Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Musik der Synagoge neu entdecken

Biennale 2010 „Musik & Kultur der Synagoge“ im Ruhrgebiet Jüdische Musik ist heute für viele Menschen in Deutschland gleichbedeutend mit Klezmer  und Folklore. Nur wenige kennen die große Tradition synagogaler Musik, die bis in biblische Zeiten zurückreicht. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert erlebte die jüdisch-liturgische Musik europaweit eine besondere Blüte. Neben  den Sologesang des Kantors trat der Chorgesang (zunächst nur Männerchöre) und – in Gemeinden der liberalen Richtung – auch die Orgel. Die musikalische Tradition, die sich aus unterschiedlichen ost- und westeuropäischen Quellen speist, wurde nach Jahrhunderten der mündlichen Überlieferung in diesem Zeitraum schriftlich fixiert. Außerdem wurden neue Melodien und Bearbeitungen im Stil der Zeit komponiert.
   
Als in der Pogromnacht 1938 die Synagogen niedergebrannt und durch die Shoah in Europa die jüdischen Gemeinden ausgelöscht wurden, ging diese Musikkultur fast verloren. Hier setzt das Projekt „Biennale: Musik der Synagoge“ des Evangelischen Forums Westfalen an. Es will die sakrale jüdische Musik in Erinnerung rufen und dazu beitragen, dass diese Musik neu belebt und kontinuierlich gepflegt wird.
   Ausgangspunkt des ambitionierten Projektes, das mit Blick auf die Kulturhauptstadt RUHR.2010 entwickelt wurde, war die „Wiederentdeckung“ des  bedeutenden jüdischen Kantors Erich Mendel. Geboren im  münsterländischen  Gronau, aufgewachsen in Herne, wirkte Mendel in Bochum von 1922 bis zur Pogromnacht 1938 an der Synagoge.  Im Herbst 2008, siebzig Jahre nach dem Novemberpogrom, veranstaltete das Evangelische Forum Westfalen  (mit Sitz in Bochum) in Gelsenkirchen und Bochum drei Konzerte mit synagogaler Musik.  Den Auftakt gestalteten "mendels töchter", ein junges Ensemble aus Münster, mit Werken von Erich Mendel und eigenen Kompositionen in der Tradition Mendels.
   Nach der erfolgreichen Premiere im Herbst 2008 konnte in den Monaten Mai bis Juli 2010 die zweite Biennale durchgeführt werden, nun mit dem ambitionierten Titel „Musik & Kultur der Synagoge“. Die Chancen dafür, dem hohen Anspruch gerecht zu werden, standen gut. Denn das Vorhaben wurde ein offizielles Projekt der „Kulturhauptstadt Ruhr“. Sah das ursprüngliche  Konzept des Evangelischen Forums Westfalen vor allem Konzerte und Workshops vor, so konnte nach den Vorstellungen der RUHR 2010 GmbH und dank ihrer finanziellen Unterstützung die Palette um Vorträge und Lesungen, Begegnungen und Besuche an jüdischen Orten sowie kulinarische Angebote und eine Ausstellung erweitert werden.
   Den Auftakt machte Avitall Gerstetter aus Berlin, die vor wenigen Jahren Geschichte schrieb, als sie die erste jüdische Kantorin in Deutschland wurde. Sie gab ein Konzert am 9. Mai 2010 im Forum des Kunstmuseums Bochum. Kurz darauf, am 13. Mai, wurde in der Evangelischen Stadtakademie Bochum die Ausstellung „Neue Synagogen in Deutschland“ eröffnet. Die Fotoschau präsentierte sechzehn der interessantesten Synagogen, die in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland entstanden sind, darunter auch drei Neubauten im Ruhrgebiet: Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum. Im Rahmen der festlichen Eröffnung, bei der auch ein koscherer Imbiss gereicht wurde, stellte der Kunsthistoriker Dr. Ulrich  Knufinke die Traditionen und Entwicklungen der Synagogenarchitektur in Europa im 19. und 20. Jahrhundert vor.
   Viel Beifall fand ein Konzert am 27. Mai in der Synagoge Dortmund, das vom  „Syngagogal-Ensemble Berlin“ mit Kantor Isaac Sheffer und der Organistin Regina Yantian gestaltet wurde. Das Ensemble besteht aus Sängerinnen und Sängern, die den Berliner  Opernchören angehören oder freiberuflich als Solisten arbeiten. Es ist in Deutschland das einzige Ensemble, das jeden Freitagabend, jeden Shabbatmorgen sowie an allen jüdischen Feiertagen die Liturgie von Lewandowski zum Klingen bringt – zu erleben in der schönen alten Synagoge Pestalozzistraße in Berlin.
   Louis Lewandowski, einem der  Begründer neuzeitlicher Synagogenmusik, war am 6. Juli in Recklinghausen ein eigenes Symposion gewidmet. Den Auftakt machte Rabbiner Professor Dr. Andreas Nachama (Berlin), der Sohn des legendären Oberkantors Estrongo Nachama s.A., mit einem Vortrag zum Thema: „Louis Lewandowski – der Mendelssohn der Synagogenmusik“. Darin zeigte er, dass Lewandowski altjüdische Traditionen mit der zeitgenössischen Musik verband, wobei ihm die Tonsprache von Felix Mendelssohn Bartholdy als Vorbild diente. Nach Vortrag konnten sich die Gäste im Jüdischen Gemeindezentrum in Recklinghausen an Köstlichkeiten aus der jüdischen Küche stärken, bevor das Symposion mit einem großen Konzert in der Recklinghäuser Christuskirche seinen Abschluss fand. Auf dem Programm standen Lewandowskis „Achtzehn  liturgische Psalmen“ und seine „Festpräludien“.
   Weitere Höhepunkte im Biennale-Zyklus 2010 waren die Konzertaufführungen des „Leipziger Synagogalchors“ unter der Leitung von Kammersänger Helmut Klotz in Essen und Gelsenkirchen. Wie bereits im Jahr 2008 so gaben auch in diesem Jahr wieder „mendels  töchter“ und der Dortmunder Chor „Bat Kol David“ gut besuchte Konzerte. Das Münsteraner Ensemble, das sich der Pflege und Bewahrung des musikalischen Erbes von Erich Mendel verschrieben hat, gastierte an Pfingsten / Shawuot in der Dorfkirche Wengern. Gut einen Monat später gestaltete der Chor „Bat Kol David“ die Einweihung der Mendel-Stele auf dem Platz vor der Bochumer Synagoge (vgl. dazu in diesem Heft …)
   Über die Musik hinaus gehörte in diesem Jahr die Begegnung mit der jüdischen Literatur zum Inhalt der 2. Biennale: Musik & Kultur der Synagoge. So führte eine szenische Lesung von Joseph Opatoshus Erzählung „Ein Tag in Regensburg“ in  der Synagoge Duisburg ins mittelalterliche Regensburg und lieferte einen Zeitspiegel der Vertreibung der Juden  im Jahre 1519.  Im „Literarischen Café“ stellten die Schriftsteller Vladimir Vertlib und Michel Bergmann ihre neuen Romane vor, die sich mit Themen  des jüdischen Lebens in der Gegenwart beschäftigen.
   Neben dem musikalischen und literarischen Programm bildete die neue Reihe „Jüdische Orte“ einen weiteren Schwerpunkt der diesjährigen Biennale. In Bochum, Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen wurden geführte Besichtigungen in den Synagogen und auf den jüdischen Friedhöfen angeboten. Auch auf Stadtrundgängen konnten die Teilnehmer die immer noch erhaltenen, vielfältigen Spuren jüdischen Lebens im Ruhrgebiet entdecken.
   Den glanzvollen Abschluss der  Biennale 2010 bildete ein Konzert der Gruppe „Asamblea Mediterranea“ aus Stuttgart in der Dorfkirche Bochum-Stiepel.  Das international besetzte Ensemble gestaltete mit seinem Konzertprogramm einen musikalischen Brückenschlag zwischen der aschkenasischen und der sephardischen  Kultur.  Im Anschluss an das Konzert bestand noch einmal Gelegenheit, im Gemeindehaus Stiepel einen Abend mit jüdischen Spezialitäten zu genießen. Die israelischen Köche Yoram und Shimon von einem jüdischen Restaurant in Düsseldorf verwöhnten ihre Gäste mit Lammfleisch, gefüllten Artischocken in Zitronen-Sauce, Süßkartoffeln in Knoblauch  und Rosmarin sowie einem üppigen Salate-Buffet und als Dessert „Malabi“, eine Süßspeise mit Himbeersauce und Rosenwasser.
   Kritisch bleibt anzumerken, dass nicht jede der vierunddreißig Veranstaltungen den Besuch verzeichnen konnte, den sie von ihrer Qualität her verdient hätte. Insbesondere die jüdische Beteiligung dürfte stärker werden. Für die Fortsetzung der Biennale im Jahr 2012 hat das Evangelische Forum Westfalen das Gebiet Ostwestfalen mit den Jüdischen Gemeinden in Bielefeld, Herford und Paderborn ins Auge gefasst. Die Zielsetzung  aber bleibt erhalten:  Mit dem Projekt „Musik & Kultur der Synagoge“ soll ein anspruchsvolles, internationales Musik- und Kulturprogramm gemeinsam mit den jüdischen Gemeinden und weiteren Kooperationspartnern realisiert  werden. Darüber hinaus will das Projekt die Basisarbeit in den jüdischen Gemeinden unterstützen, indem es Kantoren, Chöre und Instrumentalisten so fördert, dass sie eigenständig das große musikalische Erbe des europäischen Judentums fortsetzen können.

                                                  (Manfred Keller)

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Kantorin Avitall Gerstetter bei einem früheren Konzert
Quelle unbekannt