Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Der interreligiöse Dialog in Bochum-Querenburg

 Als Ende der 1960iger Jahre die  Ruhruniversität Bochum im südöstlichen Stadtteil Querenburg  gebaut wurde, baute man direkt nördlich davon zugleich ein neues Wohngebiet: die Hustadt mit zwei kleinen Geschäftsbereichen sowie dem kath. Gemeindezentrum St. Paulus und dem Evangelischen Hustadt- Zentrum. Westlich schließt  sich daran an das Anfang der 1970iger Jahre gebaute Uni-Center, ein großes Einkaufszentrum, verbunden mit Wohngebäuden und Studentenwohnheimen und einem gemeinsam genutzten Kirchenzentrum („Kirchenforum“) mit der katholischen Kirche St. Augustinus (genutzt auch von der Katholischen Hochschulgemeinde) und der evangelischen Apostelkirche (genutzt auch von der Evangelischen Studentengemeinde) (1; 4). Die Bewohner beider Wohnbereiche kamen aus zahlreichen Nationen hierher. Unter ihnen gibt es viele Muslime, die drittgrößte religiöse Gruppe in Querenburg. Schon während der Entstehung der Hustadt bildete sich ein Moschee-Trägerverein (2). Erst 1984 wurde dann jedoch die Khaled-Moschee in den Räumen einer ehemaligen Diskothek im Uni-Center gegründet. Diese Moschee-Gemeinde hat eine arabische Basis, hat jedoch auch zahlreiche nicht-arabische Mitglieder, weshalb die gemeinsame Umgangssprache  Deutsch ist. Die 1953 gegründete, bis 1990 sehr kleine jüdische Gemeinde („Jüdische Kultusgemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen“) spielte in den Anfangsjahren der Hustadt dort keine Rolle. Dies änderte sich, als nach 1990 auch in Bochum  jüdische Kontingentflüchtlinge aus der zerfallenen Sowjetunion angesiedelt wurden, wodurch die Gemeinde stark anwuchs, sich 1999 von Recklinghausen trennte und als Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen in zunächst provisorischen, gemieteten Räumen in Bochum-Laer neu organisierte. So lebten seit den 1990iger Jahren in der Hustadt nun auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde (5).
   Schon bald nach der Gründung der Hustadt kam es zu sozialen Begegnungen der unterschiedlichen Bewohnergruppen, aus denen sich dann auch  ein interreligiöser Dialog entwickelte: Ab etwa 1970 trafen sich katholische und evangelische Christen zu einer ökumenischen Bibelarbeit, ursprünglich im Dezember gelegen, später in den November vorgezogen, dem Christlichen ökumenischen Bibellesemonat , bestehend aus einem Friedensgebet und drei aufeinanderfolgenden Bibelleseabenden, zu jeweils einem gemeinsamen Thema (3). Ab etwa 1980 begannen dann christliche Frauen sich regelmäßig mittwochs im Paulushaus der katholischen Gemeinde zu treffen, meist Mütter mit Kindern, zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Diese Treffen sollten helfen, Kontakte zu Frauen zu knüpfen, die normalerweise nicht in die Gottesdienste kamen und meist nichtakademischen Kreisen angehörten. Ab 1991 beteiligten sich an diesen   Müttertreffs auch mus- limische Frauen aus verschiedenen Ländern. Auch zu ihnen entstanden freund- schaftliche Beziehungen. Man unterhielt sich nicht primär,  aber unter anderem auch über religiöse Themen. Diese Treffs bestanden etwa 25 Jahre lang (3).
   1980 gründeten zugleich auch drei miteinander befreundete Frauen mit Vornamen Elisabeth das  „Elisabeth Café“, das etwa 20 Jahre lang bestand, -  ein Gesprächskreis, der sich jährlich am 19. November, dem Namenstag der Hl. Elisabeth von Thüringen, im Paulushaus zusammenfand. Hieran nahmen ab 1997 auch Frauen aus der jüdischen Gemeinde teil, die seit kurzem in der Hustadt wohnten, meist Frauen mit bereits erwachsenen Kindern (3).
   Seit Ende der 1980iger Jahre gab es außerdem den Gesprächskreis  „Deutsche Konversation“, der sich jeweils am Montagmorgen in den Räumen der katholischen Gemeinde traf und an dem ab 1997 auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde teilnahmen. Auch  dies war nicht primär eine religiöse Veranstaltung. Es wurden allerdings gelegentlich kleine Referate gehalten, immer wieder auch zu religiösen Themen (3). 
  Rahmen der Feierlichkeiten  zum 10. und 20. Jahrestag des Bestehens der Hustadt (1978 und  1988) hatte es jeweils nur innerchristliche ökumenische Gottesdienste gegeben. Als dann das 30-Jahres-Jubiläum bevorstand wurde von muslimischer Seite das Angebot der Teilnahme an einer interreligiösen Veranstaltung gemacht. Dies führte zur Bildung einer offenen interreligiösen Diskussionsgruppe mit Teilnehmern aus allen drei monotheïstischen Religionen, die nicht nur den interreligiösen Beitrag für die  Jubiläumsfeier 1998 erarbeitete, sondern auch beschloss, diese Arbeit fortzusetzen. Man vereinbarte Abendveranstaltungen zu gemeinsam beschlossenen Themen. Die Referenten kamen aus der Gruppe. Die Abende waren mit 20 und mehr Teilnehmern meist gut besucht (3).
   Die Erschütterungen des II. Tschetschenienkrieges (1999-2000) (1) bewirkten ein  gemeinsames Friedensgebet der drei Religionen  am Sonntag, 26.03.2000, im Atrium des Kirchenforums, an dem viele  Bewohner der Hustadt und des Uni-Centers teilnahmen (3).
   Die im September 2000 im Westjordanland ausgebrochene sogenannte II. Intifada, der  palästinensische Aufstand gegen die israelische Besatzung, bedingte dann jedoch das Fernbleiben der Vertreter der Moschee-Gemeinde von einem weiteren Friedensgebet am 5. November desselben Jahres, gewidmet dem Frieden im Nahen Osten (3). Die Zerstörung des World Trade Centers in New York am 11.09.2001 durch islamistische Attentäter bewirkte eine weitere Irritation im interreligiösen Dialog. Die muslimischen Teilnehmer sahen sich dem Generalverdacht der Anfälligkeit für terroristische Taten ausgesetzt und zogen sich, verletzt, aus der Gruppenarbeit zurück (3).
   Doch die Kontakte brachen nicht gänzlich ab und bereits 2003 bildete sich ein neuer  Interreligiöser Arbeitskreis Querenburg (IAK Querenburg), wie er sich nun nannte, an dem sich die christlichen Orts- und Studentengemeinden sowie Vertreter der Khaled-Moschee  beteiligten. Aus personellen Gründen konnte die jüdische Gemeinde erst ab 2004 nach und nach wieder teilnehmen. Bei regelmäßig 2x jährlich stattfindenden Vorbereitungstreffen wird seither ein strukturiertes Jahresprogramm beschlossen mit Referaten, Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen mit Schul- und Kindergartenkindern  und deren Eltern. Die Einrichtung des Christlichen  ökumenischen Bibellesemonats wurde mit einbezogen und ab 2006 dann auch nichtchristlichen Teilnehmern geöffnet (3). Mit einbezogen wurde auch der  Tag der offenen Moschee, seit 1997 auf den 3. Oktober gelegt, den Tag der Deutschen Einheit. Außerdem lädt die Moschee- Gemeinde seit Jahren im muslimischen Fastenmonat Ramadan nach dem Fastenbrechen („Iftar“) zu gemeinsamen Mahlzeiten ein.
   Seit 2007 kam es in Bochum  zu bedeutsamen Veränderungen, die auch auf den IAK Querenburg Rückwirkung haben: Zurückgehende Kirchensteuereinnahmen infolge sich verringernder Mitgliederzahlen zwangen die beiden großen Kirchen zu Einsparungen an Personal und Räumlichkeiten. So schieden von christlicher Seite  innerhalb kurzer Zeit wichtige Aktivisten im IAK Querenburg aus, deren Nachfolge noch offen ist (5). Durch Umzug aus den bisher beengten Räumen in ein neues Gemeindezentrum an der Castroper Straße im Dezember 2007 verbesserte sich die räumliche Situation der jüdischen Gemeinde. Nachdem am 23.08.2008 das Jubiläum „40 Jahre Hustadt“ unter Beteiligung des IAK Querenburg mit Vertretern aller 3 Religionen gefeiert wurde und der IAK dabei selbst auf ein nunmehr 10-jähriges Bestehen zurückblicken konnte (4), zog im Oktober 2008 dann auch die Khaled-Moschee aus ihren beengten Räumen um in ein von  der muslimischen Gemeinde erworbenes und umgebautes Haus an der Ecke Querenburger-/ Wasserstraße und nennt sich seither Islamischer Kulturverein Bochum (5). Das gemeinsame Friedensgebet fand am 05.11.2009 dann erstmals hier statt unter starker Beteiligung jüngerer Mitglieder der Moschee-Gemeinde, die ein gewachsenes Selbstbewusstsein und eine dynamische Teilnahmebereitschaft im Interreligiösen Arbeitskreis Querenburg spürbar machten (5).
   Während der seit 2003 vorwiegend von Männern gestaltete IAK Querenburg sich in der geschilderten Weise entwickelte, führte die christliche und muslimische Frauenwelt in der Hustadt parallel immer wieder eigene interreligiöse Veranstaltungen durch wie etwa die unter dem Motto  „ Gelebte Religion“ durchgeführten Diskussionen am Frühstückstisch und die gut besuchten  christlich- islamischen Gebetsstunden, die in den letzten Jahren im Paulushaus stattgefunden haben und auch weiterhin fortgesetzt werden sollen (3). 
                                         
                                                                              (Michael Rosenkranz)

Quellen:
 
(1) http://www.wikipedia.org   
(2) Ahmad Aweimer.  aweimer@t-online.de
(3) Elisabetta Hofelich.  elisabetta.hofelich@gmx.de
(4) Fritz Heinke.  Fritz.Heinke@ruhr-uni-bochum.de
(5) Dr. Michael Rosenkranz.  almiro@web.de