Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2009                          Nr. 13

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins

  Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

- Veranstaltung zum 9. November 2008: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2008 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltungen geplant und dann auch durchgeführt. Nach der Einweihung der neuen Synagoge im Dezember 2007 versuchen die Veranstalter, auch im Programm zum 9 November dieser Tatsache Rechnung zu tragen. Im Verlauf des Tages soll ein Bogen von der Zerstörung der alten Synagoge zur Existenz der neuen Synagoge gespannt werden. 2008, 70 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge, standen die Gedenkveranstaltungen ganz im Zeichen der juristischen Aufarbeitung des Bochumer Synagogenbrands in der Nachkriegszeit. Der Tag begann mit einer Matinee in der neuen Synagoge: „Ich kann mich nicht entsinnen.“ Ermittlungen zum Synagogenbrand am 9. November 1938 Schauspieler des Schauspielhauses Bochum lasen aus den Prozessakten zum Synagogenbrand in Bochum. Um 15 Uhr folgten sehr gut besuchte Rundgänge zu den in Bochum verlegten Stolpersteine, durchgeführt von Klaus Kunold und Hubert Schneider. Die Rede auf der zentralen Gedenkveranstaltung hielt Frau Dr. Wölk, Leiterin des Stadtarchivs Bochum: „Und jetzt will es keiner gewesen sein!“ Die Pogromnacht und ihre juristische Aufarbeitung in der Nachkriegszeit. Anschließend hatten die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung die Möglichkeit, die neue Synagoge zu besichtigen. Dieses neue Angebot wurde so gut aufgenommen, dass die Besichtigung der neuen Synagoge zu einem festen Programmpunkt am 9. November werden soll. Neben der gesonderten Gedenkveranstaltung in Wattenscheid – Wattenscheid war früher eine selbständige Stadt, hatte eine eigene jüdische Gemeinde – fand in diesem Jahr erstmals eine Gedenkveranstaltung in Bochum-Linden statt, in der an das Schicksal einzelner Lindener Juden erinnert wurde. Sabine Krämer, stellvertretende Vorsitzende unseres Vereins, hatte das Material zusammengestellt und sich aktiv an der Veranstaltung beteiligt.

- Das Projekt Stolpersteine wurde 2008 fortgeführt: Am 20. Oktober war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte zahlreiche Steine. Am Abend des gleichen Tages stellten einige Paten ihre Recherche-Ergebnisse während einer Veranstaltung im Stadtarchiv Bochum einer größeren Öffentlichkeit vor. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne.

- In das im Dezember 2007 eingeweiht Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ist inzwischen das Leben eingezogen. Der Freundeskreis Bochumer Synagoge unterstützt die Gemeinde dabei, dieses Zentrum zu einem Ort der Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden zu machen. Zahlreiche Veranstaltungen, Vorträge, Konzerte, zeugen davon. Auch unser Verein beteiligte sich in den vergangenen Monaten an dieser Arbeit. In zwei Veranstaltungen, durchgeführt in Kooperation mit dem Freundeskreis Bochumer Synagoge, dem Katholischen Forum und der Evangelischen Stadtakademie, hielt Hubert Schneider im Gemeindesaal der Gemeinde Vorträge unter dem Rahmenthema „Jüdische Familien in Bochum – ihre Bedeutung für die Entwicklung der Stadt“. Beide Veranstaltungen waren gut besucht. Das Interesse an einer Besichtigung der Synagoge ist in der Bevölkerung sehr groß: Bisher wurden ca. 300 Führungen durchgeführt. Sechs Leute führen die Gruppen, einer ist Mitglied der jüdischen Gemeinde, fünf sind Mitglieder des Freundeskreises, darunter auch Hubert Schneider. Die Gruppen – Schulklassen, Vereine, Einzelpersonen – melden sich bei der jüdischen Gemeinde oder bei städtischen Einrichtungen – zum Beispiel bei der Volkshochschule – an, die Führung übernimmt die Person, die an den gewünschten Terminen Zeit hat. Die gemachten Erfahrungen sind durchaus positiv, zeigen aber auch, wie gering das Wissen über jüdisches Leben in der Bevölkerung ist. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die Führungen mit jungen Leuten. Dabei besteht die Hoffnung, dass diese Gruppen, wenn sie etwas erfahren über Judentum und jüdisches Leben, weniger anfällig sind für die Propaganda rechter Gruppierungen, die ihre Aktivitäten ja gerade auf Jugendliche ausrichten. In diesem Sinne sind solche Führungen durch die Synagoge auch politische Aufklärungsarbeit.

 - Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") und auf dem jüdischen Friedhof wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

- Hubert Schneider hielt nicht nur in der Synagoge, sondern auch bei anderen Gelegenheiten Vorträge: So sprach er am 20. November 2008 in der Melanchthonkirche über Ottilie Schönewald. Dabei kam es zu einer überraschenden Begegnung. Nach dem Vortrag kam eine ältere Dame zu mir, gab mir einen Brief, den Ottilie Schönewald nach dem Krieg an einen Bochumer Arzt geschrieben hatte. Darin bedankte sie sich für die Hilfe, die dieser Arzt ihr in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geboten hatte. In der Aufregung der Nacht – das Haus in der Goethestraße wurde verwüstet, Herr Schönewald wurde verhafte – hatte Frau Schönewald eine Gallenkolik bekommen, der Arzt war nach ihrem Anruf sofort gekommen, hatte geholfen. Am 14. Mai 2009 hielt Hubert Schneider in der Bochumer Kortumgesellschaft einen Vortrag zum Thema „Bismarckstadt Bochum. Das Wirken des Justizrats Otto Hünnebeck.“ Hünnebeck, verheiratet mit Agnes Sutro, Enkelin des bedeutenden westfälischen jüdischen Rabbiners Abraham Sutro, war zusammen mit vielen anderen Mitgliedern der Nationalliberalen Partei, darunter zahlreichen Juden, Begründer eines Bismarckmythos in Bochum, der vor allem im Bau eines Bismarckdenkmals und vor allem des Bismarckturms im Stadtpark seinen Ausdruck fand. Am 22. Mai 2009 hielt Hubert Schneider einen Vortrag in Oer-Erkenschwick zum Thema „Zur Geschichte der Juden in Westfalen – das Beispiel jüdische Gemeinde Bochum.“

- Gemäß unseres Satzungsauftrages kümmern wir uns auch um die weitere Erforschung jüdischen Lebens in Bochum. Im Juni d.J. erschien in der wissenschaftlichen Reihe des Stadtarchivs das Buch „Leben im Abseits. Agnes und Wilhelm Hüpnnebeck aus Bochum“. Die Verfasser sind Hubert Schneider, Susanne Schmidt und Jürgen Wenke. Agnes und Wilhelm Hünnebeck waren Kinder des evangelischen Otto Hünnebeck und der jüdischen Agnes Sutro, galten im nationalsozialistischen Deutschland als „Mischlinge ersten Grades“, was schwerwiegende Folgen für den Rechtsanwalt Wilhelm und die promovierte Germanistin Agnes Hünnebeck hatte. Bei Wilhelm Hünnebeck kam erschwerend hinzu, dass er als Homosexueller bis 1969 diskriminiert wurde. Das Buch versteht sich als Beitrag zur Geschichte der Emanzipation der Juden, bietet Einlbicke in die Bedeutung des Liberalismus in Bochum. Außerdem wird epochenübergreifend erstmals an einer Einzelbiografie die Verfolgung und Diskriminierung der Homosexuellen thematisiert. Im Jahresheft der Kortum- Gesellschaft „Bochumer Zeitpunkte“ Nr. 23 veröffentlichte Hubert Schneider einen längeren Aufsatz zum Thema „ Jüdische Familien in Bochum – ihre Bedeutung für die Entwicklung der Stadt.“ In Vorbereitung ist das Buch zu den Bochumer „Judenhäusern“ von Hubert Schneider, das im kommenden Jahr erscheinen soll.

- Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Ein intensiver Briefwechsel zeugt davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden. So hat Hubert Schneider seit einiger Zeit Kontakt mit Norbert Ripp, der in Bochum geboren wurde, 1932 mit seinen Eltern nach Wanne-Eickel verzog, von dort aus als 12-jähriger zunächst nach Holland, 1940 nach England und Ende der 40er-Jahre in die USA kam. Herr Ripp überließ Hubert Schneider u.a. eine Fotografie, die eine größere Gruppe von 13 bis 15jährigen Jungen zeigt. Die Aufnahme wurde im Sommer 1940 in einem Waisenhaus in Manchester gemacht. Dorthin wurden Kinder aus den Kindertransporten gebracht, die nicht an Familien vermittelt werden konnten. Bemerkenswert ist, dass außer Herrn Ripp noch weitere 4 Jungen aus Bochum auf dem Foto zu sehen sind. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind verschiedene Schülergruppen damit beschäftigt, die Geschichten dieser Jungen und ihrer Familien zu recherchieren. Wir werden darüber berichten.

- Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten Einige Mitglieder unseres Vereins - Klaus Kunold, Ursula Saul-Ludwig und Johannes Ludwig – sind sehr aktiv im „ Bochumer Bündnis gegen Rechts.“

- Regelmäßig bekommen wir Anfragen aus der Stadt oder von außen, die Fragen nach dem früheren jüdischen Leben in Bochum betreffen. So konnten wir einem Münchner Journalisten helfen, der sich nach der Familie Lyon erkundigte. Berta Schöttler geb. Lyon war, um der Deportation in Bochum zu entgehen, nach Bayern geflohen, dort bei einer Bauernfamilie untergetaucht. Die Dorfbewohner versteckten Berta lange Zeit, bis sie schließlich doch deportiert wurde. Wir konnten dem Jorunalisten insofern helfen, als wir al) Informationen zur Familie Lyon beisteuerten, b) Informationen zum Schicksal der Berta Lyon geben konnten. Bertas Bruder Herbert Lyon, 1939 nach Argentinien geflohen, hatte nach dem Krieg einen längeren Briefwechsel mit der Bochumer jüdischen Gemeinde, in dem er auch über das Schicksal der Schwester und deren Familie berichtete. Zwei Töchter, deren Namen wir hatten, lebten in den USA, wurden nach unseren Angaben von dem Journalisten aufgespürt. Das Ergebnis der Recherchen wurde von dem Journalisten in einem langen Zeitungsartikel zusammengefasst. Angeregt durch einen Stolperstein- Rundgang, bildete sich eine Gruppe, die am Bochumer Stadtpark wohnt. Sie will sich mit der Geschichte der Juden in diesem Viertel beschäftigen. Hubert Schneider traft sich erstmals mit dieser Gruppe, um Möglichkeiten der weiteren Arbeit zu diskutieren. In Letmathe fand am 9. November 2008 erstmals eine Gedenkveranstaltung statt, in dessen Mittelpunkt die Erinnerung an die Familie Koppel stand. Vor allem an das Schicksal des in Bochum lebenden Rechtsanwalts Koppel wurde erinnert. Unser Verein konnte umfassende Materialien aus seinem Archiv zur Verfügung stellen, welche aus dem Nachlass der Tochter Lore Schneider geb. Koppel stammen. Auch konnte ein Kontakt zwischen Lore Schneider und den Initiatoren in Letmathe hergestellt werden.

- Auch als Institution sind wir in Bochum präsent: Hubert Schneider arbeitet als Vorsitzender des Vereins mit im Beirat des Freundeskreises Bochumer Synagoge und im Beirat des Stadtarchivs Bochum. Im Freundeskreis engagieren wir uns v. a. bei der Öffentlichkeitsarbeit, wenn es um die Geschiche der alten jüdischen Gemeinde geht.

- Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde. Durch Vermittlung von Hannah Deutch erfuhren wir verspätet, dass schon vor geraumer Zeit in den USA Ursula Calton geb. Roettgen und Kate Wurtenberg geb. Rosenberg verstorben sind. Am 3. Mai 2009 verstarb in Rochester Rosemarie Molser geb. Marienthal, zu der wir in den letzten Jahren einen ganz engen Kontakt geknüoft hatten. Regelmäßig hatten wir telefonischen Kontakt, zuletzt wenige Tage vor ihrem Tod. In Großbritannien starb im April d. J. John Chillag, der zwar nicht zur alten jüdischen Gemeinde gehört hatte, sein Schicksal war aber doch auch eng mit Bochum verbunden: Ende 1944 kam der ungarische Jude, dessen Familie in Auschwitz ermordet wurde, als 17-jähriger nach Bochum, um beim „Bochumer Verein“ als Zwangsarbeiter eingesetzt zu werden. Nach Bochum kam er immer wieder, da sein Vater, der auch als Zwangsarbeiter beim Bochumer Verein war,auf dem jüdischen Friedhof in Bochum beerdigt wurde. Wir trauern um alle diese Verstorbenen, werden sie in unserem Gedächtnis aufbewahren. Auch unser Verein hat einen schweren Verlust durch den Tod eines unserer Gründungsmitglieder erlitten. Jutta Duschka war, zusammen mit ihrem Lebenspartner Klaus Kunold, von Anfang dabei, sie hat unsere Arbeit kontinuierlich gefördert und begleitet. An unseren Sitzungen nahm sie – soweit es ihr Gesundheitszustand zuließ - regelmäßig teil, bereicherte sie durch ihre konstruktiven Beiträge. Sie prägte die Atmosphäre unserer Treffen durch ihr freundliches und ausgleichendes Wesen. Als wir sie auf dem Weg der Besserung wähnten, starb sie unerwartet am 29. Dezember 2008 im Alter von 60 Jahren. Wir vermissen Jutta sehr, unser volles Mitgefühl gilt Klaus Kunold.

Zum Schluss eine Personalie: Johannes Ludwig hat sich nicht zur Wiederwahl als stellvertretender Vorsitzender unseres Verein gestellt. Neue stellvertretende Vorsitzende ist Sabine Krämer, die dieses Amt schon einmal mehrere Jahre versah, nach der Geburt ihrer beiden Kinder einige Zeit aussetzte. Den Besuchern von 1995 ist Sabine Krämer bekannt: Sie gehörte zu den Studentinnen, die damals die Besuchergruppe betreute.

- Nach wir vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Dank des großen Einsatzes von Johannes Ludwig wurde dies möglich.

Unsere Adresse: www.erinnern-fuer-die-zukunft.de

(Hubert Schneider)