Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung am 9. November 2009 hielt Hubert Schneider folgende Ansprache zum Thema „Kindertransporte“. Im Anschluss daran stellten Schülergruppen die von ihnen recherchierten Schicksale von dreien dieser Kinder vor.

Meine Damen und Herren, liebe  Schülerinnen und Schüler, die Vorgänge der Pogromnacht  vom 9./10 November 1938 wurden auch im Ausland registriert und kommentiert. Allein in den USA erschienen nahezu 1 000 verschiedene Leitartikel, in denen die Vorgänge in Deutschland  aufs Schärfste verurteilt wurden. Zwar berief der amerikanische Präsident Roosevelt seinen Botschafter aus Deutschland zur Berichterstattung zurück, aber an der restriktiven Einwanderungspolitik änderte sich grundsätzlich nichts.  Nachdem die britische Regierung von nichtjüdischen und jüdischen Organisationen auf die Vorgänge in Deutschland aufmerksam  gemacht worden war, gab es mehrere Gründe für sie, Sammelvisa für eine zunächst unbegrenzte Anzahl von Kindern auszustellen: Zum einen fühlte das Land eine besondere Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen aus Europa, da Palästina unter britischem Protektorat stand, man jedoch in Hinsicht auf die arabischen Staaten die diplomatischen Beziehungen nicht gefährden wollte und daher strenge Einwanderungsbeschränkungen für Palästina verfügte. Im Frühjahr 1939 wurde die Immigration nach Palästina sogar verboten.  Überdies hoffte die Regierung – in ihrem Selbstverständnis als die Weltmacht des British Empire – mit dieser Aktion eine gewisse Vorbildfunktion auszuüben und andere Länder  zur Nachahmung anzuregen. Nicht zuletzt war man sich  der Verantwortung gegenüber der eigenen jüdischen Gemeinde bewusst, der man sich nicht entziehen wollte.
Dennoch war die grundsätzliche Einstellung gegenüber den jüdischen Flüchtlingen aus Europa eher zurückhaltend.
  Man wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, Großbritannien habe seine Türen weit geöffnet, um nicht noch mehr Flüchtlinge anzuziehen und um zu vermeiden, dass sich die deutsche Regierung zu weiteren potentiellen Vertreibungen ermutigt fühlen würde.
Die Entscheidung, Sammelvisa an jüdische Kinder auszustellen, war vor der britischen Öffentlichkeit relativ leicht durchzusetzen: Kinder rufen bei dem größten Teil der Bevölkerung Mitleid hervor; vor allem  geht von ihnen – zumindest für einen absehbaren  Zeitraum – keine Gefahr für den Arbeitsmarkt aus; überdies war der Aufenthalt der Kinder zunächst nur als vorübergehend geplant, da man zum Zeitpunkt ihrer Ankunft fest davon ausging, dass sie später entweder in ihre Heimatländer zurückkehren  oder in die USA und andere Länder weiteremigrieren würden
Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, wir erinnern uns heute an die Kindertransporte des Jahres 1939.
  Mit der unter dieser Bezeichnung  bekannten Aktion wurde im Jahre 1938/39 knapp 10 000 jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei die Erlaubnis erteilt, über Holland nach Großbritannien auszureisen. Da diese Aktion sich auf Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre beschränkte, mussten deren  Eltern zurückbleiben -  nur zum kleinen Teil  wurden nach Kriegsende Kinder und Eltern wieder vereinigt: Den meisten Eltern war die Flucht aus Deutschland nicht mehr gelungen, sie wurden in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.
  Die Bewertung der Kindertransporte hängt von der Zeitperspektive ab: Heute sagen wir: Das war die einzige Chance, dass diese Kinder gerettet werden konnten. Damals war es eine einzige Katastrophe. Aus Bochum wissen wir, dass sich am Bahnhof herzzerreißende Szenen abgespielt haben. Eltern mussten ihre Kinder abgeben, nicht wissend, wohin sie kommen, ob sie diese je wiedersehen würden. Und die Kinder – auch das wissen wir aus Bochumer Überlebendenberichten – vor allem die älteren, mochten das anfangs noch als Abenteuer betrachtet haben. Aber spätestens nach wenigen Stunden begannen sie, die Situation realistisch einzuschätzen. Hannah Deutch, eines der größeren Mädchen, das in einem solchen Transport war, berichtet, welche Mühe sie und andere Mädchen hatten, die kleineren Kinder schon im Zug nach Holland zu beruhigen.
  In Bochum waren es vor allem die Lehrerin Else Hirsch und die Gemeindehelferin Erna Philipp, die sich darum bemühten, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder abzugeben. Bochumer Kinder und Jugendlich  waren in 11 Transporten, die zunächst nach Holland gingen. Erna Philipp begleitete diese Transporte nach Holland, kehrte immer wieder nach Bochum zurück. Erst den letzten Transport – kurz vor Kriegsausbruch Ende August 1939 – benutzte sie zur eigenen Flucht. Nicht zuletzt dem Engagement von Else Hirsch und Erna Philipp ist es zu verdanken, dass  unter den Opfer der Shoah aus Bochum relativ wenige Kinder und Jugendliche zu finden sind.
  Die Überfahrt von Holland nach England, dem eigentlichen Ziel,  brach mit dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 ab. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich viele Kinder, auch aus Bochum, noch in Holland auf. Nur ein einziges Schiff legte in Holland noch ab, sehr spät, fast zu spät: Am 14. Mai 1940, die deutschen Truppen hatten bereits mit der Invasion in die Niederlande begonnen, legte die SS Bodegraven in Holland ab, um 66 jüdische Kinder nach England zu bringen. Nicht alle dieser Kinder fanden einen  Platz bei einer  Familie, vor allem für die älteren Jungen war das schwierig. Sie wurden in Heimen untergebracht.
  Durch Zufall erhielten wir im  letzten Jahr eine Fotografie, aufgenommen Ende Mai 1940 in einem Heim in Manchester: Man sieht darauf eine  Gruppe von Jungen mit einigen Betreuern. Sie alle waren mit der SS Bodegraven nach England gekommen.
  Der heute in den USA lebende Norbert Ripp, in Bochum geboren, später nach Wanne-Eickel verzogen, hat uns dieses Bild geschickt, zusammen mit anderen Fotos und eigenen  Erinnerungen an die anderen Kinder. Auf dem Bild sind noch weitere Kinder aus Bochum: Horst Walter Adler, Werner Davids und Bodo Salomons.
  Schülerinnen und Schüler verschiedener Bochumer Schulen haben sich in den letzten Monaten mit dem Schicksal dieser Bochumer Kinder beschäftigt. Was sie herausgefunden haben, werden sie Ihnen jetzt berichten. 

                                                                                      (Hubert Schneider)