Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2009                          Nr. 13

Inhaltsverzeichnis

Das Gemeinsame Friedensgebet von Juden, Christen und Muslimen in Bochum

Als am 11. September 2001 durch Terroranschläge muslimischer Fanatiker die Twin Towers des World Trade Centers in New York zerstört worden waren und viele Menschen dabei ihr Leben verloren hatten, wuchs in der angegriffenen westlichen Welt rasch die Sorge über eventuell bevorstehende Rache- und Hassreaktionen gegen alles Muslimische. Nicht nur, dass zahlreiche unbescholtene Muslime dadurch in Gefahr geraten wären, auch der noch zarte Dialog zwischen der sogenannten westlichen und der islamischen Welt hätte in unabsehbarer Weise Schaden nehmen können. Ein Kampf der unterschiedlichen Kulturen drohte, ähnlich den unseligen Religionskriegen vergangener Jahrhunderte. Dies zu verhindern erforderte ein öffentliches Zusammenrücken und gemeinsames Bekenntnis der hier beteiligten und geschichtlich miteinander verstrickten Religionen, - des Judentums, des Christentums und des Islam, also der drei monotheïstischen Religionen, die soviel Gemeinsames und doch auch Unterschiedliches haben.

Bereits zwei Tage nach dem Terroranschlag, am 13. September 2001, fand in der Christuskirche in Bochum eine Gedenk- und Solidaritätsfeier statt, veranstaltet gemeinsam von christlichen Konfessionen, Juden und Muslimen, an der nahezu 1000 Menschen in tiefer Betroffenheit teilnahmen.

Unter diesem Eindruck ergriff die Gruppe „Pax Christi Bochum“, eine katholische Friedensbewegung, die Initiative zur Gestaltung eines gemeinsamen Friedensgebets der drei monotheïstischen Religionen in Bochum. Am Dienstag, 29. Januar 2002, traf man sich erstmals im sogenannten Kirchenladen des Katholischen Stadtsekretariats in der Huestr. 15 in Bochum. Man bildete ein Komitee zur Vorbereitung und Durchführung des Friedensgebets, bestehend aus Mitgliedern der Pax Christi-Gruppe, aus den Islambeauftragten der Katholischen Kirche Bochum und des Evangelischen Kirchenkreises Bochum, aus den Hodschas der Moscheevereine der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) Zentralmoschee, Bochum-Mitte, und Sultan Ahmed Moschee, Bochum-Dahlhausen, aus einem Mitarbeiter der IFAK e.V. (Verein für multikulturelle Jugend-, Familien- und Seniorenarbeit in Bochum), der als Dolmetscher (Deutsch/Türkisch) sich zur Verfügung stellte, und dem Beauftragten der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen für den interreligiösen Dialog. Man vereinbarte, das Friedensgebet abwechselnd in einem der Gotteshäuser der drei Religionen durchzuführen, es jeweils unter ein Thema zu stellen, das die gastgebende Religionsgemeinschaft vorgibt und welches sich an die Bedeutung eines zeitlich benachbarten Festes der betreffenden Religion anlehnen sollte. Man einigte sich auf folgenden strukturellen Gebetsaufbau: Begrüßung durch den Gastgeber mit Einführung in das Thema; dann, jeweils zum Thema: Gebete der drei Religionen; Lesungen aus den Heiligen Schriften der drei Religionen; zusammenführende Auslegung der Beiträge der drei Religionen; Fürbitten der drei Religionen; unter Umständen gemeinsam gesprochenes Abschlussgebet; gegebenenfalls aharonitischer Priestersegen. Die einzelnen Abschnitte des Gebets sollten, wenn möglich, durch musikalische Einlagen bzw. gemeinsam zu singende Lieder voneinander getrennt werden. Die Texte sollten in türkischer und deutscher Sprache, die Texte aus den Heiligen Schriften außerdem in der Originalsprache vorgetragen werden. Ein Heft sollte erstellt werden, in dem die Teilnehmer am Friedensgebet alle Texte mitund nachlesen könnten. Das Logo des Friedensgebets sollten die nebeneinander projizierten Fotografien einer Kirche, einer Moschee und das Bild der 1863 eingeweihten, 1938 zerstörten Bochumer Synagoge sein. Dies alles wurde so umgesetzt. Die Erstellung des Heftes besorgt das Katholische Stadtsekretariat.

Das erste „Gemeinsame Friedensgebet von Juden, Christen und Muslimen in Bochum“ fand schließlich statt am Sonntag, 02. Juni 2002, 18 Uhr, in der katholischen Liebfrauen Kirche in der Liebfrauen Straße, Bochum-Altenbochum. In Anlehnung an das nahe Pfingstfest hatte es das Thema „Offenbarung“. Das zweite Gemeinsame Friedensgebet fand dann statt am Sonntag, 22. September 2002, im Betraum der Jüdischen Gemeinde Bochum- Herne Hattingen, damals noch in den provisorischen Räumen an der Alten Wittener Straße in Bochum-Laer, mit dem Thema „Die Laubhütte, - Symbol unserer verletzlichen Existenz und dereinst errichtete Hütte des Friedens für alle Menschen“. Das dritte Gemeinsame Friedensgebet schließlich fand statt am Sonntag, 15. Dezember 2002, in der Zentralmoschee in der Schmidtstraße in Bochum-Mitte, mit dem Thema „Solidarisierung mit, Engagement für und Versöhnung mit dem Nächsten“ in Bezug auf das nahe gelegene Ramadan-Abschlussfest.

Diese Friedensgebete fanden guten Anklang. Angehörige der drei Religionen besuchten, teilweise zum ersten Mal, ein Gotteshaus einer anderen Religion. Das anfängliche Fremdeln wurde überwunden. Kontakte entstanden. Fragen durften gestellt werden und wurden beantwortet. Das machte Mut, - und so arbeitete das Vorbereitungskomitee weiter. Einige Teilnehmer schieden aus, andere kamen dazu. In der Gruppe selbst entwickelte sich eine interessante Dynamik. Saß man sich anfangs noch etwas misstrauisch gegenüber in der Befürchtung, eine der anderen Religionen könnte eigene Interessen zu Lasten der anderen ausspielen, so wichen diese Ängste einem zunehmenden Vertrauen. Es gab immer wieder spannende Diskussionen über unterschiedlichen Sichtweisen zu einem Thema, die fair und freundschaftlich geführt wurden und den Beteiligten neue, interessante Aspekte der anderen (auch der eigenen) Religion eröffneten. So lernte man voneinander und rückte emotional zusammen.

Seit 2002 fand das Gemeinsame Friedensgebet jährlich dreimal statt, mit verschiedenen Themen, immer in einem anderen der Gotteshäuser, - im Jahr 2008 dann erstmals auch in der im Dezember 2007 eingeweihten neuen Bochumer Synagoge am Erich-Mendel-Platz. Ein fester Kern von Teilnehmern bildete sich im Lauf der Zeit aus, der zu jedem der Gebete kommt. Während aber die Teilnehmerzahlen anfangs bis zu 120 betrugen, nahmen sie im Jahr 2008 deutlich ab, was das Komitee veranlasste, das Konzept zu modifizieren. Die ursprüngliche Teilnahmemotivation für das Friedensgebet, die Betroffenheit anlässlich der Terroranschläge, war abgeflaut. Das Friedensgebet hätte als Mittel der Verständigung, der Überwindung von Vorurteilen und Fremdheit jedoch weiterhin seine Berechtigung. Für das Jahr 2009 wurde nun für alle drei Friedensgebete ein gemeinsames Thema vereinbart: „ Abraham, der gemeinsame Urvater der drei monotheïstischen Religionen“. Jede der drei Glaubensgemeinschaften sollte Gelegenheit haben, seine Bedeutung für die eigene Religion darzustellen. Die Zukunft wird zeigen, ob das neue Konzept tragfähig sein wird.

(Michael Rosenkranz)