Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

    - Veranstaltung zum 9. November 2009: Wie in den Jahren zuvor, ist es auch im Jahre 2009 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Nach der Einweihung der neuen Synagoge im Dezember 2007 versuchen die Veranstalter, auch im Programm zum 9 November dieser Tatsache Rechnung zu tragen. Im Verlauf des Tages sollte ein Bogen von der Zerstörung der alten Synagoge zur Existenz der neuen Synagoge gespannt werden. 2009 standen die Ge- denkveranstaltungen ganz im Zeichen der Erinnerung an die sogenannten „Kindertransporte“: 1939, vor 70 Jahren, hatte Großbritannien die Erlaubnis gegeben, dass ca. 10 000 jüdische Kinder in ihr Land einreisen konnten. Wohlgemerkt, den Kindern alleine, nicht deren Eltern, wurde die Einreise erlaubt. Auch aus Bochum überlebten so zahlreiche jüdische Jungen und Mädchen: Der Lehrerin Else Hirsch und der Gemeindehelferin Erna Philipp gelang es so, in 10 solcher Transporte auch Kinder ihrer Gemeinde unterzubringen. Doch nicht allen, die zunächst nach Holland gebracht wurden, gelang die Weiterreise nach Großbritannien. Der Einmarsch der deutschen Truppen in die Niederlande im Mai 1940 bedingte, dass viele der noch dort lebenden Kinder deportiert und ermordet wurden. Ein Bochumer Beispiel hierfür ist der kleine Heinz Lewkonja. Mit dem letzten Transport von Holland nach England mit der MS Bodegraven – das Schiff wurde von den Deutschen bei der Abfahrt schon beschossen – im Mai 1940 gelang auch noch einigen Bochumer Kindern die Flucht. Eine Fotografie, die Ende Mai 1940 in einem Waisenhaus in Manchester gemacht wurde – sie wurde uns von Norbert Ripp, der auch auf dem Bild zu sehen ist – zur Verfügung gestellt, sind auch die Bochumer Jungen Bodo Salomons, Werner Davids und Horst Walter Adler zu sehen. Drei Schülergruppen hatten es in wochenlanger Arbeit unternommen, die Lebensgeschichten dieser Kinder und deren Familien zu recherchieren. Die Ergebnisse wurden, nach einer kurzen Einführung zu dem historischen Kontext der „ Kindertransporte“ durch Hubert Schneider, auf der zentralen Veranstaltung zur Erinnerung an die Pogromnacht einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Anschließend hatten die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung die Möglichkeit, die neue Synagoge zu besichtigen. Dieses Angebot wurde wie im Jahr zuvor wieder so gut angenommen, dass es auch in den kommenden Jahren zu einem festen Programmpunkt am 9. November werden soll. Bereits um 15 Uhr hatten Klaus Kunold und Hubert Schneider sehr gut besuchte Rundgänge zu den in Bochum verlegten Stolpersteine durchgeführt. Auch diese Rundgänge sind inzwischen zum festen Bestandteil der Gedenkveranstaltungen zum 9. November geworden.
      - Das Projekt Stolpersteine wurde 2009 fortgeführt: Am 30. Oktober war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 19 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten verschriftlichten Rechercheergebnisse können demnächst im Internet nachgelesen werden.
      - In das im Dezember 2007 eingeweihte Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ist inzwischen das Leben eingezogen. Der Freundeskreis Bochumer Synagoge unterstützt die Gemeinde dabei, dieses Zentrum auch zu einem Ort der Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden zu machen. Zahlreiche Veranstaltungen, Vorträge, Konzerte, zeugen davon. Auch unser Verein beteiligte sich in den vergangenen Monaten an dieser Arbeit. In einer Veranstaltung am 21. April 2010, durchgeführt in Kooperation mit dem Freundeskreis Bochumer Synagoge, dem Katholischen Forum und der Evangelischen Stadtakademie, setzte Hubert Schneider im Gemeindesaal seine Vortragsreihe „Jüdische Familien in Bochum – ihre Bedeutung für die Entwicklung der Stadt“ mit einem Vortrag über die Familie Freudenberg fort. Damit die russischsprachigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde an dieser Veranstaltung teilnehmen konnten, wurde das Manuskript in die russische Sprache übersetzt. Anlässlich der Jahreshauptversammlung des „Freundeskreises Bochumer Synagoge“ am 29. April 2010 hielt Hubert Schneider im Gemeindesaal der jüdischen Gemeinde einen Vortrag zu dem Thema: „Die Regelung der sogenannten Wiedergutmachung in der Britischen Besatzungszone und deren Umsetzung in der Stadt Bochum: Der Immobilienbesitz der jüdischen Vorkriegsgemeinde in Bochum. Beide Vortragsveranstaltungen waren gut besucht. Das Interesse an einer Besichtigung der Synagoge ist in der Bevölkerung sehr groß: Bisher wurden einige hundert Führungen durchgeführt. Sechs Leute führen abwechselnd die Gruppen, einer ist Mitglied der jüdischen Gemeinde, fünf sind Mitglieder des Freundeskreises, darunter auch Hubert Schneider. Die Gruppen – Schulklassen, Vereine, Einzelpersonen – melden sich bei der jüdischen Gemeinde oder bei städtischen Einrichtungen – zum Beispiel bei der Volkshochschule – an, die Führung übernimmt die Person, die an den gewünschten Terminen Zeit hat. Die gemachten Erfahrungen sind durchaus positiv, zeigen aber auch, wie gering das Wissen über jüdisches Leben in der Bevölkerung ist. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die Führungen mit jungen Leuten. Dabei besteht die Hoffnung, dass diese Gruppen, wenn sie etwas erfahren über Judentum und jüdisches Leben, weniger anfällig sind für die Propaganda rechter Gruppierungen, die ihre Aktivitäten ja gerade auf Jugendliche ausrichten. In diesem Sinne sind solche Führungen durch die Synagoge auch politische Aufklärungsarbeit.
      - Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") und auf dem jüdischen Friedhof wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.
      - Hubert Schneider hielt nicht nur in der Synagoge, sondern auch bei anderen Gelegenheiten Vorträge: Am 24. November 2009 sprach er in einer Kooperations- veranstaltung mit dem Katholischen Form und dem Freundeskreis Bochumer Synagoge in der Evangelischen Stadtakademie zum Thema „Jüdisches Leben in Bochum vor 1933“. Er betonte dabei vor allem, wie fest verwurzelt die Mitglieder der Gemeinde in der Stadt waren, welche bedeutende Rolle sie als tätige Mitglieder der Gesellschaft, als Wohltäter und treibende Kräfte für die Entwicklung der Stadt spielten. Am 25. Februar 2010 sprach Hubert Schneider in der Evangelischen Stadtakademie – wiederum in einer Kopperationsveranstaltung mit dem Katholischen Forum und dem Freundeskreis Bochumer Synagoge – über „Schicksale jüdischer Kinder aus Bochum“. Am 28. Januar 2010 sprach Hubert Schneider im Gemeindesaal der Melanchthongemeinde über die Realisierung und die Bedeutung des Projektes „Stolpersteine“ in Bochum. Am 12. Februar 2010 lasen Susanne Schmidt und Hubert Schneider als Autoren in der Buchhandlung Janssen aus ihrem Buch „Leben im Abseits - Agnes und Wilhelm Hünnebeck aus Bochum.“ Das Buch wurde im letzten Mitteilungsheft vorgestellt.
      - Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Briefwechsel und viele Telefonate zeugen davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden.
      - Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten Einige Mitglieder unseres Vereins sind sehr aktiv im „Bochumer Bündnis gegen Rechts.“
      - Regelmäßig bekommen wir Anfragen aus der Stadt oder von außen, die Fragen nach dem früheren jüdischen Leben in Bochum betreffen. Wir sind hier zu eine festen Adresse nicht nur in unserer Stadt geworden. So wurde Hubert Schneider beispielsweise nach Castrop-Rauxel eingeladen, wo gerade darüber diskutiert wird, ob man sich an dem Projekt „Stolpersteine“ beteiligen soll. Hubert Schneider soll durch einen Bericht über die Bochumer Erfahrungen eine Entscheidungshilfe bieten. Der „ Freundeskreis Bochumer Synagoge“ wird noch in diesem Jahr einen Bild- und Textband zur neuen Bochumer Synagoge veröffentlichen. Hubert Schneider ist an diesem Projekt mit zwei Textbeiträgen beteiligt. Eine Anfrage erreichte uns vom LWL-Museumsamt für Westfalen in Münster: Dort plant man eine Wanderausstellung: Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus in Westfalen – eine biographische Spurensuche. Unser Verein wird sich an diesem Ausstellungsprojekt mit einem Beitrag zur Familie Schmerler (Shulamith Nadir) beteiligen. Für den Begleitband zur Ausstellung wird Hubert Schneider einen Artikel zu Wilhelm Hünnebeck schreiben.
      - Auch als Institution sind wir in Bochum präsent: Hubert Schneider arbeitet als Vorsitzender des Vereins mit im Beirat des Freundeskreises Bochumer Synagoge mit. Hier engagieren wir uns v. a. bei der Öffentlichkeitsarbeit, wenn es um die Geschiche der alten jüdischen Gemeinde geht.
      - Im vergangenen Jahr hatten wir wieder Besuch von früheren Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde: Frau Silbermann kam aus Argentinien während einer Europareise für zwei Tage nach Bochum. Sie traf sich hier mit ihrer in London lebenden Enkelin, wollte dieser ihre Geburtsstadt zeigen. Sie wurde hier von Sabine Krämer, der zweiten Vorsitzenden unseres Vereins, und Herrn Liedtke, Vorsitzender des Freundeskreises Bochumer Synagoge, betreut. Aus Israel kam Herr Salinger für einige Tage nach Bochum, ein Nachkomme der Familie Lewkonja, der sich mit der Geschichte seiner Familie beschäftigt. Er wurde von Herrn Friedrichsmeier, der eine Stolpersteinrecherche für die Lewkonjas erstellt hat, und von Hubert Schneider betreut.
      - Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde.  Durch Vermittlung von Hermann Brecher erfuhren wir verspätet, dass schon vor geraumer Zeit in Israel Herr Nadir – Ehemann von Shulamith Nadir (vormals Susi Schmerler) - verstorben ist. Er gehörte 1995 mit seiner Frau zu den Besuchern in Bochum. 2005 war es noch zu einer eindrucksvollen Begegnung in seinem Haus in Kfar Menachem bekommen. Damals hatte er Hubert Schneider wertvolle Dokumente aus dem Besitz seiner damals bereits verstorbenen Frau überlassen. Von einzelnen anderen Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde kommt inzwischen die Post zurück, ohne dass wir sagen können, was der Grund dafür ist.
      - Nach wir vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse:
    www.erinnern-fuer-die-zukunft.de 

                                                                               (Hubert Schneider)