Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2009                          Nr. 13

Inhaltsverzeichnis

Aufgaben des Freundeskreises Bochumer Synagoge

Der Freundeskreis Bochumer Synagoge ist auf Betreiben unseres „Alt- oberbürgermeisters“ Ernst-Otto Stüber am 18. September 2003 gegründet worden. Vorausgehender Anlass war die Bochumer Erklärung, die Herr Stüber anlässlich des Besuchs von Paul Spiegel, dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, am 12. Juni 2003 abgegeben hatte. In dieser Erklärung kommt zum Ausdruck, dass die Nazis versucht haben, jüdisches Leben vollständig auszulöschen, dass es ihnen aber nicht gelungen ist, sondern es im Gegenteil wieder eine große, lebendige Jüdische Gemeinde gibt, der keine angemessenen Räume zur Verfügung stehen. Am Schluss der Erklärung wird die Bevölkerung aufgerufen, die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bei der Errichtung eines Gemeindezentrums und einer Synagoge zu unterstützen.

Die Kosten der Synagoge sind zu je einem Drittel vom Land NRW, von der Stadt Bochum und von der Gemeinde getragen worden. Dafür hat die Gemeinde ein beträchtliches Darlehen aufgenommen, das verzinst und getilgt werden muss. Deshalb sind wir mit dem Geldsammeln noch längst nicht am Ende. Dennoch hat der Freundeskreis weit darüber hinausgehende Aufgaben, die in der Satzung mit folgenden Worten beschrieben sind:

1. Unterstützung des jüdischen Lebens im Gemeindegebiet

    Daran arbeiten wir seit unserer Gründung mit vielen Aktionen, die hier im Einzelnen aufzuführen den Rahmen sprengen würde.

2. Aufrechterhaltung der Erinnerung an jüdische Persönlichkeiten, die im Gemeindegebiet gelebt und gewirkt haben

    Das ist ein Tätigkeitsfeld, in dem insbesondere die Herren Dr. Manfred Keller (Ausstellungen, Mendel-Buch …) und Dr. Hubert Schneider (Stadtführungen, Workshops, Vorträge, Veröffentlichungen), aber auch die Stadtarchive aktiv sind. Es gibt noch viele Möglichkeiten, an dieser Aufgabe weiterzuarbeiten. Dazu wird weiter unten noch einiges gesagt.

3. Unterstützung bei der Errichtung und Unterhaltung einer Synagoge im Gemeindegebiet

    Die Unterstützung bei der Errichtung geschieht nach wie vor insbesondere durch die Beschaffung der finanziellen Mittel für den Bau. Wir haben durch unsere Mitgliedsbeiträge, viele Spenden (darunter zwei Großspenden) und Erlöse aus verschiedenen Verkaufsaktionen etwa eine halbe Million Euro zusammengebracht. Darauf dürfen wir gemeinsam stolz sein. Bei der Unterhaltung einer Synagoge geht es darum, der jüdischen Gemeinde zu helfen, Selbstbewusstsein zu entwickeln, sich religiös und kulturell zu öffnen, die Jugendlichen stärker in die Gestaltung des Gemeindelebens einzubeziehen und den Dialog mit den nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürgern zu suchen, zu fördern und zu vertiefen. Dazu leisten die Einrichtungen der Erwachsenenbildung, wie Katholisches Forum, Evangelische Stadtakademie, Stadtarchive, Volkshochschulen und Familienbildungsstätten seit jeher ihre qualifizierten Beiträge.

Nachdem wir der Gemeinde während der Zeit des Architektenwettbewerbs, der Planung und des Baus nach Kräften geholfen haben, wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, uns nach der Einweihung im Dezember 2007 stärker auf die Leitgedanken und die Struktur unserer künftigen Aufgaben auszurichten. Das erfreulich große Interesse an der neuen Synagoge hat uns organisatorisch sehr stark gebunden, so dass wir auf dem beschriebenen Gebiet noch erheblichen Nachholbedarf haben. Im Folgenden nennen wir einige Schwerpunkte, denen wir uns verstärkt widmen wollen.

    • Es gibt eine lange Tradition jüdischen Lebens in unserer Region, die in vielen Publikationen ansatzweise schon beschrieben worden ist und nachvollzogen werden kann, es gibt aber auch noch große Forschungslücken. Diese zu füllen und die neuen Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen liegt im Interesse der Jüdischen Gemeinde und der nichtjüdischen Öffentlichkeit: Die Erfahrung zeigt, dass die heutige Jüdische Gemeinde durch die nichtjüdische Öffentlichkeit in erster Linie durch die Einordnung in die Geschichte jüdischen Lebens in Bochums wahrgenommen wird. Und für die heutige jüdische Gemeinde ist es andererseits von großer Bedeutung, dass sie sich in diese Tradition jüdischen Lebens in Bochum stellt. Das schließt ein, dass sie sich auch auf die Geschichte ihrer eigenen Mitglieder besinnt, diese nicht nur der Gemeinde, sondern auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Ein gutes Beispiel hierfür war die kürzliche Lesung in der Christuskirche zum Thema Holocaust in der Ukraine. Sehr eindrucksvoll bei dieser Veranstaltung war, dass einige Mitglieder der Gemeinde sich als Überlebende zu erkennen gaben, ihre Geschichte erzählten. Sicher ist zu bedenken, dass die weitaus meisten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Anfang der 90er Jahre aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu uns gekommen sind und deshalb an das frühere jüdische Leben bei uns keine unmittelbare Anknüpfung haben. Dennoch: Vermittlung der Geschichte der Juden in Bochum einerseits, der Geschichte der Mitglieder der heutigen Gemeinde andererseits kann jüdische und nichtjüdische Bevölkerung in Vorträgen, Lesungen und workshops zusammen bringen. Nur wenn man die Geschichte des anderen kennt, entsteht Vertrautheit. Um dieses Ziel zu erreichen, muss bei allen Veranstaltungen gewährleistet sein, dass Dolmetscher (deutschrussisch und russisch-deutsch) zur Verfügung stehen.

Um dieses Ziele zu erreichen, sollte in Zukunft jährlich ein Veranstaltungsprogramm erstellt werden, das nicht nur Veranstaltungen zum Judentum enthält. Die jüdische Gemeinde hätte hier Gelegenheit, ihre eigenen historischen und kulturellen Veranstaltungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die nichtjüdischen Organisationen können ihre Beiträge im „Runden Tisch Weiterbildung“ koordinieren und einbringen. Der Veranstaltungsort „Jüdisches Gemeindezentrum“ sollte ein Fixpunkt im Bochumer Kulturleben werden.

Es gibt auch Gelegenheiten außerhalb der Bildungseinrichtungen wie z.B. der „Bochumer Musiksommer“, bei dem in diesem Jahr der Freundeskreis einen Stand haben wird. Dort soll für den Freundeskreis geworben und über das Judentum und die Jüdische Gemeinde informiert werden. Bei dieser Gelegenheit können Jugendgruppen der Gemeinde ihre Aktivitäten präsentieren.

Für die Arbeit an diesen Aufgaben stehen keine finanziellen Mittel zur Verfügung, sie können nur ehrenamtlich geleistet werden. Sinnvoll wäre es, den Beirat des Freundeskreises wieder zu beleben und ihn in seiner personellen Zusammensetzung den beschriebenen Aufgabenfeldern anzupassen.

Insgesamt ist festzustellen, dass das Interesse an der Jüdischen Gemeinde und ihrer neuen Synagoge zwar sehr groß ist, aber es gibt auch Möglichkeiten der Entwicklung. In der hier aufgezeigten Perspektive liegt die Chance, die gegenseitige Kenntnis und den freundschaftlichen Respekt zwischen jüdischer und nichtjüdischer Öffentlichkeit zu vertiefen.

(Gerd Liedtke)