Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Die Einrichtung von „Judenhäusern“ und ihre Funktion bei der Vertreibung von Juden:
Das Beispiel Herne und Wanne Eickel

    Auf der zentralen Veranstaltung der Stadt Herne anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus hielt Hubert Schneider am 28. Januar 2011 einen Vortrag:
    Im März 1939 traten Nationalsozialisten im soeben dem Deutschen Reich angeschlossenen Österreich mit folgender Parole an die Öffentlichkeit: Zur Nachahmung empfohlen! Heraus mit den Juden aus den guten und billigen Wohnungen! Ziel war, die Juden aus den begehrten Wohnungen zu vertreiben. Rigoros ging man vor: Rund 10 000 Wohnungen wurden unmittelbar nach dem Anschluss freigemacht. An die Stelle der unkoordinierten wilden Aktionen traten bald organisierte, staatlichsanktionierte Raubzüge. Sie bescherten den Wienern bis 1942 weitere 60 000 freie Wohnungen. In Berlin dürften es mehr als 30 000 gewesen sein. In München waren es etwa 3000, Hamburg freute sich über einen Zugang von 1 900 geräumten Wohnungen, Düsseldorf zog 700 Haushaltungen ein. Jede Stadt hat solche Gewinne verbucht. Hinter dem Griff nach den jüdischen Wohnungen standen neben den ideologischen Prinzipien handfeste materielle Interessen. Zum einen ging es darum, die deutsch-jüdische Wohngemeinschaft aufzubrechen, die räumliche Trennung von Deutschen und Juden zu vollziehen; ein Schritt, der auf dem Weg zur anvisierten Lösung der Judenfrage unumgänglich war. Zum anderen wollte man durch die Zusammenlegung jüdischer Familien Wohnraum gewinnen, um die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zu entlasten. Angesichts der herrschenden Wohnungsnot, die nach dem Ausbruch und der Ausweitung des Krieges katastrophale Ausmaße annahm, griff man nach den Judenwohnungen. Und je größer der Bedarf wurde, desto konsequenter wurde die Politik der Entjudung vorangetrieben. Zwischen Wohnungsbedarf und Vertreibung bestand auch ein Zusammenhang; die Räumung der Wohnungen war die erste Station des Weges, der über die Separierung und die Deportation zur Vernichtung führte. Diese Etappen wurden nicht improvisiert, sondern planmäßig vorbereitet. Als nach der Pogromnacht 1938 die Entscheidung fiel, die Separierung der deutschen Juden in die Wege zu leiten, wurde der Behördenapparat entsprechend instruiert. Das hieß:
    Um Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu vermeiden, muss das Ausscheiden der Juden aus deutschen Wohnungen [...] planmäßig durchgeführt werden
    Ende November 1938 kündigte Göring als Generalbevollmächtigter für den Vierjahresplan die Überprüfung der jüdischen Wohnverhältnisse an. Ziel war es, die Juden aus großen Wohnungen in kleinere Wohnungen zusammenzuziehen. Anders als später in den besetzten Gebieten sollte die Konzentrierung der Juden jedoch nicht zur Bildung von Zwangsghettos führen. Im Reichsgebiet musste sie unauffällig [...] in bestimmten Straßen verschiedener Stadtteile ausgeführt werden. Diese Strategie fand auch die Billigung Hitlers. Am 28. Dezember 1938 teilte Göring den Reichsministern die Führer-Entscheidung über die Unterbringung von Juden mit:
    Der Mieterschutz für Juden ist generell nicht aufzuheben. Dagegen ist es erwünscht, in Einzelfällen nach Möglichkeit so zu verfahren, dass Juden in einem Haus zusammengelegt werden, soweit die Mietverhältnisse dies gestatten. Aus diesem Grunde ist die Arisierung des Hausbesitzes an das Ende der Gesamtarisierung zu stellen, d.h. es soll vorläufig nur dort der Hausbesitz arisiert werden, wo in Einzelfällen zwingende Gründe dafür vorliegen.
    Diese Richtlinien wurden in Paragraphen gekleidet. Mit dem Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939 und der Durchführungsverordnung vom 4. Mai 1939 wurde der Mieterschutz für Juden unter Auflagen für den Vermieter aufgehoben. Die gesetzliche Kündigungsfrist brauchte dieser nun nicht mehr einzuhalten, vorausgesetzt, er konnte eine Bescheinigung der kommunalen Behörden vorlegen, die eine anderweitige Unterbringung des jüdischen Mieters garantierte. Jüdische Eigentümer von Wohnraum und jüdische Mieter wurden dazu verpflichtet, auf Verlangen der Gemeindebehörden jüdische Untermieter aufzunehmen. Alle Veränderungen von Mietverhältnissen, an denen Juden beteiligt waren, waren genehmigungs- und gebührenpflichtig. Die damit verbundene Registrierung jüdischer Wohnverhältnisse wurde durch die generelle Anmeldepflicht jüdischen Wohnraums vervollständigt.
    Nach den Anordnungen und Anmeldungen machten sich Stadt- und Gemeinde- behörden, allen voran die Wohnungsämter, sowie Hausbesitzer und Maklerfirmen daran, arische Häuser und Wohnungen zu entjuden. Dies alles geschah in enger Zusammenarbeit mit den regionalen Gestapo- und NSDAP-Stellen. Die zugewiesenen Ersatzwohnungen lagen in den Gebäuden, die Juden gehörten und die noch nicht zur Arisierung freigegeben worden waren. Dazu gehörten nicht nur Häuser, Wohnungen und Pensionen von Juden, sondern auch Einrichtungen der jüdischen Gemeinden, Kindergärten und Schulen, Altersheime und Krankenhäuser, Büros und Versammlungszimmer, Betsäle und Friedhofshallen. Diese mussten zur Unterbringung der obdachlos Gewordenen hergerichtet werden. Die Entwicklung zur Errichtung von Judenhäusern bahnte sich an. Daneben standen die Bemühungen, arische Mieter zum freiwilligen Auszug aus jüdischen Wohnungen zu bewegen. Da für sie der gesetzliche Mieterschutz weiter bestand, appellierte man an ihr gesundes Volksempfinden oder schlug ihnen einen Wohnungstausch vor. Als dann auf dem Verordnungswege die jüdischen Mietverhältnisse auch in jüdischen Häusern aufgelöst wurden, setzte eine zweite Kündigungswelle ein
    In der Folge entstanden in allen deutschen Städten „Judenhäuser“, in Bochum waren es beispielsweise 10, in Herne waren es 3, in Wanne-Eickel 2.
    Die durch die Neuregelung der Mietverhältnisse erzwungenen Wohnungswechsel stellten für die Betroffenen einen massiven Eingriff in ihre Privatsphäre und einen Angriff auf das Selbstwertgefühl der Menschen dar. Wohnungen, die in den Jahren zuvor zu Schutzräumen vor einer feindlichen Umwelt geworden waren, sowie zu Trägern von Erinnerungswerten an eine glückliche Vergangenheit, mussten verlassen werden. Mit der Einweisung in die „Judenhäuser“ fielen die Verdienstmöglichkeiten durch die Aufnahme von Untermietern und Mittagstischgästen aus, die von vielen zur Sicherung des Lebensunterhalts benötigt wurden. Die Wohnungswechsel bedeuteten den Verlust der Hausgemeinschaft sowie des vertrauten Stadtviertels. Sie waren ein nicht zu ignorierendes Zeichen des sozialen Abstiegs, da die Räumlichkeiten beengter, dunkler und primitiver waren und man sich Hals über Kopf von vertrauten Einrichtungsgegenständen trennen musste.
    Wie sich das Leben – auch da Zusammenleben mit vielen anderen Menschen auf engstem Raum – in den „Judenhäusern“ gestaltete, darüber geben viele Zeugnisse von Überlebenden Auskunft. Hier sei nur Victor Klemperer zitiert, der selbst von Mai 1940 bis Februar 1945 mit seiner christlichen Ehefrau in insgesamt drei „Judenhäusern“ leben musste, und auf vielen hundert Seiten seines Tagesbuchs immer wieder das Leben unter den zunehmend schlimmer werdenden äußeren Bedingungen beschreibt. So am 14. Dezember 1943:
    Das Schlimmste hier ist die Promiskuität. An einer Diele stoßen die Türen dreier Ménages: Cohns, Stühlers, wir. Badezimmer und Klo gemeinsam. Küche gemeinsam mit Stühlers, nur halb getrennt – eine Wasserstelle für alle drei -, ein kleiner anstoßender Küchenraum für Cohns. Zwischen Cohns und Stühlers starke Spannung. Cohns warnten mich vor Frau Stühler, ich sollte nur gleich und schroff meine Rechte beanspruchen und abgrenzen. Es scheint aber nicht so schlimm zu sein. Stühlers bemühen sich freundlich um uns, ich musste eine Weile in ihr Zimmer. Ein bayrisches Ehepaar, noch jung, ein Sohn von vierzehn Jahren. ... Trotzdem die Promiskuität. Es ist schon halb ein Barackenleben, man stolpert übereinander, durcheinander. Und die ganze Judenheit auf einem Haufen ... Die Öffentlichkeit und Promiskuität dieses Lebens scheint mir das Schlimmste. ... Viele der Leute, mit denen wir gern in Frieden lebten, sind untereinander verfeindet, verketzern sich. Cohn schimpft auf Stühlers – ‚es sind eben Bayern!’, Konrad und Berger toben gegeneinander...
    Die Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel ist durch die Studien von Ralf Piorr gut aufgearbeitet. Unter Berücksichtigung dieser Forschungsergebnisse und mit den Materialien, die mir Herr Piorr und Herr Hildebrandt vom Stadtarchiv freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben, werde ich versuchen, unter dem Aspekt „Judenhäuser“ deren Rolle bei der Vertreibung der Juden in Herne und Wanne-Eickel zu beleuchten.
    Einen guten Einstieg bieten die Erinnerungen von Irmgard Ray, die als 16-jährige mit ihren Eltern ihre angestammte Wohnung verlassen und in ein „Judenhaus“ einziehen musste.
    Sie erinnert sich:
    Wir wohnten in einer Wohnung über der ‚Schauburg’ in der Bahnhofstraße. Dann wurden wir aus unserer Wohnung gejagt und mussten zusammenziehen. Wir hatten ein Zimmer und Küche in einem alten Haus über dem Nordseegeschäft, gegenüber der Kaiser- Wilhelmstraße (heute Viktor Reuter-Straße). Das gehörte einem alten jüdischen Herrn mit Namen Gans. Das Haus wurde gefüllt und etwas weiter in der Bahnhofstraße war ein Saal hinter einem Geschäft nicht weit von der Kampstraße. Wir nannten den Saal ‚unser Heim’. Da es Juden nicht erlaubt war, ins Kino oder Restaurant zu gehen, hatten wir Veranstaltungen und spielten Tischtennis im Heim. Aber dann in 1940 wurde das Heim die Wohnung von Juden. Jede Familie bekam ein paar Meter zum Leben. Die Leute hängten Gardinen an jeder Seite, so dass sie etwas privat hatten. Es gab nicht viel zu essen, aber ich weiß, dass meine Mutter das silberne Besteck und andere wertvolle Sachen für Essen umtauschte.
    Das Haus, in das die Familie Ray zog, war das Haus in der damaligen Bahnhofstraße 57/59, heute Robert-Brauner-Platz 1. Es gehörte Moritz Gans, einem der wichtigsten Repräsentanten der jüdischen Gemeinde: Er war jahrelang ihr Vorsitzender, leitete bis 1934 die Herner Ortsgruppe des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ und war zeitweilig Stadtverordneter. Im Erdgeschoss lag das Konfektions- und Textilgeschäft Gans, das inzwischen „abgewickelt“ worden war, so nannte man die Liquidierung von Geschäften damals. Er selbst wohnte im Obergeschoss. Dort befand sich auch das Büro der jüdischen Gemeinde. Die Geschichte des Moritz Gans ist ja gut aufgearbeitet, Schülerinnen und Schüler des Otto-Hahn-Gymnasiums haben eine Gedenktafel erarbeitet, die inzwischen am Robert-Brauner-Platz 1 aufgestellt wurde.
    Norbert Gans gehörte auch das Haus Bahnhofstraße 53, das 1940 ebenfalls zu einem „Judenhaus“ wurde.
    Das von Irmgard Ray in ihrem Bericht genannte „Heim“ befand sich in der Kampstraße 14, heute Poststraße. Es wurde zum dritten „Judenhaus“ in Herne.
    Die Behörden von Wanne-Eickel fassten die örtlichen Juden im ehemaligen Armenhaus Auf der Wilbe 31 in Röhlinghausen und in Wanne im Haus Emscherstraße 142 zusammen.
    Was bedeutete es, dass diese Gebäude zu „Judenhäusern“ wurden? Wie viele Menschen wurden dort zusammengepfercht, um dort unter den von Victor Klemperer und auch von Frau Ray angedeuteten verheerenden Bedingungen zu vegetieren, bis sie schließlich deportiert wurden?
    Einen Hinweis geben zumeist die Adressbücher der Jahre 1940 und 1942. Die sind in Herne nicht überliefert oder es gab keine.
    Zum Glück für den Historiker sind für Herne die Deportationslisten aus dem Jahre 1942 erhalten. Es handelt sich dabei um die Transporte vom Januar 1942 nach Riga, April 1942 nach Zamosc und nach Theresienstadt vom Juli 1942.
    Schauen wir uns diese Listen etwas genauer an:
    Im Januar 1942 wurden 41 Herner jüdische Bürger nach Riga deportiert. Davon lebten zuvor 13 Personen oder 9 Familien im Haus Bahnhofstraße 53, 8 Personen oder 4 Familien im Haus Bahnhofstraße 57/59, 14 Personen oder 5 Familien im Haus Kampstraße 14.
    Im April 1942 wurden 27 jüdische Bürger aus Herne nach Zamosc deportiert. Davon lebten zuvor 10 Personen oder 5 Familien im Haus Bahnhofstraße 53, 7 Personen oder 3 Familien im Haus Bahnhofstraße 57/59, 1 Person im Haus Kampstraße 14.
    Im Juli 1942 wurden 22 Herner jüdische Bürger nach Theresienstadt deportiert. Davon lebten zuvor 2 Personen oder 1 Familie im Haus Bahnhofstraße 53, 9 Personen oder 6 Familien im Haus Bahnhostraße 57/59, 7 Personen oder 5 Familien im Haus Kampstraße 14.
    Fassen wir zusammen:
    Von den lt. Piorr Anfang 1942 noch in Herne lebenden 136 Juden wurden in den 3 großen Deportationen des Jahres 1942 90 verschleppt.
    Davon wohnten zuletzt 25 Personen oder 15 Familien in der Bahnhofstraße 53, 24 Personen oder 13 Familien in der Bahnhofstraße 57/59, 22 Personen oder 11 Familien in der Kampstraße 14.
    Die Menschen waren alle ab 1939 in diese Häuser eingewiesen worden. Das Adressbuch der Stadt Herne von 1938 besagt, dass zu diesem Zeitpunkt keine dieser Familien in diesen Häusern wohnte, ausgenommen Moritz Gans, der in seinem Haus Bahnhofstraße 57 lebte.
    Die Überlieferung für Wanne-Eickel ist nicht so gut wie für Herne.
    Daten konnte ich nur für das Haus Auf der Wilbe 31 , das ehemalige Armenhaus, finden. Von den 12 im Juli 1942 von Wanne- Eickel nach Theresienstadt deportierten Juden aus Wanne- Eickel wohnten zuletzt 10 Personen oder 7 Familien in dem Haus Auf der Wilbe 31. Unter ihnen war der 1871 geborene Otto Blumenfeld, der am 6. Januar 1954 in einer eidesstattlichen Erklärung sagte:
    Im Juli 1942 wurde ich mit neun anderen Juden in Wanne-Eickel von der Gestapo aus der Wohnung geholt. In einem Omnibus wurden wir über Bochum nach Dortmund geschafft und drei Tage lang im Quarantänestall des Dortmunder Schlachthofes untergebracht. Von dort aus wurden wir in das KZ Theresienstadt deportiert. Im Zeitpunkt der Verhaftung wohnte ich nicht mehr in meiner Wohnung, ich war vielmehr mit den anderen neun Juden schon einige Zeit vorher im Armenhaus in Röhlinghausen untergebracht worden. Von dort wurden wir abgeholt.
    Die hier genannten Zahlen für die Belegung der Judenhäuser in Herne und Wanne-Eickel sind sicher nicht vollständig, wenn wir berücksichtigen, dass ja auch 1943 noch Juden aus Herne verschleppt wurden. Deutlich wird aber die Funktion der „Judenhäuser“: Die Juden wurden in wenigen Häusern kon- zentriert, waren fortan leicht zu überwachen, die Deportationen waren problemlos zu organisieren. Und: Die Häuser lagen im Zentrum der Stadt, das Geschehen fand in aller Öffentlichkeit statt, wer sehen wollte, konnte sehen.
    Es bleiben Fragen, die der Beantwortung harren:
 ·  Was wurde aus den Wohnungen, in denen die in die Judenhäuser eingewiesenen Menschen vorher gelebt hatten? Denn dass es auch in Herne private Nutznießer der Verdrängung der Juden gab, ist gewiss. Einen Hinweis gibt ein Schreiben der Gestapo Bochum an den Oberbürgermeister der Stadt Wanne-Eickel vom 30. Juli 1942. Da heißt es: Betr. Abschub von Juden. Beiliegend übersende ich Ihnen eine Liste über die Juden, die am 27.7.42 aus Ihrem Stadtgebiet nach Theresienstadt abgeschoben wurden. Bezüglich der durch die Abschiebung der Juden freigewordenen Wohnungen bitte ich, mit dem für Ihre Stadtgebiet zuständigen Finanzamt in Verbindung zu treten, da dieses im Besitz der Schlüssel der freigewordenen Wohnungen ist.
 ·  Diese Schreiben führt zu der Frage: Was wurde aus dem Besitz der deportierten Herner Juden? Für Bochum, stellvertretend für die anderen Städte, kann diese Frage geklärt werden. Wilhelm Werner, vor und nach 1945 Angestellter des Finanzamtes Bochum, selbst beteiligt bei der Erfassung des Besitzes der deportierten Juden, erklärte während der Sitzung des Wiedergutmachungsamtes in Bochum am 7. August 1951 unter Eid: Im Januar 1942 wurden die jüdischen Familien abtransportiert. Deren Wohnungen wurden dann von der Gestapo versiegelt. Das Finanzamt Bochum erhielt dann vom Oberfinanzpräsidenten in Münster den Auftrag, die Wohnungseinrichtungen der Juden zu übernehmen und zu verwerten. Dies geschah in folgender Weise: Das Finanzamt stellte ein Verzeichnis der vorhandenen Sachen auf. Die Sachen wurden dann später veräußert und zwar 60 bis 70 % an das hiesige Wohlfahrtsamt. Vorher waren die Sachen zu einem Lager in der Wilhelmstraße gebracht worden. ... Vor der Abgabe wurden die Sachen abgeschätzt. Dies machte im Auftrage des Finanzamtes ein Herr Rehling, der Möbelfachmann war. Die Schätzung gab den Verkaufswert an. Es kam verschiedentlich vor, dass das Wohlfahrtsamt den Preis der einzelnen Sachen beanstandete. Diese Sachen wurden dann anderweitig freihändig verkauft. Die Durchführung dieser Maßnahme war dem Steuerrat Keuser übertragen worden. Von ihm hatte ich einen Auftrag zur selben Zeit erhalten. Ich war im Innendienst beschäftigt und arbeitete mit einem Vollziehungsbeamten zusammen. Für jeden Fall, d.h. für jede Wohnung wurde eine besondere Akte angelegt. Interessant ist der Hinweis des Zeugen Werner, dass alle diese Akten kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahre 1945 auf höhere Anweisung vernichtet wurden.
 ·  Das führt zur nächsten Frage: Wie liefen die sogenannten Wiedergutmachungsverfahren nach dem Krieg ab, die von den Angehörigen der ermordeten Juden oder – fall es solche Angehörige nicht gab – von den zentralen jüdischen Organisationen angestrengt wurden? Die Tatsache, dass die Akten, die, wie Werner sagte, ja eine genaue Aufstellung der Einrichtungen der Wohnungen enthielt, vernichtet worden waren, führte zu den für die Opfer unsäglich schrecklichen Verfahren, in denen die Opfer beweisen mussten, wie die Wohnungen der Ermordeten eingerichtet waren.
    Meine Damen und Herren, sie sehen, dass noch viele Fragen offen sind, deren Beantwortung uns nicht nur über das Schicksal der einzelnen jüdischen Familien Auskunft geben könnte, sondern, erweitert man die Nachforschungen auf die Geschichte dieser Familien auf die Zeit vor 1933, auch darüber, welche Rolle die Juden in der Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft unserer Städte spielten. Für Bochum kann ich sagen: Sie war nicht unbedeutend.
    Schließen möchte ich mit einer Notiz, die der Polizeipräsident der Stadt Bochum am 18.1.1943 an sämtliche Polizeireviere und Zweigstellen schickte.
    Betrifft: Wegfall einer Terminmeldung. Die durch Verfügung vom 23.7.1938 geforderte vierteljährliche Meldung über die Anzahl der im Revierbereich vorhandenen Juden braucht fortan nicht mehr erstattet zu werden.
    Zu diesem Zeitpunkt lebten in Deutschland nur noch sehr wenige Juden, auch in Herne und Wanne-Eickel, wie wir gesehen haben.
    Am 19. Juli 1943 wurde Deutschland offiziell für judenrein erklärt.

(Hubert Schneider)