Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2009                          Nr. 13

Inhaltsverzeichnis

Jüdische Familien in Bochum – ihre Bedeutung für die Entwicklung der Stadt.

Unter diesem Thema begann in diesem Jahr eine Vortragsreihe, die Hubert Schneider an zwei Abenden in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Bochum – Herne – Hattingen startete. Sie wird in der Zukunft fortgesetzt. Die Vorträge werden in diesem und in den folgenden Heften dokumentiert.
In diesem Heft folgt steht eine kurzen Einordnung des Themas in den größere historischen Kontext, es folgt ein allgemeiner Bericht über die Stellung der Juden in Bochum vor 1933. Danach können – etwas gekürzte – Berichte über die Bochumer Familien Baruch und Schüler nachgelesen werden.

Einordnung des Themas in den größeren historischen Kontext.
  Üblich ist es, die Geschichte der jüdischen Familien vor allem als Verfolgungsgeschichte zu erzählen. Man beginnt 1933 und endet entweder mit der geglückten Flucht ins Ausland oder mit der Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Zwei Aspekte kommen dabei immer zu kurz:

    - Die geglückte Flucht ins Ausland wird in der Regel als happy End dargestellt. Nicht berücksichtigt wird dabei, mit welchen Problemen die meist älteren Menschen bei der Bewältigung des Alltags in dem ihnen fremden neuen Kulturkreis konfrontiert wurden. Sie sprachen häufig die Sprache des Gastlandes nicht, konnten ihre beruflichen Qualifikationen nicht nutzen, mussten um das ökonomische Überleben unter völlig veränderten Bedingungen kämpfen. Dazu kam, dass sie nach 1945 oft erfahren mussten, dass ihre Angehörigen, denen die Flucht nicht mehr gelungen war, ermordet worden waren, eine Belastung, die häufig zu psychischen Problemen führte, die ihr weiteres Leben und das der nachgeborenen Generation prägten. Das „Leben nach dem Überleben“ war so häufig ein Kampf um das physische und psychische Überleben.

    - Viel zu kurz kommt bei der Darstellung der Familiengeschichte als Verfolgungsgeschichte die Darstellung des Lebens, welches diese Familien vor 1933 führten. Außer Acht gelassen wird dabei auch, welche Rolle Juden im gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und sozialen Leben ihrer Heimatstädte spielten.

Dieser zweite Aspekt steht im Zentrum der geplanten Vortragsreihe. Am Beispiel ausgewählter jüdischer Familien soll die Bedeutung herausgestellt werden, die Juden bei der ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt spielten. Die Verfolgungsgeschichte wird dabei nicht ausgelassen. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund der Rolle, die diese Familien in der Geschichte Bochums spielten, wird die Ungeheuerlichkeit dessen, was nach 1933 geschah, noch deutlicher. Und es wird auch deutlich, welchen Verlust Bochum, Deutschland sich selbst zufügte, indem sie diese Menschen zu Untermenschen degradierten, ihnen alle Möglichkeiten für ein Leben in Deutschland nahmen.

Die Stellung der Juden in Bochum vor 1933

Die Zahl der in Bochum wohnenden Juden nahm parallel zur Entwicklung Bochums im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von einem Landstädtchen zu einer modernen Industriegroßstadt zu.1 Wurden 1825 noch 74 Mitglieder der Synagogengemeinde gezählt, so waren es 1852 201, 1871 370, 1895 803, 1900 1002, 1924 1088 und 1930 1244. Dabei sank der prozentuale Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung Bochums von 3,4 Prozent 1815 auf 0,36 Prozent im Jahre 1930, d.h. die Gesamtbevölkerung wuchs schneller als die Zahl der jüdischen Bevölkerung. Entscheidend für die Veränderung der Situation der Juden war die Freizügigkeit, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchgesetzt worden war. Fast alle nach Bochum einwandernden Juden kamen aus den benachbarten Regionen Westfalens, aus dem Rheinland und aus Nordhessen sowie aus der Rheinpfalz. Erst nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einem verstärkten Zuzug von Juden aus Osteuropa. 1930 hatte Bochum die drittgrößte jüdische Gemeinde Westfalens, nach Dortmund und Gelsenkirchen.

Mit dieser Entwicklung ging der Prozess der Emanzipation der Juden zu Bürgern mit gleichen Rechten und Pflichten und ihre gesellschaftliche Integration einher. Diese Veränderungen lassen sich an der Vielfalt der von Juden ergriffenen Berufe, an den zahlreichen jüdischen Geschäften, an der Entwicklung der Bochumer Synagogengemeinde und vor allem an dem vielfältigen sozialen und politischen Engagement der jüdischen Bürger in Vereinen und Parteien ablesen.2

Zahlreich waren die Mitgliedschaften von Bochumer Juden in nicht spezifisch jüdischen Einrichtungen. Nur einige davon seien genannt. Im ältesten bürgerlichen Traditionsverein, dem „ Schützenverein“, wurden 1829 bereits 10 jüdische Mitglieder gezählt. Drei Juden gehörten 1930 dem „Junggesellenkorps“ an und jüdische Mädchen nahmen als Ehrenjungfrauen und Rosenmädchen am Festumzug teil. Als 1842 das Schützenfest auf einen hohen jüdischen Feiertag fallen sollte, wurde der vorgesehene Termin eigens um eine Woche vorverlegt, um auch den jüdischen Mitgliedern und ihren Familien die Teilnahme zu ermöglichen.

In vielen anderen Vereinen waren Bochumer Juden Mitglieder, sogar Gründungsmitglieder, in gesellschaftlichen Zusammenschlüssen ebenso wie in berufsständischen Vereinigungen und Verbänden. Angefangen von der „Gesellschaft Bürgerverein“ und dem „Instrumental-Verein“ bis zum „Bochumer Schach-Club“ und dem „Kegelklub Geselligkeit“, vom „Handwerker- Hilfsverein“ bis zum „Verein der Bochumer Fleischergesellen“, vom „Kaufmännischen Verein“ und der „Vereinigten Kaufmannschaft“ bis zum „Verein Bochumer Immobilien- und Hy p o t h e k e n m a k l e r “ und dem „ H a u s - un d Grundstückbesitzerverein“, vom „Verein für die Evangelische höhere Töchterschule“ bis zum „Bochumer Anwaltsverein“ und dem „Verein der Ärzte von Bochum Umgebung“. Unter den politischen Vereinigungen wurden die mit liberaler Ausrichtung bevorzugt. Zu den acht Gründungsmitgliedern des „ Fortschrittlichen Wahlvereins“ für den Stadt- und Landkreis Bochum zählten 1882 fünf Juden. Und der „liberale Bürgerverein“ im VII. Stadtbezirk wurde 1885 von jüdischen Bürgern unterstützt. Mit sozialistischen oder kommunistischen Bestrebungen hatten die Bochumer Juden wenig im Sinn.3 Die liberale politische Einstellung war sehr häufig gepaart mit einer ausgesprochen nationalen Gesinnung. Am Geburtstag des preußischen Königs4, später des deutschen Kaisers5, fand in der Synagoge ein Gottesdienst statt. Bei der Einweihungsfeier der Synagoge 1863 wurde für König und Vaterland gebetet6, bei der Einweihung der baulich erweiterten Synagoge 1896 erflehte der Prediger Laubheim den Segen herab auf „den Kaiser, die Kaiserin und die Kaiserin Friedrich und alle Angehörigen des Königlichen Hauses“.7 In der jüdischen Volksschule, die bereits 1828 eingerichtet worden war, versäumte man nicht die Feier des Sedantages8, in den Klassenzimmern hingen die Kaiserbilder an der Wand. Wie die meisten anderen deutschen jungen Männer, zogen auch die Bochumer Juden begeistert in den Ersten Weltkrieg, 30 Angehörige der Synagogengemeinde starben den „Heldentod fürs Vaterland“, so hieß das damals.9

Nicht nur die jüdischen Männer, sondern auch die jüdischen Frauen nahmen Anteil am öffentlichen Leben, ob im Vorstand des „ Vaterländischen Frauenvereins vom Roten Kreuz“ oder in der Bochumer Ortsgruppe des „Preußischen Landesvereins für das Frauenstimmrecht“. In allen Bochumer Wohlfahrtsorganisationen waren sie vertreten, aber nach 1918 auch in den politischen Parteien. Ottilie Schoenewald, eine der bedeutendsten Frauen Bochums und eine der großen Persönlichkeiten des westfälischen Judentums, begann ihre politische Laufbahn im Bereich der Wohlfahrt. Während des Ersten Weltkriegs war sie Vorsitzende des „Nationalen Frauendienstes“, eines Zusammenschlusses aller Frauenvereine zur Linderung der durch den Krieg verursachten sozialen Not. Diese Tätigkeit machte sie in Bochum so bekannt, dass sie 1919 als eine der ersten weiblichen Stadtverordneten für die liberale Deutsche Demokratische Partei ins Stadtparlament einziehen konnte.10

Gisela Wilbertz charakterisiert das Verhältnis Juden – Nichtjuden in Bochum so:

 „Führt man sich alles bisher Geschriebene noch einmal vor Augen, so muss man daraus den Eindruck gewinnen, dass die jüdischen Bürger und Bürgerinnen in Bochum nicht nur geachtet und anerkannt waren, sondern dass zu ihnen ein gutes, freundschaftliches, wenn nicht gar herzliches Verhältnis bestand.“11

Und man kann hinzufügen: Jüdische Bürgerinnen und Bürger haben sich große Verdienste um die politische, soziale und ökonomische Entwicklung Bochums erworben. Das soll nun unterstrichen werden durch die Darstellung der Geschichten der jüdischen Familien Baruch und Schüler.

Hermann Baruch und Helene Baruch geb. Dammann

Um die Stellung und Bedeutung des Hermann Baruch in Bochum zu verdeutlichen, soll zunächst aus einem Zeitungsartikel zitiert werden, der anlässlich seines siebzigsten Geburtstags am 25. November 1930 im „Bochumer Anzeiger“ erschien: „Ein altbekannter Mitbürger, der Kaufmann Hermann Baruch, Franzstraße 11, vollendet heute sein 70. Lebensjahr. Er ist über 50 Jahre in Bochum ansässig. Im Jahre 1885 gründete er auf der Oberen Marktstraße [heute Teil der Bongardstraße] ein Kaufhaus für Modewaren, das er im Jahre 1905 nach der Ecke Bongard- und Kortumstraße verlegte; er war bis 1925 als Inhaber tätig. Das Geschäft ging dann durch Kauf an die Firma Wächter & Co. über. Der Jubilar war annähernd 20 Jahre als Mitglied des Kleinhandelsausschusses der Handelskammer tätig. Im Jahre 1885 war er Mitbegründer des Kaufmännischen Vereins, lange Jahre gehörte er dem Vorstand an, ebenso dem Vorstand des Gewerblichen Ausschusses und dem Vorstand der Vereinigung von Kaufmännischen und Gewerblichen Vereinen des Handelskammerbezirks Bochum, Sitz Bochum. Der Kaufmännische Verein ernannte ihn zum Ehrenmitglied; die Textilgruppe der Vereinigten Kaufmannschaft e.V. zum Ehrenvorsitzenden. Baruch gehörte seit langen Jahren zu den führenden Männern Rheinland- Westfalens im Reichsbund des Textil-Einzelhandels. Ein halbes Jahrhundert betätigt er sich als Mitglied der Wohltätigkeits- Gesellschaft ‚Huckepott’. Während des Krieges war er in 15 Vereinen und Korporationen tätig. Die Industrie- und Handelskammer zu Bochum ernannte ihn zum öffentlich angestellten und vereidigten Sachverständigen für Textilwaren, welches Amt er heute noch bekleidet. Der Jubilar erfreut sich wegen seines lauteren Charakters und seiner edlen Menschlichkeit großer Wertschätzung.“12

Und es versteht sich fast von selbst, dass der hier Gefeierte über Jahrzehnte zu den Repräsentanten der Jüdischen Kultusgemeinde gehörte.
  Verfolgt man die Bochumer Presse in den Jahren 1885 bis 1930, so fand das vielfältige Wirken Baruchs in zahlreichen Artikeln seinen Niederschlag. Vor allen sein Engagement in den verschiedenen kaufmännischen Organisationen war immer wieder Thema. Eindrucksvoll ist der Bericht im „Märkischen Sprecher“ vom 5. Dezember 1927, in dem ausführlich an die Gründung des „ Kaufmännischen Vereins“ am 11. Mai 1885 erinnert wurde. Hermann Baruch, der als einziger der sieben Gründungsmitglieder noch lebte, wurde für seine 42-jährige Tätigkeit im Vorstand eine künstlerisch gestaltete Ehrenurkunde überreicht. „Tiefgerührt dankte der also Gefeierte für diese Ehrung.“13
  Auch die Entwicklung des Betriebes von Hermann Baruch fand in der Berichterstattung der Presse ihren Niederschlag. Abgesehen von den regelmäßigen Geschäftsanzeigen findet man Berichte über Geschäftsjubiläen („Märkischer Sprecher“ vom 28. Mai 1910), Betriebsfeiern (Märkischer Sprecher vom 25. September 1905 und 28. Mai 1910), Geschäftserweiterungen (Märkischer Sprecher vom 11. März 1905 und vom 07. September 1905) Die Firma Hermann Baruch war bekannt für ihre vorbildlichen Schaufensterdekorationen, vor allem in der Vorweihnachtszeit. In dem Bericht im „Märkischen Sprecher“ vom 28. Oktober 1901 wurde wurde vor allem auf den „strahlenden Weihnachtsbaum hingewiesen, um den glückstrahlende Kinder stehen. Die präsentierten künstlerisch gestalteten Handarbeiten kommen aus den ersten Ateliers in München, Berlin, Dresden und Leipzig.“ Und Hermann Baruch war natürlich ein national gesinnter Mann, was in einem Artikel im „Märkischen Sprecher“ vom 15. Juni 1915 deutlich wird:
   „Neue Fahne. Die Firma Hermann Baruch & Co. hatte gestern anlässlich des Sieges im Südosten eine neue Fahne zum Aushang gebracht, die eine Zusammensetzung der deutschen Fahne (schwarz-weiß-rot) und der preußischen Fahne (schwarzweiß mit Adler) ist. Die neuhergestellte Fahne ist als Hindenburg- Ehrung gedacht; sie ist gesetzlich geschützt.“
  Am 19. September 1924 berichtete der „Märkische Sprecher“ über eine Modenschau der Firma Baruch im „intimen Theater“, damals etwas ganz Neues.14

  Dieser in der Stadt Bochum so überaus vielfältig engagierte, hoch geachtete und vielfach geehrte
  Hermann Baruch wurde am 27. Juli 1942 im Alter von fast 82 Jahren mit seiner Ehefrau Helene geb. Dammann nach Theresienstadt deportiert. Er kam dort am 11. Dezember 1942 unter schrecklichen Umständen ums Leben, seine Frau Helene wurde von Theresienstadt aus am 29. Januar 1943 nach Auschwitz verschleppt, dort verlieren sich ihre Spuren.15 Um die letzten Jahre Hermann Baruchs und seiner Ehefrau soll es im folgenden gehen.16 Doch zuvor noch einige Daten zur Biografie. Hermann Baruch wurde am 25. November 1860 in Landau i. W. geboren. Seine erste Frau Paula geb. van Geldern, geboren am 27. September 1864, starb bereits am 13. Mai 1917 im Alter von 52 Jahren. 17 Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Wasserstraße beigesetzt.
  Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor:

    - Erna Baruch, die mit dem christlichen Ingenieur O. K. verheiratet war18, mit dem sie die Tochter Anneliese hatte. Über die Lebensdaten von Erna K. haben wir keine Informationen, wir wissen lediglich, dass sie Ende der dreißiger Jahre bereits verstorben war.19

    - Else Baruch, sie war verheiratet und hatte zwei Töchter. Bis zu ihrem Tod in den dreißiger Jahren lebte sie in Amsterdam.20 Hermann Baruch wohnte schon mit seiner ersten Frau in der Franzstraße 11. 1907 war er eingezogen.

Die Wohnung bestand aus 6 Zimmern, Küche und Bad. Nach dem Tod seiner Frau führte eine Hausdame den Haushalt: 1910 war es E. W., 1911 M. D.. Beide lebten auch im Hause. Die 1920 im Adressbuch genannte, am 10. September 1892 geborene Hausdame Helene Dammann wurde kurz darauf die zweite Ehefrau von Hermann Baruch. Es war eine sehr komfortabel eingerichtete Wohnung. Das geht aus einer dreiseitigen Liste hervor, in welcher der Schwiegersohn Baruchs, O. K.21, in dem Rückerstattungsantrag seiner Tochter Anneliese, der Enkelin Hermann Baruchs, am 23. Dezember 1946 die einzelnen Einrichtungsgegenstände nannte. Er bezifferte den Wert der Einrichtung auf 40.000 RM22. Von O. K. wissen wir auch, dass das Ehepaar Baruch in den letzten Wochen vor seiner Deportation die Wohnung in der Franzstraße verlassen musste, in einer kleinen Dachkammer in der Kortumstraße 35 lebte. Man hatte da nur noch ganz wenige Möbel, z.B. nur noch ein Bett.23
  Über die finanzielle Situation Hermann Baruchs in den letzten Jahren in Bochum geben die Devisenakten Auskunft.24
  Bereits am 19. November 1938 war gegen Hermann Baruch und seine Ehefrau eine vorläufige Sicherungsanordnung verfügt worden. Die endgültige Sicherungsanordnung ist auf den 26. Oktober 1939 datiert (Nr. JS 221). Am 03. November 1939 machte Baruch auf dem dafür vorgesehenen Formular Angaben zu seinem Vermögen: Auf seinen Bankkonten befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch 13.822 RM, seine Wertpapiere hatten einen Wert von 48.786 RM, Versicherungen 744 RM, Hypotheken 50.000 RM. Dem Vermögen von 113.352 RM standen Schulden in Höhe von 52.950 RM gegenüber (Reichsfluchtsteuer 33.000 RM, Judenvermögensabgabe 19.950 RM), es blieben also 60.402 RM Reinvermögen. Als monatlichen Finanzbedarf für sich und seine Frau meldete er 667 RM an (Miete einschließlich Strom und Heizung 127 RM, Leben 280 RM, Haushaltshilfe 30 RM, Steuern und Kultusabgaben 99 RM, Diverses 131 RM). Genehmigt werden ihm am 14. November 1939 monatlich 350 RM.
  Am 30. Januar 1941 teilte Baruch der Devisenstelle mit, dass er am 08. April 1940 von seinem Sperrkonto an das Finanzamt Bochum 13.566 RM für rückständige „Judensteuer“ überwiesen habe.
  Am 30. Januar 1942 musste Baruch erneut Angaben über sein Vermögen machen: Dem Vermögen in Höhe von 91.041 RM (Wertpapiere im Wert von 77.145 RM, Versicherungen 1.006 RM, Einlagen auf Sperr- und Sicherungskonto 12.890 RM) standen Schulden in Höhe von 33.000 RM (Reichsfluchtsteuer) gegenüber, es blieb ein Reinvermögen von 58.041 RM. Sein Einkommen im vergangenen Jahr betrug 4.348 RM, im laufenden Jahr erwartet er Einnahmen in Höhe von 3.800 RM. Den monatlichen Finanzbedarf für sich und seine Frau beziffert er mit 353 RM (Miete usw. 145 RM, Leben 188 RM, Haushaltshilfe 20 RM). Genehmigt werden ihm am 17. Februar1942 monatlich 285 RM.
  Es liegen verschiedene Schreiben Baruchs vor, in denen er unterschiedlichen Einrichtungen mitteilte, dass Überweisungen an ihn künftig nur noch auf ein Sperrkonto vorgenommen werden könnten.
  Das ihm von der Devisenstelle in Münster monatlich zugewiesene Geld reichte nicht, und so begannen die Baruchs, Teile der Einrichtung zu verkaufen. Am 19. November 1941 meldete. Hermann Baruch dem Oberfinanzpräsidenten, dass er 2.610 RM für verkaufte Möbel, Betten, Hausrat auf sein Sperrkonto überwiesen habe und erklärte: „Sollte es sich als notwendig erweisen, noch Gegenstände zu verkaufen, so werde ich selbiges in gleicher Weise vornehmen und setze Ihr Einverständnis voraus.“25
  Und am 21. Oktober 1941, zu diesem Zeitpunkt war das Haus Franzstraße 11 längst zu einem „Judenhaus“ geworden26, teilte Baruch der Devisenstelle mit, dass er ein weiteres Zimmer seiner Wohnung vermieten wolle, durch Verkauf von Möbeln müsse er dafür Platz schaffen. „Es sind einfache Stücke, dieselben stammen zum größten Teil aus dem Beginn meiner ersten Ehe 1885. Da die Gegenstände voraussichtlich von einigen Personen gekauft werden und es sich um kleinere Beträge handelt, dürfte die Einzahlung auf unser beschränkt verfügbares Sicherheitskonto bei der Deutschen Bank zu umständlich sein. Wir fragen hierdurch ergebenst an, ob es uns gestattet wird, diese Beträge zu sammeln und die Gesamtsumme diesem Konto zuzuführen.“27
  Das wurde von der Devisenstelle am 30. Oktober 1941 genehmigt, und so meldete Hermann Baruch am 07. Dezember 1941, dass er 168,90 RM für verkaufte Möbel, Hausrat etc. auf das Sperrkonto überwiesen habe.
  Hermann Baruch versuchte, möglichst viel von seinem Vermögen zu retten:
Seine Frau und er machten in einem notariellen Vertrag vom 04. November 1941 eine Schenkung an Baruchs Enkelin Anneliese K. in Essen.28 Die Schenkung sollte einen Wert von 2.500 bis 3.000 RM haben und 1 Klavier, 1 Ölgemälde von Corday (Schleppkähne auf der Seine), verschiedene Teppiche, Haushaltswäsche und eine gebrauchte Bettdecke umfassen. Hermann Baruch schickte den Vertrag am 04. Dezember 1941 zur Genehmigung an die Devisenstelle nach Münster, deklarierte die Schenkung als „Dinge zur Erinnerung an die Großeltern.“ Der Oberfinanzpräsident erklärte sich in einem Schreiben vom 06. Januar 1942 für nicht zuständig die Genehmigung.

Wie wir einer eidesstattlichen Erklärung des Schwiegersohnes O. K. vom 13. April 1957 entnehmen können, sind diese Gegenstände nie an seine Tochter ausgehändigt worden.29

- Am 15. Dezember 1941 machte Hermann Baruch ein Testament:30

„Ich, der Privatier Hermann Israel Baruch, Bochum, Franzstraße 11 bestimme hiermit als meinen letzten Willen. Ich setze hiermit zu meiner Alleinerbin meine Enkelin, Frl. Anneliese K., Essen, Schubertstraße 29, Tochter des Ingenieurs O. K. und seiner verstorbenen Ehefrau Erna geb. Baruch ein, bzw. deren Erben. Die Einsetzung erfolgt mit der Maßgabe, dass an dem von mir vererbten Nachlass der zukünftige Ehemann meiner Enkelin Anneliese König kein Verwaltungs- und Nutznießungsrecht haben soll. Dass vielmehr der Nachlass unter das Vorbehaltsgut von Annelise K[...] fallen soll. Meine Enkelin Anneliese K[...] hat die Verpflichtung, nach besten Kräften für meine Ehefrau Helene Sara Baruch geb. Dammann bis zu ihrem Lebensende zu sorgen. Falls meine Enkelin die Erbschaft ausschlagen sollte, benenne ich als Ersatzerben das Jüdische Altersheim in Unna/Westf. oder ein anderes jüdisches Altersheim im deutschen Reich unter Übernahme aller Rechte und Pflichten. Auf Sicherheitsanordnung des Herrn OFP Westfalen in Münster ist ein Teil meines Vermögens auf ein beschränkt verfügbares Sicherungskonto bei der Deutschen Bank, Filiale Bochum, der Restbetrag sowie meine gesamten Wertpapiere auf ein Sperrkonto zu Gunsten des Finanzamtes Bochum bei der Deutschen Bank Filiale Bochum niedergelegt. Beide Konten lauten auf die Eheleute Hermann Israel Baruch und Helene Sara Baruch. Meine verstorbene Tochter Frau Else G[...] geb. Baruch, zuletzt wohnhaft in Amsterdam, ist außer der Mitgift durch nachträgliche größere Zuwendungen für ihren Erbteil voll abgefunden. Ihre beiden Kinder Hilde und Liselotte G[...] haben daher keinen Anspruch mehr an meinem Nachlass, geschweige denn einen Pflichtanteilanspruch. Sie sind von der Erbschaft ausgeschlossen. Zu meinem Testamentsvollstrecker ernenne ich Herrn Dr. Wilhelm Hünnebeck31, Bochum, Stensstraße 23, oder einen von diesem im Falle der Verhinderung vorgeschlagenen Dritten. Durch dieses Testament sind alle meine früheren letztwilligen Verfügungen aufgehoben. Den Wert meines Nachlasses gebe ich auf etwa 50.000 RM an. Gez. Hermann Israel Baruch.“

Das ist das letzte schriftliche Dokument, das von Hermann Baruch überliefert ist. Wenige Monate später wurde er mit seiner Frau Helene in das Lager Theresienstadt deportiert. Wie die Akten zeigen, hatte Baruch vorher mit der Reichsvereinigung der Juden in Berlin Bezirksstelle Westfalen in Bielefeld einen sogenannten. „ Heimeinkaufsvertrag“ unterschrieben, dafür 4.118 RM gezahlt.32 Diese nur als zynisch zu bezeichnenden Verträge dienten dazu, bei den ab Juni 1942 nach Theresienstadt verschleppten 40.000 deutschen Juden die Illusion zu wecken, sie seien, als Prominente und Bevorzugte, auf dem Weg in ein Privilegiertenghetto. Dabei bediente sich das NS-Regime der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, die diese Verträge mit jedem einzelnen abschließen musste. Im Artikel 4 der Verträge hieß es33: „a) Mit Abschluss des Vertrages wird die Verpflichtung übernommen, dem Vertragspartner auf Lebenszeit Heimunterkunft und Verpflegung zu gewähren, die Wäsche waschen zu lassen, ihn erforderlichenfalls ärztlich und mit Arzneimitteln zu betreuen und für notwendige Krankenhausaufenthalte zu sorgen. b) Das Recht der anderweitigen Unterbringung bleibt vorbehalten. c) Aus einer Veränderung der gegenwärtigen Unterbringungsform kann der Vertragspartner keine Ansprüche herleiten.“34 Die Ankunft in Theresienstadt war ein Schock. Überfüllte Massenunterkünfte in uralten Kasernen, Unterernährung, grauenhafte hygienische Zustände erwarteten die Menschen, die mit einem Altersheim gerechnet hatten. Viele der zumeist älteren Personen waren den Lebensbedingungen nicht gewachsen, sie starben bald nach der Ankunft in Theresienstadt. Die Sterblichkeitsrate lag 1942 bei 50 Prozent, sie fiel 1943 auf 19,5 Prozent und betrug 1944 17,2 Prozent.35 Die, die nicht in Theresienstadt umkamen, wurden zumeist in die Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Hermann Baruch starb am 11. Dezember 1942 in Theresienstadt an Entkräftung, seine Frau wurde am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, man hat nie mehr etwas von ihr gehört. Beider Namen wurden in das Gedenkbuch „Opfer der Shoah aus Bochum und Wattenscheid“ aufgenommen.36

Am 22. Juli 1949 stellte das Amtsgericht Bochum einen Erbschein für Anneliese K. verheiratete B. als Alleinerbin ihres Großvaters Hermann Baruch aus. Als solche betrieb sie das sogenannte Wiedergutmachungsverfahren, das Jahre dauerte und nicht in allen Einzelheiten nachgezeichnet werden kann. Gemäß den überlieferten Akten wurden folgende Zahlungen an die Erbin geleistet:

    Laut Bescheid des Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 10. April 1957 wurden für „Schaden an Freiheit“ des Hermann Baruch 6.450 DM gezahlt. Als Schadenszeit wurden die Monate vom 19. September 1941 (von diesem Tag an musste Hermann Baruch den stigmatisierenden „gelben Stern“ tragen) bis zum 8. Mai 1945 (zu diesem Datum wurde Hermann Baruch offiziell für - tot erklärt) anerkannt. Für jeden vollen Monat wurden 150 DM gezahlt. Das ergab bei 43 Monaten die ausgezahlte Summe.

    - Laut Bescheid des Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 27. November 1959 wurden 52.322 DM für entzogene Wertpapiere gezahlt. - Laut Bescheid des Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 30. Dezember 1960 wurde für „Schaden an Eigentum“ (Abgabe von Gold- und Silbergegenständen) 7.473,60 gezahlt. Die Ermittlungen hatten ergeben, dass Baruch die angegebenen Gold-, Silber und Schmuckgegenstände, darunter eine Perlenkette im Wert von 10.000 RM und ein Brillantkollier im Wert von 6.000 RM, bei der städtischen Pfandleihanstalt in Bochum abgegeben hatte.

    - Laut Beschluss der I. Wiedergutmachungskammer beim Landgericht in Dortmund vom 30. August 1962 wurden der Erbin 3.000 DM wegen Entziehung von weiterem Hausrat ihres Großvaters zugesprochen. In einem ersten Verfahren hatte die Wiedergutmachungskammer beim Landgericht Bochum den Rückerstattungsanspruch auf Wohnungseinrichtung im Werte von 33.385 RM zurückgewiesen. Die Entziehung der Möbel und Einrichtungsgegenstände habe nicht mit genügender Sicherheit festgestellt werden können.37 Die Enkelin Hermann Baruchs hatte gegen diesen Bescheid Einspruch eingelegt.

Ein Ermittlungsbericht des Amtes für Wiedergutmachung in Bochum vom 21. Oktober 1960 besagt, dass Baruch eine „ Judenvermögensabgabe“ von insgesamt 33.616 RM bezahlt hatte. Die „Reichsfluchtsteuer“ war mit 33.000 RM veranschlagt worden, wofür von Baruch ein Hypothekenbrief in Höhe von 50.000 RM hinterlegt werden musste. Da diese „Reichsfluchtsteuer“ ja nicht gezahlt wurde, fiel der Hypothekenbrief nach der Deportation Baruchs an das Reich. Wie diese Verfahren letztlich entschieden wurden, darüber gibt es keine Aktenüberlieferung.

Es gibt noch einen in den Akten dokumentierten Vorgang aus den frühen 50er Jahren, in dem es um die Rückerstattung einer Beteiligung Baruchs an einem Düsseldorfer Filmtheater in Höhe von 50.000 RM geht. Baruchs Enkelin konnte aber nicht feststellen, um welches Kino es sich dabei handelte, sie zog den Antrag am 1. Februar 1951 zurück.

Paul Schüler und Clothilde (Tilli) geb. Lazard

Die Schülers gehörten zu den Bochumer Honoratiorenfamilien, die einen großbürgerlichen Lebensstil pflegten. Der „Stammvater“ in Bochum, Hermann Schüler, wurde 1840 in Balve als Nachkomme einer Kaufmannsfamilie geboren, die dort seit Generationen ansässig war.38 Am 1. August 1872 gründete Hermann Schüler in Bochum das „Bankhaus Hermann Schüler.“ Über die Situation in Bochum zu diesem Zeitpunkt und die Entwicklung des Bankhauses gibt ein Artikel im „Bochumer Anzeiger“ anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Firma am 1. August 1922 Auskunft: „Ein Bankjubiläum in Bochum. 50-jähriges Bestehen der Firma Hermann Schüler. Das Bankhaus Hermann Schüler kann heue auf ein 50-jähriges Bestehen zurückblicken. Es hat die große Freude, zum goldenen Jubeltage den Begründer und Altchef der Firma, Herrn Kommerzienrat Hermann Schüler, noch an der Spitze des emporgewachsenen Unternehmens zu sehen; in geistiger und körperlicher Frische kann der Genannte wenige Tage darauf seinen 82. Geburtstag feiern. Die Gründungszeit fällt in die Periode nach dem siegreichen Kriege 1870/71, in der auch die Wurzeln zum Emporblühen der gesamten deutschen Industrie, besonders unserer Großindustrie liegen. Damals war Bochum kaum eine Mittelstadt. Die Straßen hatten ein ganz anderes Aussehen als jetzt. Kommerzienrat Schüler hat die ganze großindustrielle Entwicklung und das Emporwachsen der Gemeinde zur heutigen Großstadt mitgemacht und bei allen Unternehmungen durch Rat und finanzielle Tat mitwirken können. Aus kleinen Anfängen heraus ist die Bank emporgestiegen zu ihrer heutigen, weit über die Grenzen der Stadt, ja des ganzen Großbezirks unserer Gegend forttragenden Bedeutung. Mit einem Stück Bochumer Geschichte ist die Firma Hermann Schüler aufs engste verknüpft. Ihre Wiege stand in der Oberen Marktstraße [heute Bongardstraße]. Nach einigen Jahren wurde die Bank in die Hochstraße [heute Teil der Kortumstraße zwischen Bongardstraße und Husemannplatz] verlegt. Das war damals noch nicht etwa die prachtvolle Geschäftsstraße von heute. Kleine unansehnliche Häuser, meist sogar noch Wohnhäuser, sah man zu beiden Seiten. Das heutige Bankhaus Schüler in der Franzstraße ist erst vor reichlich 20 Jahren bezogen worden. Die finanzielle Bedeutung der Firma umschreiben wohl am besten drei wichtige Worte: Kohle, Kali, Zement. Aber sie erschöpfen natürlich bei weitem nicht den Interessenkreis, der sich mit dem Emporkommen der Automobilindustrie, der Elektrizität, des Maschinenbaues usw. noch ausdehnen musste. Das weiteren Kreisen bekannt gewordene Jahrbuch der Firma Hermann Schüler war stets eine gern gesehene Gabe für Handel, Gewerbe und Bankwelt. Lange Jahre versah der Chef des Hauses das Amt eines Handelsrichters, im Stadtverordnetensaale war sein Wort stets von Wert und gutem Klange. Seine beiden Söhne Paul und Oskar Schüler als Teilhaber sind berufen, das alte Geschäft im guten väterlichen Sinne mitzuführen.“39 Und der „Bochumer Anzeiger“ zitierte in seiner Ausgabe vom 07. März 1925 aus der „Geschichte des Bochumer Bankwesens“ von Wilhelm Herberholz: „Die Firma Hermann Schüler, im Jahre 1872 von dem heute in hohem Alter stehenden Kommerzienrat Hermann Schüler gegründet, behielt ihre Rechtsform und Selbständigkeit bei und widmet sich nach wie vor in der Hauptsache dem Effekten- und Kuxen-Geschäft. Auf diesem Gebiet errang die Firma eine führende Stellung. Das Geschäftslokal der Firma befindet sich seit langen Jahren im eigenen, mit allen modernen Einrichtungen versehenen Bankgebäude Franzstraße.40 Hermann Schüler war nicht nur erfolgreicher Geschäftsmann, er engagierte sich auch im Leben der Stadt und in der jüdischen Gemeinde. Der Stadtverordnetenversammlung gehörte er von 1902 bis 1918 an und betätigte sich hier besonders im Finanzausschuss.41 In der Synagogengemeinde war er seit 1878 Mitglied des Gemeindevorstandes, davon viele Jahre Vorsitzender des Vorstandes, zuletzt dessen Ehrenvorsitzender.42 Immer wieder trat er als Stifter in der Stadt in Erscheinung. Besonders erwähnenswert ist dabei die zum Andenken an seine 1907 gestorbene Frau Emma geb. Würzburger gemachte Spende in Höhe von 20.000 RM, die nach den Wünschen der Verstorbenen als Fonds zur Gründung einer Säuglingsverwahranstalt verwendet werden sollte. Das Säuglingsheim wurde 1910 im Hause Roonstraße 24 (heute Schmidtstraße) eröffnet. Hermann Schüler erklärte sich anlässlich der Eröffnung des Hauses bereit, ein etwa entstehendes Defizit selbst tragen zu wollen, damit der Stadt keinerlei Kosten entstünden. 43 Hermann Schüler war ein national gesinnter Mann. An vaterländischen Dingen nahm er stets regen Anteil. Lange Jahre war er Schatzmeister im „Flottenverein“, der ihn schließlich zum Ehrenmitglied ernannte.44 Er gehörte natürlich 1890 zum „Komitee zur Errichtung eines Nationaldenkmals“ in Berlin. 45 Ob der Kaiser Geburtstag hatte46 oder sein 25-jähriges Regierungsjubiläum feierte47, immer blieb Schülers Büro zumindest halbtätig geschlossen. Wenn im Ersten Weltkrieg Kriegsanleihen gezeichnet werden sollten, immer war Hermann Schüler dabei, wenn öffentlich dazu aufgerufen wurde (z.B. zusammen mit dem Rabbiner Dr. David zur 6. Kriegsanleihe im März 1917).48 Am 19. April 1918 konnte der „Märkische Sprecher“ melden, dass die Zeichnungen zur 8. Kriegsanleihe beim Bankhaus Hermann Schüler über 2 Millionen betrugen, nachdem die früheren Anleihen 5 ½ Millionen betragen hatten49, im November 1918 waren es insgesamt 11 ¼ Millionen.50 Auch auf die Gefühle seiner nichtjüdischen Angestellten nahm Schüler Rücksicht: An christlichen Feiertagen, z.B. Fronleichnam, war das Bankhaus zumindest halbtags geschlossen.51 Für ein gutes Betriebsklima in seiner Bank sorgte Hermann Schüler dadurch, dass Betriebsjubiläen aufwändig gefeiert wurden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Feier anlässlich des 25-jährigen Betriebsjubiläums des Kassenboten W. T.52 Hermann Schüler wurden anlässlich seines 70. und 80. Geburtstags hohe Auszeichnungen zuteil: Unter anderem erhielt er den „Roten Adlerorden IV. Klasse“, das „Verdienstkreuz für Kriegshilfe“ und andere Auszeichnungen.53 Als Hermann Schüler am 8. Juni 1926 starb, erschienen im „ Märkischen Sprecher“54 und im „Bochumer Anzeiger“55 lange Berichte, die sein Leben und Werk würdigten. Über die Beisetzung schrieb der „Bochumer Anzeiger“ am 12. Juni 1926: „Zur letzten Ruhe. Welch hoher Wertschätzung der verstorbene Bankier Hermann Schüler sich erfreute, das bewies die große Teilnahme bei seiner gestern nachmittag auf dem Friedhof an der Wasserstraße erfolgten Beisetzung. Nachdem im Trauerhaus an der Brückstraße Rabbiner Dr. David am Sarg eine tiefempfundene Ansprache gehalten und Rechtsanwalt Dr. Schönewald dem Verstorbenen einen herzlichen Nachruf gewidmet hatte, wurde der Totenschrein auf den über und über mit Kränzen bedeckten Leichenwagen gehoben, dem sich ein großes Trauergefolge anschloss. Vertreter der Behörden, darunter Alt-Oberbürgermeister Graff, der Industrie, des Handels, die Mitglieder der Düsseldorf-Essener Börse, Vertreter zahlreicher Körperschaften und viele andere schritten hinter dem Sarge. Unter den zahlreichen Kranzspenden befand sich auch einer der Stadt Bochum, um die der Verstorbene sich große Verdienste erworben hat. (So verdankt ihm das städtische Säuglingsheim sein Entstehen.) Am Grabe sprach Rabbiner Dr. David ein inniges Gebet. In der Synagoge fand nach der Beerdigung ein Trauergottesdienst statt. Die Wände waren schwarz drapiert, die Vorstandsbank mit Flor behangen und mit dunkelgrünen Gewächsen umstellt. Die Gedächtnisrede des Rabbiners war von tiefem Eindruck.“56 Hermann Schüler war mit Emma geb. Würzburger verheiratet, die sich ihrerseits viele Jahre als Mitglied des Vorstands im „Vaterländischen Frauenverein“ engagierte. Sie starb am 09. November 1907.57 Hermann und Emma Schüler hatten drei Söhne und eine Tochter: - der am 31. August 1873 in Bochum geborene Leo studierte Medizin. Er war verheiratet mit Hedwig geb. Anschel, hatte zwei Kinder: den Sohn Werner und die Tochter Lore. Dr. Leo Schüler starb am 19. September 1928 in Essen und wurde auch dort beigesetzt;58 - der am 21. Januar 1876 in Bochum geborene Paul war im Bankgeschäft des Vaters tätig. Er war verheiratet mit der am 08. Oktober 1880 in Saarbrücken geborenen Clothilde (Tilli) Lazard. Das Paar hatte zwei Kinder: die Tochter Gerda und den Sohn Fritz; - der am 5. November 1879 in Bochum geborene Sohn Oskar war ebenfalls im Bankgeschäft des Vaters tätig. Er war verheiratet mit Martha Liebhold. Das Paar hatte ein Kind, die Tochter Irmgard. Oskar Schüler starb im 50. Lebensjahr am 15. Oktober 1929 und wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Wasserstraße beigesetzt;51 - die Tochter Helene, deren Geburtsdatum wir nicht kennen, starb am 29. Dezember 1915. 60 Paul und Oskar Schüler hatten also nach dem Tod des Vaters Hermann die Bankgeschäfte übernommen. Nach dem Tod von Oskar 1929 war es Paul, der das Geschäft durch die Turbulenzen der folgenden Jahre führen musste. Und um ihn und seine Frau Tilli soll es im folgenden gehen. Paul Schüler heiratete am 2. Mai 1904 die aus Saarbrücken stammende Clothilde (Tilli) Lazard. Aus der Ehe gingen die am 28. April 1909 in Bochum geborene Tochter Gerda Emma61 und der am 20. Mai 1918 ebenfalls in Bochum geborene Sohn Friedrich Theodor hervor. Gerda Schüler wohnte bis zu ihrer Verheiratung am 07. Dezember1930 bei ihren Eltern, als verheiratete Windmüller bis zum Spätsommer 1934 in Dortmund, dann bis zum 10. November 1938 in Schlüchtern Bez. Kassel. Danach zog sie in eine Pension in Frankfurt a. Main, um dann die letzten drei Wochen vor ihrer Ausreise in die USA (über Holland) bei ihren Eltern zu leben, die inzwischen in der Franzstraße 11 wohnten. 1954 lebte sie als amerikanische Staatsbürgerin Gerda Windmueller in Richmond/ Virginia, war Mutter einer 20-jährigen Tochter. Als Beruf gab sie in ihrem Rückerstattungsantrag vom 18. Januar 1954 Kunstgewerbe und Hausfrau an.62 Der Sohn Friedrich Theodor (Fritz) Schüler wohnte bis zu seiner Auswanderung in die USA am 21. Januar 1939 bei seinen Eltern in Bochum, zunächst in der Kanalstraße 62, ab 1937 in der Franzstraße 11. Seine Ausbildung zum Bankkaufmann musste er durch die Emigration abbrechen. 1954 lebte er als Frederick Theodore Schuler in New York. In seinem Rückerstattungsantrag vom 05. Februar 1954 gab er als Beruf „optischer Techniker“ an, er war verheiratet und hatte keine Kinder. Über die Lebensgeschichte der Eltern Paul und Clothilde Schüler gibt ein dreiseitiger, maschinengeschriebener Bericht von Frederick Schuler vom 08. März 1954 Auskunft, hier wird auch deren Besitz aufgeschlüsselt. Die hier gemachten Angaben wurden in einer zehnseitigen, maschinengeschriebenen eidesstattlichen Erklärung von Frederick Schuler vom 8. September 1955 wiederholt und erweitert. In einer eidesstattlichen Erklärung vom 25. September 1955 bestätigte Gerda Windmueller die Angaben ihres Bruders. 63 Aus dem Bericht von Frederick Schuler: „[...] Meine Mutter war eine geborene Lazard aus Saarbrücken. Ihr Vater war Inhaber eines prominenten Bankhauses, Lazard, Brach & Co., welches nach seinem Tod von der Deutschen Bank und Diskontogesellschaft angekauft wurde. Beide Familien, Lazard sowohl wie Schüler, waren sehr wohlhabend. Die Aussteuer, welche meine Mutter bei ihrer Heirat am 2. Mai 1904 einbrachte, war eine außerordentlich reiche und vollständige, an Tisch- und Bettwäsche, Porzellan, Silber, Schmuck, Haushaltsgeräten, Perserteppichen, sowie Möbeleinrichtungen, wie z.B. ein geschnitztes, aus solider Eiche gearbeitetes Wohnzimmer und ein Mahagoni Doppelschlafzimmer. Meine Eltern zogen nach der Hochzeit in das von meinem Vater angekaufte Wohnhaus Kanalstraße 62 64, das für einen Betrag von 80.000 Goldmark von dem erbauenden Architekten erworben worden war, wie mein Vater mir erzählt hat. Das Haus enthielt 14 Zimmer, Küche, 2 Vollbäder und eine Toilette. Außerdem waren Kutscherwohnung, Stallungen, 3 Büroräume und ein Waschraum angebaut. Im Jahre 1914 wurde Wasserdampfheizung angelegt, Marmorverkleidung der Fenster eingebaut und sonstige Renovierungsarbeiten ausgeführt, für einen Gesamtbetrag von rund 20.000 Goldmark, nach dem Bericht meines Vater.“ Es folgt ein Bericht über die Einrichtung des 14-Zimmer-Hauses in der Kanalstraße 62, den Erwerb wertvoller Möbel bis in die zwanziger Jahre, über den Zusammenbrauch des Bankhauses im Verlauf der Wirtschaftskrise 1932, über das Leben danach bis zur Emigration des Sohnes im Januar 1939. Der Lebensstil von Paul und Clothilde ist als großbürgerlich zu bezeichnen. Überlebende berichten von glanzvollen Festen, die das Paar in der Kanalstraße 62 gab.65 Eine Zäsur bildete zweifellos der Konkurs des Bankhauses Hermann Schüler 1932 66. Bereits 1931 geriet man in große Zahlungsschwierigkeiten, die im Zusammenhang mit der großen Wirtschaftskrise standen. Das Bankhaus hatte hohe Verpflichtungen gegenüber der Dresdner Bank und der Danatbank. Nach dem Zusammenbruch der Danatbank gingen deren Forderungen an die Dresdner Bank über. Da alle Immobilien, die sich im Besitz von Schüler befanden, völlig überschuldet waren, wurde am 04. Mai 1932 ein gerichtliches Vergleichsverfahren eröffnet. Am 19. Mai 1932 fand die erste Gläubigerversammlung statt. In der Versammlung am 07. Juli 1932 wurde der Vergleichsvorschlag angenommen. Paul Schüler verlor seinen gesamten Besitz. Das Bankhaus Hermann Schüler in der Franzstraße 3/5 ging an die Dresdner Bank. Es war bereits 1932 praktisch wirtschaftlich auf diese Bank übergegangen: Die hohen Verpflichtungen gegen die Danatbank waren unter anderem durch eine Grundschuld auf dem Grundstück Franzstraße 3/5 gesichert. Durch den Zusammenbruch der Danatbank gingen diese Forderungen an die Dresdner Bank über. Die Forderungen waren damals wesentlich höher als die auf dem Grundstück Franzstraße 3/5 lastende Grundschuld. Im Zuge der Abwicklung der Verpflichtung wurde dann dieses Grundstück auf Grund der Eintragung durch die Dresdner Bank durch Zwangsversteigerung erworben. 67 Was die Besitzung Kanalstraße 62 betrifft 68, so hatte diese einen Einheitswert von 17.500 RM, war aber mit einer Grundschuld von 50.000 Reichsmark belastet. Die Dresdner Bank hatte schon seit 1931 die Grundsteuern für die Besitzung bezahlt, tat dies auch in den folgenden Jahren. Die Schülers durften noch bis zum Verkauf des Gebäudes an den Kaufmann R. D. im Jahre 1937 dort wohnen. Auf die Kaufverhandlungen hatten sie keinen Einfluss, da es sich wirtschaftlich um das Vermögen der Dresdner Bank handelte. Der Kaufpreis war auch an die Dresdner Bank zu zahlen und diese hat Schüler für die formelle Mitwirkung am Vertrag lediglich einen Betrag von 1.000 RM als Geschenk gegeben. Das Haus ging mit Kaufvertrag vom 12. Februar 1937 für 18.000 RM an den Kaufmann Robert Deppe. Auch die im Besitz von Paul Schüler befindliche Immobilie Brückstraße 36 – Wohnhaus mit einem Ladenlokal im Erdgeschoss und Wohnung im ersten Stock – wurde Teil der Konkursmasse: Sie ging an den Hypothekengläubiger Rheinisch Westfälisch Bodenkredit-Bank in Köln und wurde von dieser am 23. März 1938 zwangsversteigert. Es ging für 67.000 RM an die Ehefrau Installateur Wilhelm Bergermann, Elisabeth geb. Schwabe. In einem weiteren Vergleichsverfahren der Firma Hermann Schüler in Bochum vom 27. Juni 1932 wurden alle Beträge der Gläubiger bis 100 RM zu 100 Prozent bezahlt, Beträge bis 500 RM zu 40 Prozent. Die Befriedigung der übrigen am Verfahren beteiligten Gläubiger sollte aus den vorhandenen Bildbeständen der Firmeninhaber erfolgen. Diese Bilder sollten einer Vertrauensperson als Treuhänder übereignet werden. Damit sind wir bei einem besonderen Kapitel: Die Schülers als Kunstsammler, die nach Einschätzung ihres Sohnes Fritz eine der bekanntesten Privatsammlungen im westfälischen Industriebezirk besaßen. Einen genauen Eindruck von dem Umfang und der Qualität der Sammlung des Hermann Schüler vermittelt eine in den Akten überlieferte Abrechnung über die Liquidation des Bankhauses Hermann Schüler, die am 11. Juni 1939 durch den Treuhänder Albert Schäfer vorgelegt wurde. Zu dieser Abrechnung gehört der Rechenschaftsbericht über den Verbleib der zur Masse gehörenden, bzw. zur Verwertung gekommenen Bilder. Der Abrechnung beigefügt ist eine siebenseitige Liste, auf welcher in vier Rubriken die Titel der Bilder, die Namen der Künstler, die sie gemalt haben, die Namen der Empfänger der Bilder und der jeweilige Taxwert verzeichnet sind. Es handelt sich um insgesamt 195 Gemälde im damals geschätzten Gesamtwert von über 300.000 RM.69 14 der genannten Bilder im Taxwert von insgesamt 12.700 RM wurden lt. Protokoll des Gläubigerausschusses vom 4. Mai 1938 gegen Zahlung von 100 RM an die Familie Schüler wieder zurück gegeben, da „der Zustand und die Tendenz der Bilder einen Verkauf unmöglich machten.“ 70 Dabei handelte es sich u.a. um Gemälde von Antonio Corregio, Alexej von Jawlenky, Hermann Kaulbach, Hans von Makart, Heinrich Wilhelm Trübner und Henry de Groux. Da Clothilde Schüler eigenes Kapital in das Bankhaus Schüler investiert hatte, gehörte auch sie selbst zu den Gläubigern. Aus der Konkursmasse fielen ihr einige Bilder zu: Emil Nolde (Mädchen und der Satan, Taxwert 8.000 RM), Max Slevogt (Tannen im Schnee, Taxwert 4.500 RM), Eugen Dücker (Brandung, Taxwert 400 RM) und Gottfried Reinhardt (Badende am Strand, Taxwert 900 RM). Das Bild Drei Temperamente von La Main, Taxwert 8.000 RM, ging an die Erben Schüler. Zusammen mit den Bildern, die sich ohnehin im Besitz von Clothilde Schüler befanden – der Sohn berichtet davon, dass sie immer wieder aus ihrem eigenen Vermögen Gemälde gekauft hatte – bildeten diese Gemälde offensichtlich den Bestand, der sich bis kurz vor der Deportation der Schülers nach Riga in deren Besitz befand. Und diese Sammlung ist es wohl auch, von der Frederick Schuler in einer eidesstattlichen Erklärung vom 08. September 1955 versuchte, einen ungefähren Eindruck zu vermitteln.71 Er erinnerte sich und nannte namentlich Bilder u.a. von Emil Nolde (Mädchen und Satan), Max Pechstein (Die Kirche), Max Liebermann (Mädchen mit Haarschleife), Alexej von Jawlensky (Traumbild), Andrej Jawlenski (Bildnis eines Mädchens), ein Porträt von Hermann Müller, zwei Aquarelle von Paul Signac (Hafenbilder). Clothilde Schüler hatte nach der Erinnerung ihres Sohnes vor 1939 zur Bestreitung des Lebensunterhaltes Gemälde von Franz von Stuck (Der Reigen), Max Slevogt (Winterlandschaft) verkauft. Und natürlich hingen in der Wohnung seiner Eltern zahlreiche Gemälde seiner Mutter Clothilde und deren Schwester Lulu Albert Lazard. Weiter schrieb er: „An die übrigen Gemälde kann ich mich im einzelnen nicht mehr erinnern. Tatsache ist jedoch, dass noch zahlreiche weitere Ölgemälde, und zwar Originale, hauptsächlich von deutschen modernen Malern, vorhanden waren. Ferner waren noch mind. zwei Dutzend Stiche und Radierungen, Originale, vorhanden.“ 72 M. M., eine Jugendfreundin Clothilde Schülers aus Saarbrücken, die in Essen lebte und mit den Schülers Kontakt bis unmittelbar vor deren Deportation im Januar 1942 hatte, erinnerte sich in einer eidesstattlichen Erklärung vom 17. November 1955: „Die Familie Schüler war ursprünglich sehr reich gewesen. U.a. besaßen sie eine sehr bekannte und sehr kostbare Gemäldesammlung, von der zwar ein erheblicher Teil Anfang der dreißiger Jahre infolge Zahlungsschwierigkeiten der Bank verloren ging. Es blieb jedoch, soweit ich mich entsinne, im Besitz der Ehefrau Schüler noch ein erheblicher und kostbarer Teil der Sammlung übrig. Die Schülers mussten in den letzten Jahren vor ihrer Deportation mit anderen jüdischen Familien in einem Haus in der Franzstraße zusammen wohnen, wo sie die Parterrewohnung innehatte. Soweit ich es noch in Erinnerung habe, hatten sie 4 Räume, in denen noch zahlreiche Bilder an den Wänden hingen und ein ebenfalls erheblicher Teil hinter den Betten und Schränken stand. Herr Schüler hatte seine besten Bilder immer hinter dem Schrank und hinter dem Bett verborgen. Ich glaube bestimmt nicht fehl zu gehen, wenn ich die Zahl der Bilder auf ca. 30 angebe. Ich glaube mich auch noch zu entsinnen, dass bis in die letzte Zeit hinein Bilder von Gablinky [Jawlensky], Nolde, Liebermann u.a., deren Namen ich mich nicht mehr entsinne, dabei waren. Er besaß sehr viele Bilder moderner Kunst, Schülers sammelten nur Qualitätsbilder. So weiß ich bestimmt noch, dass sich vorher in der Sammlung Picasso 73, Stuck, Reusing etc, befunden hatten.“ 74 Aus der Zeugenaussage von Frau M. erfahren wir auch, was schließlich aus der Schülerchen Sammlung geworden ist: „Kurz vor der Deportation hat sich folgendes ereignet, wie ich aus dem Munde von Frau und Herrn Schüler gehört habe: Eines Tages fuhr ein Wagen der Gestapo vor und hat sämtliche Bilder aus der Wohnung mitgenommen und Herrn Paul Schüler ebenfalls und ihn ins Gefängnis gesetzt, weil er im Besitz entarteter Kunst gewesen sei.“ 75 Es ist klar, dass die bedeutende Bildersammlung des Paul Schüler zunächst in einem normalen Konkursverfahren im Zusammenhang mit der großen Wirtschaftskrise an zahlreiche große und kleine Gläubiger ging, zunächst einmal mit der nationalsozialistischen Verfolgung nichts zu tun hat. Anders stellt sich die Frage nach dem Verbleib der im Besitz von Clothilde Schüler verbleibenden Sammlung, die schließlich Ende 1941 von der Gestapo beschlagnahmt worden ist. Für uns ist von Bedeutung, dass es mit Paul und Clothilde Schüler in Bochum ein im großbürgerlichen Stil lebendes Paar gab, das sich in den zwanziger Jahren als hochkarätige Kunstsammler betätigte. Und das dürfte wohl einmalig für Bochum sein. Um so beklemmender wird es, wenn wir uns jetzt den letzten Jahren und dem Ende des Ehepaar Schüler in Bochum zuwenden. Lebten die Schülers nach dem Konkurs des Bankhauses zunächst noch gut vom Vermögen Frau Schülers, so sollte sich das bald ändern. Paul Schüler war es nach der nationalsozialistischen Machtübernahme nicht mehr möglich, die Bank wieder zu eröffnen, geschweige denn ein Stellung im Bankgewerbe zu finden.76 Er betrieb deshalb einen ambulanten Handel mit Seifenartikeln. So steht es in den Akten. Konkret bedeutet dies: Der ehemalige Bankier Paul Schüler verkaufte, ohne einen Laden zu haben, Seifenartikel! Seine Frau verkaufte selbstgefertigte Handarbeiten und erteilte Unterricht im Kochen und Backen. Außerdem wurden bis zum Jahre 1937 einige Zimmer im Hause Kanalstraße vermietet. Am 12. November 1938 wurde Paul Schüler verhaftet. Er wurde nicht – wie die meisten anderen verhafteten jüdischen Männer – nach Sachsenhausen deportiert, sondern einige Zeit im Gefängnis in Bochum festgehalten. Seine gewerbliche Tätigkeit musste er auf Grund der Verordnung über die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben zum 1. Januar 1939 aufgeben. Seit dieser Zeit war er ohne Einkommen. Er war erwerbs- und vermögenslos, wie seine Frau am 18. Dezember 1940 dem Oberfinanzpräsidenten – Devisenstelle – in Münster mitteilte. Seit er 1932 den Offenbarungseid geleistet habe, werde er von seinen Verwandten unterhalten.77 Gegen Clothilde Schüler, Juden-Kennnummer J 00483, wurde am 26. Oktober 1939 eine Sicherungsanordnung erlassen, Geschäftszeichen JS 240. In der geforderten Vermögensaufstellung gab sie am 03. November1939 ein Vermögen von 650 RM an. Regelmäßige Einnahmen hatte sie nicht. Als Finanzbedarf für einen zweiköpfigen Haushalt gab sie 312,50 RM an (Miete, Heizung usw. 70 RM, Lebensunterhalt einschl. Kleidung 180 RM, eine Hausangestellte 12,50 RM, für sonstiges 60 RM). Die Devisenstelle in Münster genehmigte am 09. November 1939 monatlich einen Freibetrag in Höhe von 150 RM. Für Clothilde Schüler wurde am 13. Dezember 1941 bei der Commerzbank ein Sperrkonto eingerichtet. Paul Schüler hatte offensichtlich ein solches Sperrkonto schon vorher. Als er mit Kaufvertrag vom 26. November 1940 an den Bergbau Angestellten J. R. in Bochum 8 Kuxe der 128-teiligen Gewerkschaft Steinkohlen- Bergwerk Lukas verkaufte, wurde der Erlös von 200 RM auf das Sperrkonto überwiesen. Wie die Akten zeigen, waren die Finanzen der Schülers schon vor der Sicherungsanordnung kontrolliert worden. Das zeigte sich, als die Deutsche Bank Bochum am 27. April 1938 bei der Devisenstelle in Münster die Freigabe von 400 RM für Clothilde Schüler beantragte, die auf Befürwortung des Amtsarztes eine Kur in der Tschechoslowakei antreten sollte. Dem Antrag des Frauenarztes Dr. B. vom 23. April 1938 war ein Befundsattest des Amtsarztes vom 26. April 1938 beigefügt, in dem ein Kuraufenthalt in Marienbad befürwortet wurde, da es in Deutschland kein Bad mit den gleichen Heilfaktoren gebe. Clothilde Schüler war bei Dr. B. schon seit mehreren Jahren wegen eines Frauenleidens in Behandlung. Eine Badekur (Moorbäder) in Marienbad hatte in früheren Jahren gute Erfolge erzielt, so dass Dr. B. eine Wiederholung einer solchen Kur dringend empfahl. Die Devisenstelle in Münster genehmigte Clothilde Schüler am 29. April 1938 350 RM für eine Kur vom 01. bis 31. Mai 1938. Der Kuraufenthalt verzögerte sich offensichtlich, denn die Devisenstelle genehmigte am 13. Juli 1938 weitere 150 RM für diese Kur. Als am 30. Dezember 1938 Friedrich Theodor Schüler, der Sohn von Paul und Clothilde Schüler, zwecks Ausreise nach Holland in Münster die Auswanderungspapiere anforderte, wurden ihm laut Schreiben der deutschen Golddiskontbank in Berlin an die Devisenstelle in Münster zu diesem Zwecke 375 RM genehmigt. Als Paul Schüler am 19. Mai 1939 bei der Devisenstelle um die Überweisung von 265 Schweizer Franken an einen deutschen Hilfsverein in Montreux bat, wurde dies von der Devisenstelle am 25. Mai 1939 genehmigt. Zweck: Beerdigungskosten eines nahen Verwandten. An all diesen Fakten wird deutlich, wie tief der Sturz der noch wenige Jahre zuvor in großbürgerlichen Verhältnissen lebenden Familie Schüler war. Völlig verarmt, lebte man in einem Judenhaus mit anderen jüdischen Familien zusammen, denen es allen nicht besser ging. Gesellschaftliche Unterschiede gab es nicht mehr. Wenn noch Besitz und Vermögen da war, dann konnte man nicht frei darüber verfügen, was von den Menschen als zusätzliche Erniedrigung empfunden wurde. Natürlich hatten auch Paul und Clothilde spätestens nach der Pogromnacht versucht, ein Emigrationsland zu finden. Und natürlich wollten sie in die USA, wo die Kinder ja glücklicherweise angekommen waren. Belegt ist, dass die Kinder im Oktober 1941 900 Dollar für Visen nach Cuba bezahlt hatten.78 Aber die Eltern konnten diese Visen nicht mehr nutzen. Zu dieser Zeit wurde die Emigration deutscher Juden offiziell verboten, begannen die Deportationen in den Osten. Wie das Leben von Clothilde und Paul Schüler endete, darüber erfahren wir wieder in Zeitzeugenberichten. Nach seiner Entlassung aus dem Bochumer Polizeigefängnis hatte Paul Schüler offensichtlich versucht, eines seiner Bilder zu verkaufen, was illegal war. Das klappte nicht, er wurde erwischt und kam wiederum ins Bochumer Gefängnis. Die bereits an anderer Stelle zitierte Jugendfreundin von Clothilde Schüler, M. M. aus Essen, führte dazu in ihrer eidesstattlichen Erklärung vom 17. November1955 aus: „Herr Schüler hat dann 4 oder 5 Wochen im Gefängnis gesessen und kam aus dem Gefängnis als ein vollkommen gebrochener Mann zurück. Er erklärte, dass man ihn scheußlich behandelt hatte, dass man das wenige Essen, das er bekommen habe, ihm dadurch zu verekeln versuchte, dass man ihm in das Essen hineinspuckte, wobei man ihm sagte, für Dich Judenschwein ist das gerade gut genug. 4 oder 5 Tage nach seiner Entlassung fand dann die Deportation statt. Soweit ich gehört habe, ist Herr Paul Schüler nicht über Dortmund hinaus gekommen, sondern soll durch die Folgen der Haft bereits gestorben sein.“79 Frau M. erinnerte sich auch, dass Frau Schüler kurz vor der Deportation wertvolle Pelze in einen Koffer gepackt habe, den sie mitnehmen wollte. Wie sie hörte, sei der Waggon mit dem Gepäck aber bald nach Abfahrt in Dortmund abgehängt worden. Diese Angaben deckten sich weitgehend mit den Angaben, die Frau A. Sch. aus Bochum, die 15 Jahre bei den Schülers gearbeitet hatte, bereits in einer eidesstattlichen Erklärung am 08. Februar 1950 gemacht hatte. Über das Ende von Paul Schüler wusste sie – abweichend von Frau M. – zu berichten: „Von Bochum aus sind Schülers erst nach Dortmund gekommen. Dort soll Herr Schüler noch besonders schwer misshandelt worden sein, weil man bei Frau Schüler 1000 Mk. gefunden hatte, die sie nicht hätte haben dürfen. Wie ich später gehört habe, ist Herr Schüler infolge der erlittenen Aufregungen noch während des Transports gestorben.“80 Ob Paul Schüler bereits in Dortmund, während des Transportes oder nach der Ankunft im Ghetto in Riga gestorben ist, wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass man von Paul und Clothilde Schüler nie mehr etwas gehört hat. Ihre Namen wurden in das Gedenkbuch „Opfer der Shoah aus Bochum und Wattenscheid“ aufgenommen. 81 Auf Antrag ihrer Tochter Gerda Emma Windmüller geb. Schüler vom 15. Februar 1956 wurden beide laut Beschluss des Amtsgerichts Bochum am 22. August 1956 offiziell für tot erklärt. Der Beschluss wurde am 15. Oktober 1956 rechtskräftig. Als Todesdatum wurde der 31. Dezember 1945 festgesetzt.82 Solche formalen Todeserklärungen waren erforderlich, wollten die Erben ihre Ansprüche geltend machen. Die Kinder von Paul und Clothilde Schüler bemühten sich in langen und ermüdenden Verfahren um die „Wiedergutmachung“. Es wird hier darauf verzichtet, die Vorgänge in allen Einzelheiten nachzuzeichnen, auch sind nicht alle Akten überliefert. Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse, soweit es die überlieferten Akten zulassen, soll genügen: - Lt. Bescheid des Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 30. März 1957 83 erhielten die Erben Schüler für „Schaden an Freiheit“ des Paul Schüler eine ererbte Kapitalenschädigung in Höhe von 6.450 DM. Für die Berechnung des Schadens an Freiheit wurde der Zeitraum 19. September 1941 (von diesem Tag an musste Schüler den stigmatisierenden „gelben Stern“ tragen) bis 08. Mai 1945, dem offiziellen Todesdatum, festgesetzt. Für jeden vollen Monat Haftzeit wurden 150 DM bezahlt. Das ergab bei 43 Monaten den ausgezahlten Betrag.84 Lt. Bescheid des Regierungspräsidenten erhielten die Erben des Paul Schüler für „Schaden im beruflichen Fortkommen“ ihres Vaters eine ererbte Kapitalentschädigung von 29.326 DM. Für die Berechnung dieses Schadens wurde der Zeitraum 01. Februar 1933 bis 31. Dezember 1945 festgesetzt, das sind 12 Jahre und 11 Monate. Man ging davon aus, dass es Paul Schüler nach der nationalsozialistischen Machtübernahme nicht mehr möglich war, die Bank wieder zu eröffnen bzw. eine Stellung im Bankgewerbe zu finden. Die berufliche Stellung Schülers entsprach gemäß Gesetzeslage der eines Beamten im höheren Dienst. Die Dienstbezüge dieser Gruppe betrugen bei einem Lebensalter von 57 Jahren bei Beginn der Verfolgung jährlich 12.600 RM. Angerechnet für die Entschädigung wurden drei Viertel dieser Bezüge, das ergab jährlich 9.456 DM. Die dem Verfolgten fehlende gesetzliche Alters- und Hinterbliebenenversorgung war g e m ä ß P a r a g r a p h 9 2 A b s a t z 2 Bundesentschädigungsgesetz durch einen Zuschlag von 20 Prozent zu berücksichtigen, so dass sich der Entschädigungsbetrag auf jährlich 11.352 RM erhöhte. Bei einer Entschädigungszeit von 12 Jahren und 11 Monaten betrug die Kapitalentschädigung 146.630 RM. Sie war gemäß Paragraph 11 Bundesentschädigungsgesetz nach der Währungsreform im Verhältnis 10:2 umzustellen, das ergab den ausgezahlten Betrag von 29.326 DM. Am 24. Januar 1961 kam es in Dortmund bei der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Dortmund in der Rückerstattungssache Schüler zu folgendem Vergleich: Die Erben Schüler erhielten nach Maßgabe des Bundesentschädigungsgesetzes wegen a) der im Jahre 1939 erfolgten Entziehung von Edelmetallgegenständen der Eheleute Bankier Schüler und Clothilde geb. Lazard einen Betrag von 2.000 DM; b) der in den Jahren 1941-1942 erfolgten Entziehung von Bildern der Eheleute Schüler einen Betrag von 100.000 DM; c) der im Jahre 1942 erfolgten Entziehung einer Wohnungseinrichtung nebst Hausrat, Wäsche und Bekleidung der Eheleute Schüler einen Betrag von 30.000 DM; d) der im Jahre 1942 erfolgten Entziehung des Deportationsgepäcks der Eheleute Schüler einen Betrag von 2.000 DM. Am 8. Juni 1961 wurde laut Bescheid des Regierungspräsidenten in Arnsberg den Erben Schüler als Entschädingung wegen Schadens durch Zahlung von Visakosten für die Eltern, die diese nicht nutzen konnten, 450 DM zugesprochen. Die ursprünglich eingeleiteten Wiedergutmachungsverfahren wegen der Schülerchen Immobilien in der Kanalstraße 62 85 und in der Brückstraße 36 86 wurden von den Antragstellern nach Klärung des Sachverhalts wieder zurückgezogen. (Hubert Schneider)