Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Der jüdische Friedhof an der Wasserstraße (1)

Auf dem 1918 eingerichteten jüdischen Teil des Kommunalfriedhofs an der Wasserstraße stehen Grabsteine aus einem Zeitraum von fast drei Jahrhunderten: Nach Auflassung der drei alten  in Bochum gelegenen jüdischen Friedhöfe wurden die Grabmäler hierher versetzt. Vom ersten Friedhof am Buddenbergtor  sind zwei Grabmäler aus der Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten, von den beiden jüdischen Friedhöfen an der Friedhofstraße 51 bzw. 53 Grabmäler. Ihre Anlage, ihre Formen und Inschriften ermöglichen Einblicke in zentrale Inhalte und Wandlungen jüdischen Glaubens und jüdischer Frömmigkeit und sind aufschlussreiche Zeugnisse der wechselvollen Geschichte jüdischen Lebens in Bochum.
   Zeigen die zahlreichen gut  erhaltenen repräsentativen Grabsteine, die vor allem in den Gräberfeldern U, X, Y und V stehen, welche Bedeutung die  hier beigesetzten Personen nicht nur im jüdischen Leben,  sondern auch in der Stadt Bochum vor 1933 spielten, so  fällt auf, dass in den hinteren Reihen des Feldes V die Grabsteine immer niedriger und unscheinbarer werden, bis hin  zu den wenig kunstvollen Kissensteinen am Anfang der Reihe F. Im weiteren Verlauf dieser Reihe klaffen dann große Lücken, bis unvermittelt eine Folge gleichartiger Steine beginnt, die auch in der ganzen letzten Reihe zu sehen sind und sich bis in die Mitte der ersten Reihe von Feld W erstrecken. Eine Erklärung bietet die jüdische Geschichte Bochums in dem Jahrzehnt zwischen 1935 und 1945. Angesichts der öffentlichen Diffamierung, der zunehmenden Entrechtung und  wirtschaftlichen Beraubung durch Berufsverbote und die sogenannte „Arisierung“ waren keine repräsentativen Grabmäler mehr möglich. Vielfach konnten überhaupt keine Steine mehr gesetzt werden.
   Auf den in den Reihen V F 26 bis W A 13 stehenden einheitlichen Grabmälern aus  hellem Ruhrsandstein stehen für unsere Ohren fremd klingende Namen, ausschließlich von Männern, die alle zwischen dem 5. Dezember 1944 und dem 16. März 1945 gestorben sind. Wie man nachlesen kann, handelt es sich dabei um Opfer des „SS-Sonderkommandos Bochumer Verein“, das zur Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald gehörte. Es waren ungarische Juden, die, als es in Deutschland offiziell keine Juden mehr gab, in der zweiten Jahreshälfte 1944 als Zwangsarbeiter auch nach Bochum kamen, entweder direkt aus Auschwitz oder über Buchenwald. Nach der Zerstörung der Krematorien in Bochum und Essen wurden die toten Ungarn erdbestattet. 1965 wurden einheitliche Grabsteine gesetzt.
   Geht man über das Gräberfeld W, stellt man fest, dass es nach 1945 kaum neue Grabmäler gibt: Es gab ja auch kaum noch Juden in Bochum. Das änderte sich erst in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Durch den Zuzug von jüdischen Menschen aus der früheren Sowjetunion entwickelte sich wieder jüdisches Leben in Bochum. Die Gemeinde ist heute ungefähr  so groß wie 1932. Ausdruck hierfür sind nicht  nur die neue Synagoge am Erich-Mendel- Platz, sondern auch die zunehmenden Gräberreihen mit den Toten der heutigen jüdischen Gemeinde.
   So legt der jüdische Friedhof Zeugnis ab über nahezu dreihundert Jahre Geschichte: nicht nur der Juden, sondern auch der Stadt Bochum. (2)

                                                                       (Hubert Schneider)

1)
 Siehe hierzu Manfred Keller/Gisela Wilbertz (Hg.): Spuren im Stein. Ein
Bochumer Friedhof als Spiegel jüdischer Geschichte, Essen 1997.
2)
 Dieser Artikel wurde im Gemeindebrief der evangelischen Melanchthon
Kirchengemeinde Bochum – Juni-August 2010 – auf den Seiten 14 - 15
veröffentlicht.