Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2008                          Nr. 12

Inhaltsverzeichnis

„Zug der Erinnerung“ –  Eine Ausstellung über die Deportation der Kinder aus Deutschland und Europa in den Bahnhöfen der Bundesrepublik“

  Durch Deutschland fährt ein Zug und sucht nach den Spuren vieler zehntausend Kinder. Ihr Leben war kurz. Oft blieben nur Namen, die in Archiven vergilben. Ihre Fotos und Briefe kennen  wir kaum, so schreiben die Initiatoren in einem Flugblatt, das auf den ZUG DER ERINNERUNG hinweist.
  Vom 14. bis 16. Februar machte dieser Zug Station in Bochum,  auf Gleis 1 im Bochumer Hauptbahnhof. Unter der Schirmherrschaft des Bochumer DGB, in Zusammenarbeit mit vielen Bochumer Initiativen und mit Unterstützung der Stadt war es nach langen Vorbereitungen gelungen, dieses wichtige ‚Dokument’ der Erinnerung auch in Bochum vielen Menschen zugänglich zu machen.
  In diesen drei Tagen besuchten über 6000 Menschen diese eindrucksvollen rollende Ausstellung  - allein 75 Schulklassen waren darunter. Darüber hinaus wurde vom Stadtarchiv sowie weiteren Gruppen und Parteien ein  Rahmenprogramm mit über 30 Veranstaltungen angeboten u.a. mit dem bekannten Journalisten Heiner Liechtenstein: Mit der Reichsbahn in den Tod Unser Verein war mit 6 Veranstaltungen beteiligt. U.a. beschäftigte sich Hubert Schneider in zwei Vorträen mit dem Schicksal jüdischer Kinder und deren Familien aus Bochum. In einer Lehrerfortbildung stellte er Materialien vor, mit denen die Pädagogen ihre Schüler auf den Besuch der Ausstellung vorbereiten konnten. Andreas  Halwer vom Stadtarchiv gab entsprechende Informationen für jüdische Kinder und deren Familien aus Wattenscheid. In anderen Veranstaltungen wurde einerseits auf das Schicksal anderer Minderheiten in Nazideutschland (Sinti und Roma, Homosexuelle) aufmerksam gemacht, andererseits auf die Notwendigkeit der aktiven Auseinandersetzung mit der aktuellen Neonazi-Szene.
  Zur Eröffnung der Ausstellung sprachen vor ca. 80 interessierten und engagierten Gästen und Medien (Radio, Fernsehen und örtlichen Zeitungen) Michael Hermund vom Deutschen Gewerkschaftsbund  und Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz:  In diesen Tagen macht im Bochumer Hauptbahnhof ein Zug Station, der in keinem Kursbuch und keinem Fahrplan steht. Und dennoch ist es ein wichtiger Zug, ein Zug, der quer durch Deutschland fährt und aufmerksam machen soll auf ein bisher  wenig bekanntes Kapitel des menschenverachtenden System der Nationalsozialisten. Dieser Zug der Erinnerung weist konkret auf das Schicksal jüdischer Kinder hin, die mit der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert worden sind. Aus Bochum und Wattenscheid bedeutete dies für 31 Kinder den sicheren Tod. Wir sind es ihnen schuldig, sich ihrer zu erinnern, damit das Verbrechen der Shoa nie in Vergessenheit gerät. Es ist unsere Pflicht und Verantwortung, die Erinnerung an diese dunkelste Zeit unserer Geschichte wach zu halten, auch als eindringliche Mahnung, dass sich so etwas niemals wiederholen darf!
  Von einer alten Dampflok gezogen war der Zug am 7. November 2007 in Frankfurt gestartet, durchquerte Deutschland und hielt auf seinem Weg auf Bahnhöfen von über 70 Städten, bis er am Tag der Befreiung (9. Mai 2008) Auschwitz erreichte.
  In drei alten Waggongs wurden mit eindringlichen Fotos, Briefen aber auch Berichten über die Bahn-Logistik wie auch Abrechnungen und anderen  Ausstellungsgegenständen Ausschnitte der damaligen  Zeit dargestellt -   Deutschland während der NS-Zeit: Zivile Kommandos der Staatspolizei holen Kinder aus ihren Wohnungen und Schulen. Man treibt sie auf Bahnhöfe, dann in  die Waggons der „Deutschen Reichsbahn“. Bewacht von Soldaten des Hitler-Regimes geht die Fahrt nach Osten: An dieses Ziel werden Tausende Züge aus ganz Europa geschleust. Das Ziel heißt Vernichtung. Es sind jüdische Kinder, Sinti und Roma und Kinder von Eltern, die die Nazis bekämpften. Nur wenige Kinder kehrten zurück.“ So erfahren wir in einem Bericht.
  Ergänzend dokumentiert wurden in einem Teil eines Waggons Lebensschicksale aus den jeweiligen Städten, in denen der Zug Station machte. In Bochum haben u.a. Schüler in ihrem Unterricht Schicksale der verschleppten Bochumer Kinder erforscht und in einem Waggonteil mit Fotos, Briefen, Kleidungsstücken u.a.m. ausgestellt.
  Der Zug der Erinnerung war in Bochum ein voller Erfolg: Die Ausstellung wurde stark besucht, alle Veranstaltungen des Rahmenprogramms fanden ihr Publikum.
  Neben diesen positiven Ergebnissen wurde die Ausstellung von sehr ‚unschönen’ Umständen begleitet.

Die Deutsche Bahn-AG und ihr Geschichtsbewusstsein.
  Anfang 2000 hatte Beate Klarsfeld eine Dokumentation über das Schicksal von 11000 aus Frankreich deportierten Kindern in die osteuropäischen Vernichtungslager erstellt, die bis 2004 in vielen Bahnhöfen in ganz Frankreich gezeigt wurde.
  Ihr Versuch, diese Ausstellung auch in Deutschen Bahnhöfen zu zeigen, scheiterte an der Deutschen Bahn AG. Dort war man der Auffassung, dass dies nicht der rechte Ort für solche Erinnerungs- und Mahnkultur sei!
  In einer Ausstellung zum 150-jährigen Bahnjubiläum, fehlten Hinweise auf diese Beteiligung an der verbrecherischen Menschenvernichtung der Deutschen Reichsbahn ganz.
  Aufgrund des zunehmenden öffentlichen Drucks hatte die Bahn Historiker daran gesetzt, diese Geschichte aufzuarbeiten. In der Jubiläumsausstellung in Nürnberg wurde zwar ein eigener Raum mit Bahndokumenten aus dieser Zeit eingerichtet - allerdings die verbrecherische Beteiligung an der Vernichtung von Millionen Erwachsenen und geschätzten eineinhalb Millionen Kindern, fehlte immer noch.

Die Deutsche Bahn-AG und ihr Rechts- und Wirtschaftsverständnis
  Nachdem die Ausstellungsvorhaben auf deutschen Bahnhöfen gescheitert war, gründeten engagierte Menschen 20 in Deutschland einen Verein, um eine Ausstellung auf die ‚ Räder’ zu stellen  und damit durch Deutschland fahren zu lassen. Auch hier versuchte die Bahn immer wieder, dies zu verhindern – nicht zu letzt durch hohe km- und Stellgebühren – insgesamt von über 75 000 Euro!
  Der Versuch des Vereins, von diesen Gebühren befreit zu werden, wurde abgelehnt mit der Begründung, dass das System der Bahn gegenüber anderen Kunden rechtlich keine Möglichkeit dafür biete.
  Statt dessen wurden Gebühren für die Nutzung der Gleise und der Stationen dem Verein –  minuziös und kilometergenau berechnet -  in Rechnung gestellt. Über 60 Jahre nach dem Holocaust will die Deutsche Bahn wieder am Holocaust verdienen.
  Hatte die  Deutsche Reichsbahn doch ebenfalls genauestens die  Transportkosten  in Rechnung gestellt, sogar mit MengenrabattDie Kosten für die Transporte stellte die Reichsbahn den Auftraggebern,  dem Reichssicherheits- hauptamt und der Sicherheitspolizei in Rechnung. Grundlage dabei war der Tarif für die Personenbeförderung in der 3. Klasse, der 1942  4 Pfennig pro Personenkilometer betrug. Kinder unter 10 Jahren zahlten die Hälfte, Kinder unter 4 fuhren umsonst. ... Ab 400 Personen wurden Preisnachlässe für die Sonderzüge, die für ihre Insassen den Tod bedeuteten, gewährt. In Deutschland waren die Fahrtkosten von den Juden selbst zu entrichten, d.h. an die Gestapo abzuführen“,so ist den Ergebnissen, der dann doch noch  von der DB in Auftrag gegebenen Untersuchung über  die Verstrickung der Reichsbahn mit den Nazis zu  entnehmen. (Zit: taz.de vom 16.02.08 Am helllichten Tag)
  Auch das Verkehrsministerium sah keine Möglichkeit, auf den Erlass der Gebühren Einfluss zu nehmen – spendete dem Verein aber ca. 15.000 Euro. Die Kosten von insgesamt fast 100.000 Euro versucht der  Verein nun durch viele Kleinspender zu decken.
  Inzwischen haben über 260.000 Menschen die Ausstellung gesehen!

                                                                                  (Günter Nierstenhöfer)