Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2008                          Nr. 12

Inhaltsverzeichnis

Das private Fotoalbum der Familie Salomons. - Der Alltag jüdischer Menschen in Deutschland im Allgemeinen und im nationalsozialistischen Deutschland im Speziellen.

  Im Rahmenprogramm der im Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte - Stadtarchiv Bochum - gezeigten Ausstellung "Siebenundneunzig Sachen", in der auch das Fotoalbum der Bochumer jüdischen Familie Salomons gezeigt wurde, hielt Hubert Schneider am 19. September 2007 einen Vortrag Dabei ging es nicht nur um das Schicksal der Firma Salomons, sondern um alle die Bochumer jüdischen Familien, die zuletzt im Bochumer "Judenhaus" in der Goethestraße 9 leben mussten. Wir drucken den Text dieses Vortrags nachfolgend ab.

  Wenn es um die Rekonstruktion des Lebens Bochumer Juden geht, stellt die Familie Salomons sicher einen Sonderfall dar. Und das hat sehr viel mit der Quellenlage zu tun. Die Adressbücher der Stadt Bochum, die oft recht zuverlässig sind, geben hier keine eindeutigen Antworten. Sie sind im Falle Salomons häufig sehr  ungenau: Mal werden sie unter Salomon genannt – diesen Namen gibt es natürlich auch - , mal sind die Vornamen falsch geschrieben: Aus Leon wird z. B. Leo. Unter Hinzuziehung aller schriftlichen und mündlichen Berichte ergibt sich nach heutiger Sicht folgender Befund: Erstmals taucht ein Alfred Salomons 1920 in Bochum auf. Er betreibt in der Bahnhofstraße 45 ein kleines Geschäft, in dem er Rauchwaren und Druckschriften verkauft. Hier wohnt 1920 auch der am 22.7.1887 in Krefeld geborene Kaufmann Leon Salomons. Das Geschäft des  Alfred Salomons in der Bahnhofstraße gibt es auch noch 1924/25, Leon Salomons wohnt aber zu diesem Zeitpunkt  in der Friedrichstraße 11. In den Adressbüchern der folgenden Jahre gibt es weder Alfred Salomons noch sein Geschäft. Die Adressen von Leon Salomons wechseln: Nach der Bongardstraße 26 wohnt er in Werne, Zur Werner Heide 25. Inzwischen verheiratet mit der am 23.5.1890 in Brackwede geborenen Martha Schöneberg, wird hier am 4.2.1927 der Sohn Bodo geboren. Die Familie wechselt noch mehrfach die Wohnung: 1932 wohnt sie in der ABC-Straße 15, 1936 in der  Bergstraße 59, 1938 in der Blücherstraße 44, und 1940 schließlich im „Judenhaus“ in der Goethestraße 9. Der soziale Abstieg lässt sich auch an den genannten Berufsbezeichnungen für Leon Salomons festmachen: Wird er bis 1934 als „Kaufmann“ bezeichnet, steht in den folgenden   Jahren hinter dem Namen o.B. (ohne Beruf).
  Über die konkreten Lebensumstände der Familie Salomons erfahren wir aus den Akten wenig (1). Der Kopie einer Geburtsurkunde können wir entnehmen, dass Martha Salomons als Tochter des jüdischen Kaufmanns Moses Schöneberg und dessen Ehefrau Johanna geb. Wolf geboren wurde. Wir erfahren weiter, dass Martha Salomons Geschäftsinhaberin war, offensichtlich auch versuchte, zusammen mit ihrem Mann aus Deutschland zu fliehen. In einer schmalen Devisenakte – es liegt nur ein  Blatt darin – heißt es in einem Schreiben  des Finanzamtes Bochum vom 16.1.1939 an die Geheime Staatspolizei Dortmund, Außenstelle Bochum unter dem Stichwort: Vorbereitende Maßnahme zur Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland: Leon Salomons, geboren am 22.7.1887  in Krefeld, Deutsch, Jude und Ehefrau Martha geb. Schöneberg, geboren am 22.5.1890 in Brackwede, Jüdin, Anschrift, Bochum, Blücherstraße Nr. 44, wollen nach eigenen Angaben in die USA ausreisen (2) . Das gelang nicht, das Ehepaar wurde deportiert, wurde vom Amtsgericht Bochum auf Antrag einer Kusine von Martha Salomons am 23.4.1952 zum 31.12.1945 für tot erklärt. Dieser Beschluss wurde jedoch für Martha Salomons vom Amtsgericht Bochum am 6.9.1952 für nichtig erklärt. Das Amtsgericht Bochum hatte Martha Salomons bereits am 19.6.1946 für tot erklärt: zum 5.3.1942. Welche Erkenntnisse der Festsetzung dieses Todesdatums zugrunde lagen, wird in der Erklärung nicht deutlich. Das Datum 5.3.1942 steht auch im Widerspruch zur Deportationsbescheinigung, die Siegbert Vollmann, der Vorsitzende der kleinen jüdischen Gemeinde Bochum, am 28.4.1951 ausstellte: demnach wurden Leon und Martha Salomons im April 1942 nach Zamosz deportiert, also nach dem 1946 festgesetzten Todesdatum für Martha Salomons. Der Regierungspräsident in Arnsberg wiederum geht bei der Bearbeitung  der Wiedergutmachung wegen Schadens an Freiheit der Martha Salomons davon aus, dass diese am 27.1.1942 von Bochum aus über Dortmund nach Riga deportiert wurde. Geht  man davon aus, dass dies stimmt, dann wird das festgesetzte Todesdatum 5.3.1942 plausibel: Nach neuestem Forschungsstand entspricht dieses Todesdatum ungefähr der Realität. Wie wir dem im Archiv in Riga aufbewahrten Journalbuch des Transportes Dortmund – Riga vom 27.1.1942 entnehmen können, wurden Ende März 1942 die alten und nicht mehr arbeitsfähigen deutschen Juden im Zusammenhang mit  der Aktion Dünamünde im Wald von Bikernieki bei Riga erschossen (3). Martha Salomons war zu diesem Zeitpunkt 53  Jahre alt und könnte zu den Opfern gehört haben. U.U.  haben Überlebende des Riga- Transportes nach ihrer  Rückkehr nach Bochum entsprechende Informationen  geliefert, sich an das tatsächliche Datum nicht genau erinnert, und so kam es zur Festsetzung des Todesdatums 5.3.1942. An und für sich spielt es keine Rolle, welches Datum als Todesdatum festgesetzt wird. In diesem Falle aber doch: Für die Festsetzung der „Entschädigungssumme“ für „Schaden an Freiheit“ der Martha Salomons hat es große Bedeutung. Für jeden vollen Monat „Schaden an Freiheit“ wurden 150 DM gezahlt. Der Regierungspräsident  in Arnsberg ging in seinem Bescheid vom 25.11.1957 von einer Schadenszeit von fünf vollen Monaten aus: vom 19.9.1941 (von diesem Tag an mussten Juden in Deutschland den stigmatisierenden gelben Stern tragen) bis zum 5.3.1942 (festgesetztes Todesdatum). Der Sohn Bodo erhielt also 5 mal 150 DM gleich 750 DM. Für den Sohn Bodo machte der Unterschied in der Festsetzung des Todesdatum 5.3.1942 statt 31.12.1945 genau 6900 DM aus. (Der Schadenszeitraum wäre  im letzteren Fall statt 5 Monate 51 Monate mal 150 DM gleich 7650 DM). Sohn Bodo legte verständlicherweise sofort Protest gegen den Bescheid ein, der ebenso verständlicherweise abgelehnt wurde: Das vom Amtsgericht in Bochum 1946 festgesetzte Todesdatum ließ keinen Handlungsspielraum zu. Der vom Sohn Bodo gestellte Antrag auf Entschädigung für die beschlagnahmte Wohnungseinrichtung wurde zunächst zurückgewiesen. Zwar wurde eingeräumt, dass die  gesamte Wohnungseinrichtung, mit Ausnahme von etwas Bettzeug und Kleidung, die von den Eheleuten Salomons mitgenommen werden durften, beschlagnahmt wurde, doch gab es zum Zeitpunkt des Entschädigungsantrags (26.7.1956) noch keine Gesetzesgrundlage dafür.  Es wurde empfohlen, zum gegebenen Zeitpunkt erneut einen Antrag zu stellen. Eine letzte handschriftliche Notiz  in der Wiedergutmachungsakte zeigt, dass Bodo Salomons einen solchen Antrag gemäß dem Rückerstattungsgesetz vom  19.7.1957 erneut geltend gemacht hat. Wie dieses Verfahren ausgegangen ist, darüber erfahren wir in den zugänglichen Akten nichts. Die Ergebnisse vergleichbarer Verfahren legen aber nahe, dass dieses Verfahren für Bodo Salomons positiv verlaufen ist.
  Es ist auch anzunehmen, dass Bodo Salomons Entschädigungsanträge für seinen gleichfalls deportierten Vater Leon Salomons gestellt hat, vor allem für „Schaden an Freiheit“ des Vaters und „Schaden an beruflichem Fortkommen“. Darüber erfahren wir zum jetzigen Zeitpunkt aber nichts. Wahrscheinlich könnte die noch nicht zur Verfügung stehende Wiedergutmachungsakte darüber Auskunft geben.
  Normalerweise enden hier die Recherchen zur Geschichte der jüdischen Familien. Nicht so im Falle der Familie Salomons.
  Im März 2002 erhielt ich folgenden Brief:
  ... In meinem Besitz befindet sich ein privates Familienalbum der jüdischen Familie Salomons aus Bochum. Meine Schwiegermutter hat auf Bitten der Frau Salomons dieses Album kurz vor der damaligen Verhaftung durch die Gestapo und den Ab- transport an einen unbekannten Ort an sich genommen und bis heute aufbewahrt. Als damalige, befreundete Familie aus der Nachbarschaft hat meine Schwieger- mutter, die jetzt 91 Jahre alt ist, das Album aufbewahrt. Das Album enthält  viele Privatfotos und einige Postkarten. Meine Schwiegermutter hat nie wieder etwas über das Schicksal der Familie Salomons erfahren. Vielleicht können Sie, Herr Dr. Schneider, mit Hilfe des Albums etwas über das Schicksal der jüdischen Familie herausfinden. Mit freundlichen Grüßen gez. Werner Schwarze.
   Ein Fotoalbum also, das Familienalbum einer jüdischen Familie war aufgetaucht, von den Eltern vor ihrer Deportation für den Sohn, den man gerettet wähnte, zusammengestellt. Was bedeutet das für uns Nachgeborene? Dazu sind einige Anmerkungen zur Funktion und zum Erkenntniswert solcher privaten Fotos angebracht.
  Familienalben gehören zu dem Wertvollsten, was wir besitzen. Denn sie bebildern  die Stationen unseres Lebens, verdeutlichen die Verbundenheit mit den Generationen und erzählen vergessene Geschichten aus dem Alltag. Hatten Familienalben zunächst rein privaten Charakter, so hat die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten den allgemeinen Aussagewert privater Fotografien erkannt. Und zwar immer dann, wenn es um die Erforschung und Darstellung von Alltagsgeschichte im allgemeinen geht. Ist man zunächst recht unbefangen mit diesen besonderen Quellen umgegangen, so hat man heute gelernt – vor allem angesichts der Fehler, die beispielsweise bei der „ Wehrmachtausstellung“ gemacht worden sind – die Fotos kritisch zu lesen. Hilfreich  dabei war der Rückgriff auf die alten Historiker. Die Unterscheidung bei Bernheim zwischen „ Überrest“ und „Tradition“ lässt sich sehr gut auf die Klassifizierung von Fotos  anwenden. Mit „Überresten“ bezeichnete Bernheim  Quellen, die unabsichtlich auf uns gekommen sind; sie wollten nicht bewusst etwas für eine spätere Zeit ausdrücken. „Tradition“ hingegen will geradezu Quelle sein und ein Zeugnis für spätere Zeit festhalten. Die Folge davon ist, dass Überreste relativ objektiv sind, die Tradition aber vor allem ein ganz bestimmtes Bild für spätere Generationen zeichnen möchte,  durchtränkt ist von allen kulturellen und politischen Werten. Für Familienfotos bedeutet dies: In ihrem engen familiären Rahmen sind sie natürlich „ Tradition“ und wollen festhalten, wie Onkel Otto in seiner schmucken Uniform als „Einjähriger“ ausgesehen hat, oder in welchem Brautschmuck Tante Helga ihren August geheiratet hat. Aber nehmen wir einmal an, das Interesse der Familie an diesen Bildern ist längst erloschen, oder man kauft alte Fotoalben aus dem 19. Jahrhundert in einem Antiquariat. Dann wird aus Onkel Otto und  Tante Helga ein „Überrest“: Dann interessiert nicht mehr, wer sie waren, sondern was sie anhatten, wie sie sich geben, wie sie posieren und in die Kamera blicken. Kurz: Sie werden dann beispielsweise „ typische Vertreter“ des gewerblichen Mittelstandes um 1890, die in jeder historischen Ausstellung ihren Platz finden könnten, und im Verbund mit  schriftlichen Quellen das alltägliche Leben dokumentieren.
  Bei dem vorliegenden Exponat handelt es sich also um ein privates Fotoalbum, welches das jüdische Ehepaar Salomons für den Sohn Bodo zusammengestellt hat. Im März 2002, als Herr Schwarze mir den oben zitierten Brief schrieb, war von der Familie Salomons nur bekannt, dass sie deportiert worden war, über das Schicksal des  Sohnes hatten wir keine Informationen. Erhalten war jetzt nur das Familienalbum, und es bedurfte vieler Zufälle, dass es erhalten ist, wie das dem Brief folgende Gespräch mit dem Ehepaar Schwarze und Frau Wilhelmy zeigte.
  Das Ehepaar Salomons war befreundet mit dem christlichen Ehepaar Ludwig Schmidt, geboren 1884, und Else geb. Glänzer, geboren 1888. Die Schmidts wohnten Bergstraße 18, ganz in der Nähe sowohl der Bergstraße 59 als auch der Goethestraße 9, den letzten Adressen der Familie Salomons. In der Erinnerung der Tochter  der Familie Schmidt, Frau Wilhelmy, hatten die Salomons früher mal einen Zigarrenhandel. Und sie erinnert sich auch, dass das Ehepaar Salomons vor seiner  Deportation das Fotoalbum den Eltern zur Aufbewahrung für den Sohn Bodo übergeben habe. Bodo – so Frau Wilhelmy – sei 1939 auf einen LKW gestiegen, auf dem schon viele Kinder waren, und weggebracht worden. Das Kind  sei damals ca. 12 Jahre alt gewesen. Nach dem Tod der Eltern Schmidt ist das Album in die Hände der Tochter, Frau Wilhelmy, gekommen, die es bis zum heutigen Tag aufbewahrt hat, immer hoffend, dass Bodo erscheinen werde, um das Album zu holen. Frau Wilhelmy, inzwischen über 90 Jahre alt, hatte diese Hoffnung inzwischen aufgegeben, das Album aber nicht vernichtet, sondern – durch Vermittlung ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes, das Ehepaar Schwarze – dem Verein „ Erinnern für die Zukunft“ übergeben
  Greifen wir jetzt auf die  oben gemachten allgemeinen Ausführungen zum Thema „Familienalbum“ zurück.
  Für Bodo Salomons gehört das Fotoalbum zu dem Wertvollsten, was es geben  kann: Es ist die Geschichte seiner Eltern und seine eigene Geschichte bis zur gewaltsamen Trennung 1939. Es sind Fotos von Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, deren Kindern, in ganz unterschiedlichen Lebensphasen, von deren Lebensräumen, die Bodo aus seiner eigenen Kindheit vertraut waren. Kurz: Es ist die Illustrierung seiner Herkunft. Wir wussten 2002 nichts von Bodo, unsere Aufgabe war aber zunächst einmal, Informationen über sein  Schicksal einzuholen. Viele Möglichkeiten hatten wir dazu nicht und große Hoffnung auch nicht. Wir konnten aber die Kontakte nutzen, die unser Verein mit den Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde, die heute in aller Welt wohnen, und die zumeist Überlebende der „Kindertransporte“ sind, nutzen. Denn ich ging natürlich davon aus, dass Bodo 1939 mit anderen Kindern mit einem der Kindertransporte Bochum verlassen hatte.
  Unser Verein gibt jährlich ein Mitteilungsblatt heraus, das u.a. auch an diese Überlebenden geschickt wird. Es enthält Informationen über jüdisches  Leben in Bochum heute, berichtet über Forschungsergebnisse zur jüdischen Geschichte Bochums, ist auch zum Forum geworden, in dem die Leser zu Wort kommen. In dem Heft Nr. 6 vom September 2006 veröffentlichte ich einen Artikel „Wer erinnert sich an Leon und Martha Salomons und deren Sohn Bodo? Familienalbum aufgetaucht.“ Ich berichtete über die Geschichte des Albums und fragte eindringlich: Was wurde aus Bodo?
  Die Resonanz auf diesen Artikel war enttäuschend. Es bestätigte sich meine Annahme, dass Bodo mit einem der Kindertransporte Bochum 1939  verlassen konnte. Aber niemand konnte sich daran erinnern, was aus ihm geworden war. Und so lag das Familienalbum Salomons im Archiv unseres Vereins bis zu dem Zeitpunkt, da ich es - mit Zustimmung des Ehepaares Schwarzes und der heute 96- jährigen Frau Wilhelmy - dem Stadtarchiv übergab. Und jetzt liegt es hier in der Ausstellung.
  Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Natürlich hatte ich 2002 auch in den relevanten Archiven nach Spuren der Familie Salomons gesucht, ohne Ergebnis, es gab keine Aktenüberlieferung. Das war  so bis vor wenigen Wochen. Während eines Archivaufenthalts im Staatsarchiv Münster im Juli d.J. stöberte ich in den dort liegenden Findbüchern. Und ich entdeckte an einer Stelle, wo sie normalerweise niemand sucht, die Signaturen der Aktenstücke, die ich weiter oben ausgewertet habe. Die Überraschung war groß: Bodo Salomons hatte überlebt, hatte  sich aber niemals mehr in Bochum gemeldet. Auch die Todeserklärungen hatte nicht er beantragt, sondern eine Kusine der Mutter. Das ergibt sich aus den Unterlagen der jüdischen Gemeinde. Und  - wie sich zeigte – hatte er auch die Wiedergut- machungsanträge nicht selbst gestellt, sondern einen Mittelsmann bevollmächtigt, einen Peter Hartmann aus Wickrath. Wie viele andere Überlebende wollte er offensichtlich mit diesem Teil seiner Biografie nichts mehr zu tun  haben. Als dieser Mittelsmann aus ungeklärten Gründen am 21.5.1957 sein Mandat niedergelegt hatte, musste Bodo Salomons wohl oder übel selbst das Verfahren fortführen. Jetzt taucht in den Akten auch seine Adresse auf. Bodo Salomons, 1927 geboren, muss jetzt 80 Jahre alt sein. Er hatte Anfang der 50er Jahre in Manchester als Arbeiter gelebt, es gab eine Adresse aus dem Jahre 1957. Es war natürlich nicht sicher, ob Bodo Salomons heute noch lebt, ganz unwahrscheinlich, dass er noch bei der alten Adresse wohnt. Aber man durfte nichts unversucht lassen, diese Möglichkeit zu nutzen, Bodo Salomons vielleicht doch noch zu finden. Recherchen im Internet ergaben, dass es die Adresse von 1957 noch gibt, wenn auch mit veränderter Postleitzahl.
  Und so schrieb ich am 14.7.2007 an Herrn Bodo Salomons, 15 Granville Rd. Fallowfield, Manchester M146AD in Großbritannien:
  Sehr geehrter Herr Salomons,
Sie werden überrascht sein, Post aus Bochum zu erhalten. Ich bin seit einiger Zeit dabei, die Geschichte der alten jüdischen Gemeinde zu schreiben. Dabei bin ich auf die Spuren ihrer Familie gestoßen:
  Frau Wilhelmy, Tochter der Familie Schmidt, die früher Nachbarn Ihrer Eltern in Bochum waren, übergab mir ein Fotoalbum. Bei diesem Album  handelt es sich um ein Familienalbum Ihrer Familie,  das Ihre Eltern vor ihrer Deportation den Nachbarn Schmidt übergeben haben. Diese sollten es aufbewahren für den Sohn Bodo, falls er eines Tages nach Bochum zurückkommen sollte. Nach dem Tod des Ehepaars Schmidt ging das Album an deren Tochter, die verheiratete Frau Wilhelmy.  Frau Wilhelmy, heute 96 Jahre alt, hat dieses Album aufbewahrt, immer hoffend, Sie, Herr Salomons, würden es eines  Tages abholen. Schließlich übergab sie es mir. Im Moment wird das Album in einer Ausstellung im Stadtarchiv Bochum gezeigt. Ich werde im September zur Geschichte des Albums und zur Geschichte Ihrer Familie einen Vortrag halten.
  Als ich das Album erhielt,  habe ich einiges versucht, in Erfahrung zu bringen, ob und  wo Sie leben. Ich stehe in Kontakt mit zahlreichen Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde Bochum. Die meisten sind Überlebende der Kindertransporte. In einem Rundbrief fragte ich, ob jemand etwas von Ihnen wisse. Eine positive Antwort erhielt ich nicht. Bei Recherchen im Staatsarchiv Münster stieß ich in den letzten Tagen eher zufällig auf eine „ Wiedergutmachungsakte“, erfuhr aus dieser, dass Sie überlebt haben, 1957 an der obengenannten Adresse wohnten. Nun versuche ich mit Ihnen in Kontakt zu kommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich  Sie unter der  alten Adresse erreiche, ist nicht groß. Aber ich möchte nichts unversucht lassen, mit Ihnen in Kontakt zu kommen, um Ihnen das Familienalbum der Familie  Salomons zu übergeben, das sicher von großem Wert für Sie ist. Ich würde mich sehr freuen, von Ihnen zu hören. Ich hoffe, Sie sind bei guter Gesundheit, ich grüße Sie herzlich.

  Der Brief ist vor wenigen Tagen als unzustellbar zurückgekommen. Aber ich denke, es war richtig, ihn zu schreiben. Das Album hat fast 60 Jahre bei der Familie Schmidt bzw. Wilhelmy gelegen,  nun sollte es auf wenige Wochen nicht ankommen. Und ich denke, Frau Dr. Wölk hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie die wichtige historische Quelle, die das private Fotoalbum ja auch darstellt, evtl. hätte wieder abgeben müssen, sie hätte es sicher gerne getan, wenn wir den rechtmäßigen Besitzer gefunden hätten.
  Um nun wieder auf die oben gemachten allgemeinen Ausführungen zum Thema Familienalbum zurückzukommen – das Fotoalbum ist für Bodo Salomons nach Bernstein „ Tradition“, es soll bei ihm die Erinnerung an die Familie wach halten, die wahrscheinlich zum großen Teil ermordet worden ist. Welchen Erkenntniswert hat das private Fotoalbum Salomons aber als „Überrest“ für uns, d.h. welche allgemeinen Erkenntnisse können wir ihm, unabhängig von den dargestellten konkreten Personen, entnehmen? Unter diesem Aspekt soll nun abschließend das Album gesehen werden, um dann, im Verbund mit anderen schriftlichen Quellen, zu sehen, was wir  über den Alltag von Juden in Deutschland, in Bochum erfahren.
  Zunächst zu den Fotos:
  Die Aufnahmen zeigen  den Alltag einer kleinbürgerlichen deutschen Familie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit all seinen Höhepunkten: Zu sehen sind relativ kleine Häuser, z.T. befindet sich im Parterre ein kleines Ladengeschäft. Die Wohnungseinrichtung entspricht dem sozialen Status der Familie. Dass es sich bei  der Familie um eine jüdische Familie handelt, wird nirgends deutlich, im Gegenteil: Die Fotos mit dem kleinen Bodo vor dem geschmückten Tannenbaum, das Ehepaar Salomons beim Spaziergang mit dem kleinen Bodo im Kinderwagen – wahrscheinlich in Werne – zeigen, dass die Familie fest in die deutsche Gesellschaft integriert war. Die eingeklebten Postkarten, die Leon Salomons offensichtlich von einer militärischen Reserveübung vor dem Ersten Weltkrieg an seine Familie geschickt hatte, weisen ihn als einen kaisertreuen, national gesinnten Mann aus. Einer der vorgedruckten Texte lautet: Es lebe der Kaiser / sein Haus und sein Heer / ein Ruf und die Reserve – steht unter Gewehr.
  Darüber hinaus dokumentiert die Überlieferungsgeschichte des Albums, dass es bis zuletzt gute Beziehungen zwischen einer jüdischen Familie und  befreundeten christlichen Nachbarn geben konnte. Das scheint aber nicht zeittypisch zu sein, sondern – angesichts  der bestehenden  Quellenlage – eher die Ausnahme.
  Kehren wir zurück zur Lebenswirklichkeit der Familie Salomons. Das Fotoalbum vermittelt den Eindruck einer durchaus bürgerlichen Existenz vor 1933. Aus den wenigen Daten danach können wir nur entnehmen, dass sie gekennzeichnet ist vom sozialen Abstieg, der begleitet ist von zahlreichen Wohnungswechseln, bis sie 1940 schließlich im „ Judenhaus“ in der Goethestraße 9 einzieht. Weitere Informationen über die Lebenssituation von Juden in Bochum im Allgemeinen und für die Familie Salomons im Speziellen können wir erhalten, wenn wir  betrachten, auf welche Menschen sie im „Judenhaus“ Goethestraße 9 trafen, wenn wir uns die Lebensgeschichten dieser Menschen anschauen. Das Haus Goethestraße 9 war ein repräsentatives Bürgerhaus, gebaut um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es wurde im Krieg zerstört, aber einige der Nachbarhäuser stehen heute noch und vermitteln auch einen Eindruck dieses Hauses. Es  hatte zuletzt dem jüdischen Rechtsanwalt Schoenewald gehört, der lange Jahre auch Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde gewesen war. Über seine Geschichte und die seiner Frau ist bereits mehrfach berichtet worden, die Familie Schoenewald erlebten die Salomons auch nicht mehr: Siegmund Schoenewald und seine Frau Ottilie waren 1939 über Holland nach Großbritannien geflohen.
  Auf wen trafen Salomons also: Fasst man die Aussagen der unterschiedlichsten Quellen  zusammen, wohnten dort beim Einzug der Salomons bereits 8 Partien:
  Die Witwe Helene Dürkop,
Jakob und Ella Eichenwald,
die Witwe Mathilde Kaminski,
die Witwe Julie Kaufmann und ihr Sohn Erich Joseph und Emma Modrze,
Walter und Hilde Rosenthal,
Hilde und Nelli Weissglas,
die Witwe Fanny Rath.
  Es wäre jetzt sicher reizvoll, die Geschichten aller dieser Menschen ausführlich vorzustellen. Das wäre im gewissen Umfang durchaus möglich, würde aber sicher den Rahmen dieser Veranstaltung sprengen. Ich konzentriere mich deshalb auf das für unsere Fragestellung Wesentliche.
  Familie Weissglas:
  Am längsten wohnte die Familie Weissglas in dem Haus. Sie hatte schon Mitte der dreißiger Jahre unter ganz normalen Bedingungen eine 4-Zimmerwohnung bezogen, die gut bürgerlich eingerichtet war. Sie zahlte eine monatliche Miete non 135 RM. Die Wohnung lag für Symcha Weissglas günstig, denn er betrieb viele Jahre gegenüber in der Goethestraße Nr. 20 einen Laden und eine Werkstatt zur Anfertigung von Maßschuhen und orthopädischen Schuhen, hatte dabei ein gutes Einkommen. Den Betrieb musste er, wie alle Juden, die ein Geschäft besaßen, zum 1.1.1939 einstellen. Nach dem 9. November 1938 wurde Symcha Weissglas nach Sachsenhausen deportiert. Er musste noch erleben, dass große Teile des Hauses in der Nacht vom 9. auf den 10. und am 10. November 1938 verwüstet wurden. Nach seiner Rückkehr aus dem Lager floh Symcha Weissglas, um einer neuerlichen Verhaftung  zu entgehen, mit seinem 1926 in Bochum geborenen Sohn Isidor nach Brüssel. Dort  wurden beide verhaftet, der Sohn wurde am 4.8.1942 und der Vater am 14.8.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Als die Salomons in der Goethestraße einzogen, trafen sie nur noch auf die Ehefrau Nelli Weissglas und ihre 1922 geborene Tochter Hilde, die nicht wussten, was mit Vater und Bruder geschehen war. Sie lebten unter  bedrängten Verhältnissen. Über ihr Vermögen konnten sie schon längst nicht mehr verfügen, es war auf Sperr- und Sicherungskonten festgelegt, freigegebenen wurden von der Devisenstelle in Münster nur knapp bemessene monatliche Beträge. Ende 1940 mussten Mutter und Tochter in das „Judenhaus“ Rheinische Straße 28 umziehen, im Januar 1942 wurden sie nach Riga deportiert, sie überlebten, nach der Befreiung emigrierten sie nach Uruguay.
  Jakob und Ella Eichenwald
  Jakob Eichenwald hatte zunächst in Herbede ein großes Geschäft für Herren- und  Kinderkonfektion geführt, angeschlossen war eine Schuhabteilung. 1931 gab er das Geschäft auf, arbeitete als selbständiger Vertreter für Manufakturwaren, wohnte vorübergehend in Witten und bezog schließlich 1938 eine 3-Zimmerwohnung in der Goethestraße 9, gutbürgerlich  eingerichtet, die aber auch in der Nacht vom 9. auf den  10. und am 10. November verwüstet wurde. Nach dem 1.1.1939 hatte er kein Einkommen mehr, sein Vermögen wurde zentral verwaltet. Ella war die zweite Frau von  Jakob Eichenwald. Aus erster Ehe hatte er 5 Töchter, die glücklicherweise alle emigrieren konnten: Elisabeth lebte in Holland, Herta in Argentinien, Jenny in Chile, Lieselotte und Thea in Brasilien. 
  Als Leon und Martha Salomons die Eichenwalds in der Goethestraße antrafen, waren Jakob und Ella Eichenwald tief vereinsamt und lebten unter kümmerlichen Bedingungen. 1941 mussten sie noch einmal umziehen, sie lebten in einer kleinen Kammer im „Judenhaus“ in der Kanalstraße 56. Im Januar 1942 wurden sie nach Riga deportiert, man hat nie mehr etwas von ihnen gehört.
  Joseph und Emma Modrze
  Joseph Modrze war 13 Jahre als Kassierer bei der Firma Julius Seidemann in Bochum beschäftigt. Nach der Auflösung des Betriebes war er zunächst arbeitslos, wurde dann von der jüdischen Gemeinde Bochum als Bote und Inkassant beschäftigt. Das Paar wohnte mit 2 Töchtern zunächst in der Hermannstraße 45, eine Tochter emigrierte nach Palästina, die andere starb Ende der dreißiger Jahre.
  Ab 1938 musste das Paar mehrfach umziehen: Zunächst in die Emscherstraße 22, dann  in die Rottstraße 7 und schließlich in die Goethestraße 9. Beim Einzug der Salomons lebten sie dort, vereinsamt und unter kümmerlichen ökonomischen Bedingungen. Kurz vor der Deportation nach Riga im Januar 1942 zogen sie noch einmal in die ehemalige Schule in der Wilhelmstraße  um. Frau Modrze hat die Deportation überlebt, in einer eidesstattlichen Erklärung berichtete sie am 6.2.1955  über ihren Leidensweg. Hier erfahren wir auch kurz und knapp: Nach etwa einem halben Jahr Ghetto-Aufenthalt, d.h. am 24. oder 25.6.1942, ist mein Ehemann durch die Nazis umgekommen. Frau Modrze kehrte nicht nach Bochum zurück: zunächst wohnte sie in einem jüdischen Altersheim in Berlin, im August 1948 zog sie zu ihrer Tochter nach Israel.
  MATHILDE KAMINSKI
  Mathilde Kaminski war Eigentümerin der besten Maßschneiderei Bochums in der Viktoriastraße 13, die sie zusammen mit ihrem Sohn Walter führte. Das Geschäft gehörte zu den Betrieben, die  schon früh „arisiert“ werde sollten. Die Weigerung Kaminskis, den Betrieb aufzugeben, nutzte nach dem 9. November 1938 nichts mehr. Der Betrieb und das Wohnhaus wurden in der Nacht vom 8. auf den zehnten verwüstet – ein ausführlicher Zeugenbericht liegt vor -, die „Arisierung“ war  am 23.12.1938 abgeschlossen. Schon vorher hatte Frau Kaminski unter Druck am 14.12.1938 das Gebäude an die Stadt Bochum verkaufen müssen. Der Sohn Walter Kaminski emigrierte Anfang 1939 in die USA, wo schon seine beiden Geschwister  lebten. Mathilde Kaminski bemühte sich erst nach dem 9.11.1938 um die Emigration, die aber nicht so einfach war. Sie musste ihr Haus verlassen, zog zunächst zu den Schwiegereltern ihres Sohnes, den Marienthals, am Stadtpark, schließlich in die Goethestraße 9. Über ihr Vermögen konnte sie nicht mehr verfügen, zugebilligt wurden ihr monatlich 250 RM. Sie erlebte Monate der Unsicherheit, nicht wissend, ob die Emigration noch klappen würde. Und sie hatte Glück: Die Wartezeit für die Ausreise in die USA verkürzte sich dadurch, dass viele potentielle Auswanderer zwar die Einwanderungserlaubnis erhielten, sie hatten aber nicht die Devisen, um die Überfahrt zu bezahlen. Und es waren schließlich die Kinder in den USA, die es ermöglichten, dass Mathilde Kaminski im Januar 1941 nach New York ausreisen konnte. Das ist aber einer der wenigen bekannten Fälle, dass ein in einem Judenhaus lebender Mensch so spät noch das Land verlassen konnte.
  JULIE KAUFMANN GEB. BAUMGARTEN UND IHR SOHN ERICH KAUFMANN
  Über die Kaufmanns wissen wir  nicht viel. Julie Kaufmann wohnte mit ihrem Mann Moritz zunächst in Werne, danach einige Jahre in Dortmund, bis sie schließlich Anfang 1940 als Witwe nach Bochum zurückkam und in der Goethestraße 9 gemeldet ist. 3 ihrer 4 Söhne waren zu diesem Zeitpunkt bereits in die USA ausgewandert, der vierte Sohn Erich lebte noch bei ihr, ihm gelang aber auch noch die Ausreise in die USA, unter welchen Umständen,  das wissen wir nicht. Julie Kaufmann hatte zwar die  Genugtuung, dass ihre Söhne gerettet waren, sie selbst blieb aber einsam, unter schwierigsten Bedingungen lebend, zurück. Sie wurde im Januar 1942 nach Riga  deportiert, zuvor wohnte sie noch einige Wochen in der ehemaligen jüdischen Schule in der Wilhelmstraße. Nach ihrer  Deportation hat man nie mehr etwas von ihr gehört.
  HELENE DÜRKOP GEB. GOLDSCHMIDT
  Frau Dürkop war Witwe und hatte keine Kinder, als sie 1939 in die Goethestraße 9 zog. Sie hatte aber 4 Geschwister: Einen Bruder in Hamburg pflegte sie Anfang 1940 in Hamburg, bis er dort starb. Die Schwester Selma war mit einem Christen verheiratet, lebte relativ geschützt in Lübeck. Der Bruder Wilhelm war nach Rhodesien emigriert, die Schwester Blanca nach Südafrika. Frau Dürkop war – wie die Akten ausweisen – recht wohlhabend. Das Vermögen wurde aber von der Devisenstelle in Münster verwaltet, ihr selbst standen monatlich zunächst  200 RM, später 300 RM zur Verfügung: Bei 125 RM Miete und 30 RM Krankenkasse blieben magere 145 RM für Leben, Kleidung usw. übrig. Am Beispiel der Helene Dürkop kann man feststellen, wie schwer ihr der Wechsel in der Lebensführung fällt. Die überlieferten Dokumente zeigen sie als eine Frau, die sich nie  mit der ihr zugemuteten Situation abfinden  wollte, sie schrieb – in völliger Verkennung der Situation – immer wieder an alle möglichen Stellen Protestbriefe, was aber nichts nützte. Sie muss noch zweimal umziehen: zunächst in das „Judenhaus“ in der Kanalstraße 56 und nach dessen Auflösung zum 1.5.1942 in die alte jüdische Schule in der Wilhelmstraße 16, von wo aus sie im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert wird. Dort verlieren sich ihre Spuren.
  Walter und Hildegard Rosenthal mit Sohn Fritz
  Walter Rosenthal und sein Bruder Hans betrieben viele Jahre das von ihrem Vater begründete Geschäft für Herrenartikel engros und Wäsche in der Kanalstraße 52. Die Brüder planten die Auswanderung, verkauften das Haus zum 1.9.1938, durften danach noch 6 Monate für einen Mietpreis von monatlich 75 RM in dem Haus bleiben. Hans Rosenthal floh mit seiner Familie im Januar 1939 nach Holland, von wo aus ihnen 1940 die Einreise in die USA gelang. Auch Walter und Hildegard Rosenthal wollten ausreisen, nach USA oder China, und so schnell wie möglich. Das trugen sie in den „ Fragebogen für Auswanderer“ am  27.2.1939 ein. Walter Rosenthal vermerkte hier auch, dass zwei seiner Brüder im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Die Flucht gelang nicht mehr. Die letzten Jahre waren kümmerlich: Auch ihr Vermögen wurde zentral verwaltet, ihnen standen monatlich 230 RM zur Verfügung. Wie alle anderen Bewohner warteten sie auf ein Visum für irgendein  Land, erhielten dieses aber nicht mehr. Sie mussten noch zweimal umziehen: In das „ Judenhaus“ in der Kanalstraße 56 und zuletzt in die ehemalige jüdische Schule in der Wilhelmstraße. Im April 1942 wurden sie nach Zamosz deportiert, man hat nie mehr etwas von ihnen gehört.
  Lassen Sie mich zuletzt noch eingehen auf FANNY RATH GEB. RATH. Der soziale Abstieg der Fanny Rath ist dramatisch. Verheiratet mit ihrem Vetter Hermann Rath, mit dem sie zusammen das Möbelgeschäft ihres Bruders Julius in der Brückstraße 51 leitete, wohnte sie zunächst – zusammen mit dem Sohn Arthur – in einer  komfortablen Wohnung in der Dorstener Straße 7. Nach dem Tod des Mannes 1932 bezog sie mit dem Sohn eine Fünfzimmerwohnung in der Brückstraße 51, wo sich auch das Geschäft befand, das sie fortan als Geschäftsführerin alleine leitete. Das Möbelgeschäft wurde 1935 liquidiert, zunehmende Beschränkungen machten es nicht mehr rentabel. Fanny Rath blieb zunächst in der Wohnung, lebte von der Vermietung einiger Zimmer. Zum 1.9.1939 musste sie die Wohnung  räumen, sie zog in die Goethestraße 9. Dem Sohn, der  inzwischen in der Schweiz lebte, schickte sie ein Foto, auf dem sie mit 6 weiteren Frauen abgebildet ist, die alle in der Goethestraße 9 wohnten. Sie konnte natürlich nicht alle Möbel mitnehmen, sie verkaufte sie unter Wert, um überhaupt leben zu können. Als sie später noch einmal umziehen musste  – in die Kanalstraße 56 – konnte sie ihre Habe mit einer Handkarre transportieren. Sie verarmte zunehmend, arbeitete zuletzt als Putzfrau und Dienstmädchen. 1941 versuchte sie, zum Sohn in die Schweiz zu fliehen, sie hatte auch schon einen „Schlepper“, konnte aber die von diesem  geforderten 1200 RM nicht aufbringen. Im Januar 1942 wurde sie nach Riga deportiert. Wir wissen aus Berichten, wie schrecklich dieser Transport verlief. Ganz anders klingt  es bei Frau Rath, der es offensichtlich gelang, während des Transports eine Karte an den Sohn in die Schweiz zu schreiben, diese erreichte auch – wie auch immer – den Sohn und ist überliefert:
  Mein lieber Junge, nun haben wir bald die Reise hinter uns. Eine herrliche Winterlandschaft, zum Sport wie geschaffen. Trotz aller Misslichkeiten sind wir bei guter Stimmung, auch die Gemeinschaft ist fabelhaft, einer hilft dem anderen. Ich habe mir um Dich Sorgen gemacht, weil ich in den letzten Tagen gar keine Nachricht von Dir hatte, aber ich hoffe, dass Du gesund bist und es Dir gut  geht. Sobald es möglich ist, schreibe ich mehr, doch glaub ich, dass ich Dir nicht schreiben kann, höchstens Tante Selma. Mache Dir also keine Sorgen um mich, ich werde mich schon durchsetzen, wie immer. Da die Leute durcheinander sprechen, kann ich nicht mehr viel schreiben. Bleib gesund und viele innige Küsse von deiner Mutter.
  Eine letzte Information über das Schicksal der Mutter erreichte den Sohn im Mai 1942. In Bochum gab es wohl Gerüchte darüber, was in Riga passierte. Überliefert ist in der Akte Rath eine Postkarte Karola Freimarks an den Sohn Rath vom 25.4.1942. Frau Rath wohnte ja zuletzt mit den Freimarks in der Kanalstraße  56. Karola Freimark schrieb: Man hört nur, was ich Ihnen schon damals berichtete. Sie wären bei Riga gut untergebracht und die Frauen soweit gesund genug, mit Näharbeiten beschäftigt. Leider wissen auch nicht mehr ... Diese Karte Frau Freimark vom 25.4.1942 enthält übrigens eine sehr interessante Information:  Sie erwähnt, dass wieder 65 Personen für einen Transport bereit sind. Das ist mit Sicherheit  ein Hinweis auf den zweiten Transport Bochumer Juden vom 27.4.1942 nach Zamosz. Und das ist insoweit von Interesse für uns, als wir sonst keinen Hinweis darauf haben, wie viele Bochumer Juden bei diesem Transport waren. Von diesem Transport hat niemand überlebt, bisher sind nur 35 Namen identifiziert.
 
Welche allgemeinen Erkenntnisse über die konkrete Lebenssituation der Bochumer Juden können wir aus diesen kurzen Berichten ziehen?
  Zunächst einmal: In der Goethestraße 9 wohnten ab 1939 Menschen zusammen, die vorher in recht unterschiedlichen Verhältnissen gelebt hatten. Auch die sozialen Beziehungen unter Ihnen waren eher schwach gewesen. Sie wohnten vorher in verschiedenen Stadtvierteln, kamen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Wenn überhaupt, dann hatten sie Kontakte über die Synagoge. Allen gemeinsam war, dass sie sich als  Deutsche jüdischen Glaubens definierten, eine nationale Gesinnung ist in den meisten Fällen nachgewiesen: Bei den meisten Familien waren die Männer Soldaten im Ersten  Weltkrieg gewesen, andere hatten Angehörige im Weltkrieg  verloren. Allen gemeinsam war auch, dass sie in die deutsche Gesellschaft integriert waren, ihren unterschiedlichen Berufen nachgingen, i.d.R. ihr Auskommen hatten, wenn auch unterschiedlich. Aber auch da unterschieden sie sich ja nicht von der übrigen Bevölkerung. Die sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen Unterschiede verschwinden in den dreißiger Jahren. Egal, wie sie sich selbst definieren und wie sie vorher von der übrigen Gesellschaft wahrgenommen worden waren, ihre Identität und ihr Status wird zunehmend von außen bestimmt: Sie werden auf ihr Judentum zurückgeworfen, in zahlreichen Schritten wird ihnen ihr Deutschtum abgesprochen, als nunmehr Fremde werden sie aus der  Gesellschaft sozial und ökonomisch ausgegrenzt, mit immer größerem Druck zunächst zum Verlassen des Landes gedrängt. Als sie 1939 in die „Judenhäuser“ eingewiesen werden, das zeigt der Bericht über die Goethestraße 9, sind sie alle gleich: Alle leben unter äußerst kümmerlichen Verhältnissen. Egal, wie groß ihr Vermögen vorher gewesen war, welchen sozialen Status sie vorher hatte, sie können nicht mehr über ihr Geld verfügen, es wird zentral verwaltet, nur geringe Beträge werden monatlich freigegeben.  Zumeist sind es ältere Menschen, die in den Häusern wohnen. Die Kinder sind oft – glücklicherweise – geflohen, um deren Auswanderung hatten sich die Eltern oft früh bemüht. Für sich selbst hatten sie das nicht getan, sie hatten damit  gerechnet, die Situation würde sich wieder ändern. Wohin sollten sie in ihrem Alter auch gehen, ohne Sprachkenntnisse, eingebunden in feste Strukturen? Nach dem 9.11.1938 wollten alle aus Deutschland raus. Aber da wurde es zunehmend schwieriger. Und die in den Judenhäusern versammelten Menschen hofften alle, dass es mit der Ausreise doch noch klappen würde. Die Gerüchte brodelten, das wissen wir ja aus dem Briefwechsel der Freimarks mit ihren Kindern. Es ging auch überhaupt nicht mehr darum zu entscheiden, wohin man fliehen wollte, man wollte nur raus. Wir wissen von dramatischen Fällen, bei denen Menschen das Einreisevisum für ein Land hatten, aber nicht ausreisen konnten, weil sie entweder keine Schiffspassage bekamen oder diese Schiffspassage, die i.d.R. mit Devisen bezahlt werden musste, welche die deutsche Regierung nicht freigab, nicht begleichen konnten. Andere wieder konnten mit Hilfe von im Ausland lebenden Verwandten die Devisen aufbringen, fielen aber Betrügern zum Opfer, die gefälschte Visen verkauften. Nur noch wenigen gelang ab  1940 die Ausreise, in dem Hause Goethestraße 9 sind es nur Frau Kaminski und Erich Kaufmann. Schließlich wurde Juden die Ausreise verboten, im Oktober begannen in Deutschland, im Januar 1942 in Bochum die Deportationen der Juden in den Osten
  Kommen wir zurück auf die Familie Salomons. Das Fotoalbum gibt -stellvertretend für viele – Auskunft über das „ normale“ Leben von Juden in Bochum, in Deutschland vor 1933. Die Überlieferungsgeschichte gibt Hinweise auf das Ende der Juden in Bochum,  in Deutschland. Über die Entwicklung der konkreten Lebensumstände der Familie Salomons nach 1933, gibt es nur wenige Hinweise: Sie mussten oft umziehen, den Sohn Bodo konnten sie mit einem Kindertransport aus Deutschland wegbringen, ihre eigenen Auswanderungsbemühungen scheiterten, sie wohnten zuletzt im „Judenhaus“ in der Goethestraße 9. Die Darstellung der Lebensumstände der Menschen, mit denen die Familie Salomons dort zusammen  leben musste, lässt auch Erkenntnisse über die Lebensumstände der Familie Salomons zu: Sie werden sich in der Substanz nicht unterschieden haben. 

                                                                  (Hubert Schneider)

(1)
 Akten Jüdische Gemeinde Bochum, sie werden im Bochumer Stadtarchiv
aufbewahrt. Außerdem: STA NRW Münster Oberfinanzdirektion Münster –
Devisenstelle – Nr. 8376; ebenda: Regierung Arnsberg Wiedergutmachung
631462; eine im Findbuch des STA verzeichnete Akte Regierung Arnsberg
Wiedergutmachung 431462 war im Archiv nicht auffindbar, es muss
angenommen werden, dass sie noch nicht für die Nutzung freigegeben wurde.
(2)
 STA NRW Münster Oberfinanzdirektion Münster Devisenstelle Nr. 8376.
(3)
 Siehe hierzu Andrej Angrick/Peter Klein, Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung
und Vernichtung 1941-1944, Darmstadt 2006, vor allem S.340f.