Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Erster Minjan nach 70 Jahren wieder in Wattenscheid

    Mindestens 10 jüdische Männer sind notwendig für einen traditionellen Minjan. Den hatte es in Wattenscheid in den letzten 69 Jahren nicht mehr gegeben. Zum letzten Minjan hatten sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde am 9. November 1940 im Bettengeschäft Röttgen an der Gertrudisstraße getroffen, weil die Synagoge in der Pogromnacht zerstört worden war. Dieses Gedenken galt damals schon den bis dahin verschleppten und ermordeten Mitgliedern der Gemeinde.
    Anlässlich der Mahn- und Gedenkveranstaltung zum 72. Jahrestag der Reichspogromnacht trafen sich in Wattenscheid auf dem Nivellesplatz BürgerInnen und Bürger, um mit den mindestens 10 jüdischen Männern das Kaddisch zu beten.
    Kantor Frank Jankel Bart, der schon 20 Jahre die Wattenscheider Gedenkveranstaltungen begleitet, war den Tränen nahe, dass nach so langer Zeit mit dem Minjan wieder ein Stück jüdisches Leben nach Wattenscheid zurückgekehrt war.
    Durch die Teilnahme eines SchülerInnen-Chores des Mär-kischen Gymnasiums unter Leitung von Marianne Pielstricker konnte das Kaddisch in 4 verschiedenen Formen vorgetragen werden: in der traditionellen, mit Kantor und Chor sowie in der religiösen Fassung. Einen ganz besonderen Wunsch erfüllten 2 Schülerinnen Kantor Bart, in dem sie das Kaddisch mit Saxophonen in einer Fassung von 1910 vortrugen, die ein „kleiner jüdischer Schneider, Josef „Jossele“ Rosenblatt aus Warschau, komponiert hatte, der später in den USA als Kantor und Klezmer-Musiker bekannt wurde“ so Bart.
    Nach einem kurzen Rückblick auf die Wattenscheider jüdische Gemeinde durch Dr. Michael Rosenkranz erinnerte Felix Lipski, der als Kind die Shoah im Minsker Ghetto überlebt hatte, kurz an die schrecklichen Erfahrungen der mit ihm anwesenden beiden anderen Augenzeugen der nationalsozialistischen Verbrechen und jetzt „zugewanderten“ Mitglieder der jüdischen Gemeinde Bochum, Herne, Hattingen und las dann die Namen der 87 jüdischen „Brüder und Schwestern“ aus Wattenscheid vor, die verschleppt und ermordetet worden waren.
    Pjotr Liebermann, der auch im Chor der jüdischen Gemeinde singt, stimmte mit seiner klaren Solostimme „Die Glocken von Buchenwald“ an, in das viele Anwesende einstimmten.
   Zum Schluss rief Kantor Bart gerade den zugewanderten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zu: „Seid stark und behauptet Euch in Deutschland zu allererst als Juden, dann dürft ihr auch ein bisschen Ukrainer sein und Deutsche“.
    Der 82-jährige Hannes Bienert, seit über 20 Jahren treibende Kraft der antifaschistischen Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit in Wattenscheid und der Gedenkveranstaltungen an die Pogromnacht zeigte sich sichtlich bewegt: „Ihr wisst nicht, wie es mir innerlich zumute ist, ich habe fast keine Worte vor Freude, dass dieser Minjan nach so langer Zeit am Nivellesplatz, nahe der alten Synagoge wieder stattfinden konnte“. Er dankte allen, die dazu beigetragen hatten, das diese Gedenkveranstaltung hatte stattfinden können, vor allem den „mehr als 10 jüdischen Männern“ … „und Frauen“ erklang es mehrfach aus den Reihen der Anwesenden … (auch SympathisantInnen des „Egalitären Minjan“ ?...)
    Auf dem Platz erinnern drei gläserne Stehlen, die nach Entwürfen von Dr. Rosenkranz gestaltet wurden, an die 87 jüdischen Opfer des Holocaust aus Wattenscheid und die alte Synagoge. Mit der israelischen Nationalhymne „haTikwa“/ „Hoffnung“, die das geschändete Judentum nach 1945 hat weiterleben lassen“ so Kantor Bart, endete die Veranstaltung.

(Günter Nierstenhöfer)

Für diejenigen, die „Minjan“ noch nicht kennen:
„Der Minjan ist in der jüdischen Tradition zunächst einmal ein Quorum, eine festgelegte Mindestanzahl von Personen, um gewisse religiöse Rituale durchzuführen. In der Regel handelt es sich hierbei um 10 religionsmündige jüdische Menschen. Die Anzahl 10 wird abgeleitet von Psalm 82. Die religiösen Strömungen innerhalb des Judentums legen die Tradition jedoch unterschiedlich aus. Im liberalen und konservativen Judentum werden Frauen und Männer gleichberechtigt gezählt, wenn sie älter als 12 bzw. 13 Jahre alt und jüdisch sind, im orthodoxen und chassidischen Judentum nur Männer. Einige modern-orthodoxe Gruppierungen schreiben ein Quorum von 10 Frauen und 10 Männern vor…“
aus „10 sind ein Minjan“ von Adrian Michael Schell in Wikipedia