Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Die „Entjudung“ des Wohnraums – „Judenhäuser“ in Bochum
Die Geschichte der Gebäude und ihrer Bewohner
Vorstellung des Buchs von Hubert Schneider im Stadtarchiv Bochum
am 27. Oktober 2010

Vorbemerkungen
Das Buch, das ich Ihnen vorstellen möchte, ist keine leichte Kost. Schon der sperrige Titel lässt erahnen, dass uns hier ein schwerer Brocken vor die Füße gelegt wurde: „Die Entjudung des Wohnraums – Judenhäuser in Bochum – Die Geschichte der Gebäude und ihrer Bewohner“. Das Buch liegt mit seinen 470 Seiten und seinem soliden Einband schwer in der Hand. Und der Inhalt liegt einem bei und nach der Lektüre – bildlich gesprochen – schwer im Magen. Wir haben es hier mit einem unbequemen Kapitel unserer Geschichte zu tun, einem belasteten und belastenden Kapitel der nationalen Geschichte und der lokalen Geschichte: nämlich der Entrechtung und Enteignung der Juden im Nationalsozialismus, vorgestellt am Beispiel der Vertreibung jüdischer Menschen aus ihren Wohnungen in Bochum während der Jahre 1939 bis 1942. Mehr noch: Wir haben es zusätzlich mit einem beschämenden Kapitel unserer Geschichte zu tun, wenn wir auf die unsäglichen Vorgänge der Nachkriegszeit blicken, die sich unter der Überschrift der sogenannten „Wiedergutmachung“ abspielten. Das alles wird uns in diesem Buch vorgestellt und – völlig zu Recht – manchmal auch regelrecht vorgeführt.
    Die „Entjudung des Wohnraums“, diese groß angelegte, behördenmäßig geplante Unrechtsaktion, fand in Bochum wie überall unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Und doch wurde sie weitgehend beschwiegen, nicht nur während der NS- Zeit, sondern auch im Nachkriegsdeutschland. Die Gründe dafür liegen zu einem nicht geringen Teil in der schon angesprochenen „Wiedergutmachung“. Verlief nach 1945 die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte schon generell sehr zögerlich, sehr zäh und vor allem lokal gegen beträchtliche Widerstände, so gilt dies speziell für die sog. „Entjudung“ von Woh- nungen und die Einrichtung der „Judenhäuser“. In der allgemeinen Erinnerungs- arbeit taucht der ebenso vielschichtige wie unangenehme Themenkomplex eher sporadisch auf, und auch die Forschung hat diesen Gegenstand erst relativ spät und nur vereinzelt aufgenommen. Umso bedeutsamer und gewichtiger ist der Beitrag, den das vorliegende Buch für die Geschichtsforschung wie für die Erinnerungskultur darstellt.
    Meine Damen und Herren, die beiden Stichworte „Geschichtsforschung“ und „Erinnerungskultur“ tauchen hier nicht zufällig auf. Sie müssen genannt werden, wenn man den Ertrag und die Bedeutung des Buches angemessen beschreiben will. Zugleich aber kennzeichnen diese beiden Stichworte auch die Leistung des Autors. Erinnerungskultur und Geschichtsforschung – in dieser Reihenfolge! – sind – bildlich gesprochen – die Brennpunkte einer Ellipse, in der sich das Engagement und die Arbeit von Hubert Schneider an der Universität und in unserer Stadt vollziehen. Und das schon seit vielen Jahren.

1. Der Autor
    Wer ist Hubert Schneider? Nun, vielleicht heißt es, Eulen nach Athen tragen, wenn ich ihn, den alle mit der Berufsbezeichnung „Historiker“ kennen, ausgerechnet im Bochumer Stadtarchiv vorstelle. Aber ich tue dies dennoch, und zwar nicht nur, weil es bei einer Buchpräsentation der guten Form entspricht, dem Autor einen Kranz zu winden. Ich denke vielmehr, man sollte biographisch etwas von Hubert Schneider wissen, um den vollen Zugang zu finden zu diesem sauber gearbeiteten, hoch informativen Buch; zu diesem lexikalisch angelegten und teilweise in der Sprache der Akten geschriebenen Werk; zu diesem einfühlsamen und – ja – liebevollen Epitaph für hundert geschundene Bochumer Juden.
    Hubert Schneider, Jahrgang 1941, wurde in Karlsruhe als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Er fand über Umwege zur Geschichtswissenschaft: Schon mit 14 Jahren musste er in der Industrie arbeiten, holte aber auf der Abendschule sein Abitur nach und studierte dann, zuerst gegen den Willen der Familie, in Freiburg im Breisgau Geschichte, Germanistik und Politik. 1967 machte er sein Staatsexamen und arbeitete anschließend als Lehrer. Eine Bekanntschaft mit Moritz Schlesinger, einem deutsch-jüdischen Diplomaten der Weimarer Zeit beeinflusste seine Entscheidung für die Wissenschaft. Er promovierte 1972 und arbeitete bis 1974 an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Danach kam er als Akademischer Rat an das Historische Institut der Ruhr-Universität Bochum, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte. Hier spezialisierte er sich auf die Geschichte der Sowjetunion, Polens und der Tschechoslowakei. Das ist der eine Brennpunkt der Ellipse. An der Universität wurde Schneider im Jahr 2004 pensioniert.
    Seither wendet er sich verstärkt dem zweiten Brennpunkt in seinem Schaffen zu, der Erinnerung an die jüdische Geschichte Bochums und der Begegnung mit Bochumer Juden. Hubert Schneider war Mitbegründer des Vereins „Erinnern für die Zukunft e.V.“. Diesem Bochumer Bürgerverein verdanken wir, dass weit über 100 ehemalige Bochumer jüdischer Herkunft, die in der Nazi-Zeit fliehen mussten, im Jahr 1995 zu einer großen Besuchswoche nach Bochum kamen, wobei sehr viele von ihnen zum ersten Mal nach der Shoah wieder den Boden ihrer Geburtsstadt betraten. In den folgenden Jahren hat es weitere Besuche kleinerer Gruppen gegeben, immer betreut vom Verein „Erinnern für die Zukunft“, dessen Vorsitzender Dr. Schneider seit etlichen Jahren ist. Er hält den Kontakt zu den Emigranten durch Briefe und Mails, er hat zusammen mit seiner Frau Ingrid seither zahlreiche Reisen zu den ehemaligen Bochumern unternommen – nach Israel und in die USA, nach Mittel- und Südamerika.
    Von diesen Reisen haben beide neben den Erinnerungen aus mündlichen Berichten eine Fülle von Unterlagen mitgebracht, die sich in vielen wissenschaftlichen und populären Veröffentlichungen niederschlugen, zuletzt nun in diesem Buch. Das Archiv des Vereins „Erinnern für die Zukunft“, das Hubert und Ingrid Schneider aufgebaut haben, ist eine „unschätzbar wichtige Quelle zur jüdischen Geschichte Bohums“, so die Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Ingrid Wölk, im Vorwort des hier vorzustellenden Buches.

2. Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit
    Bevor wir uns den Vorgängen in Bochum und damit dem Buch im Detail zuwenden, sind einige Informationen zur Entstehung der „Judenhäuser“ im Zusammenhang mit der sogenannten „Entjudung des Wohnraums“ angezeigt. Beide Begriffe gehören in das Wörterbuch des Unmenschen. Beide kennzeichnen bestimmte Stadien und Formen der Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit. Dazu ein kurzer, lokal fokussierter historischer Rückblick.
    Am 30. Januar 1933 waren die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gekommen. Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Als diese Nachricht am Nachmittag des 30 Januar in Bochum bekannt wurde, beeilte sich die örtliche NSDAP, einen „spontanen“ Siegeszug zu organisieren. „Tausende standen an den Straßen, um die Fahnen der deutschen Freiheitsbewegung zu begrüßen“, jubelte die nationalsozialistische Parteizeitung „Rote Erde“ in ihrer Bochumer Ausgabe. Die Wirklichkeit bot ein differenzierteres Bild. In der Bevölkerung rief die Machtübernahme keineswegs nur Begeisterung hervor, sondern auch Angst. Ein Zeitzeuge schilderte die Stimmung aus der Rückschau so: „Das war eine Begeisterung von SA-Leuten und SS, das konnte man sich gar nicht vorstellen, und die Zustimmung, die teilweise Zustimmung der Bevölkerung schon damals. … Unüberhörbar die Rufe: Deutschland erwache! Juda verrecke! … Es wurde einem eiskalt dabei.“ (Fritz Claus, späterer Oberbürgermeister von Bochum)
    In den folgenden Wochen ging die SA überall in Deutschland mit brutalem Terror gegen ihre politischen Gegner vor. Sie verhaftete und folterte Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, aber auch Juden. In Bochum entstanden im Frühjahr und Sommer 1933 einige berüchtigte Folterstätten: Das Hedtberghaus in Dahlhausen, die Zeche Gibraltar in Stiepel und die Hegelschule in Gerthe. Im Keller dieser Schule, dem „Gerther Blutkeller“, wurde am 5. Juli 1933 der jüdische Kaufmann Albert Ortheiler zu Tode geprügelt. Er ist das erste von über 500 jüdischen NS-Opfern aus Bochum, deren Namen verzeichnet sind im „Gedenkbuch der Opfer der Shoa aus Bochum und Wattenscheid“. Von diesem Gedenkbuch wird später noch die Rede sein, weil es auch und sehr wesentlich in die Geschichte des Buches über die Judenhäuser und ihre Bewohner hineingehört.
    Im Unterschied zu den Bewohnern der späteren Judenhäuser, die – mit wenigen Ausnahmen – deportiert und in den Vernichtungslagern ermordet wurden, fand Albert Ortheiler seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof an der Wasserstraße. Der bis heute erhaltene Grabstein vermerkt außer dem Namen allerdings nur das Geburts- und das Sterbejahr. Die Todesursache auch nur anzudeuten oder gar offen zu nennen, hätte grausame Gewalt zur Folge gehabt. Am 1. April 1933 wurde reichsweit ein Boykott gegen jüdische Geschäfte durchgeführt. Die zentral gesteuerte Aktion war das Signal, das die antijüdischen Maßnahmen auf wirtschaftlichem Gebiet auslöste. Wenige Tage später, am 7. April, wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, das in § 3 – dem sog. „Arierparagraphen“ – folgende Bestimmung enthielt: „Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen.“ Als „nicht arisch“ galt, wer von „nicht arischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammte. Den Entlassungen aus dem öffentlichen Dienst und dem Boykott folgten drastische berufliche Einschränkungen für jüdische Ärzte und Rechtsanwälte. Einschneidende soziale Ausgrenzung brachte das „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ vom 25. April 1933. Es verfügte eine proportionale Beschränkung der Zahl jüdischer Schüler und Studenten und war der erste Schritt auf dem Weg zur Relegierung der jüdischen Jugend aus den Institutionen des staatlichen Bildungswesens.
    Die Diskriminierung und Verfolgung der Juden nach 1933 ging in Schüben vor sich ging, und auch die Entrechtung erfolgte in Etappen. Die entscheidenden Etappen sind die „Nürnberger Gesetze“ von 1935 und die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als überall in Deutschland die Synagogen in Brand gesetzt wurden. Diese beiden Etappen bilden bei den Betroffenen auch die entscheidenden Voraussetzungen zum einen für das teils „freiwillige“, teils zwangsweise erfolgte Räumen von Wohnungen und zum andern dafür, wer dann später deportiert wird. Deshalb müssen die auf pseudowissenschaftlichen Grundlagen konstruierten „Rassegesetze“ hier zumindest erwähnt werden. Sie unterschieden zwischen „Reichsbürgern“ (= „Deutschblütigen“) und „Staatsange- hörigen“, vor allem eben den Juden, die damit aus der Gemeinschaft der „Volksgenossen“ juristisch ausgeschlossen und zu Menschen zweiter Klasse gemacht wurden. Wie menschenverachtend das für sie geschaffene Sonderrecht war, belegt das “Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre.“. Es verbot die Ehe zwischen Juden und „Ariern“; außerehelicher Verkehr zwischen Juden und „Ariern“ war ebenfalls verboten und wurde als „Rassen- schande“ gerichtlich verfolgt. Von nun an mussten „arische“ Ehepartner, die sich pro forma hatten scheiden lassen, um ihren Beruf weiter ausüben zu können, damit rechnen, als „Rassenschänder“ verurteilt zu werden, wenn sie weiter im Kreis ihrer Familie lebten und denunziert wurden. Ihnen drohten Freiheitsstrafen oder das KZ. In mehreren Verordnungen zu diesem sog. „Blutschutzgesetz“ definierten das Regime und seine Bürokratie, wer als Jude zu betrachten sei. Sie schufen Begriffe wie „Volljude“, „Mischling 1. Grades“, „Halb - und Vierteljude“ usw. Nachdem diese Definitionen Gesetzeskraft erlangt hatten, glaubten die Betroffenen anfangs, dass ihre Rechtsstellung – wenn auch eingeschränkt – für die Zukunft feststehe und sie vor „Einzelaktionen“ geschützt seien. In Wirklichkeit waren die Nürnberger Gesetze aber der Einstieg in die Vernichtung der Juden. Denn sie lieferten die Kriterien – und die gesetzliche Grundlage! – dafür, wer deportiert und umgebracht wurde.
    Eine weitere und ebenso entscheidende Etappe auf dem Weg von der Verfolgung zur Vernichtung bildeten die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als überall in Deutschland die Synagogen in Brand gesetzt wurden, jüdische Geschäfte, Praxen und Wohnungen geplündert und zerstört wur- den. An den Folgen der in dieser Nacht erlittenen Gewalt sind etwa 100 Juden gestorben, eine nie zu ermittelnde Zahl wurde in den Tod getrieben. Aus Bochum ist mindestens ein solcher Suizid nachträglich bekannt geworden.
    Wir beschließen die Rückblende mit einem Blick auf die Abwanderung der jüdischen Bevölkerung aus Bochum. Die Jüdische Gemeinde Bochum war im Jahr 1932 mit 1134 Mitgliedern die drittgrößte Gemeinde in Westfalen. Am 1. April 1933 waren es 1069, am 1. April 1934 noch 839, am 10. Oktober 1938 nur noch 644. Nach der offenen Gewalt in der Pogromnacht und den anschließenden Massenverhaftungen jüdischer Männer setzte eine Fluchtwelle ein, die im Jahr 1939 ihren zahlenmäßigen Höhepunkt erreichte.

3. Das Buch:
Die „Entjudung“ des Wohnraums – „Judenhäuser“ in Bochum – Die Geschichte der Gebäude und ihrer Bewohner
    An diesem Abschnitt der jüdischen Geschichte in Bochum und allgemein in Deutschland setzt das Buch von Hubert Schneider ein. Denn unmittelbar nach dem Pogrom – also bereits im November 1938 – kündigte Göring die Überprüfung der jüdischen Wohnverhältnisse an. Das Ziel war, die Juden aus den großen Wohnungen herauszubekommen und in kleineren Wohnungen oder in besonderen Häusern zu konzentrieren. Ghettobildung sollte allerdings vermieden werden. Der Begriff „Judenhaus“ wurde dann für Wohnhäuser aus jüdischem Eigentum (oder in einzelnen Fällen: ehemals jüdischem Besitz) verwendet, in die ausschließlich jüdische Mieter und Untermieter eingewiesen wurden.Wer in diesem Zusammenhang als Jude galt, war im § 5 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 geregelt.
    In der Einleitung des Buches, deren Lektüre unverzichtbar ist für den, der die Vorgänge verstehen will, beschreibt Schneider umfassend und detailliert „Die gesetzlichen Grundlagen für die Einrichtung von Judenhäusern und deren Umsetzung für Bochum“ (Kap. 1). Im 2. Kapitel werden „Entjudung und Arisierung in der NS-Zeit“, wiederum am Beispiel der Stadt Bochum ge- schildert. Die „Arisierung“ war ein staatlich organisierter Raubzug, der nicht zuletzt deshalb so durchschlagend „erfolgreich“ war, weil sich in dieser Enteignungsaktion ideologische Ziele und handfeste Interessen höchst effektiv ergänzten. Die Darstellung führt dem Leser nicht nur das juristische Instrumentarium vor, das dabei eingesetzt wurde, sondern auch die zahlreichen Institutionen auf den verschiedenen politischen Ebenen sowie etliche der handelnden Personen. Denn Beamte, Angestellte und Parteileute sorgten für einen reibungslosen Ablauf der Wohnungswechsel und späteren Räumungen im Zusammenhang der Deportation, einschließlich der anschließenden „Verwertung“ des nun herrenlosen Eigentums. Dabei arbeitet der Verfasser heraus, dass es – gerade, was den letzten Punkt betrifft – in Bochum deutliche Unterschiede zu den Vorgängen in Berlin, Hamburg oder München gab. So hat etwa in Bochum eine Versteigerung der von jüdischen Familien hinterlassenen Gegenstände in keinem Fall stattgefunden.
    Völlig parallel aber zu den genannten Metropolen waren es auch in Bochum weithin dieselben Beamten und Angestellten in den Ämtern (sowie ehemalige Parteigenossen in den juristischen Institutionen), die nach 1945 die sog. „Wiedergutmachung“ abwickelten. Diese Vorgänge im allgemeinen und für Bochum im Besonderen entfaltet Kap. 3 der Einleitung. Ein 4. Kapitel widmet sich zunächst überblicksartig der jüdischen Geschichte Bochums und sodann der Quellenlage für die Erforschung des – aus heutiger Sicht – letzten Abschnitts dieser Geschichte der alten jüdischen Gemeinde Bochums.
    Der NS-Staat hatte bei der Entrechtung und Ausbeutung der Juden in dieser letzten Phase vor der Shoah ein großes Arsenal von Pfeilen und sonstigen Marterwerkzeugen im Köcher. Deren Wirkungsweise wird von Hubert Schneider nicht in der Einleitung des Buches behandelt, sondern im Zusammenhang des ersten dargestellten Schicksals innerhalb der Vorstellung des ersten Judenhauses. Dazu bedient sich der Autor des Stilmittels der Exkurse, die im vorliegenden Fall den Vorzug haben, dass sie sehr konkret und anschaulich sind.
    Im übrigen – von diesem Kunstgriff abgesehen – folgt die Struktur des Buches dem Gegenstand „Judenhaus“ und – wie der Titel schon sagt – seinen Bewohnern. Zum Ertrag der Schneider`schen Forschung gehört vorneweg schon, dass er ein neues Ergebnis im Blick auf die Zahl der Bochumer Judenhäuser erarbeitet hat. Gingen wir bisher davon aus, dass es acht Judenhäuser waren, so weist Hubert Schneider weitere zwei nach. Weit wichtiger und umfassender aber sind die Erträge seiner Forschung zu den Menschen, die in diesen Häusern leben mussten. Akribisch genau wird nachgezeichnet, wie Einzelne und ganze Familien aus ihren angestammten Wohnungen und ihren jeweiligen sozialen Zusammenhängen herausgerissen wurden, wie sie unter oft katastrophalen Bedingungen in den stigmatisierten Judenhäusern isoliert, gedemütigt und zermürbt wurden. Um dem Leser zumindest eine Ahnung von der Stimmung und dem Lebensgefühl in diesen Häusern zu geben, greift der Autor auf Auszüge aus Tagebüchern von Viktor Klemperer zurück. Die Bochumer Bewohner dürften genau so empfunden haben. Wenn sie in ihren Briefen davon nichts nach außen dringen ließen, so deshalb, weil sie ihre Angehörigen nicht belasten wollten. Das gilt nachweislich für Karola Freimark, deren bewegende Briefe aus dem Judenhaus an der Horst-Wessel-Straße uns in dem von Hubert Schneider herausgegeben Briefband vorliegen.
    Dankenswerterweise hat der Lit-Verlag das vorliegende Buch gut ausgestattet. So bieten das Vorsatzpapier am Anfang und das Nachsatzpapier am Ende jeweils Auszüge aus Bochumer Stadtplänen in unterschiedlichen Maßstäben. Diese Karten – hier im Bild – zeigen uns die Lage der zehn Judenhäuser. Sie lagen Horst-Wessel -Straße 56 (heute Kanalstraße 56), Rheinische Straße 28, Rottstraße 9 und 11, Goethestraße 9, Vidumestraße 11, Franzstraße 11 und in der Dibergstraße Nr. 2 und 4 und die Israelitische Schule in der Wilhelmstraße 16.
    Detailliert, anschaulich und anhand authentischer Quellen beleuchtet Hubert Schneider alle "Judenhäuser" in Bochum. Jedem einzelnen Haus ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin wird zunächst die Baugeschichte des jeweiligen Objektes dargestellt, auch die Geschichte der Besitzverhältnisse und der Zuschnitt der Häuser.
    Sonderfälle stellen das erste und das letzte Judenhaus dar. Denn das Haus Rheinische Straße 28 war zwar ein „Judenhaus“, aber kein „jüdisches Haus“, wenn man der unsäglichen NS-Terminologie folgen will. Es gehörte einer „arischen“ Familie. Ein Sonderfall war auch das Gebäude der Israelitischen Schule, die gleichzeitig auch die Funktion eines jüdischen Gemeindezentrums hatte. Sie wurde zum Ausgangspunkt für die Transporte ihrer Bewohner in die Konzentrationslager. Hubert Schneider schildert mit den Biogrammen derer, die hier – teilweise nur wenige Tage, teilweise aber auch mehrere Monate – in den notdürftig unterteilten Klassenräumen hausen mussten, das Ende der Bochumer Juden in den Transporten von Januar 1942 nach Riga, April 1942 nach Zamosc und Juli 1942 nach Theresienstadt.
    Zum Glück hat aber eine Reihe von Bewohnern die Judenhäuser überlebt, zum Teil mit Angehörigen ihrer Familie. Den Abschnitten des Buchs, das solche Geschichten enthält, verdanken wir weithin auch zusätzliche Schilderungen über das beachtliche Leben der Juden in Bochum – sei es von Angehörigen der Arbeiterbevölkerung rund um den Moltkemarkt, der Kaufleute, die zumeist in der Altstadt ihre Wohn- und Geschäftshäuser hatten, oder der Fabrikanten, Ärzte und Rechtsanwälte, die in großzügigen Villen am Stadtpark residierten. Gerade weil der Autor sich nicht nur auf die NS-Zeit fokussiert, sondern die Biographien teilweise bis zu den Eltern und Großeltern zurückverfolgt, gibt er dem Bild der jüdischen Bevölkerung Bochums mit seinem Buch Ton und Farbe.
    Zur historischen Rekonstruktion der Lebensläufe gehört aber auch das Zusammentragen aller Informationen, die zum Stichwort „Wiedergutmachung“ aufzufinden waren. So quälend die Lektüre dieser Passagen des Buches ist, so verdienstvoll ist die umfassende Dokumentation. In dieser Hinsicht wie überhaupt im Blick auf eine Gesamtdarstellung der Judenhäuser einer Stadt dürfte dieses Buch singulär sein, ein Stück historischer Pionierarbeit.
    Der übersichtlich angelegte Anhang des Buches enthält ein gut gegliedertes Quellenverzeichnis, das dem Leser eine Vorstellung vermittelt von Umfang und Intensität der Recherche, die der Historiker Schneider betrieben hat. Ein ausführliches Personenregister ermöglicht das rasche Auffinden einzelner Lebensläufe und das besondere „Verzeichnis der Bochumer Judenhäuser und deren Bewohner“ vermittelt nicht nur eine Grundinformation, sondern lässt immer wieder auch Zusammenhänge erkennen.
    Meine Damen und Herren, ich breche hier ab. Als Nichtfachmann steht es mir nicht zu, ein Urteil über dieses Buch abzugeben. Aber als einer, der sich seit fünfundzwanzig Jahren mit Geschichte und Kultur der Juden in Bochum und im Ruhrgebiet beschäftigt, kann ich ermessen, wie viel fachliches Können, wie viel Fleiß und Liebe es brauchte, um ein Buch dieser Art zu schreiben. Daran, dass es zustande kam, haben etliche andere ihren Anteil gehabt. Deren Anteil wird im Dankeswort am Schluss des Buches gewürdigt. Die Anfänge dieser Arbeit gehen zurück in die Zeit der ersten Besuche von jüdischen Emigranten aus Bochum. Die Motivation zur Arbeit an der jüdischen Geschichte Bochums speist sich bei Hubert Schneider aus einer starken Empathie mit dem Schicksal jener Bochumer Juden, die Opfer der Shoa wurden. Aus diesem Impetus ist vor zehn Jahren das Gedenkbuch erwachsen, das wir gemeinsam – Stadtakademie, Stadtarchiv und Verein „Erinnern für die Zukunft“ – herausgebracht haben. Nun, zehn Jahre später, liegt ein Buch vor, das sich streckenweise wie ein Kommentar zum Gedenkbuch liest. Das eigentlich Bewegende sind die Schicksale, die in rund 100 mehr oder weniger ausführlichen Biogrammen dargestellt werden, die nichts beschönigen, aber mit hoher Sensibilität geschrieben sind. Bisher kannten wir allenfalls die Namen. Durch dieses Buch haben die einzelnen Menschen, die diese Namen trugen, wieder Kontur gewonnen, sodass wir uns ihrer erinnern können. Ich bin sicher, dass darüber viele der Angehörigen – bei allem Schmerz, der mit der Kenntnis der näheren Umstände verbunden ist – sehr glücklich sind. Wir in Bochum dürfen schlicht dankbar sein für dieses Buch, weil es die Kenntnis der jüdischen Geschichte Bochums bedeutend erweitert und uns durch die ehrliche Art der Aufarbeitung hilft, mit dieser Geschichte ins Reine zu kommen. Danke, lieber Hubert.

 (Manfred Keller)