Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Der Egalitäre Minjan Ruhrgebiet

    Es war in den ersten Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion, als in den ehemals kleinen, überalterten jüdischen Einheitsgemeinden, wie sie sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Schoah in Deutschland gebildet hatten, erstmals wieder neue Gesichter zu sehen waren. Ab 1990 wurden sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland aufgenommen, - Juden, die wegen ihrer „Volkszugehörigkeit“ (nach stalinistischer Definition) dort diskriminiert worden waren, die zwei Generationen lang ihre Religion nicht ausüben und lernen durften. Sie mussten sich hier nun eine neue Existenz gründen. Durch sie wuchs die Anzahl der Gemeindemitglieder beträchtlich an, und ihr Kommen weckte Hoffnungen auf neues jüdisches Leben, sowohl in den Gemeinden, als auch im nichtjüdischen Umfeld. Eine Aufbruchstimmung entstand. Jüngere Gemeindemitglieder, die außerhalb Deutschlands bereits vielfältiges jüdisches Leben erfahren hatten, erfüllte die Zuversicht, davon auch etwas in ihren Gemeinden verwirklichen zu können.
    Auch in der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen gab es eine Gruppe jüngerer Gemeindemitglieder, die sich davon anregen ließ. Ende 1996 gründeten sie eine Jugendgruppe (unter der Leitung von Jonathan Grünfeld, der später jüdischer Religionslehrer wurde), die fortan vielerlei Aktivitäten entfaltete. Unter anderem besuchte sie am 21.06.1997 in Mülheim a.d.R. einen Vortrag von Frau Rabbiner Bea Wyler über „Modernes Judentum“. Frau Rabbiner Wyler war die erste Vertreterin der „konservativen“ Strömung in Deutschland, einer Ausrichtung im Judentum, die die traditionelle Religionsausübung bewahrt, aber die Geschlechter- trennung aufhob, wie sie in der orthodoxen Strömung beibehalten wird. Mit ihrem Amtsantritt 1995 in der jüdischen Gemeinde Oldenburg und Braunschweig war sie zugleich der erste weibliche Rabbiner in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Vorträge gaben vielen, gegenüber neuen Ideen aufgeschlossenen Juden, vor allem aber auch Jüdinnen neue Impulse. Die Jugendgruppe in Gelsenkirchen veranstaltete dann im April 1998 in den Räumen der Gemeinde erstmals für die Jugendlichen ein gemeinsam vorbereitetes und gemeinsam durchgeführtes Pessach- Mahl. Im selben Jahr baute sie in der Gemeinde erstmals seit vielen Jahren wieder eine Sukkah (Laubhütte, zum Laubhüttenfest im Herbst) und führte im Dezember 1998, erstmals wieder eine sehr stimmungsvolle, von Gemeindemitgliedern selbst gestaltete Chanukkah-Feier in der Gemeinde durch. Der Antrag der Jugendgruppe, beim nächsten Pessach-Fest in der Gemeinde erneut wieder ein Pessach-Mahl zu gestalten, wurde von der Gemeindeleitung mit formalistischer Begründung abgelehnt. Die Feier fand dennoch statt, jedoch in privaten Räumen, wo sich im April 1999 dann Jüngere und Ältere zu einem gemeinsamen Pessach-Mahl zusammenfanden. Eine fortgesetzt restriktive Haltung der Gemeindeführung entzog der Jugendgruppe vor allem aber auch Jüdinnen neue Impulse. Die Jugendgruppe in Gelsenkirchen veranstaltete dann im April 1998 in den Räumen der Gemeinde erstmals für die Jugendlichen ein gemeinsam vorbereitetes und gemeinsam durchgeführtes Pessach- Mahl. Im selben Jahr baute sie in der Gemeinde erstmals seit vielen Jahren wieder eine Sukkah (Laubhütte, zum Laubhüttenfest im Herbst) und führte im Dezember 1998, erstmals wieder eine sehr stimmungsvolle, von Gemeindemitgliedern selbst gestaltete Chanukkah-Feier in der Gemeinde durch. Der Antrag der Jugendgruppe, beim nächsten Pessach-Fest in der Gemeinde erneut wieder ein Pessach-Mahl zu gestalten, wurde von der Gemeindeleitung mit formalistischer Begründung abgelehnt. Die Feier fand dennoch statt, jedoch in privaten Räumen, wo sich im April 1999 dann Jüngere und Ältere zu einem gemeinsamen Pessach-Mahl zusammenfanden. Eine fortgesetzt restriktive Haltung der Gemeindeführung entzog der Jugendgruppe schließlich die Möglichkeit zu weiteren Aktivitäten in der Gemeinde. Sie löste sich auf. Ihre Mitglieder blieben jedoch in lockerer Verbindung zueinander.
    Bereits im Sommer 1998 hatte ein kleiner Kreis dieser Gemeindemitglieder, die ihr Interesse am Judentum aktiv umsetzen wollten, sich zusammen gefunden zu einem „Lernkreis“, der sich im Anschluss an den Schabbath-Morgengottesdienst in privaten Räumen dann traf (jeweils bis etwa 15 Uhr) und religiöse Themen von gemeinsamem Interesse diskutierte. Diese Treffen fanden bis Dezember 1998 insgesamt 6x statt. Der Kreis löste sich aus mangelnder Zuverlässigkeit dann auf. Doch hielten die Teilnehmer den Kontakt zueinander weiter aufrecht.
    Ein sehr engagiertes Mitglied dieses Kreises, Chajm Guski, begründete damals (1998) zugleich eine Internet-Website „Jüdisches Leben“ auf www.talmud.de für „jüdische Geschichte, Alltag und Religion vom Mittelalter bis heute“, die seither ein Forum des Austausches für Interessierte an der jüdischen Religion wurde und über die auch Interessierte aus anderen jüdischen Gemeinden erreicht werden konnten.
    Chajm Guski und Mirjam Lübke, ein anderes Mitglied des o.g. Kreises, hatten dann die Idee, eine überörtliche Möglichkeit zu schaffen, die es interessierten Juden und Jüdinnen des Ruhrgebiets erlauben würde, einmal monatlich einen gemeinsamen Gottesdienst in einer Weise zu gestalten, wie es die erstarrten Strukturen in den orthodox geführten Nachkriegs- Einheits-gemeinden nicht erlaubten. Es sollte (laut Ankündigungs- Flyer) „keine neue Gemeinde formiert werden, dazu sind die Gemeinden nämlich zu klein, sondern … eine Umgebung geschaffen werden, Altes auf anderem Wege kennen zu lernen und zu erkunden, um es dann in die eigene Gemeinde einbringen zu können.“. Es wurde betont, dass es keine eigene Gemeinde, sondern ein offene Veranstaltung für alle Juden des Landesverbandes sein soll. Das Projekt erhielt den Namen „Egalitärer Minjan Ruhrgebiet“, womit zum Ausdruck gebracht wurde, dass es eine gottesdienstfähige Versammlung (Minjan) von Juden und Jüdinnen aus dem Ruhrgebiet sein soll, die gleichberechtigt (egalitär; ohne Geschlechterrollentrennung) ihre Religion ausüben wollen. Der damalige Landesrabbiner von Westfalen-Lippe, Dr. Henry Brandt, unterstützte das Vorhaben und half auch, einen geeigneten Raum zu finden. In dem zur Stadt Selm gehörenden Dorf Bork (nördlich von Lünen, im Münsterland gelegen) befindet sich eine im Häuserverzeichnis 1818 bereits aufgeführte Dorf- Synagoge in Fachwerk-Bau-weise, mit Obstbaum-Garten hinter dem Gebäude, die in der Reichspogromnacht 1938 ausgeplündert und im Innern teilweise zerstört wurde, die ansonsten aber stehen geblieben war. Sie musste von der jüdischen Gemeinde an einen Kohlenhändler verkauft werden, dem sie danach als Lagerraum diente. 1983 wurde sie als eine der wenigen erhaltenen Landsynagogen unter Denkmalschutz gestellt. Sie wurde von der Stadt Selm erworben und ab 1991 renoviert: die himmelblaue, mit goldenen Sternen übersäte Decke und die hölzerne Frauenempore wurden wiederhergestellt. Seit 1994 dient sie der Stadt als Raum für Kulturveranstaltungen. Durch Vermittlung von Rabbiner Brandt konnte der Egalitäre Minjan diese Synagoge dann einmal monatlich von der Stadt Selm zur Durchführung eines Gottesdienstes mieten. An der Miete beteiligten sich die Teilnehmer im Umlageverfahren.
    Es fanden sich genügend Interessierte, und so konnte am Samstag, 28.10.2000, um 10 Uhr, ein erster egalitärer Morgengottesdienst in der Synagoge in Selm-Bork durchgeführt werden. Es gab von Anfang an bei den Teilnehmern unterschiedliche Vorstellungen über Sinn und Zweck des Projektes. Für die einen war es eine Möglichkeit, Strukturen und Elemente der konservativen und liberalen Strömungen im Judentum zu erproben und in den Gottesdienst einzuführen. Für andere bot das Projekt ein Forum des Lernens und Trainierens aktiver Gottesdienstgestaltung gemäß dem orthodoxen Ideal, alles selbst zu lernen und zu können, was für die Religionsausübung notwendig ist (vgl. II.B.M. 19, 6), mit dem Ziel, vorbereitet und im Stande zu sein, den Gottesdienst in den eigenen Gemeinden weiter durchführen zu können, wenn es die Situation in Zukunft erfordern würde. In diesem Sinne war der Kenntnisstand der Teilnehmer allerdings sehr unterschiedlich. Nur wenige waren im Stande, vorzubeten, wenn auch anfangs nur mit zitternden Knien und schweißigen Händen. Andere, vor allem Frauen, waren noch nie zuvor in ihrem Leben zur Thorah-Lesung aufgerufen worden. Das erstmalige Sprechen der Segenssprüche davor löste große Emotionen aus. Noch andere taten sich noch sehr schwer mit dem Lesen hebräischer Texte. So wurden die Aufgaben, je nach Vermögen, verteilt. Die, die Vorbeten konnten, wechselten sich ab. Manche Texte wurden in deutscher, manche auch in russischer Sprache gelesen (z.B. das Lied am Schilfmeer). Diejenigen, die hebräisch Lesen konnten, aber noch nicht Vorbeten, gingen nach und nach dazu über, die Texte ihrer (vorher festgelegten) Thorah-Lesung zu Hause zu üben und dann im Gottesdienst selber aus der Thorah-Rolle vorzulesen. Man hatte sich auf die sogenannte Dreijahreslesung der Thorah geeinigt, also die gesamte Thorah nicht in einem, sondern in drei Jahren zu lesen. So waren die Wochenabschnitte kürzer und von den Teilnehmern leichter zu meistern. Mirjam Lübke, die sich immer wieder in Wochenendkursen fortbildete, prägte mit ihrer schönen, klaren Stimme den Melodienreichtum, in dem der Gottesdienst durch-geführt wurde. An den Gottesdienst schloss sich jedes Mal noch ein gemeinsames Essen nach dem Segen über Wein und Brot an, das mit dem Tischgebet beendet wurde. Diese Mahlzeit fand im Sommer oft auf dem kleinen Platz vor der Synagoge unter freiem Himmel statt.
    Die materielle Ausstattung verbesserte sich nach und nach. Zunächst wurde nur aus vorhandenen Büchern gelesen, auch die Thorah-Lesung. Ab 2001 stellte die jüdische Gemeinde Bielefeld dem Egalitären Minjan eine kleine sogenannte Reise- Thorah-Rolle leihweise zur Verfügung, eine alte, mit einfacher Schrift auf grobes Pergament geschriebene Schriftrolle, die geradezu liebenswert war. 2004 wurde übers Internet dann eine normale Thorah-Rolle in Israel zum Kauf angeboten, die von einer kleinen, jetzt sich aufgelösten Gemeinde deutscher Einwanderer stammte, die sie aus Deutschland einst nach Israel gebracht hatte. Ein anonymer Spender erwarb diese Thorah- Rolle und schenkte sie dem Egalitären Minjan im Jahr 2004. Die kleine Schriftrolle wurde dann an Bielefeld zurückgegeben. Bis Anfang 2004 hatte man sich mit einem zusammenklappbaren Lesepult für das Vorbeten beholfen. Im März 2004 gab eine Teilnehmerin bei einem ihr bekannten Schreiner ein feststehendes Lesepult in Auftrag, das dann, etwas überdimensioniert und entsprechend teuer, auch geliefert wurde und von den übrigen Teilnehmern im Unlageverfahren finanziert werden musste. Eine gespendete Mezuzah wurde im Juni 2004, anlässlich eines gesondert durchgeführten Morgen-Gottes-dienstes von Rabbiner Brandt an der Eingangstür zum Gebetsraum der Synagoge in Selm-Bork angebracht.
    Entsprechend den unterschiedlichen Erwartungen der Teilnehmer an den Egalitären Minjan war die durchgeführte Liturgie von Anfang an Gegenstand von Diskussionen, Auseinandersetzungen und Veränderungen. Anfangs benutzten alle Teilnehmer noch das orthodoxe Gebetbuch („Sefat Emet“, das den Nachkriegsgemeinden gedient hatte, bzw. dessen Nachfolger „Schma Kolenu“ aus den frühen 1990-iger Jahren). Chajm Guski nahm 2001 an einer Jahrestagung der „Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ (der Dachorganisation der nach 1990 im deutschen Sprachraum neu entstandenen jüdisch-liberalen Gemeinden) teil, die damals in Halberstadt unter dem Motto „Erneuerung jüdischen Lebens“ durchgeführt wurde, und kam dort impulsempfangend mit jüdischliberalen Gruppen in Berührung, die den Aufbruchsgedanken in Taten umsetzten und auf die religiöse Praxis ausweiteten. Für ihn war das liberale Judentum, das seit dem II. Weltkrieg nur noch im Ausland existiert und dort sich weiter entwickelt hatte, in Deutschland nun wieder gelebte Praxis und als solche greifbar geworden. Auf der Basis des „Einheitsgebetbuches für die liberalen Gemeinden in Deutschland/Tefillot lekol haSchana“ (herausgegeben von Caesar Seligmann, Ismar Elbogen und Hermann Vogelstein im Auftrag des liberalen Kultus- Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden im Verlag M. Lehrberger & Co., Frankfurt am Main, 1929) erstellte Ch. Guski für den Egalitären Minjan ein Gebetbuch für den Schabbat-Morgen-gottesdienst, das vorsichtig um nicht obligate Texte gekürzt und entsprechend wesentlicher Anliegen der liberalen Strömung verändert war (z.B. wurde die Bitte um Wiederaufnahme der Tieropfer im künftig wiedererrichteten Tempel aus dem Achtzehn-Bitten-Gebet gestrichen). Im Juli 2003 nahmen Ch. Guski und M. Lübke an der Tagung der „Union“ in Berlin teil und kehrten von dort mit vielen neuen Anregungen im Sinne des progressiv-liberalen Judentums zurück. Es kam dann jedoch zu Übermittlungsstörungen gegenüber den „daheim gebliebenen“ Teil- nehmern des Egalitären Minjan, von denen einige sich dem konservativen, bzw. orthodoxen Ritus verbunden fühlten, die sich im folgenden Gottesdienst, am 26.07. 2003, von unbesprochenen plötzlichen Veränderungen im Ritus überrumpelt und vergewaltigt vorkamen. Insbesondere stieß ihnen eine mit einem Mal vorhandene pastorale, autoritäre Haltung des Vorbeters auf, wie sie viele liberale Gemeinden im 19. Jh. von den protestantischen Nachbarn übernommen hatten, die dem ortho- doxen Selbstverständnis jedoch fremd war. Eine sehr schwere Auseinandersetzung war die Folge. Einige, die den „progressiv-liberalen Weg“ (im Gegensatz zum bisherigen „konservativen“) nicht mitgehen wollten, traten aus. Chajm Guski gelang eine sehr einfühlsame Vermittlung zwischen den Lagern, die den Fortbestand des Egalitären Minjan fürs erste sicherte. Im November 2003 wurde der Name des Minjan erweitert durch „Vereinigung Progressiver Juden im Ruhrgebiet und Münsterland“. Im März 2004 brachte Ch. Guski eine neue Fassung des „Gebetsbuchs für den Schabbath-Morgengottesdienst“ mit den Texten heraus, die sich im Egalitären Minjan inzwischen etabliert hatten. In orthodoxen Gebetbüchern werden die Erzväter als Familienvorstände stellvertretend auch für die Erzmütter genannt. In der erweiterten Fassung des Einheitsgebetbuchs für die liberalen Ge- meinden von 1929 (s.o.) wurden Erzväter und Erzmütter nun paarweise genannt. Im neuen Gebetbuch von 2004 werden zunächst die Erzväter, hernach eigenständig die Erzmütter genannt. Im Juni 2004 brachte Ch. Guski dann auch ein Gebetbuch für den wochentäglichen Morgengottesdienst und im August 2006 und erneut im Jahr 2009 Neubearbeitungen des Gebetbuchs für den Schabbath- Morgengottesdienst heraus. Diese Gebetbücher wurden von ihm jeweils mit großem Aufwand und viel Layout-Geschick hergestellt und halfen den Gottesdienstteilnehmern ganz entscheidend, der Liturgie zu folgen.
    Am 02.05.2004 änderte der Egalitäre Minjan Ruhrgebiet seinen Namen in „Etz Ami. Jüdische Liberale Vereinigung im Ruhrgebiet und Münsterland“ („etz ami“ = hebräisch für „Baum meines Volkes“). Eine Vereinsgründung wurde angestrebt, zu der es aus organisatorischen Gründen dann aber nicht kam. Diese geplante „Etablierung“ hatte auch nicht die Zustimmung aller Teilnehmer gefunden. Die Vereinigung hatte zu diesem Zeitpunkt ihren Höhepunkt erreicht und wurde auch in der Öffentlichkeit deutlich wahrgenommen. Dennoch stieg die Teilnehmerzahl nicht weiter, - sie hatte in besten Zeiten etwa 25 Personen umfasst -, im Gegenteil: Bisher regelmäßig gekommene Teilnehmer blieben allmählich fort. Ein Grund war die lange Anreise nach Selm-Bork. So suchte man andere Orte. Einige Male fand der Gottesdienst dann in Räumen der Evangelischen Kirche am Hauptmarkt in Gelsenkirchen (Ecke Pastoratstraße/Gabelsberger Straße) statt. Doch fehlte diesen Räumen die Atmosphäre der Dorf-Synagoge in Selm-Bork. Räume in der ehemaligen Grundschule in der Paulstraße in Gelsenkirchen, in denen der Egalitäre Minjan einmal ein Pessach-Mahl durchführte, wurden aus den gleichen Gründen nicht angenommen. Andere Gründe für das Fortbleiben von Teilnehmern waren veränderte Bedingungen in den Heimatgemeinden, in denen sich deren Mitglieder nun wieder wohler fühlten. Hauptgrund für die Regression aber waren fehlende gemeinsame geistige Arbeit, mangelnde Auseinandersetzung mit Inhalten, zunehmende Konsumhaltung und abnehmendes Engagement vieler Teilnehmer. Versuche, über strittige Fragen miteinander zu sprechen, wie etwa bei einem Treff im Oktober 2004, verliefen ergebnislos. Auch war das Gebet zunehmend routiniert geworden, zitternde Knie hatte keiner mehr. Es war aber leer geworden. Den weiterhin Engagierten wurde deutlich, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie zogen sich zurück, worauf es zu keinen weiteren Treffen kam. Am Samstag, 30.10. 2010, fand vorerst letztmalig ein Schabbath-Morgengottesdienst des Egalitären Minjan in Selm-Bork statt.
    Zuvor schon, am 19.10.2010, fanden Chajm Guski und der Autor (der von Anfang an teilgenommen hatte) sich zu einer Unterredung zusammen über die Situation und die Zukunft des „Minjan“. Es wurde die Idee entwickelt, in Zukunft sich einmal monatlich am Samstag-Nachmittag in privaten Räumen zu einem Schabbath-Nachmittags-Gottesdienst (Minchah) zu treffen, nicht festgelegt auf eine bestimmte Strö- mung im Judentum, mit anschließendem Talmud-Studium, zeitlich streng begrenzt auf den Zeitraum 16-18 Uhr. Wer von den bisherigen „Minjan“-Teilnehmern Interesse daran hätte, könnte kommen. Schwerpunkt des Treffens sollte in Zukunft das gemeinsame Lernen sein. Chajm Guski gab der neuen Veranstaltung den treffenden Namen „Minchah Schi’ur“ – „Nachmittags-Gottes-dienst-Lernen“. Am Samstag, 15.01.2011, traf sich dieser neue Lernkreis zum ersten Mal, mit größtenteils ganz anderen Teilnehmern.
    Auch wenn der Rahmen so nun wieder ein ganz anderer geworden ist, so wird der Kreis doch weiterhin von dem Gedanken getragen, im gemeinsamen Bemühen sich die Grundlagen des Judentums für unsere heutige Zeit zu erschließen und, lernend, sich weiter zu entwickeln. (Michael Rosenkranz)

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Rabbiner Brandt in der Landsynagoge Selm-Bork
Foto: Dirk Vogel