Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Vergessen verlängert das Exil, das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung (Yad Vashem)

Ein beeindruckendes Erinnerungs-/ Mahnmal wurde am 29. Jan. 2010 in Herne eingeweiht unter der Teilnahme von Überlebenden der Shoah, Charlotte Knobloch, BürgerInnen und VertreterInnen aus Landes- und Kommunalpolitik.

Auf Initiative engagierter BürgerInnen, Organisationen und Parteien hatte der Rat der Stadt Herne am 13. Juli 2004 einen Beschluss gefasst, wonach er sich „für die Schaffung von Erinnerungsorten aussprach, an denen der Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel gedacht wird“.
   „Die Initiative ist vor allem  den Menschen gewidmet, die die Zeit der Verfolgung überlebten und mit denen ich in den letzten 15 Jahren - oftmals auch hier vor Ort - in Verbindung stand“ so Ralf Piorr, Herner Historiker, der viele Anstöße für die Projekte in Herne / Wanne-Eickel gab und sie mit sehr viel Engagement begleitete - nicht  nur beim zentralen Mahnmal, das jetzt auf dem Willi-Pohlmann-Platz am Kultur- und Bildungszentrum mitten in Herne erreichtet wurde, sondern auch bei den „dezentralen  Gedenktafeln, die an die Geschichte jüdischen Lebens in Herne und Wanne-Eickel erinnern“, wie es in einer Dokumentation zum Shoah- Denkmal  zu lesen ist.
   Seit 2004 wurden in Herne und Wanne-Eickel an 11 Orten von der Stadt Gedenktafeln als Stelen aufgestellt, die an jüdische Familien, die im Holocaust umgebracht worden waren, oder Orte jüdischen Lebens erinnern. Mit dem Projekt “Nahtstellen, fühlbar, hier“  und der Schaffung dezentraler Erinnerungsorte hat die Stadt  einen Weg beschritten, den man im Bereich der ‚Erinnerungskultur’ durchaus beispielhaft nennen kann“ so Oberbürgermeister Schiereck im Vorwort einer sehr ausführlichen und eindrucksvollen Veröffentlichung zum Shoah-Denkmal.
   SchülerInnen Herner Schulen  hatten sich mit ihren Lehrern, unterstützt von R. Piorr  mit dem Schicksal der ehemaligen jüdischen Bürger unserer Stadt beschäftigt, in Archiven und bei Zeitzeugen geforscht. Die Ergebnisse wurden dann mit Fotos, anderen Dokumenten und  Texten auf Edelstahltafeln mit einem besonderen Verfahren gedruckt, von der Stadt an den verschiedenen Orten gut sichtbar aufgestellt und bringen somit vielfach vergessenes Leben wieder in Erinnerung.
   „Die jungen Menschen taten  dies im Gedenken an die historischen jüdischen Gemeinden in Herne und Wanne- Eickel, in Erinnerung an die Menschen, an ihr Leben und Wirken und zugleich im  Gedenken an die Opfer von Ausgrenzung, Verfolgung und Deportation. Wir sind damit ein kleines Stück auf dem  langen Weg der Erinnerung vorangekommen“ so der Oberbürgermeister weiter.
   Wichtig für viele junge Menschen, die sich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzten, sind aber auch die Erfahrungen, die sie als junge Menschen in unserer heutigen Zeit erneut - wenn auch auf nicht vergleichbare Art - mit Ausgrenzung von Minderheiten oder Verfolgung und Abschiebung von Flüchtlingen machen.
   Mit dem zentralen Mahnmal für die Opfer der Shoah soll ein weiteres wichtiges Zeichen gesetzt werden.
   Es besteht aus einer senkrecht stehenden Platte aus hellem Beton, in die 410 durchsichtige ‚Okulare’, davon 401 mit den Namen, Geburts- und Todestagen / -Orten - soweit bekannt - der Herner und Wanne-Eickeler vernichteten Juden eingetragen sind, sowie 9 Okulare „unbekannt“ stellvertretend für ungeklärte Schicksale. Unten in der Tafel ist in hebräischen Zeichen eingraviert der Spruch, der auch auf vielen jüdischen Grabsteinen  steht „Ihre Seelen seien eingebunden in das Bündel des Lebens“. Auf diese Wand hin führt schräg, leicht ansteigend eine andere längere dunkle Betonplatte - einer Eisenbahnrampe nachempfunden -  in der seitlich die Namen der Vernichtungslager / KZ-Orte einbetoniert sind. Da die Namen in den Okularen wegen der Größe der in den oberen Reihen ohne Hilfsmittel (Leiter) leider nicht alle lesbar sind, wurde neben der Mahntafel eine Stele - ähnlich den anderen 11 im Stadtgebiet - aufgestellt, auf denen alle Namen einfach lesbar sind.
   „Die Betonplatte stellt sich sperrig in den Weg. Ein aufrechter, massiger Widerstand im Sichtkorridor zwischen Häusern und Menschen. Der helle Beton ist nicht plan, er weist unre- gelmäßige Narben und Schlieren auf. Es ist nichts heil, schon gar nicht in der Geschichte. Am Kopf der Platte ist ein gold- ener Davidstern eingelassen. …. Auf der Gedenktafel befin- den sich 410 Okulare. Sie wurden per Hand in einer Glas- manufaktur in Böhmen geformt. Bei 1400 Grad verflüssigt sich das Glas und mündet in seine endgültige Form. Verändert der Betrachter seine Position vor dem Denkmal, entsteht durch die Glaselemente … eine Bewegung aus Licht und Schatten. Unsere Erinnerung ist nicht statisch, sie ist ein ständig wechselnder Dialog  zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In den Okularen befinden sich Glasronden mit Namen, Daten und Orten. Aus der Entfernung scheinen nur die verlorenen Buchstabenreihen der gesetzten -Schrift durch das Glas. Um zu erkennen,  muss man näher treten, die einzelnen Inschriften in Augenschein nehmen. … Das Licht in den Okularen, es wandert. Wir lesen die Namen. Im jüdischen Glauben wird der Toten gedacht, indem die Namen der Verstorbenen verlesen werden.  ‚Ich möchte, dass sich je- mand daran erinnert, dass einmal ein Mensch namens David Berger gelebt hat’.  schrieb David Berger in seinem letzten Brief, bevor ihn die Nazis 1941 in Wilna ermordeten. … Die fünf Meter lange und leicht geneigte Rampe aus schwarzem Beton. Sie führt auf die Gedenktafel zu. Man muss sie beschreiten, um zu dem Okularfeld zu kommen. Es ist der beschwerliche Weg der Geschichte. Es stellt sich oft ein Ge- fühl der Fassungslosigkeit ein, wenn man anfängt, sich mit der Shoah zu beschäftigen. Diesen verstörenden Moment gilt es zu erhalten, nicht zu glätten oder in Rituale des Gedenkens zu kanalisieren“ so beschreibt Ralf Piorr seine Eindrücke über das Denkmal.
   Zu der Einweihung des Mahnmals am 29. Jan. begrüßte Oberbürgermeister Horst Schiereck neben einigen überlebenden ehemaligen HernerInnen aus dem Ausland auch  Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland sowie den damaligen NRW- Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. In z. T. sehr bewegenden Beiträgen berichteten die Gäste den ca. 120 HernerInnen, die zu der Feierstunde in die Volk- shochschule gekommen waren von den eigenen Erfahrungen von Verfolgung, Überleben und Neuanfang bis hin zu wieder neuen positiven Kontakten in ihre  alte Heimat Herne. Dazu gehören vor allem die Kontakte,  die einige Emigranten mit Herner SchülerInnen weiterführen. Vor einigen Jahren be- suchte Liesel Spencer aus den USA mit ihren Kindern Herne auf Einladung der Stadt. SchülerInnen und LehrerInnen der Erich-Fried-Gesamtschule hatten  sich mit der Biografie ihrer Familie befasst und sie nach  Briefkontakten persönlich in Herne treffen können und seitdem so enge Kontakte zu Liesel geknüpft, dass sie sie vor zwei Jahren in den USA besuchten. Für das Shoah-Mahnmal hatten aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung 29 KünstlerInnen aus ganz Deutschland Entwürfe eingereicht. Eine Jury aus der ehemaligen Hernerin Channa Birnfeld, die jetzt in Hamburg lebt sowie Fachleuten aus Kunst, Politik und der Herner Sparkasse, deren Stiftung Kunst und Kultur das Mahnmahl  wesentlich gefördert hat, hatten 3 Entwürfe in die engere Wahl platziert. Letztendlich entschied sich der Stadtrat in einer öffentlichen Sitzung für den jetzt realisierten Entwurf  der Wuppertaler Künstler Gabriele Graffunder und Winfried Venne.

(Günter Nierstenhöfer)

Die Zitate entstammen der Broschüre der Stadt Herne „ Erinnerungsorte  Shoah-Denkmal - Zum Gedenken an die Opfer der Shoah In Herne  u. Wanne-Eickel“  Eine Dokumentation von Ralf Piorr  im Auftrag der Stadt Herne, Herne 2009. Ralf Piorr hatte u. a. seine historische Ausbildung an der Ruhr-Universität Bochum bei Hubert Schneider begonnen!

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Shoa-Mahnmal in Herne
auf dem Willi-Pohlmann-Platz
Foto: Günter Nierstenhöfer