Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Stele für Erich Mendel eingeweiht - Stationenweg erinnert an die jüdische Geschichte Bochums

 „Was lange währt, wird endlich gut.“ Wie wahr dieses Sprichwort ist, zeigte sich  am letzten Junisonntag auf dem Erich-Mendel-Platz vor der Bochumer Synagoge. Eingeweiht wurde die erste Station des Weges „Jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid – Orte der Erinnerung“. Obwohl zeitgleich das Achtelfinal-Spiel der Fußballweltmeisterschaft Deutschland – England angepfiffen wurde, hatten sich rund 150 Gäste auf Einladung der Evangelischen Stadtakademie Bochum zur feierlichen Übergabe eingefunden. Die Stele erinnert an Erich Mendel, der von 1922 bis 1939 Kantor der alten Jüdischen Gemeinde in Bochum war.
  Pfarrer Arno Lohmann, der neue  Leiter der Stadtakademie, begrüßte Vorstand und Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die Oberbürgermeisterin  Dr. Ottilie Scholz und Alt- Oberbürgermeister Ernst-Otto  Stüber sowie Stadtbaurat Dr. Ernst Kratzsch und den Kulturdezernenten Michael Townsend. Einen besonderen  Gruß richtete Lohmann dem leider durch Krankheit verhinderten Alfred Salomon aus, dem letzten unter den heute in Bochum lebenden Juden, der Erich Mendel als Lehrer an der Jüdischen Schule und als Kantor in der Synagoge noch persönlich  gekannt hat. – Namentlich begrüßt wurden auch Dr. Hubert Schneider als Vorsitzender des Vereins „Erinnern für die Zukunft“ und Gerd Liedtke für den „Freundeskreis Bochumer Synagoge“.
  Vor genau zehn Jahren hatte  Dr. Manfred Keller, der damalige Leiter der Stadtakademie, die Idee zu diesem Projekt der Erinnerungskultur, das die ganze Geschichte der Juden in der heutigen  Stadt Bochum umfassen soll. Ein Konzeptpapier wurde entwickelt und in einer zweisprachigen Broschüre – deutsch und russisch – veröffentlicht, damit auch die jüdischen Einwanderer den Reichtum jüdischer Geschichte in der neuen Heimat kennen lernen. Der Kulturausschuss der Stadt Bochum, dem das Konzept vorgestellt wurde, gab offiziell ein positives Votum ab. Dennoch wurden andere Projekte der Gedenkkultur vorgezogen, nämlich solche, die sich auf die Shoah und ihre Opfer konzentrieren. Da die Stadtakademie diesen Projekten – etwa den vom Bochumer Stadtarchiv favorisierten „Stolpersteinen“ – keine Konkurrenz machen wollte, wurde der „Stationenweg“ zunächst auf Eis gelegt, natürlich in der Hoffnung,  dass seine Zeit noch kommen würde.
  Nun ist die Zeit da. Denn mehr und mehr entwickelt sich in den letzten Jahren das Bewusstsein, dass der enge und „ schwarze“ Blick, der bloß die  dunkle Zeit erfasst und Juden nur als Opfer darstellt, weder  den jüdischen Menschen und ihren bedeutsamen Leistungen noch einer positiven Pädagogik des Erinnerns gerecht  wird. Beispielhaft für den Umschwung in der gegenwärtigen Erinnerungskultur ist die grundlegende Neukonzeption der „Alten Synagoge“ in Essen, die bis zum Jahr 2007 eine typische „Gedenkstätte“ war und im Juni 2010 als „Haus der jüdischen Kultur“ neu eröffnet wurde.
  Ganz in diesem Sinne betonte Pfarrer Lohmann in seiner Ansprache: „Die einzelnen Stelen des Stationenweges sollen uns allen und insbesondere  jungen Menschen zeigen, dass es bereits seit Jahrhunderten ein bereicherndes Miteinander zwischen Juden und Menschen anderer Glaubenszugehörigkeiten in Bochum und Wattenscheid gegeben hat und bis heute gibt. Ohne die Verdienste unserer jüdischen Mitbürger ist die Bochumer Stadtgeschichte nicht zu schreiben. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen über Plätze, durch Parks und über Straßen unserer Stadt gehen und nicht wissen, welch ein Schatz jüdischen Lebens mit diesen Orten verbunden ist.  Die Stelen sind Orte einer bleibenden Wertschätzung für jüdisches Leben. Sie sind damit auch ein Widerspruch gegen jedes gefährliche Vergessen. In diesem Sinn errichten wir heute die erste Stele zu Ehren von Erich Mendel, und  in diesem Sinn soll jede weitere noch zu errichtende Stele ein sichtbares Zeichen sein.“ 
  Die Oberbürgermeisterin nahm den Faden auf: „Jüdisches Leben in Bochum ist viel mehr  als nur die zwölf Jahre des unsäglichen Nazi-Gräuels“,  so Dr. Scholz. Und dann zeichnete sie ein anschauliches Bild von Erich Mendel. Sie erinnerte daran, dass Mendel nach seiner Ausbildung 1922, gerade mal 20 Jahre alt, zum Kantor der jüdischen Gemeinde in Bochum und später auch zum Leiter der jüdischen Volksschule berufen wurde. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 setzte seinem öffentlichen Wirken ein Ende. Mendel zog  sich zurück und wurde zu einem leidenschaftlichen und  kenntnisreichen Sammler jüdischer Musik. In seiner Bochumer Wohnung entstanden eine umfangreiche Fachbibliothek synagogaler Musik und ein Archiv mit zahlreichen Noten und wertvollen Noten- Handschriften. Außerdem veröffentlichte der Bochumer Kantor wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte der Synagogenmusik und zur Musikpädagogik.
  Nach diesem Blick auf das „erste Leben“ widmete sich die Oberbürgermeisterin auch dem „zweiten Leben“ des früheren Bochumer Kantors, der nach einer schlimmen Zeit im KZ Sachsenhausen Deutschland verließ. Über England emigrierte er in die USA, wo er 1941 in Philadelphia im Staate Pennsilvania eine Stelle als Chordirektor und Lehrer für synagogale Musik erhielt. Parallel dazu begann Mendel, der seinen Namen mittlerweile in  Eric Mandell amerikanisiert hatte, seine in den Kriegswirren verlorene Sammlung neu aufzubauen und zu erweitern. Er ergänzte sie um jüdische Volksmusik, israelische Musik und um Lieder aus den Ghettos und Konzentrationslagern. Zum Schluss umfasste diese einzigartige Sammlung mehr als 15.000 Stücke. Bereits einige Jahre vor seinem Tod im Jahre 1988 übergab Mendel/ Mandell die Sammlung der Musikbibliothek des Gratz-College in Philadelphia.
  Dr. Manfred Keller schloss in  seiner Rede nahtlos an die Ausführungen der Oberbürgermeisterin an, als er sagte: „In Europa findet sich keine vergleichbare Sammlung. Sie könnte in Bochum stehen, wenn  Mendel nicht – wie mit ihm Tausende anderer – zur Emigration gezwungen worden wäre.“ Anschließend appellierte  Keller daran, die Texte und Bilder der Mendel-Stele nicht  rückwärtsgewandt, sondern mit dem Blick auf Gegenwart und  Zukunft zu bedenken, ein Wunsch, der insbesondere auch für die neuen Mitglieder der jüdischen Gemeinde gelte: „Die jüdischen Einwanderer, die in den letzten zwanzig Jahren nach Deutschland gekommen sind, stellen unter den Migranten insgesamt nur eine relativ kleine Gruppe dar. Sie sind aber eine Gruppe mit überdurchschnittlichem Bildungsniveau und mit großen künstlerischen Potentialen. Diese Menschen sollen Mut und Selbstvertrauen gewinnen, um eine eigenständige, erneuerte jüdische Kultur zu entwickeln.“ 
  Musikalisch gestaltet wurde die Feier von „Bat Kol David“, dem Chor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Westfalen-Lippe unter der Leitung seines Dirigenten David Zapolski. Eigens aus diesem Anlass hatten die Sängerinnen und Sänger aus Dortmund drei synagogale Gesänge von Erich Mendel einstudiert. Dafür und für das anschließende Konzert im Saal der Synagoge dankte das Publikum mit anhaltendem Applaus.
  „Was lange währt, wird endlich  gut“. Die Mendel-Stele – mit Texten von Renate Blätgen,  Manfred Keller und Arno Lohmann, gestaltet von der Grafikerin Renate Lintfert aus Dortmund und gefertigt von der Bochumer Firma Wilden – bildet den gelungenen Auftakt für ein anspruchsvolles Projekt zeitgemäßer Erinnerungskultur. Das „Dranbleiben“ und die gemeinsame Anstrengung haben sich gelohnt. Bleibt zu hoffen, dass alle, denen Pfarrer Lohmann den Dank der Evangelischen Stadtakademie für die erste Stele aussprach, sich mit gleichem Engagement für die Weiterführung des Projekts einsetzen. An Ideen herrscht kein Mangel. Nun gilt es, Spenden zu erbitten sowie  Bilder und Texte für weitere Stelen zu besorgen und aufzubereiten. Auch Beiträge der „ alten“ Bochumer Juden und ihrer Nachkommen in aller Welt sind sehr willkommen. 

                                                                                         (Manfred Keller)