Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Matzen eröffnet

 Mit der Überschrift spreche ich ein Thema an, das uns bereits seit langer Zeit beschäftigt.  Für Vorhaben, die inhaltlich anspruchsvoll sind, von anderen Institutionen mitgetragen werden müssen und obendrein  auch noch Geld kosten, braucht man einen  langen Atem und Beharrlichkeit. Wenn dann am Ende das gewünschte  Ergebnis zu sehen ist und dieses in der Öffentlichkeit auf positive Resonanz stößt, lässt die eigene Freude darüber den langen Weg kürzer erscheinen. Das wird in den nächsten Zeilen näher beschrieben.

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Matzen
In der Planung der Synagoge und des Gemeindezentrums ist von Anfang an der Betrieb eines Restaurants vorgesehen gewesen. Der Gastraum und die Terrasse liegen rechts vom Eingang der Synagoge und sind ohne weiteres für jedermann direkt zu erreichen.
  Dass wir mit der Einrichtung des Restaurants und seiner Terrasse sowie der Aufnahme des Betriebes seit der Einweihung der Synagoge am 16.12.2007 so lange gebraucht haben, hat natürlich seinen Grund. Wichtig war zunächst, alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Gottesdienste gefeiert werden können, Religions- und Sprachunterricht erteilt wird, die sozialen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder bedient werden, die Kinder und Jugendlichen, die Senioren, der Chor, die Bücherei ihre Räume haben, also das Leben der Gemeinde insgesamt sich entwickelt.

  Die Planung des Gemeindezentrums und der Synagoge ist in erster Linie die Aufgabe der Gemeinde selbst gewesen. Sie hat dem Architekten Prof. Peter Schmitz gegenüber das gewünschte Gemeindeleben so beschrieben, dass daraus ein Raumprogramm entwickelt und  gebaut werden konnte. Dass im Laufe der Zeit bauliche Anpassungen erforderlich werden, um veränderten Entwicklungen  zu folgen, ist bei Juden nicht anders als bei Christen, also ein ganz normaler Prozess.

  Bei der Einbindung der Jüdischen Gemeinde in das religiöse und gesellschaftliche Leben der Region müssen außer der Gemeinde auch die Politik, die Wirtschaft und die Bürgerinnen und Bürger insgesamt das gemeinsame Leben unterstützen. Der Freundeskreis Bochumer Synagoge sieht seine Rolle in diesem Zusammenhang darin, das bestehende Netzwerk der Einrichtungen der Erwachsenenbildung zu stärken und zu sinnvoll abgestimmten Veranstaltungen anzuregen. Neben der Jüdischen Gemeinde und unserem Verein „Erinnern für die Zukunft“ gehören diesem  Netzwerk die Evangelische Stadtakademie, das Katholische Forum, die Familien- bildungsstätten, die Stadtarchive, die Museen, die Hochschulen und die Volkshochschulen an. Ich bin sicher, dass ich den Kreis nicht erschöpfend beschrieben habe. Er ist offen, weil es keine geschlossene Gesellschaft sein darf. Unser 22 Ziel ist, durch Vorträge, Diskussionen, Seminare, Konzerte und Lesungen Menschen verschiedener  Religion und kultureller Herkunft auf einander neugierig zu machen. Damit sollen Unterschiede nicht missionarisch egalisiert, sondern bewusst gemacht werden. Das zeigt den Reichtum der Vielfalt, vermittelt Kenntnisse über wenig oder nicht Bekanntes und fördert die gegenseitige Achtung. Für mich ist das die Grundlage für einen friedlichen und würdigen Umgang miteinander.
  Was hat das alles nun mit Matzen, dem Restaurant an der Synagoge, zu tun? Ein Restaurant ist nicht allein der  Ort, an dem Hunger und Durst zu stillen sind. Es ist auch eine Stätte der Begegnung, ein Platz, an dem Menschen sich treffen und in lockerer Atmosphäre das tun  können, was ich in den vorangegangenen Absätzen als Ziel der Kommunikation beschrieben habe. Über den Besuch des Restaurants nähere ich mich der Gemeinde, der Synagoge und dem Judentum auf sehr behutsame Weise. Ich habe es selbst in der Hand, mich auf tiefer gehende Begegnungen einzulassen. Es ist die ausgestreckte, einladende Hand „unserer“ Juden, in ihr Haus zu kommen. Was ist das für eine schöne und ermutigende Geste!

Am 12.07.2010 ist Matzen „weich“ eröffnet worden. Damit hat eine Phase begonnen, in der die Gemeinde üben kann, mit diesem neuen Metier umzugehen. Die „harte“ Eröffnung ist zum Wiederbeginn der Schulzeit nach den Sommerferien, also Ende August/Anfang September vorgesehen. Von da an muss der Betrieb professionell laufen.
  Ein Restaurant zaubert man nicht aus dem Boden. Da bedurfte es technischer Einrichtungen; Tische und Stühle für drinnen und draußen sind zu beschaffen; Öffnungszeiten waren festzulegen und personell abzudecken; die Speisekarte soll jüdisch, vielfältig und trotzdem für die Küche beherrschbar sein. Es gibt viele Helfer, die ihre Hände gerührt  und ihre Geldbeutel geöffnet haben, um den heutigen  Stand zu erreichen. Sie werden den aufgenommenen Betrieb  begleiten, fördern, wenn nötig korrigieren, auf jeden Fall nicht allein lassen. Das ist eine Gruppe von Menschen, die Freude daran haben, das Restaurant in Gang zu bringen.
  Es gibt noch eine zweite Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat,  Matzen mit Leben zu erfüllen.  Hier sind Literaten, Kulturredakteure und Buchhändler am Werk, durch Lesungen Menschen zum Besuch einzuladen. Das Ziel ist immer dasselbe: Begegnung, Lernen, respektvoller Umgang miteinander.
  Ich wünsche Matzen  einen guten Start und große Resonanz in der Bevölkerung. 

                                                                  (Gerd Liedtke)