Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Leben zwischen zwei Welten - Jüdische Einwanderer im
Ruhrgebiet
Bericht über das Ausstellungsprojekt „Angekommen?! –
Lebenswege jüdischer Einwanderer“ des Jüdischen Museums
Westfalen

    Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1990 sind 220.000 jüdische Einwanderer nach Deutschland gekommen. Einblicke in die Lebenswege dieser Menschen vermittelt eine Wanderausstellung des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten. Das Museum, das im nächsten Jahr auf ein zwanzigjähriges erfolgreiches Wirken als „Lernort“ jüdischer Geschichte und Kultur zurückblicken kann, hat in einem eigenen Forschungsprojekt den russisch-jüdischen Zuzug erkundet und dokumentiert. Das Ergebnis ist die Ausstellung „Angekommen?! – Lebenswege jüdischer Einwanderer“, ergänzt um eine Buchpublikation unter gleichem Titel und eine Arbeitshilfe mit Materialien für Schule und Weiterbildung.
    Am Beispiel des Ruhrgebiets präsentiert die Ausstellung die Lebensgeschichten von vierundzwanzig jüdischen Frauen und Männern verschiedener Generationen und unterschiedlicher Herkunftsländer. Die Grundlage bilden biographische Interviews, die von der Historikerin Svetlana Jebrak zu folgenden Fragen geführt wurden: Woher kommen die Einwanderer? Warum kamen sie nach Deutschland? Welche Erfahrungen haben sie in der früheren und in der neuen Heimat gemacht? Welche Rolle spielen die Gemeinden für die Zuwanderer? Welche Formen des Jüdischseins wollen sie leben und welche Zukunftsperspektiven haben sie?
    Die meisten jüdischen Migranten sind askenasischer Herkunft. Sie stammen aus der Ukraine, Weißrussland, Moldawien, den baltischen Staaten und Russland. Die Ausstellung und die begleitenden Publikationen zeigen, dass nicht nur die schulische Ausbildung in den Herkunftsländern, sondern auch die soziale Schichtzugehörigkeit bei der Frage nach der „Ankunft“ im Aufnahmeland eine Rolle spielten. Besonders wichtig war die berufliche Eingliederung. Für die meisten Einwanderer ergaben sich große Schwierigkeiten bei der Suche nach einem angemessenen Arbeitsplatz. Die erste Hürde bildete der Erwerb deutscher Sprachkenntnisse. Das zweite Problem war die mangelnde Vergleichbarkeit der fachlichen Ausbildung. „Aus einem Diplom-Ingenieur oder einem Chirurgen mit langjähriger Berufserfahrung wurden gleichsam über Nacht unqualifizierte Hilfskräfte“, erfuhr Svetlana Jebrak in den Gesprächen.
    Die Neuankömmlinge mussten zunächst ohne Anerkennung ihrer Hoch- schulabschlüsse auskommen. Nur auf Umwegen und mit viel Fleiß und Ausdauer schaffte ein Teil von ihnen die berufliche Eingliederung. Die Interviews geben auch Auskunft über die Einwanderungsmotive. Dass es in der UdSSR nicht nur einen staatlich verordneten Atheismus, sondern auch einen militanten Antisemitismus gab, ist bekannt. Er wurde in der Spätphase des Sowjetsystems verstärkt durch die wirtschaftlichen Probleme, die als Folge von Glasnost und Perestroika auftraten. So wundert es nicht, dass die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile, die den jüdischen „Kontingentflüchtlingen“ geboten wurden, einen starken Anreiz für die Einwanderung nach Deutschland bildeten. Ausführlich wird in den Begleitpubli- kationen dargestellt, wie es zu den bevorzugten Aufnahmeverfahren für Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion kam. Im Frühjahr 1990 beschloss die erste (und einzige) frei gewählte Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik, Juden aus der Sowjetunion aus humanitären Gründen aufzunehmen und ihnen einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen; eine Regelung, die im Vertrag über die deutsche Einigung für die gesamte Bundesrepublik Deutschland übernommen wurde. Auf dieser gesetzlichen Grundlage kamen bis 2005 jährlich mehr als 10.000 jüdische Zuwanderer nach Deutschland. Durch die Neuregelung des Aufnahmeverfahrens im November 2005 wurden die Bedingungen bedeutend verschärft. Bereits vor der Ausreise sind deutsche Sprachkenntnisse und eine positive Integrationsprognose nachzuweisen. Die Antragsteller müssen glaubhaft machen, dass sie selbst dauerhaft für ihren Lebensunterhalt in Deutschland sorgen können. Seither ist die Zuwanderung stark zurückgegangen. Die Begleitpublikationen zur Ausstellung – insbesondere das Heft für die pädagogische Arbeit – geben mit ihren Materialien wichtige Einblicke in die unterschiedlichen Lebenswelten der postsowjetischen Herkunftsstaaten und des Aufnahmestaates Bundesrepublik Deutschland.
    Indirekt gibt die Ausstellung in den vierundzwanzig Porträts auch Einblick in das jüdische Gemeindeleben. Vor fünfundzwanzig Jahren hat niemand voraussehen können, welche Entwicklung jüdisches Leben und jüdische Gemeinden in Deutschland nehmen werden. Durch die Einwanderung „russischer“ Juden ist die Mitgliederzahl in den jüdischen Gemeinden Nordrhein-Westfalens von 5.000 auf 30.000 gestiegen, allein im Ruhrgebiet von 800 auf 10.000. Die Vervielfachung ihres Mitgliederbestandes stellt die Gemeinden vor erhebliche Probleme, nicht nur in finanzieller, personeller und baulicher Hinsicht. Die Interviews zeigen vor allem, dass die vorhandenen Gemeinden mit ihrer traditionellen Ausrichtung der Vielfalt jüdischer Lebensformen kaum gerecht werden. Sie lassen aber auch erkennen, dass junge Juden den Anschluss an jüdische Gemeinden suchen, um ihre eigene jüdische Identität zu finden und zu leben.

(Manfred Keller)

Hinweise zur Ausstellung und den Begleitpublikationen:
Ausstellung:

    Die Ausstellung „Angekommen?! Lebenswege jüdischer Einwanderer“ ist als Wanderausstellung konzipiert und kann im Jüdischen Museum Westfalen ausgeliehen werden (Informationen unter: www.jmw-dorsten.de). Die Ausstellung umfasst 28 Tafeln (Fahnen) und vier Vitrinen.
    Svetlana Jebrak und Norbert Reichling (Hg.): Angekommen?! Lebenswege jüdischer Einwanderer. Mit Fotoporträts von Dirk Vogel. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin, 2010 - Das Begleitbuch zur Ausstellung ist im Buchhandel erhältlich.
    „Angekommen?! Jüdische Zuwanderung nach Deutschland 1990 – 2010. Materialien und Vorschläge zur pädagogischen Arbeit, erarbeitet von Svetlana Jebrak, gedruckt mit Unterstützung des Leo Baeck-Programms. Das Heft ist beim Jüdischen Museum Westfalen erhältlich.