Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

„Her Gift to us was Colour“ - Nachruf auf Karla Goldberg

    Am 18. September 2010 starb Karla Goldberg, geborene Baer, im Alter von fast 90 Jahren in Toronto. Sie hinterließ drei Söhne, ebenso viele Schwiegertöchter und 14 Enkelkinder.
    Die Überschrift zu diesem Artikel verdanke ich dem Nachruf des Herausgebers der „Canadian Jewish News“, Mordechai Ben-Dat, für Karla Goldberg vom 29.09.2010. Er kannte sie seit Jahrzehnten und war von ihrer Herzlichkeit, ihrer Gastfreundschaft, ihrer Courage und – nicht zuletzt – ihrer direkten Art fasziniert. Karla Goldberg betätigte sich lebenslang künstlerisch und kunsthandwerklich. In seinem Nachruf würdigt Ben-Dat ihren ganz eigenen Umgang mit Materialien, Formen und besonders Farben. „Colour – intense, dazzling and brilliant –“, schreibt er, „was her signature.“ Auch ihr Sohn Gary hebt Karla Goldbergs spezielles Verhältnis zur Farbe hervor und schildert sie als „colourful person“. Während ihres Begräb-nisses in Toronto gab er ihren Enkelkindern mit auf den Weg: „A picture speaks a thousand words, but a piece of Karla’s art speaks a thousand thoughts.” Karlas Kunst an ihren Wänden zu Hause werde permanent zu ihnen sprechen und viele tiefe Erinnerungen wecken. Karla Goldberg selbst sah ihre künstlerische und kunsthandwerkliche Arbeit eng mit ihrem Leben verwoben. Beides in Farbe: vom dunkelsten Grau zu den lebhaftesten Farben. Die „ups and downs“ ihres Lebens forderten ihre (künstlerische) Phantasie heraus, „… challenged my imagination“, wie sie selbst schrieb. Sie transformierte sie in kreatives Schaffen: „into a variety of media and forms“. Zu ihrem 65. Geburtstag gab Karla Goldberg ein kleines Buch mit ihren Arbeiten heraus. Ihr Mann David hatte sie dazu ermutigt. Es war ihrer Familie und ihren Freunden gewidmet und sollte ihnen, wie es im Vorwort heißt, zu einem besseren Verständnis der Schwankungen und Emotionen in Karlas eigener Welt verhelfen: „I hope that this book will pass on to my family […] and friends a better understanding of the variations and emotions of my own world“.
    Geboren wurde Karla Goldberg als Karola (Rufname: Karla) Baer am 22. Dezember 1920 in Bochum. Sie war die Tochter von Leo und Else Baer. Leo Baer war Kriegsteilnehmer gewesen, zunächst (1914) an der Westfront und später (ab 1915) als Angehöriger der Luftstreitkräfte. Im November 1919 hatte er Else Marx, eine Verkäuferin aus Dortmund, geheiratet. Nach Karla kam als zweites Kind im April 1923 der Sohn Werner zur Welt. Die Baers waren wirtschaftlich erfolgreich und in Bochum fest verankert. Zusammen mit seinem Schwager Hugo Hirschberg führte Leo Baer seit 1919 die Isaac Baer OHG, die von Leos Vater Isaac 1889 als „Trödler-Geschäft“ eröffnet worden war und sich zu einem gut florierenden Unternehmen entwickelt hatte, das mit Rohpro-dukten aller Art handelte. Die Firma hatte ihren Standort an der Gerberstraße. Leo Baer lebte mit Frau und Kindern bis 1935 an der Wrangelstraße. Der Familie ging es gut. Sie beschäf-tigte verschiedene Haushaltshilfen und fuhr regelmäßig in den Urlaub. Karla besuchte nach der jüdischen Grundschule das Lyzeum Bochum und im Anschluss daran eine Gewer-beschule. Während der NS-Zeit geriet die Firma Baer unter wirtschaftlichen Druck, konnte sich aber bis 1938 halten. Direkt nach dem Novemberpogrom wurde sie von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) beschlagnahmt und später von einem Treuhänder liquidiert. Die zur Firma gehörenden Grundstücke an der Gerberstraße wurden zwangsversteigert; den Zuschlag erhielt die Stadt Bochum.
    Karla Baer hatte die Pogromnacht nicht zu Hause erlebt, sondern in Hofheim bei Würzburg, wo sie seit Oktober 1938 als Hauslehrerin arbeitete. Am 10. November kam sie nach Bochum zurück. Was sie sah und hörte, schockierte sie:
     „Ich konnte nicht glauben, was ich sah. In der Nähe des Bahnhofs war ein zerstörtes jüdisches Gebäude. Überall lag zersplittertes Glas auf der Straße. Alles Mögliche war aus den Häusern hinausgeworfen worden. Die Kortumstraße war verwüstet, die Geschäfte waren leer, geplündert. Dann bin ich nach Hause. Mama begrüßte mich mit Tränen und sagte: ‚Dein Vater ist weg!’ ‚Was heißt das, er ist weg?’ ‚Sie haben ihn mitgenommen. Sie sagten, er sei Jude. Deshalb habe er mitzukommen.’ ‚Und wo ist Werner?’ ‚Sie haben ihn auch mitgenommen.’ Meine Mutter war hysterisch. Ich habe dann noch erfahren, dass mein Vater und Bruder auf der Polizeistation seien.“
    Karlas Bruder Werner kam nach einigen Tagen wieder nach Hause, ihr Vater Leo erst Mitte Dezember. Zusammen mit etwa 500 anderen jüdischen Männern aus dem Regierungsbezirk Arnsberg hatte man ihn in das KZ Oranienburg- Sachsenhausen transportiert. Vor seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager musste er sich verpflichten, mit seiner Familie „auf dem schnellsten Wege Deutschland zu verlassen.“ Im Februar 1939 gelang den Baers die Emigration nach Frankreich. Karla, ihre Eltern und ihr Bruder waren den Nationalsozialisten vorerst entkommen und mussten ihr Leben und Überleben nun völlig neu organisieren. Mordechai Ben-Dat schreibt in seinem Nachruf: „To say that they left their home meant, in hard fact, that they left their business, property, possessions, friends, context, history and self-definition.“ Sie ließen auch, wie vielleicht hinzuzufügen wäre, ihre Sprache zurück. Sich im Ausland – auch sprachlich – zurechtzufinden, war alles andere als einfach, besonders für die Älteren. Karla und Werner hatten Französisch immerhin in der Schule gelernt.
    Das spärliche Umzugsgut der Familie Baer war in zwei „Lifts” nach Paris ge- langt. Darin etwas ganz Besonderes: Ein Bronzerelief mit der Darstellung des „Löwen von Juda“. Es war Teil der Gedenktafel für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewesen, die sich im Eingangsbereich der Bochumer Synagoge befunden hatte. Während der Zerstörung der prachtvollen Synagoge am 9. November 1938 hatte jemand den „Löwen von Juda“ an sich genommen und am nächsten Tag im Haus der Familie Baer abgegeben. Der ‚Löwe’ hatte Bochum zusammen mit Karlas Ziehharmonika verlassen, versteckt in einem Instrumentenkoffer. Karla Baer holte den Koffer samt Inhalt in Paris in dem Lagerhaus ab, in dem das Umzugsgut ihrer Familie untergebracht war und gab ihn nicht mehr aus der Hand. Wie sie es geschafft habe, das Relief über all die Gefahren hinweg zu retten, die noch auf sie zukommen sollten, habe ich von Karla Goldberg vor einigen Jahren wissen wollen. Es war ihr vermutlich selbst ein Rätsel: „Fragen Sie mich nicht ...“.
    Als die deutschen Truppen im Mai 1940 in Frankreich einmarschierten, wurden Else, Karla und Werner Baer als „feindliche Ausländer“ in französischen Lagern interniert. Leo Baer war Ende Dezember 1939 in die Fremdenlegion einge-treten, weil er hoffte, auf diese Weise etwas für seine Familie tun zu können. Karla Baer wurde zusammen mit ihrer Mutter und Tausenden anderer Frauen und Kinder zunächst im „Vélodrome d’hiver“ in Paris und dann im „Camp de Gurs“, am Westrand der Pyrenäen, interniert. Da sie Angehörige eines Fremdenlegionärs waren, kamen sie im Juni 1940 wieder frei, bevor die Deutschen das Lager Gurs unter ihre Kontrolle brachten.
    Else, Karla, Werner und später auch Leo Baer, der aus der Fremdenlegion entlassen worden war, überlebten den Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Dörfern im Département Basses- Pyrénées in Südfrankreich. Vor allem nach der Vollbesetzung Frankreichs durch deutsche Truppen waren sie ständig auf der Flucht vor der Gestapo und der mit ihr kollaborierenden Gendarmerie der Vichy-Behörden. Die Gefahr der Entdeckung und Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten war allgegenwärtig. Sie überlebten, weil Franzosen ihnen halfen. Karla suchte ihren eigenen Weg. Ohne Wissen ihrer Eltern schloss sie sich 1942 der örtlichen Résistance an.
    Nach Kriegsende gingen Karla und Werner Baer nach Paris zurück. Karla bezog ein Mansardenzimmer im Quartier Latin, dem Pariser Universitätsviertel, fand einen kleinen Job bei einem Fotografen und stellte Puppen her; Werner ließ sich zum Kunstmaler ausbilden. Auf einem Ball zum Purimfest lernte Karla Baer den Kanadier David Goldberg aus Toronto kennen. Er arbeitete für das „Joint Distribution Committee“, eine jüdisch-amerikanische Hilfsorganisation und kümmerte sich um jüdische „Displaced Persons“ in Europa. 1947 heirateten Karla und David in Paris, im Herbst 1948 zogen sie gemeinsam nach Toronto. Die Söhne Marty, Gary und Robby wurden geboren. Für Karla war alles neu und fremd in Toronto. Ihre Herkunftsfamilie lebte in Frankreich, und sie hatte oft Heimweh nach Europa. Dennoch brach sie zunächst alle Brücken dorthin ab und hatte große Schwierigkeiten damit, dass ihr Vater Leo Baer nach wie vor an Bochum hing und sogar überlegte, in seine alte Heimatstadt zurückzukehren. Karla Goldberg fand Halt in ihrer Familie und ihrer Kunst. Mit ihrem Mann David lebte sie über 60 Jahre lang zusammen. Er starb 2008.
    Einige Jahre zuvor hatte Karla Goldberg sich entschlossen, eine Einladung nach Bochum anzunehmen. Zusammen mit ihrem Mann, ihren drei Söhnen und mehreren Enkelkindern besuchte sie im Jahr 2000 ihre Geburtsstadt. Im Alter war es ihr wichtig geworden, den Ort, in dem sie ihre Wurzeln hatte, noch einmal zu sehen. Sie suchte Kontakt zu alten Freunden und Bekannten und fand zum Beispiel die Familie Fiege. Ihr Vater Leo Baer und Moritz Fiege waren miteinander befreundet gewesen. Sie fand auch Alfred Salomon, eines der wenigen noch lebenden Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde Bochum. Vor der NS-Zeit hatten beide sich nur flüchtig gekannt. Das änderte sich jetzt. Karla Goldberg und Alfred Salomon blieben auch nach Karlas Rückreise nach Toronto in engem Kontakt und telefonierten bis kurz vor ihrem Tod regelmäßig miteinander.
    Während ihres Besuchs in Bochum entschloss sich die Fami- lie Goldberg, eine Kopie des ‚Bronzelöwen’ anfertigen zu lassen und der Stadt Bochum zu schenken. Der damalige Oberbür- germeister Ernst Otto Stüber nahm das Stück am 27. Januar 2001 aus den Händen von Alfred Salomon, als Beauftragtem der Familie, entgegen und versprach, es zu hüten. 2007, während der Einweihungszeremonie der neuen Bochumer Synagoge, überreichte Oberbürgermeisterin Dr. Ottilie Scholz den neuen ‚Bronzelöwen’ der neuen jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen. Im Eingangsbereich der Synagoge fand er seinen Platz.
    Ich habe Karla Goldberg im Jahr 2000 in Bochum kennenlernen und zwei Jahre später in Toronto besuchen dürfen. Dort konnte ich sie noch einmal zu ihrer und der Geschichte ihrer Familie befragen und erfuhr zahlreiche interessante Details, die den schriftlichen Quellen verborgen geblieben sind. Wie der Herausgeber der „Canadian Jewish News“ war auch ich von ihrer Persönlichkeit, ihrer resoluten und gleichzeitig herzlichen Art beeindruckt.
    Einige Jahre vor ihrem Tod erlitt Karla Goldberg einen Schlaganfall, der ihre rechte Seite lähmte und sie zunächst daran hinderte, künstlerisch zu arbeiten. Ermutigt von ihrer Familie, verlegte sie sich auf links und malte auch mit der linken Hand. Es entstanden noch zahlreiche farbenfrohe Bilder.
    Karla Goldberg fand ihre letzte Ruhe auf einem Friedhof im Norden Torontos. „Karla was layed to her final rest in a secluded, well-groomed cemetery in northern Toronto“, schreibt Mordechai Ben-Dat in seinem Nachruf, „a continent, an ocean and a full, daring, momentous, colourful life away from the small industrial town of Bochum in northwest Germany, where it began 90 years ago.”
    In Bochum schlägt der von der Familie (Baer-)Goldberg gestiftete ‚Bronzelöwe’ die Brücke von der alten jüdischen Geschichte der Stadt zur Gegenwart. In der Ausstellung „Bochum – das fremde und das eigene“ wird unter dem Titel „Fremd gemacht“ ein Teil der Geschichte der Familie Baer erzählt. Die Ausstellung kann bis auf Weiteres im Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte, Wittener Straße 47, besichtigt werden.
    Im April dieses Jahres war Gary Goldberg, Karlas mittlerer Sohn, zusammen mit seiner Frau Linda und seiner jüngsten Tochter Eden in Bochum, um Freunde zu treffen und sowohl den ‚Löwen’ als auch die Ausstellung zu besuchen. Besonders Eden, die Bochum nicht kannte, war überwältigt von der hier präsenten Erinnerung an die Herkunftsfamilie ihrer Großmutter.

(Ingrid Wölk)

Karla und David Goldberg 500px

Karla und David Goldberg mit OB Stüber, Bochum 2000
Foto: Stadt Bochum