Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Buchbesprechung
Manfred Keller: „So viel Aufbruch war nie ...“ Neue Synagogen
und jüdische Gemeinden im Ruhrgebiet. Chancen für Integration
und Dialog, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2011, 160 Seiten,
19.90 Euro

    Recklinghausen, Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum – in diesen Städten entstanden während der letzten Jahre 15 Jahre neue Synagogen. Das Revier ist heute bundesweit die Region mit den meisten jüdischen Gemeinden. Durch die Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ist die Mitgliederzahl in den Gemeinden Nordrhein-Westfalens von 5 000 auf 30 000 gestiegen, allein im Ruhrgebiet von 800 auf 10 000.
    Das Buch So viel Aufbruch war nie – das war das Motto einer Tagung des Evangelischen Forums Westfalen – zeichnet die Entwicklung nach. Den Aufbruch machen die Autoren des klar gegliederten und reich bebilderten Buches in vier Kapiteln deutlich:

    Gebauter Aufbruch. Nach Einblicken in die Geschichte und Gegenwart jüdischer Architektur im Ruhrgebiet sowie Reflexionen eines Architekten zum Bau einer Synagoge werden hier die neuen Synagogen im Ruhrgebiet im Bild vorgestellt. In einem Exkurs bietet Manfred Keller eine auch dem Laien verständliche Einführung in den jüdischen Gottesdienst.

    Gelebter Aufbruch. Möglich machte die Renaissance jüdischen Lebens der Zuzug jüdischer Einwanderer aus den Staaten der früheren Sowjetunion. In einem ausführlichen Kapitel werden die Lebenswege jüdische Einwanderer im Ruhrgebiet nachgezeichnet – eine Ausstellung zum gleichen Thema wandert im Moment durch die Städte des Ruhrgebiets. In einer sensiblen Meditation In der Wüste verzweifelt wirft Michael Rosenkranz einen Blick aus der Thora auf die Generation dieser Einwanderer. Mehrere Kapitel beschäftigen sich mit dem Alltag jüdischen Lebens in den neuen Gemeinden: In zwei Momentaufnahmen aus dem Jahre 2011 werden Einblicke in das Leben der jüdischen Gemeinde Dortmund gewährt: Vorgestellt werden der Sportverein Makkabi Dortmund und das Jugendzentrum Emuna. Ausgesprochen verdienstvoll ist es, dass unter der Überschrift Aufbruch statt Ausbruch. Liberales Judentum entwickelt sich im Ruhrgebiet meines Wissens erstmals ein Thema öffentlich angesprochen wird, das Konflikte in allen größeren jüdischen Gemeinden hervorruft: Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass erstmals seit 1945 jüdische Gemeinden in Deutschland wieder eine klare Zukunftsperspektive haben, beginnt in den bis dato einheitlich konservativ ausgerichteten Gemeinden eine Diskussion über liberale Ausrichtungen unterschiedlicher Prägung. Eigentlich ein normaler Vorgang, der sich aber offensichtlich oft kompliziert gestaltet. In drei Kapiteln werden die Liberale Vereinigung Etz Ami in Gelsenkirchen (2005) sowie die Liberalen Gemeinden in Unna (2007) und Oberhausen (2008) vorgestellt.

    Aufbruch zum Dialog zwischen Juden und Christen. Nach einem Rückblick von Manfred Keller auf die Beziehungen zwischen Juden und Christen im Ruhrgebiet seit 1945 geht Klaus Wengst der Frage nach den Perspektiven des jüdisch-christlichen Gesprächs unter dem Stichwort Biblische Ökumene? nach.

    Kultureller Aufbruch. Zwei Themen stehen hier im Mittelpunkt: Die Wiederent- deckung der synagogalen Musik, für die in Bochum der ehemalige Kantor und Lehrer Erich Mendel steht. Es ist das Verdienst von Manfred Keller, der Mendel sozusagen wiederentdeckt hat und durch die von ihm initiierte Biennale: Musik & Kultur der Synagoge hier für einen Aufbruch gesorgt hat. In Wort und Bild werden Erich Mendel und die gegenwärtigen Träger dieser Musik vorgestellt. Die Wiederbelebung jüdischen Lebens bedeutet auch, dass die jüdische Küche wieder entdeckt wird. In Bochum wurde – im jüdischen Gemeindezentrum – das jüdische Restaurant, Café und Bistro Matzen mit koscherer Küche eröffnet. WAZ-Redakteur Jürgen Boebers-Süßmann stellt das Lokal vor, Michael Rosenkranz gibt Grundinformationen zu den jüdischen Speisevorschriften.

    So viel Aufbruch war nie .. ist ein Buch für alle, die an den Entwicklungen im aktuellen jüdischen Leben im Ruhrgebiet interessiert sind. Und: Es ist ein wunderbar ausgestattetes Buch, was dem Herausgeber und dem Verlag zu verdanken ist.

(Hubert Schneider)