus. Goethe, Schiller, Lessing blieben unversehrt in den Bücherregalen – „Mein Kampf“ stand nun vielfach daneben, die Absage an alles, was Humanismus und Aufklärung in Deutschland hervorgebracht hatten. Hunderttausende gerade aus den bürgerlich-akademischen Eliten wirkten dann bereitwillig an den Menschheitsverbrechen mit. Das humanistische Erbe unserer Kultur, das hier vor 75 Jahren verbrannt wurde, galt ihnen nichts mehr oder nie etwas. Und doch waren da auch wenige andere: Es ist geradezu logisch, dass unser Hauptgedenken gleich in der Christuskirche stattfindet, der Kirche Hans Ehrenbergs. In den Monaten der Bücherverbrennung  formulierte dieser mutige protestantische Bochumer Pfarrer bereits im Mai 1933 mit vier anderen westfälischen Amtsbrüdern das Bochumer Bekenntnis, das erste seiner Art der Bekennenden Kirche mit einer strikten Absage an die  Nazi-Ideologie und einem Bekenntnis zu den jüdischen Wurzeln des Christentums. Im Juli 1933 veröffentlichte er im Selbstverlag 72 Leitsätze zur judenchristlichen Frage, in denen er seine Kirche aufforderte, gegen den Antisemitismus Stellung zu beziehen. Die allermeisten seiner Bochumer  Amtsbrüder standen auf der Seite der verbrecherischen Macht.

  Hier auf dem Imbuschplatz soll eine Gedenktafel an die Bücherverbrennung 1933 erinnern. Das fordern viele in Bochum. Im politischen Raum hat es darüber bereits Gespräche gegeben und es ist eine breite Zustimmung im Rat zu erwarten. Die Bochumer DGB-Jugend hatte zur nachdrücklichen Unterstützung dieses Vorschlags die Idee, heute am 75. Jahrestag der  Bücherverbrennung hier provisorische Gedenktafeln aufzustellen. Wir alle hoffen, dass die politische Entscheidung nun rasch folgen wird.
  Abschließend möchte ich Sie alle herzlich bitte, noch für ein paar Minuten des Schweigens hier zu bleiben. Mit Hohn und Verachtung schrieen die Nazis die Namen der Literaten heraus, als sie ihre Bücher ins Feuer warfen. Hören wir ihre Namen in ehrendem Gedenken: Sie sind nicht verbrannt und seien nicht vergessen!
 

Hubert Schneider:
Ansprache in der Christuskirche am 10. Juni 2008

  Bericht in der nationalsozialistischen Zeitung „Rote Erde“ vom 11. Juni 1933:
  Zu Beginn der Woche erließ die Hitlerjugend gemeinsam mit der „Roten Erde – General-Anzeiger“ einen Aufruf an die Jugend Bochums zu einer gewaltigen Kundgebung wider den undeutschen, volksfremden Geist, in der Schund- und Schmutzliteratur öffentlich verbrannt werden sollte. Dieser Aufruf hat seinen Erfolg nicht verfehlt. Am Freitag abend marschierte die gesamte Jugend Bochums unter Führung der Hitlerjugend auf dem Kaiser-Friedrich-Platz auf, um in einer selten einmütigen und geschlossenen Front Protest zu erheben gegen Ungeist, Charakter- und Ehrlosigkeit jüdischen und volksfremden Literatentums, gegen den marxistischen Kulturzerfall und sich zu bekennen zu einem sauberen, kräftigen, volksverbundenem deutschen Schrifttum. Der großen Kundgebung voraus ging ein Marsch durch die Straßen Bochums, der um 8 Uhr auf dem Gummertshof begann. An der Spitze des endlosen Zuges marschierte der Spielmanns- und Musikzug der Bochumer Hitlerjugend. Dann folgte eine Fahnenabteilung mit den Bannern des Unterbannes. Nach den etwa tausend Hitlerjungen und ebensoviel Jungvolksjungen, die in strammen Tritt unter dem Gesang von Kampf- und Wanderliedern durch die Straßen zogen, kamen evangelische Jugendverbände, die stark vertreten waren, Lehrlingswerkstätten Bochumer Fabriken, Bergjungmannen und Schulen. Den Schluss des Zuges bildeten etwa 500 Mann der freiwilligen Arbeitsdienste aus Querenburg, Langendreer, Höntrop und von Wienkopp. Der gesamte freiwillige Arbeitsdienst Bochums war also angetreten.
  Der Zug bewegte sich durch die Malteser-, Allee und Humboldtstraße über die Hattinger- und Oskar-Hoffmann- Straße zum Schwanenmarkt. Von hier durch die Horst- Wessel-Straße und Herner Straße zum Kaiser-Friedrich-Platz. Trotz des einsetzenden Regens standen schon seit 7 Uhr an sämtlichen Bürgersteigen Hunderte von Menschen, die den Zug erwarteten. Auch auf dem Kaiser-Friedrich-Platz ließ sich die riesige Menschenmenge nicht durch das Unwetter abhalten. Um 9.15 Uhr traf die Spitze des Zuges auf dem Kaiser-Friedrich-Platz ein.  Der Aufmarsch der Gruppen auf dem von der Hilfspolizei abgesperrten Platz dauerte etwa eine halbe Stunde. Die Menschenmenge auf dem Platz zwar mittlerweile  auf Tausende angestiegen. Dann loderte das Feuer auf. Ein Sprecher der Hitlerjugend trat vor und legte folgendes Bekenntnis ab:
  Wir deutsche Jugend der nationalsozialistischen Revolution bekunden an diesem Abend unseren festen Willen, allen undeutschen und volksfremden Geist auszurotten. Dem Feuer und der Vernichtung soll anheimfallen, was als kümmerlicher Rest vierzehnjähriger Marxistenherrschaft übriggeblieben ist. Zur Asche zerfallen sollen deshalb die Schriften des Ungeistes, der Unmoral und der Charakterlosigkeit.

  Anschließend wurden einzeln die Werke von Karl Marx, Friedrich Wilhelm Förster, Carl v. Ossietzky,  Kurt Tucholski, Alfred Kerr, Heinrich Mann und Magnus Hirschfeld verbrannt. Ebenfalls Bände des „Volksblattes“, des „Ruhrechos“ und des Bergarbeiterverbandes. Dem  Feuer wurde ferner eine marxistische Büchersammlung des ehemaligen sozialdemokratischen Arbeitsamtsdirektor Thöne übergeben. Auch die Bibliothek der „Ruhrknappschaft“ und der städtischen Schulen waren gesäubert worden.“
  Und gemäß dem Artikel wurden die Ausgaben des „ Westfälischen Volksblatts“ und des „Bochumer Anzeiger“ bis zum 30.1.33 dem  Feuer übergeben. Das „Westfälische Volksblatt“, weil es „sich nur vor einem halben Jahr nicht genug tun konnte in großer Hetze gegen die nationalsozialistische Bewegung“,  der „Bochumer Anzeiger“, weil  er „in satter Spießbürgerlichkeit zu feige war, auch nur ein einziges Mal in den Jahren des Kampfes um die Macht, für das neue Deutschland eine Lanze zu brechen.“
  Der Bericht endet: Während die Bannerträger, die sich um das Feuer geschart hatten, die Fahnen schwenkten, sangen die vielen Tausenden das Horst-Wessel-Lied, mit dem die erhebende und gewaltige Kundgebung für deutsche Kultur ihr Ende nahm. Der Abmarsch der zahlreichen Verbände und Gruppen vollzog sich in aller Ordnung.
  Die von der nationalsozialistischen Propaganda verkündete „ geistige Erneuerung“ hatte am 10.5.1933 in der Aktion „Wider den undeutschen Geist“ mit der Bücherverbrennung an allen deutschen Hochschulen einen  ersten Höhepunkt erlebt. Diese „Verbrennungsfeiern“, wie sie genannt wurden, fanden unter Beteiligung von Rektoren und Professoren überall nach dem gleichen Schema statt: Die Ansprache hielt meist ein studentischer Funktionär, in  Berlin sprach außerdem Goebbels. Es wurden „12 Thesen wider den undeutschen Geist“ proklamiert, anschließend warf man mit „ Feuersprüchen“ unter Nennung bestimmter Autoren deren Bücher auf einen brennenden  Scheiterhaufen. Zu den „ verfemten“ Schriftstellern  gehörten – außer den bereits genannten - u.a. Sigmund Freund, Klaus Mann, Erich Kästner , Erich Maria Remarque, Emil Ludwig. Goebbels sprach bei dieser Veranstaltung mit der ihm eigenen ungezügelten Offenheit über die „Zukunft des deutschen Geistes“. Dieser sollte, wie  die „Feuersprüche“ aussagten, ausgerichtet sein  gegen Klassenkampf und Materialismus – für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Gegen Dekadenz und moralischen Verall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat...Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele...Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor ihrer großen Vergangenheit.
  Die Aktion vom 10.5. stand in der Verantwortung der Deutschen Studentenschaften. Diese schufen im März 1933 – in Anlehnung an Goebbels Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda  und in Konkurrenz zu Rosenbergs Kampfbund für Deutsche Kultur - ein „Hauptamt für Presse und Propaganda“, das Aktionen an den Universitäten zentral organisierte. Als Reaktion auf die angebliche „Gräuelhetze des Judentums im Ausland“ sollten am 10.5. an allen deutschen Universitäten Bücher unliebsamer Autoren verbrannt werden, die man aus Leihbibliotheken herausschaffte.
  Die deutsche Studentenschaft begriff sich als  „geistige SA“, die sich vom Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.33 inspirieren ließ und an die  Spitze der kulturellen Erneuerungsbewegung treten wollte.
  Die Aktion in Bochum muss in einem etwas anderen Kontext gesehen werden. Denn: Obwohl der Propagandaminister die Studenten als Vortrupp eines wirklich revolutionären deutschen Geistes lobte, bemühte er sich doch gleichzeitig darum, die von der Studentenschaft organisierte Aktion als singuläres Ereignis auszuweisen. So betonte Goebbels, dass der  Rechts- und Normalzustand, dessen Träger wir in der Oppositions- bewegung waren … nun, mit der Übernahme der Macht durch uns, auch der Rechts- und der Normalzustand unseres Staates geworden sei. Explizit forderte er die Studentenschaft auf,  hinter das Reich und hinter seine neuen Autoritäten zu treten.
  Die Absicht von Goebbels war klar: Auf der Tagesordnung stand die Konsolidierung der nationalsozialistischen Herrschaft im Innern wie nach außen. Das setzte eine berechenbare Politik voraus.  Für die Buchhändler und Verleger, auf deren traditionellem Kantatetreffen Goebbels vier Tage später eingeführt  werden sollte, waren die „ revolutionären“ Bücherverbrennungen jedoch alles andere als vertrauenserweckende Maßnahmen. Auch die Reaktionen im Ausland waren so verheerend, dass mit erheblichem diplomatischem und publizistischem Aufwand die Bedeutung der Ereignisse heruntergespielt werden musste. Die  geistige Erneuerung sollte kontrolliert und möglichst in Kooperation mit den zuständigen Körperschaften durchgeführt werden.
  In Berlin hatte bereits ein  im April 1933 gebildeter Ausschuß zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien gleich nach seiner Einsetzung im April 1933 mit der Erstellung Schwarzer Listen begonnen. Die Indizierungsarbeit wurde mit dem Sachgebiet Schöne Literatur begonnen und sukzessive auf die Gebiete Politik und Staatswissenschaften., Kunst, Geschichte, Literaturgeschichte, Geographie  und Biographie ausgeweitet. Oberster Auswahlgrundsatz war dabei der Kampf gegen die Zersetzungserscheinungen unserer artgebundenen Denk- und Lebensform, d.h. gegen die Asphaltliteratur, die vorwiegend für den großstädtischen Menschen geschrieben ist, um ihn in seiner Beziehungslosigkeit zur Umwelt, zum Volks und zu jeder Gemeinschaft zu bestärken und völlig zu verwurzeln.
  Und am 9.5.1933 hatte sich der Gesamtvorstand des Börsenvereins im Börsenblatt für die Aufnahme von Verhandlungen  mit den zentralen Regierungsstellen ausgesprochen, die zu einer  einheitlichen Regelung für die jetzt vom Vertrieb auszuschaltenden Werke führen sollte. Bis zum Inkrafttreten dieser Regelung sollte  allen Sondermaßnahmen gegenüber auf diese Verhandlungen verwiesen werden. Bei unzulässigen Eingriffen sei der Schutz der örtlichen zuständigen Verwaltungsstellen anzurufen.
  Die schließlich von dem  schon genannten Ausschuss zusammengestellten Schwarzen Listen wurden noch im Mai 1933 vom preußischen Kultusministerium für sämtliche öffentlichen Büchereien des  Landes Preußen verbindlich gemacht. Damit wurden die indizierten Werke für die Ausleihe gesperrt. Bezüglich des Verbleibs der auszusondernden Buchbestände riet ein Ausschuss-Mitglied in einem Aufsatz für das Börsenblatt, sie entweder zur Vernichtung durch Feuer freizugeben oder in Giftschränken aufzubewahren.
  Gefragt waren also nicht  sogenannte spontane, durch die Behörden nicht kontrollierbare Aktionen, gefragt waren kontrollierte Aktionen, an denen sich nicht nur Parteimitglieder, sondern auch nicht-parteigebundene Organisationen beteiligen sollten. Und der Ablauf der Bochumer Aktion entsprach in vielen Punkten genau diesen Vorstellungen.
  Die  Schwarzen Listen, die Listen des  undeutschen Geistes wurden in den folgenden Jahren erweitert. Schließlich waren es die Namen von 131 Autoren, die auf ihnen standen.
  Der elsässische Autor Rene Schickele schrieb später im Exil: Wenn es Goebbels gelingt, unsere Namen von den deutschen Tafeln zu löschen, sind wir tot. Gespenster in der Diaspora, in der wasserarmen  Provinz. Schon die nächste Generation wird nichts mehr von uns wissen.
  Das war das Ziel. Es war das Ziel der vielen Feuer, das Ziel all derer , die damals die Bücher in die Flammen warfen.
  75 Jahre ist es her. 75 Jahre, seit in Deutschland die Bücher brannten und die Literatur aus diesem Land vertrieben wurde. Keiner der Autoren, deren  Bücher damals auf die Scheiterhaufen geworfen wurden, ist heute noch am Leben. Die meisten hatten schon die Zeit im Exil nicht überlebt. Die, die zurückkamen, verstanden das Land nicht mehr, vertrauten dem Land und seinen Menschen nie mehr ganz. Und Deutschland und die Deutschen hatten für die meisten Zurückkehrer auch kein Interesse mehr. Es war eine neue Zeit, was sollten ihnen da die Alten noch geben?
  Und so haben die Bücherverbrennungen für viele, viele Autoren genau das bewirkt, was die Brandstifter von damals bewirken wollten: das Vergessen für immer. Das Streichen aus dem kollektiven Gedächtnis  des Landes. Es ist beinahe so, als hätte es diese Bücher, diese Menschen nie gebeben. Natürlich gilt das nicht für die großen Stars von damals, die Besten unter ihnen. Nicht für Tucholsky, für Klaus und Heinrich Mann, für Joseph Roth und Stefan Zweig. Für diese bedeutete jene Ereignisse des Jahres 1933 nicht das Vergessen ihres Werkes, nicht das Verschwinden in irgendeinem Lager, in einem Nebel  für immer. Ihnen wurde „ NUR“ – und größer können ja  Anführungszeichen gar nicht sein – das Leben entzweigehauen. Sie wurden ihres Publikums beraubt, ihres gewohnten Lebens, ihres Landes, ihrer Heimat, ihres Glücks.