Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2009                          Nr. 13

Inhaltsverzeichnis

Gedenkkonzert an die Pogromnacht in Bochum-Linden

Am 9. November 2008 fand in der Christuskirche in Bochum-Linden ein Gedenkkonzert zur Erinnerung an die Reichspogromnacht statt. Die musikalische Gestaltung übernahm der Evangelische Jugendposaunenchor Linden unter Leitung von Hajo Nast. Das Programm umfasste Werke von Benjamin Britten, Samuel Scheidt, Jochen Klepper, den Comedian Harmonists, Schalom Ben-Chorim und Lionel Haas. Zwischen den musikalischen Beiträgen wurden von Pfarrer Rolf Schuld und dem Team des „Anderen Gottesdienstes“ Texte verlesen, die die Biographien der Komponisten als auch jüdischer Mitbürger aus Linden umrissen. Längere Textblöcke beschrieben den Prozess der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung jüdischer Mitbürger in der NS-Zeit und die Ereignisse des 9. November 1938. Die Gedenkveranstaltung, die für Linden eine Neuheit darstellt, war recht gut besucht und fand in der Lindener Bevölkerung wie auch in der örtlichen Presse ein positives Echo.

Die stellvertretende Vorsitzende unseres Vereins, Sabine Krämer, recherchierte in den Stadtarchiven Hattingen und Bochum, sowie im Archiv unseres Vereines zu den Lebenswegen Lindener Juden und verfasste die diesbezüglichen Texte für die Gedenkveranstaltung. Einen Auszug der Ergebnisse wollen wir hier dokumentieren.

Bochum Linden wurde erst 1929 in die Stadt Bochum eingemeindet. Die Lindener Juden gehörten bis dahin zur Hattinger Synagogengemeinde und blieben dieser Gemeinde größtenteils auch nach der offiziellen Eingemeindung verbunden.

Die Familie Röttgen / Adler betrieb auf der Hattinger Straße 798 ein Geschäft für Tabak- und Papierwaren, dass Alexander Adler (*15.7.1887 in Hohenhorst bei Hannover) 1925 von seinem Schwiegervater übernommen hatte. Seine Frau Else Adler (*23.6.1892 in Linden) war die Tochter von Sofie Röttgen geb. Wolff (*11.5.1861 in Südlohn) und Moses Röttgen. Das Ehepaar Adler hatte am 25.1.1921 geheiratet. Der gemeinsame Sohn Horst Walter kam 23.3.1926 in Linden zur Welt.

Alexander Adler wurde in der Pogromnacht verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Infolge der dortigen Misshandlung hatte er sich eine Blutvergiftung in der rechen Hand zugezogen, die nicht behandelt wurde. Nach seiner Rückkehr wurde Adler sofort in das evangelische Krankenhaus in Bochum-Linden eingeliefert. Laut Krankenbericht starb Alexander Adler am 23.12.1938 an einer Blutvergiftung. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Hattingen in der Ruhestätte der Familie Röttgen beigesetzt.

1939 gelang es Else Adler ihren 13 jährigen Sohn, Horst Walter, mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Er wurde später englischer Staatsbürger und war im kaufmännischen Bereich tätig. Auf Veranlassung und unter Aufsicht der NS-Behörden musste Else Adler mit ihrer Mutter Sofie Röttgen Anfang 1940 das Haus Hattinger Str. 798 verlassen. Sie lebten fortan in der Bochumer Innenstadt in einem so genannten "Judenhaus" in der Rheinischen Straße 28. Else Adler floh im März 1942 illegal nach Frankreich und entging so der bevorstehenden Verhaftung durch die Gestapo. Sie wurde dort zunächst interniert, später konnte sie in den Arbeitsprozess bis zur Befreiung durch die Alliierten untertauchen. Nach 1947 kehrte sie nach Bochum zurück. Else Adler wurde 1981 in der Ruhestätte der Familie Röttgen auf dem jüdischen Friedhof in Hattingen beigesetzt.

Else Adlers Mutter, Sofie Röttgen, musste im Frühjahr 1942 ihre bisherige Bleibe aufgeben und in das „Judenhaus“ Horst Wessel-Str. 56 (heute Kanalstr. 56) umziehen. Im Juni 1942 erfolgte die Umsiedlung der 81-Jährigen in die zum „Judenhaus“ erklärte ehemalige jüdische Schule in der Wihelmstr. 16 (heute Huestraße). In diesem Gebäude mussten die letzten noch in Bochum verbliebenen Juden bis zu ihrer Deportation unter katastrophalen Bedingungen leben. Von dort aus wurde Sofie Röttgen Ende Juli 1942 nach Theresienstadt und am 23.09.1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Sie wurde nach dem Krieg für Tod erklärt.

Im letzten Jahr wurde unserem Verein ein Foto aus den USA zugesandt, das 1940 in einem Kinderheim in Manchester aufgenommen wurde. Neben anderen Kindern sind dort vier jüdische Jungen aus Bochum zu sehen, unter Ihnen Horst Walter Adler. Dieses Foto steht im Zentrum der diesjährigen Gedenkveranstaltung in der Innenstadt, die sich thematisch mit den Kindertransporten von 1939 auseinandersetzt. Im Oktober 2009 wird ein „Stolperstein“ zur Erinnerung an das Schicksal der Familie Röttgen/Adler in Linden verlegt werden.

Die Familie Lipper war eine alt eingesessene Lindener Familie. Ihr Textilienkaufhaus auf der Hattinger Str. 817 bis 821 bestand mindestens seit 1877. Der Geschäftsinhaber Louis Lipper (*22.06.1842 gest. 10.10.1909) vertrat als Vorstandsmitglied über lange Zeit die Interessen der Lindener Juden in der Hattinger Synagogengemeinde. Er war – auch unter den Lindener Bürgern – bekannt für sein soziales Engagement. Aufgrund einer testamentarischen Verfügung wurde nach seinem Tod 1909 die "Louis Lippersche Stiftung für Ortsarme" gegründet.

Louis Lippers Sohn, Oskar Lipper, (*09.10.1882 in Linden) übernahm das väterliche Geschäft. Er war verheiratet mit Elisabeth Lipper geb. Koppel (*29.10.1887 in Hamm). Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Helmut und Martha Lipper. Alte Lindener Bürger erinnern sich noch heute, dass Herr Lipper bedürftigen Familien Kommunions- bzw. Konfirmationskleidung schenkte. Ebenso wird erzählt, dass man bei Lipper anschreiben lassen konnte, und dass Menschen die in Not gerieten, ihre Schulden erlassen wurden.

In der Pogromnacht wurde das Geschäft mit seinen acht großen Schaufenstern zerstört. Ob auch Oskar Lipper in dieser Nacht verhaftet wurde, ist unbekannt. Die Familie bemühte sich fortan intensiv um die Emigration und benötigte daher dringend finanzielle Mittel. Eine ehemalige Lindener Presbyterin, Frau Völkel Riemer berichtete, dass Ihre Eltern die Kinder Helmut und Martha in der Scheune ihres Bauernhofs versteckt hielten, während Lippers im Ausland waren um die Flucht vorzubereiten.

Das Haus Hattinger Str. 817 wird im Bochumer Adressbuch von 1940 bereits unter einem anderen Besitzer geführt. Der ehemals als Geschäftsinhaber aufgeführte Oskar Lipper firmiert nun als Oskar Israel Lipper. Im Bochumer Adressbuch von 1942 tauchen Lippers nicht mehr auf. Die Familie Lipper wird nicht unter den Opfern der Shoa genannt. Ihr genaues Schicksal nach der Emigration ist uns nicht bekannt. Helmut Lipper lebte 1995 in den USA.

Die Familie Röttgen betrieb einen Viehhandel und eine Metzgerei auf der Hattinger Str. 779. Emil Röttgen (*07.12.1882 in Linden) war verheiratet mit Erna Röttgen geb. Alexander (*30.06.1897 in Bochum). Emil Röttgen war der Sohn von Markus (*25.10.1848 gest. 06.11.1924) und Emma Röttgen. Emil und Erna Röttgen hatten drei Kinder: Hanna (*10.04.1924), Ernst (*03.06.1925) und Eva (*02.09.1929). Die Kinder besuchten zuletzt die jüdische Volksschule an der Wilhelmstraße (heute Huestr.) in der Bochumer Innenstadt.

Im Adressbuch Bochum von 1940 taucht Emil Röttgen nicht mehr auf. Während des Krieges lebte Emil Röttgen zusammen mit seiner Frau und seinen Töchtern Hanna und Eva in Uithoorn, Niederlanden. Emil, Erna und Eva Röttgen wurden am 18.5.1943 nach Sobibor deportiert und dort am 21.05.1943 ermordet. Die Tochter Hanna starb am 27.09.1942 im Alter von 18 Jahren in Auschwitz. Der Sohn Ernst lebte in den 50er Jahren in einem Kibbuz in Israel.

Die Schwester von Emil Röttgen, Paula Rosenberg, geb. Röttgen wurde am 01.03.1895 in Linden geboren. Sie lebte während des Krieges in Bünde und wurde am 31.06.1942 zunächst nach Theresienstadt und am 23.09.1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Auch sie wurde ein Opfer der Shoa.

Der Bruder Emil Röttgens, Frank Röttgen, überlebte den Holocaust. Näheres zu seinem Schicksal ist nicht bekannt. Er lebte nach dem Krieg in den USA.

An der Hattinger Str. 823 befand sich das Kaufhaus Pohly für Artikel des täglichen Bedarfs. Der Geschäftsinhaber Adolf Pohly, lebte nicht in Linden. Der Geschäftsführer Ernst Weinberg wohnte im Geschäfthaus und ist in den Unterlagen der Hattinger Synagogengemeinde als Mitglied geführt.

Auch das Kaufhaus Pohly erlitt durch die antisemitischen Boykottmaßnahmen starke Umsatzeinbußen. Am 9.4.1937 verkaufte Adolf Pohly sein Geschäft. Über das weitere Schicksal von Adolf Pohly und Ernst Weinberger liegen uns keine verlässlichen Informationen vor.

Die Familie Marcus betrieb auf der Hattinger Str. 774 und 776 ein großes Bekleidungsgeschäft. Hugo Marcus (*12.08.1869 in Schwelm) und seine Frau Johanna Marcus geb. Leeser (*30.12.1874 in Hagen) hatten drei Kinder: Lotte (*18.7.1902), Hilda (*28.09.1906 in Westfalen) und Hans Werner (*15.09.1909 in Linden). Hilda besuchte die höhere Handelsschule und war im Geschäft des Vaters als Geschäftsführerin tätig. Bis 1933 waren etwa 15 Angestellte im Kaufhaus Marcus beschäftigt. Aufgrund der Einbußen im Zuge der Boykottmaßnahmen musste der Betrieb schrittweise verkleinert werden. Ab 1933 vermietete Marcus seine großen Geschäftsräume Hattinger Str. 776 und betrieb einen Manufakturwarenladen im Haus Nr. 778.

Es ist anzunehmen, dass das Geschäft in der Pogromnacht verwüstet wurde, da Familie Marcus es am 10.11.1938 aufgab. Hugo Marcus wurde in der Pogromnacht verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Nach seiner Entlassung am 24.12.1938 war Hugo Marcus nicht mehr arbeitsfähig. Auch Familie Marcus geriet in eine finanzielle Notsituation. Den beiden jüngeren Kindern wurde die Flucht ermöglicht, die Eltern Marcus blieben. Im Bochumer Adressbuch von 1940 ist "Hugo Israel Marcus" im Haus Hattinger Str. 776 noch als Bewohner verzeichnet. Es ist davon auszugehen, dass er und seine Frau Johanna bald gezwungen wurden, in eines der Bochumer "Judenhäuser" zu ziehen. Wahrscheinlich war das "Judenhaus" in der ehemaligen jüdischen Schule in der Wihelmstraße 16 (heute Huestraße) ihr letzter Aufenthaltsort in Bochum. Von dort aus wurden sie, gemeinsam mit Sofie Röttgen Ende Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Hugo und Johanna Marcus wurden nach dem Krieg für Tod erklärt.

Die ältere Tochter Lotte war verheiratet mit Moritz Reiss (*11.10.1891), Mitinhaber der Firma Alfred Fröhlich, später Fa. Rosenthal in Bochum-Gerthe. Reiss trat aus der Firma aus und verzog mit seiner Frau ins Rheinland. Nach ihrer Heirat hatten Moritz und Lotte Reiss geb. Marcus ein Textilgeschäft in der Heyestraße in Gerresheim (ursprünglich Kaufhaus Samuel Michel). Das Kaufhaus Moritz Reiss - Manufakturwaren wurde 1938 arisiert: Kaufhaus Görgens Inh. franz Osterwind. Das Ehepaar Reiss zog im Oktober 1938 in das Haus Truchseßstr. 33, das der jüd. Familie Callmann gehörte. Von dort wurden beide am 27.10.1941 in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Lotte Reiss ist am 17. Juli 1942 im Ghetto Lodz verstorben.

Hilda Marcus, die eigentlich das Geschäft des Vaters übernehmen sollte, arbeitete nach ihrer Emigration in die USA als Hilfsarbeiterin unter schwerer körperlicher Belastung. Howard Werner (ehemals Hans Werner) Marcus und Hilda Sussmann-Marcus lebten 1948 in New York und waren amerikanische Staatsbürger.

Das Schicksal vieler Lindener Juden ist bis heute ungeklärt. Uns liegen nur spärliche Informationen vor.Hermann Grumberg betrieb viele Jahre ein Möbelgeschäft an der Hattingerstr. 790. Sein Sohn Gert verstarb im Alter von 2 Jahren und ist auf dem jüdischen Friedhof in Hattingen beerdigt. Im Bochumer Adressbuch von 1940

Adolf und Wanda Buchheimer wurden in Linden als Kinder von Elkana Bucheimer geboren. Adolf (*04.02.1880) war Kaufmann und verheiratet. Wanda (*04.05.1883) war Hausangestellte und alleinstehend. Als Wanda am 20.07.1942 nach Minsk deportiert wurde lebte sie in Köln. Sie starb in der Shoa. Adolf lebte vor seiner Deportation nach Lodz am 22.10.1941 ebenfalls in Köln in der Alteburger Straße 11. Er starb am 08.10.1941 in Lodz. Ihr Bruder Rudolf lebte 1954 in Brasilien.

Elfriede Lievendag, geb. Buchheimer wurde am 25.04.1871 in Linden geboren. Vor ihrer Deportation am 04.05.1943 lebte sie Hengelo, Niederlanden. Elfriede starb am 7.5.1943 im Vernichtungslager Sobibor. Salomon Buchheimer wurde am 13.6.1874 in Linden geboren. Sein weiterer Lebensweg ist bisher nicht bekannt.

Max Salomon betrieb an der Königstr. 83 (heute Hattinger Str.) ein Textil- und Kurzwarengeschäft. Sein Schicksal ist nicht bekannt. Gottfried Salomon wurde 1901 in Bochum Linden geboren und lebte vor dem Zweiten Weltkrieg in Siegen. Er emigrierte nach Hilversum, Niederlanden. Am 31.03.1944 wurde er in Auschwitz ermordet.

Otto Ruthmann erscheint 1936 noch in den Unterlagen der jüdischen Gemeinde Hattingen. Er war Metzger und lebte Auf dem Pfade 1a in Linden. Sein weiteres Schicksal ist ungeklärt.

Im Gedenkbuch von Yad Vashem werden mit Geburtsort "Linden" noch folgende Personen aufgeführt: Lea Adelsheimer geb. Strauch, Henny Linhardt geb. Strauch, Josef Bakker, Moses Pezon. Bislang konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, ob diese Personen tatsächlich in Bochum-Linden geboren wurden. Sabine Krämer beabsichtigt die Geschichte der Lindener Juden weiter zu erforschen. Für Informationen oder Dokumente zu den Lindener Juden oder Kontakte zu Menschen, die uns bei Recherchen weiterhelfen könnten, wären wir sehr dankbar.

(Sabine Krämer)