Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2010                          Nr. 14

Inhaltsverzeichnis

Die Regelung der so genannten Wiedergutmachung in der britischen Besatzungszone und deren Umsetzung in Bochum. - Der Immobilienbesitz der jüdischen Vorkriegsgemeinde.

Vortrag Freundeskreis Bochumer Synagoge am 29. April 2010

   Nach Ende des Krieges konnte niemand ernsthaft daran denken, dass Juden für die Nazigräuel entschädigt werden könnten. Jeder Versuch dazu konnte nur eine symbolische Handlung bleiben. Denkbar war  allenfalls eine materielle Wiedergutmachung. Und hier muss man sorgfältig unterscheiden zwischen der  Entschädigung der Person und der Rückerstattung von geraubtem Eigentum  - oder im Nazi- Jargon arisiertem Vermögen. Im Hebräischen verwendet man übrigens in diesem Zusammenhang nicht den Begriff Wiedergutmachung, sondern spricht schlicht von  Zahlungen (Shilumim).
   Nach Kriegsende erhofften sich die deutschen Juden von deutscher Seite eine Geste der Reue und Sühne. Da diese nicht freiwillig kam und  da  man in Deutschland hohe Rückforderungen – auch durch mittlerweile im Ausland lebende Juden – befürchtete, mussten die Besatzungsmächte nachhelfen. Zu einer ersten  bundesweit verbindlichen Entschädigungsregelung kam es im sogenannten Bundesergänzungsgesetz von 1953, das 1956 vom Bundesentschädigungsgesetz abgelöst wurde. 1965 wurde dieses Gesetz zum BEG-Schlussgesetz erweitert. Vor 1953 kam es zu zonalen Regelungen, wobei in der US-Zone die ersten Gesetze erlassen wurden.
   Die Geschichte der sogenannten Wiedergutmachung ist inzwischen sehr gut erforscht. Sie soll hier auch nicht nachgezeichnet werden. Ich möchte mich auf einen Sonderaspekt der  Rückerstattung von geraubtem  Eigentum konzen- trieren und die Frage stellen: Was geschah mit dem Eigentum der jüdischen Vorkriegsgemeinden, in diesem Falle mit dem Eigentum der jüdischen Vorkriegsgemeinde Bochum? Bevor ich jedoch dieser Frage im Detail nachgehe, möchte ich darstellen, wie diese Frage in der britischen Besatzungszone, in der Bochum ja lag, diskutiert und entschieden wurde. Zurückgegriffen habe ich dabei auf die Akten der jüdischen Nachkriegsgemeinde, die im Stadtarchiv Bochum und im NRW Staatsarchiv Münster lagernden Aktenbestände. Von Bedeutung war auch der private Nachlass von Siegbert Vollmann, dem ersten Vorsitzenden der Bochumer jüdischen Nachkriegsgemeinde. Dieser Nachlass befindet sich im Archiv des Vereins Erinnern für die Zukunft e.V.

  Von der Entwicklung einer adäquaten rechtsstaatlichen Antwort auf die Enteignung und Ausplünderung der deutschen Juden während des Nationalsozialismus bis zum Beginn der konkreten Rückgabe  der geraubten Güter waren die verschiedensten Hürden zu nehmen.
   Bereits zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es Pläne für Wiedergutmachungsforderungen des jüdischen Volkes an Deutschland für geplündertes Eigentum. Entsprechende Entwürfe wurden in Palästina, Großbritannien und in den Vereinigten Staaten formuliert. Ihre Entwürfe sahen die Entschädigung einzelner Opfer des Nationalsozialismus vor sowie die kollektive Entschädigung des jüdischen Volkes für den beispiellosen materiellen Schaden, das es erlitten hatte. Die Entwürfe wurden von jüdischen Organisationen in der ganzen Welt unterstützt. Auch als das Ausmaß der Vernichtung bekannt war, änderte sich der rein materielle Charakter der Forderungen nicht, denn es schien unmöglich, die Millionen von Menschenleben und das von den Nationalsozialisten verursachte Leid mit Geld aufzuwiegen.
   Am 20. September 1945 legte Chaim Weizmann als Vertreter der Jewish Agency (JA), sie war 1921 gegründet worden und vertrat die Interessen der in Palästina lebenden Juden bei der britischen Mandatsregierung vor dem Völkerbund, später der UNO, den Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion den ersten offiziellen Schadensersatzanspruch vor. Weizmann verlangte, dass das identifizierbare gestohlene Eigentum den ursprünglichen Besitzern , sofern diese überlebt hatten, oder jüdischen Organisa- tionen und Einrichtungen zurückzugeben sei. Das übrige jüdische Eigentum sollte Vertretern des jüdischen Volkes übergeben und zur Wiedereingliederung der Opfer des Nationalsozialismus  verwandt werden, wobei ein bestimmter Prozentsatz der von Deutschland gezahlten Entschädigung von der JA  zur Rehabilitierung der Überlebenden und deren Ansiedlung in Palästina vorgesehen war. Dies war die Grundlage für die Reparationsforderungen, die sechs Jahre später vom Staat Israel an die Bundesrepublik Deutschland gestellt wurden.
   Bevor es jedoch dazu kam, erließen zwischen 1945 und 1949 die westlichen Besatzungsmächte in ihren jeweiligen Zonen Rückerstattungsgesetze. Das britische Rückerstattungs- gesetz, das für Bochum relevant war, wurde am 12. Mai 1949 verkündet. Dieses Gesetz umging jedoch ein zentrales Problem, welches immer wieder für Verzögerungen gesorgt hatte: Der Umgang mit Eigentum,  für das es keine Erben mehr gab, war noch nicht eindeutig geregelt. Das Probleme der Benennung einer jüdischen Nachfolgeorganisation hatte schon 1947 eine Einigung zwischen Briten und Amerikanern in der Rückerstattungsfrage verhindert.  Im Dezember 1948 war es so in der amerikanischen Zone zur Ernennung der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) als Nachfolgeorganisation gekommen. Zu diesem Zeitpunkt überwogen die Bedenken der Briten, dass Gelder aus der Rückerstattung zur Finanzierung  einer illegalen Emigration nach Palästina missbraucht werden könnten, woran man als Mandatsmacht für Palästina   aus Rücksicht auf die dort lebenden Araber kein Interesse hatte. Je mehr sich Großbritannien jedoch aus Palästina zurückzog, umso weniger schien dieses Argument gegen die Einsetzung einer jüdischen Nachfolgeorganisation einsetzbar. Spätestens mit der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 und dem vollständigen Abzug britischer Truppen aus diesem Gebiet waren die bisherigen Bedenken hinfällig geworden. Nun waren es die Forderungen des polnischen Staates nach Rückgabe von Eigentum ehemaliger polnischer Staatsbürger die die Briten davon abhielten, eine jüdische Nachfolgeorganisation in ihrer Besatzungszone zu erlauben. Nach britischer Einschätzung hätten mit der Benennung einer ausländischen jüdischen Nachfolgeorganisation in logischer Konsequenz auch die Forderungen des polnischen Staates befriedigt werden müssen.  Hier überschnitten sich die Ansprüche einer jüdischen   Nahfolgeorganisation mit den Ansprüchen des polnischen Staats auf Eigentum von Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit. Dabei handelte es sich um erhebliche Vermögenswerte. Alleine in der sogenannten Polenaktion vom Oktober 1938  waren circa 17 000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus dem deutschen Reich abgeschoben worden. In der britischen Zone stand mehr polnisches erbenloses Eigentum  zur Disposition als in der amerikanischen Zone. Das Prinzip der Religionszugehörigkeit stand also mit dem der Nationalität in einem Konkurrenzverhältnis. Die Amerikaner hatten sich zugunsten des jüdischen Nachfolgeorganisation entschieden. Für diese Entscheidung mögen Gründe gesprochen haben, die sich aus der zunehmenden Blockkonfrontation ergaben. Ein Transfer von Geldern in einen Ostblockstaat war aus amerikanischer Sicher nicht wünschenswert. Bei den Briten rief zudem die Vorstellung, dass im Ausland gegründete jüdische Organisationen erbenloses Eigentum in Deutschland im Auftrag von Juden außerhalb Deutschlands verwalten sollten, wenig Sympathie hervor. Sie favorisierten daher das Modell einer Nachfolgeorganisation nach deutschen Recht, die ihre Fonds zum Wohle aller Opfer innerhalb Deutschlands verwenden sollten.

    1949 setzte in der britischen  Administration ein Umdenken ein. Nachdem  am
6. Mai 1949 Professor Norman Bentwich in seiner Eigenschaft als Präsident der United Restitution Organization (URO) im britischen Außenministerium vorstellig geworden war, um explizit für eine jüdische Nachfolgeorganisation zu werben, schickte die URO am 18. Mai 1949 ein ausführliches Memorandum nach London, in dem die wesentlichen Argumente für eine Nachfolgeorganisation nach amerikanischem Vorbild ausgeführt wurden: Der Kollektivanspruch ergab sich nach Ansicht der URO in folgerichtiger Konsequenz aus der Verfolgungsgeschichte. Unter  den Verfolgten, so die URO, stellten nun einmal die Juden die größte Gruppe dar, und keine weitere Gruppe sei von der vollständigen Vernichtung bedroht gewesen. Aus diesem Grunde habe ein überwältigender Teil des  nun erbenlosen Eigentums einstmals deutschen Juden  und den ehemaligen jüdischen Gemeinden gehört. Nach Ansicht der URO sollte auch das Eigentum der ehemaligen jüdischen Gemeinden in Deutschland einer jüdischen Nachfolgeorganisation zur Verfügung gestellt werden. Im Gegensatz zu Gewerkschaften und kirchlichen Organisationen, die ihr Eigentum jetzt wieder übernehmen könnten, seien die jüdischen Gemeinden und Organisationen vollständig zerstört worden. Es wäre daher ungerecht, so die URO weiter, wenn das Eigentum ehemaliger jüdischer Gemeinden nun in einem generellen Fond aufgehen würde, der eine Nothilfe an alle Opfer der Nazityrannei auszahle. Viele Mitglieder ehemaliger jüdischer Gemeinden seien jetzt im Ausland auf die Hilfe der dortigen Wohlfahrtsverbände angewiesen. Es sei nicht zu rechtfertigen, wenn das jüdische Gemeindeeigentum jetzt nicht diesen Opfern zugute käme, sondern ausschließlich den wenigen überlebenden Mitgliedern der ehemaligen Gemeinden in Deutschland.

   Es waren im Wesentlichen diese Argumente, aber auch rein praktische Erwägungen, die ein Umdenken im britischen Außenministerium bewirkten.  Ein führender Beamter, der zunächst gegen jüdische Organisationen gewesen war, gab jetzt zu bedenken: Die jüdischen Interessenvertreter hätten sich schon gegenüber der  stärkeren amerikanischen Besatzungsregierung als durchsetzungsfähig erwiesen. Alle Anzeichen sprächen dafür, dass ihnen dies auch gegenüber den Briten gelingen würde. Weiterer Widerstand in dieser Frage sei also zwecklos. Der Beamte sah in der Einrichtung einer jüdischen Nachfolgeorganisation jetzt sogar Vorteile: Sie könne der britischen Militärregierung eine Vielzahl von Unannehmlichkeiten und  Streitereien ersparen. Die jüdische Nachfolgeorganisation in der amerikanischen Zone habe nämlich begonnen, die ihr zurückgegebenen Friedhöfe wieder zu verkaufen, um Mittel für  Wohltätigkeitszwecke und den Erhalt von Synagogen zu requirieren. Das sei ein heikles Geschäft, das in den Händen einer nichtjüdischen Treuhandorganisation zu neuen  Streitigkeiten hätte führen können. Eine allgemeine Nachfolgeorganisation genösse auch in den anderen ihr dann anvertrauten Angelegenheiten nicht das volle Vertrauen jüdischer Interessenvertretungen. Hier seien weitere nicht so einfach zu schlichtende Konflikte voraussehbar.
   Das britische Außenministerium änderte jetzt seine Haltung in der Frage einer jüdischen Nachfolgeorganisation in der britischen Zone. Die Forderungen Polens nach Herausgabe des Eigentums ehemaliger polnischer Staatsbürger waren nun kein Hinderungsgrund mehr.
   Es sollte jedoch noch bis zum  4. Juni 1950 dauern, bis die neu gegründete Jewish Trust  Corporation (JTC) von der britischen Militärregierung zugelassen werden konnte  (im Dezember 1951 wurde diese Organisation übrigens auch für die französische Zone zuständig). Hierfür waren neben der Klärung zahlreicher Sachfragen auch erhebliche innerjüdische Konflikte verantwortlich.
   Zwischen den verschiedenen  jüdischen Interessengruppen herrschte nämlich  Uneinigkeit darüber, ob sich das Nachfolgerecht der britisch-jüdischen Treuhandorganisation auch auf das Eigentum der ehemaligen jüdischen Gemeinden erstrecken sollte, sodass der genaue Auftrag dieser Organisationen nicht abschließend definiert werden konnte. 
   Das Eigentum, um das sich der Streit entzündete, war zum Teil beträchtlich gewesen und umfasste neben Friedhöfen und Synagogen eine Vielzahl von Grundstücken und sonstigen Wertgegenständen. Der Anspruch der Nachfolgeorganisationen auf das Gemeindeeigentum scheint aus heutiger Perspektive durchaus berechtigt, denn von den einstmals blühenden Gemeinden in Berlin, Frankfurt und anderen deutschen Städten war  nicht mehr viel übrig geblieben. Ein Großteil der Gemeindemitglieder, die den Gemeinden zur Blüte verholfen hatten, war entweder ermordet worden oder ausgewandert. Gleichwohl hatten sich nach 1945 an vielen dieser Orte neue Gemeinden gegründet, die aus früheren Gemeindemitgliedern und ganz neuen Mitgliedern, meist aus dem Osten Europas, bestanden. 
   Auch diese Nachkriegsgemeinden erhoben einen Anspruch auf das Gemeindeeigentum, weil sie sich als Rechtsnachfolgerinnen der alten Gemeinden verstanden.
   In Nordrhein-Westfalen schlug der Konflikt um das Gemeindeeigentum besonders hohe Wellen und trug mit dazu bei, dass sich die Ernennung der JTC bis auf weiteres verzögerte. 
   Auch hier erhoben die neuen Gemeinden einen Anspruch auf das Eigentum der vorherigen Gemeinden – und dies mit Erfolg, denn hier hatte der Landtag die Nachkriegsgemeinden ohne Anhörung der britisch-jüdischen Organisationen als Körperschaften des öffentlichen Rechts und damit als Rechtsnachfolgerinnen der alten Gemeinden anerkannt. Mit diesem Beschluss gingen in Nordrhein-Westfalen auch alle Eigentumsrechte auf die Nachkriegsgemeinden über, die insgesamt 2 900 Mitglieder zählten. Ob die Initiative des nordrhein-westfälischen Landtags als Akt der Versöhnung mit den noch in Deutschland ansässigen Juden oder als geschicktes Manöver zu werten war, ist schwierig zu beurteilen, denn durch Ausschluss der ausländischen Nachfolgeorgani-sationen konnte ein Abfluss von Vermögen ins Ausland verhindert werden.
   Erklärter Wille der britischen Militärregierung war es jedoch, einer jüdischen Nachfolgeorganisation – JTC – das Eigentum der alten Gemeinden zu übertragen. Die britische Militärregierung hob das Gesetz der Landesregierung von NRW auf. Den Briten schwebte eine Lösung vor, wie sie in der amerikanischen Zone zwischen der Jewish Restitution Succesor Organization (JRSO) und den Gemeinden in Baden – Württemberg erreicht worden war. Diesem Einigungsvertrag folgend hätte die JTC das gesamte Eigentum der aufgelösten jüdischen Gemeinden erhalten und unter fairen und angemessenen Bedingungen den Nachkriegsgemeinden all jenes Eigentum überschrieben, welches sie zum Erhalt und zur Förderung ihres Gemeindeleben benötigten.
   Die Gräben zwischen den ausgewanderten Juden, die zur Prosperität der jüdischen Gemeinden beigetragen hatten und daher Anspruch auf das Eigentum erhoben, und denjenigen, die zurückgekehrt waren, überlebt  und die neuen Gemeinden gegründet hatten, waren tiefer als es die britische Militärregierung erwartet hatte. Hinzu kamen Interessen- gegensätze zwischen den emigrierten deutschen Juden und ihren Organisationen in Großbritannien auf der einen Seite und den Vertretern amerikanischer jüdischer Organisationen auf der anderen Seite, die als Nichtverfolgte ganz andere Ziele anstrebten als die unmittelbar Betroffenen.
   Die meisten nach Großbritannien geflohenen deutschen Juden schlossen sich der Ansicht ihres ehemaligen Oberrabbiners Leo Baeck an, der erklärt hatte, die Geschichte der Juden in Deutschland sei beendet. Man konnte daher nicht verstehen, warum überhaupt noch Juden in Deutschland blieben. Die Präsenz von Juden in Deutschland nach 1945 wurde als anormal und abscheulich empfunden. Stattdessen sollten sie möglichst schnell nach  Israel emigrieren, auch um sie vor den Gefahren eines wieder aufflammenden Antisemitismus zu bewahren.

   Der Einfluss der Organisationen der in Großbritannien lebenden deutschen Juden zeigte Wirkung: Unter der Schirmherrschaft der britischen Militärregierung kam es am 3. März 1950 zu einer Vereinbarung zwischen den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden in der britischen Zone und Vertretern der jüdischen Organisationen. Die Anwesenden erkannten die JTC mit all ihren Rechten auf das erbenlose, nicht beanspruchte Eigentum und auf das Gemeindeeigentum an. Zusätzlich wurde jedoch die Gründung eines Unterausschusses in der JTC vereinbart, der die Verfügungsgewalt über das Gemeindeeigentum erhalten und hierzu die Prinzipien, Regeln und Verfahrensweisen ausarbeiten sollte. Der Vorstand dieses Ausschusses setzte sich paritätisch aus Vertretern der jüdischen Gemeinden und Vertretern verschiedener internationaler jüdischer Organisationen zusammen. Auf diese Weise war die Rechtsstellung der JTC sichergestellt. Die britische Militärregierung konnte nun, da zwischen den verschiedenen Fraktionen über die JTC und ihre Rechte eine Einigung erzielt worden war, dazu übergehen, die JTC als jüdische Nachfolgeorganisation für die  britische Zone offiziell zu ernennen. Im Laufe der darauf folgenden Rückerstattungsverfahren,  in denen das Gemeindeeigentum eine Rolle spielte, konnten 900 Grundstücke zurückerstattet werden, darunter allein 620 Friedhöfe. Ein Teil des so von JTC eingenommenen Geldes sollte in einen Gemeindefonds eingezahlt werden, über dessen Verteilung eine eigens gegründete Treuhandgesellschaft, der  Jüdische Gemeindefonds  Nordwestdeutschland, entschied. Das Geld ging nicht an einzelne Gemeinden oder Landesverbände, sondern wurde einzeln an notleidende Gemeindemitglieder ausgezahlt. In diesen Fonds zahlte die JTC ungefähr zwei Millionen DM aus rückerstattetem Gemeindevermögen ein.

 Auch in Bochum war bereits im Dezember 1945 die Jüdische Religionsgemeinschaft Bochum gegründet worden. Siegbert Vollmann, verheiratet mit der evangelischen Emmy, der im August 1945 krank aus dem Juden-Internierungslager in Berlin zurückgekehrt war, wurde zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt. Die Gemeinde hatte 1947 55 Mitglieder. 29 von ihnen waren die jüdischen Partner aus sogenannten Mischehen, die lange Zeit durch ihre christlichen Partner geschützt, dann aber Ende September 1944 in Arbeitslager bei Kassel und in Berlin oder nach Theresienstadt verschleppt worden waren, aber zumeist überlebt hatten. Hinzu kamen zehn vormals aktive Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde, die die Verfolgung und Deportation überlebt hatten und zumindest zeitweise nach Bochum zurückkamen. Die  übrigen Mitglieder waren Displaced Persons, die ursprünglich in Osteuropa gelebt hatten, jetzt zumindest zeitweise sich den neuen jüdischen Gemeinden anschlossen.
   Siegbert Vollmann setzte seine  ganze Kraft dafür ein, die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der kleinen und armen Gemeinde zu befriedigen.  Dabei galt es zunächst, den teilweise zerstörten Friedhof   und die Leichenhalle wieder herzurichten. Die vielen Anfragen der Emigranten nach dem Zustand der Gräber ihrer Vorfahren konnte er bald positiv beantworten. Von den meisten Gräbern machte er Aufnahmen und schickte sie den Angehörigen. Im September 1947 fand in Bochum nach fünf Jahren erstmals wieder ein jüdischer Gottesdienst statt. Es war gelungen, in der Brückstraße 33b, im alten  Amtshaus, einen Gebetssaal einzurichten. Dennoch war die  Gestaltung des religiösen Lebens schwierig: Es fehlten kompetente Vorbeter und immer häufiger auch genügend Männer, um die für einen Gottesdienst notwendige Mindestzahl Zehn zu erreichen. So kam es, dass es üblich wurde, jeweils in den umliegenden Gemeinden nur einen Gottesdienst durchzuführen: in Herne, Recklinghausen, Dortmund, Gelsenkirchen oder Bochum. Auch wurde es üblich, die religiösen Feste – Rosch Haschana, Channuka, Purim,  Pessach – gemeinsam zu feiern. In den folgenden Jahren wurde die Bochumer Gemeinde immer kleiner: Einige der alten Menschen starben, andere verließen Bochum, emigrierten, besonders viele der Überlebenden aus den Lagern,  die die Rückkehr nach Bochum nur als Zwischenaufenthalt benutzt hatten, um danach zu ihren Angehörigen ins Ausland überzusiedeln. Der Zwang zur Zusammenarbeit der einzelnen kleinen jüdischen Gemeinden führte schließlich 1953 zum Zusammenschluss der drei Gemeinden Bochum – Herne – Recklinghausen. Zentrum wurde Recklinghausen: Hier war das alte Gemeindehaus an die Gemeinde zurückgegeben worden. Die Bemühungen Vollmanns, auch in Bochum als Ersatz für den früheren Immobilienbesitz der Gemeinde entsprechende Renditeobjekte zu erhalten,  scheiterten. Dabei sind die Vorgänge in Bochum ein  Spiegel der oben skizzierten nationalen und internationalen Auseinandersetzung um die Rückerstattung des Eigentums der alten jüdischen Gemeinden.
   Zunächst aber ein kleiner Rückblick auf die Vorgänge in den Jahren 1938 und 1939. Im Zusammenhang mit den sogenannten  Wiedergutmachungsverfahren um den jüdischen Gemeindebesitz in Bochum erklärte  ein Herr Kunzke, er war 1938/39 Sparkassendirektor in Bochum, zunächst, dass alle Akten aus den Jahren 1938/39 durch Fliegerangriffe verloren gegangen seien. Aus dem Gedächtnis  gab er am 18. Februar 1948 mündlich zu Protokoll: Nach der Zerstörung der Synagoge und Schule bot die Jüdische Gemeinde – vertreten durch Herrn Rosenberg, Neustraße, und Dr. Rosenbaum, Rechtsanwalt und Notar – der Sparkasse das Grundstück an. Sie brauchten Geld für ein neues Heim. Den Preisforderungen der Gemeinde wurde entsprochen. Die Sparkasse  erlaubte Versammlungen der Gemeinde in dem noch erhaltenen Raum der Schule, der jüdische Hausmeister durfte bis auf weiteres im Haus wohnen.
   Es fällt auf, dass die Erinnerung von Herrn Kutzke nur stimmt, wenn die Sparkasse in einem  positiven Licht erscheint: Ein wiederhergestellter Raum der  Schule durfte weiterhin als Klassenraum bzw. Gebetsraum genutzt werden. Auch der Hausmeister durfte vorläufig weiter in dem Schulgebäude wohnen. Es mag sein, dass man auch mit den Herren Rosenberg und Dr. Rosenbaum gesprochen hat, handlungsfähig waren diese Vertreter der jüdischen Gemeinde aber nicht mehr. Auch gab es einen außerhalb der Gemeinde akzeptierten Vorstand der Gemeinde nicht mehr. Wie aus überlieferten Akten  hervorgeht, war zum Vorstand der jüdischen Gemeinde gerichtlich der nichtjüdische Kaufmann und Grundstücksmakler Adolf Ratte aus Bochum, Diekampstraße 31, bestellt worden.
   Er vertrat die Gemeinde, als am 25. März 1939 vor dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Pean das Gelände Wilhelmstraße 16/18 an die Stadt Bochum und die Sparkasse zum Preis von 53 267 RM verkauft wurde. Das entsprach in etwa dem damaligen Einheitswert von 53 300 RM. Es war ja damals so, dass Juden für die von ihnen i.d.R. zwangsweise veräußerten Immobilien nicht der Marktwert, sondern höchstens der Einheitswert gezahlt werden durfte. So auch hier. Die Stadt wurde durch den Stadtarchitekten Carl Krahl vertreten, die Sparkasse durch den Bürgermeister Dr. Franz Geyer und den Sparkassendirektor Kunzke. Oberbürgermeister Dr. Piclum genehmigte diesen Vertrag am  27. Mai 1939 auf Grund der Paragraphen 8 und 9 der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938.
   Ratte vertrat die jüdische Gemeinde auch, als am 23. Mai 1939 vor dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Klarsfeld in Bochum das der Gemeinde gehörende sogenannte Casino in  der Düppelsraße 1 an den Metzgermeiser Karl Herberholz, Bochum, Wittener Straße 68 für 15 000 RM  verkauft  wurde. Dieser Vertrag wurde am 14. Juli 1939 von Oberbürgermeister Piclum genehmigt, allerdings mit der Auflage, dass das auf  dem Grundstück stehende ausgebrannte Gebäude abgebrochen und der Platz eingeebnet wird.  Das Casino war – ebenso wie Synagoge und Schule – in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1939 verwüstet worden.
   Am Kriegsende waren als Eigentümer des Grundstückes Wilhelmstraße 16 und 18 die Stadt Bochum und die Sparkasse Bochum im Grundbuch eingetragen. Synagoge und Schule standen zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr: Die Trümmer der Synagoge waren bereits Anfang 1939 beseitigt, die Schule war bei  einem Bombenangriff im Jahre 1943 zerstört worden.

   Die Situation von Herrn Vollmann, dem Vorsitzenden der jüdischen Bochumer Nachkriegsgemeinde, war schwierig. Einerseits hatte er sich  zunehmend mit Vorwürfen von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde auseinander zu setzen, die überlebt hatten und nicht nach Bochum zurückgekehrt waren. So schrieb zum Beispiel Berta Pander, deren Mann in Auschwitz ermordet worden war, die selbst mit ihrer Tochter Theresienstadt überlebt hatte und jetzt in Chicago lebte, Vollmann am 22. Januar 1949: Wenn ich auch keine Beschädigtenrente hier bekomme, bin ich froh hier in USA zu sein. Ich wäre nie nach Bochum zurückgegangen, wenn man mir auch Gutes versprochen hätte. Mit einem Volk, das mir und meiner ganzen Familie so viel Leid angetan hat, will ich nichts gemeinsam haben. Und Sie schloss: Ist in Bochum wieder so großer Antisemitismus?
 
Billa Speier, die Mitte der dreißiger Jahre nach Palästina ausgewandert, deren Bruder Hermann Simons mit Frau Sophie und Tocher Ellen 1942  von Bochum nach Zamosz deportiert und ermordet worden war, schrieb am 8. Mai 1950: Mir tut es leid um jeden Juden, der noch in Deutschland lebt und den Weg nach hier nicht findet. Lieber hier trockenes Brot als dort im Allerbesten schwelgen.
   Andererseits musste Vollmann sich mit JTC auseinandersetzen, die ihrerseits Anspruch auf Ersatz für das alte Gemeindeeigentum anmeldete. Zunächst ging es um die Stellung einer Ersatzimmobilie, die Vollmann als Renditeobjekt, JTC zum Verkauf haben wollte. Diskutiert wurde zunächst das Gebäude Huestraße 20, früher Wilhelmstraße 20, das Nachbargebäude der jüdischen Schule, welches früher der NSDAP gehört hatte. Dieses Gebäude war zunächst an das Land NRW gegangen, die es dann als Tauschgrundstück für die Hildegardisschule an die Stadt Bochum übergeben hatte, die es wiederum an die Bank für Gemeinwirtschaft einschließlich 219 qm Synagogengelände verkauft hatte. Verhandelt wurde dann zwischen Stadt und Vollmann bzw. JTC über das Gebäude Kortumstraße 22. Dabei handelte es sich um ein um 1900 gebautes Gasthaus und Hotel, das im Krieg zerstört, 1951 aber wieder aufgebaut worden war. In dem Gebäude befanden sich jetzt zwei Textilgeschäfte, ein Uhrengroßhandel, eine Facharztpraxis und das Büro der Bochumer Heimstätten-GmbH. Der Gesamtwert der Immobilie wurde mit 143 000 DM beziffert, die Mieteinnahmen betrugen jährlich 8 580 DM. Vollmann als Vertreter der Jüdischen Gemeinde beharrte darauf, das Gebäude als Renditeobjekt für die Gemeinde zu beanspruchen Und JTC blieb bei seiner Position, gestützt durch die internationalen Vereinbarungen. Siegbert Vollmann starb am 25. Juli 1954. Und kurz danach kam Bewegung in die Angelegenheit. Aus einem Schreiben des Bochumer Oberstadtdirektors Adam vom 22. Februar 1955 an das Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Bochum geht hervor, dass die  Stadt wohl gerne Vollmann gefolgt wäre: Vollmann wollte immer für die Synagogengemeinde ein  Renditeobjekt haben. Da Vollmann  inzwischen gestorben ist, will die Stadt jetzt mit Jewish Trust einen Vergleich schließen.
   Laut einer Aufstellung des Liegenschaftsamtes vom 7. März 1955 umfasste das Grundstück Huestraße 16/18 (früher Wilhelmstraße 16/18) sechs Flurstücke mit insgesamt 1834 qm. Davon waren bereits zwei Flurstücke mit 432 qm von der Stadt Bochum an die Bank für Gemeinwirtschaft für 40 000 DM verkauft worden. Das Geld lag auf einem Konto der Sparkasse. JTC verzichtete auf die Rückübertragung der noch verbliebenen 1402 qm gegen Zahlung von 160 DM pro qm.
   Das Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Bochum fasste am 9. März 1955 folgenden Beschluss, wobei der nach Bochum zurückgekehrte Rechtsanwalt Dr. Rawitzki die jüdische Gemeinde vertreten hatte: Die Stadt Bochum zahlt an JTC bis 1. Juli 1955 210 000 DM, zusätzlich 2 826,50 DM Anwaltskosten. Zugleich geht das Geld für das Grundstück, das an die Bank für Gemeinwirtschaft verkauft worden war – ca. 40 000 DM – ebenfalls an JTC.
   Die Stadtvertreterversammlung  stimmte am 14. Juni 1955 diesem Vergleich zu. Am Ende der Akte findet man eine Kostenaufstellung der Stadt vom 19. Juli 1955, die dem getroffenen Vergleich entspricht.
   Wie wir oben gesehen haben, wurde ein Teil dieses Geldes in einen Gemeindefonds eingezahlt, über dessen Verteilung eine eigens gegründete Treuhandgesellschaft, der  Jüdische Gemeindefonds Nordwestdeutschland, entschied. Dieses Geld sollte nicht an einzelne Gemeinden oder Landesverbände, sondern an einzelne notleidende Gemeindemitglieder ausbezahlt werden.
   In den Akten der jüdischen Gemeinde aus der Nachkriegszeit gibt es einige Listen, die darauf hinweisen, dass Ende 1954/ Anfang 1955 solche Zahlungen an einzelne Gemeindemitglieder geleistet worden sind.

                                                   (Hubert Schneider)