Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Zum Gedenken an Siegfried Spandau
(23. Dezember 1923 – 24. Oktober 2010)

    Der Kreis der Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde Bochum, die 1995 zu einem Besuch in ihre alte Heimatstadt kamen, wird immer kleiner: Das ist wohl insofern normal, als diese Menschen alle zwischen 1910 und 1930 geboren wur- den. Und dennoch: Jede Todesnachricht schmerzt uns, zumal wir zu vielen der damaligen Besucher im Verlauf der Jahre ein enges Verhältnis aufgebaut haben: Viele Briefe wurden gewechselt, Telefongespräche wurden geführt, in vielen Fällen kam es zu Begegnungen. Und: Viele dieser Menschen haben uns ihre Lebens- geschichte erzählt, uns Dokumente zur Familiengeschichte überlassen. Das war nicht immer einfach für sie, aber eingedenk der Tatsache, dass die eigentlich private Geschichte dieser Familien auch unser Wissen über jüdisches Leben in Bochum, in Deutschland vergrößert, haben sie es dann doch getan.
    Siegfried Spandau gehörte zu denen, die immer wieder in ihren Erinnerungen gegraben haben. Er schrieb das Erinnerte auf und schickte es uns zu – wir haben seine Texte wiederholt in unserem Mitteilungsheft abgedruckt. In seinen Briefen – es sind im Verlauf der Jahre mehr als einhundert geworden, die sich alle in unserem Archiv befinden – hat er nicht nur an seine Jugend in Bochum und an die Freunde der Jugend gedacht, sondern mit wachem und originellem Blick die Ereignisse der Welt und besonders in Israel reflektiert und analysiert. Zuletzt konnte er nicht mehr schreiben, aber wir haben miteinander telefoniert, auch noch, als er bereits in einer Klinik in Haifa lag. Das letzte Gespräch führten wir wenige Tage vor seinem Tod, den uns dann Hermann Brecher, der Jugendfreund aus Bochum, mitteilte. Überhaupt: Die Geschichte dieser Freundschaft ist anrührend. Sie beginnt auf der Schulbank in der jüdischen Schule in Bochum, endet abrupt im Oktober 1938, als Hermann als sogenannter „Ostjude“ mit seiner Familie an deutsch-polnische Grenze abgeschoben wurde. Siegfried gelang 1938 mit seinen Eltern die Flucht nach Argentinien. Bis zum Kriegsausbruch gab es noch Kontakte, dann brachen die Beziehung ab – für Jahrzehnte. Erst als wir von Bochum aus 1995 an alle potentiellen Bochum- Besucher eine Adressenliste verschickten, stellten sie fest, dass beide inzwischen in Jerusalem wohnten – Siegfried Spandau war kurz zuvor mit seiner Frau zugezogen. Seit dieser Zeit waren Siegfried und Hermann wieder viel zusammen – fast wie in alten Zeiten. Dabei konnte Hermann, der seit Mitte der fünfziger Jahre in Israel lebt, Siegfried, der ja die Landessprache nicht beherrschte, bei der Bewältigung vieler Alltagsprobleme, vor allem bei Behördengängen, behilflich sein. Nach dem Umzug der Spandaus nach Naharija – dort lebt die Tochter – sah man sich weniger, aber fast tägliche Telefongespräche ließen den engen Kontakt nicht abbrechen.

 Siegfried Spandau

Bochum 1937- Siegfried Spandau (re.), Hermann Brecher (li.)

    Nun ist Siegfried tot. Der alte Freund Hermann hielt bei seiner Beerdigung am 25. Oktober 2010 an seinem Grab in Naharija eine kurze Ansprache. Hermann hat sie für uns übersetzt, wir drucken sie mit seiner Genehmigung ab:

  
Viele Menschen, die an einem bestimmten Ort geboren wurden und dort ihr Leben verbracht haben, beenden dort auch ihr Leben. Aber nicht Fritz, Siegfried, Siegfrido, Schlomo Spandau. Sein Leben und Schicksal waren charakteristisch wie das vieler Juden, und die verschiedenen Namen beweisen das.
   Ich kannte ihn, als wir zusammen auf einer Schulbank saßen in der ersten Klasse in der jüdischen Schule in Bochum, Deutschland, im Jahre 1930.
   Wir waren sehr befreundet, lernten und spielten trotz der nicht leichten Zeit seit Hitlers Aufstieg zur Macht. Der Kreis unseres Lebens war die jüdische Gemeinde, unsere Freunde, die Synagoge.
    Ich kannte die Eltern und Verwandten Spandaus. Im Jahre 1938 trennten sich unsere Wege. Die Familie Spandau emigrierte nach Argentinien und mein Weg ging nach Polen.
    Als Abschiedgeschenk gab ich ihm ein Psalmengebetbuch, das er noch bis heute aufbewahrte. Obwohl wir in entfernten Teilen der Welt wohnten, hüteten wir doch die Verbindung bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939. Danach hörten wir viele Jahre nichts voneinander. Dank des Treffens der ehemaligen jüdischen Einwohner in Bochum im Jahre 1995 trafen wir uns wieder - nach 57 Jahren. Es war unglaublich, wir wohnten beide in Jerusalem.
    Wir waren nicht mehr jung, und Siegfried war ein neuer Einwanderer, die Sprache, das Land waren neu für ihn, es war nicht leicht. Trotz allem wollte er doch noch produktiv sein und seine beruflichen Kenntnisse in einer humanistischen Institution – Yad Sarah – einbringen. Seine Beschäftigung dort befriedigte ihn sehr.
    Aber wieder traf ihn das Schicksal, als seine Frau Rina plötzlich sehr schwer erkrankte. Er hatte den Mut, von Jerusalem nach Naharija zu ziehen. Dort wohnte seine Tochter Ruti, er wollte durch den Umzug alle Schwierigkeiten überwinden.
    Wir verabschieden uns heute von meinem persönlichen treuen Freund meiner Kindheit. Wir werden ihn immer im Gedächtnis haben.

(Hubert Schneider