Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.
   Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

 • Veranstaltung zum 9. November 2010: Wie in den Jahren zuvor ist es auch im Jahre 2010 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Nach der Einweihung der neuen Synagoge im Dezember 2007 versuchen die Veranstalter, auch im Programm zum 9 November dieser Tatsache Rechnung zu tragen. Im Verlauf des Tages sollte ein Bogen von der Zerstörung der alten Synagoge zur Existenz der neuen Synagoge gespannt werden. 2010 stand die zentrale Gedenkveranstaltung ganz im Zeichen der Erinnerung an eine Bevölkerungsgruppe, die bisher nicht im Zentrum des öffentlichen Interesses stand:      Erinnert wurde an die Juden, die im ehemaligen Blaubuchsenviertel am Moltkemarkt, dem heutigen Springerplatz, lebten. Neu war dabei für viele Menschen, dass die Bochumer Juden keine homogene Gruppe waren. Dieses von der Nazipropaganda geprägte Bild herrscht in der Vorstellung vieler Menschen heute noch vor. Was die meisten Juden in Bochum einte, war ihr Selbstverständnis als Deutsche jüdischen Glaubens. Ansonsten fühlten sie sich der gesellschaftlichen Schicht zugehörig, die ihrem Beruf und ihrem Bildungsstand entsprach. Sie wohnen auch in den entsprechenden Wohnvierteln: Die Kaufleute wohnten in der Altstadt, da, wo ale Kaufleute lebten; entsprechend wohnten die jüdischen Akademiker im Viertel Bergstraße/Stadtpark, das jüdische Kleinbürgertum im Ehrenfeld, die sogenannten Ostjuden und die jüdischen Arbeiter bzw. Kleingewerbetreibenden am Moltkemarkt, dem heutigen Springerplatz, und in den angrenzenden Straßen. Im agrarisch geprägten Bochumer Süden, zum Beispiel in Stiepel, wohnten keine Juden. Die sozialen Kontakte wurden nicht vorrangig durch die Religion bestimmt, sondern durch die gesellschaftliche Stellung. So hatte die jüdische Oberschicht kaum Kontakte zu den am Moltkemarkt lebenden Glaubensgenossen, wohl aber zur nicht-jüdischen Oberschicht am Stadtpark. Christine Eiselen und Hubert Schneider hatten in intensiver Arbeit mit einem Schulabschlusslehrgang der Volkshochschule Bochum das jüdische Leben um den Moltkemarkt erforscht. Die Schüler trugen während der Veranstaltung die Ergebnisse ihrer Bemühungen vor. Besonderen Eindruck machten dabei die vorgelesenen Passagen aus dem Tagebuch von Susi Schmerler-Shulamith Nadir - , das in den Jahren 1938 bis 1940 geschrieben wurde. Anschließend hatten die Teilnehmer der Gedenk- veranstaltung die Möglichkeit, die neue Synagoge unter der Leitung von Dr. Manfred Keller zu besichtigen. Dieses Angebot wurde wie im Jahr zuvor wieder so gut angenommen, dass es auch in den kommenden Jahren zu einem festen Programmpunkt am 9. November werden soll. Bereits um 15 Uhr hatten Klaus Kunold und Hubert Schneider sehr gut besuchte Rundgänge zu den in Bochum verlegten Stolpersteinen durchgeführt. Auch diese Rundgänge sind inzwischen zum festen Bestandteil der Gedenkveranstaltungen zum 9. November geworden.

 • Das Projekt Stolpersteine wurde 2010 fortgeführt: Im Oktober war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 17 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor. Die Namen der Personen, deren Schicksal die Stolpersteinpaten erforschten, und die Orte, an denen die Steine verlegt wurden, werden an anderer Stelle in diesem Heft genannt. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privat- personen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten in schriftlicher Form vorgelegten Rechercheergebnisse können nachgelesen werden:  www.Bochum.de/Stolpersteine

 • In das im Dezember 2007 eingeweihte Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ist inzwischen das Leben eingezogen. Der Freundeskreis Bochumer Synagoge unterstützt die Gemeinde dabei, dieses Zentrum auch zu einem Ort der Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden zu machen. Zahlreiche Veranstaltungen, Vorträge, Konzerte, zeugen davon. Das Interesse an einer Besichtigung der Synagoge ist in der Bevölkerung nach wie vor groß: Bisher wurden einige hundert Führungen durchgeführt. Mehrere Leute führen abwechselnd die Gruppen, inzwischen auch drei Mitglieder der jüdischen Gemeinde, fünf sind Mitglieder des Freundeskreises, darunter auch Hubert Schneider. Die Gruppen – Schulklassen, Vereine, Einzelpersonen – melden sich bei der jüdischen Gemeinde oder bei städtischen Einrichtungen – zum Beispiel bei der Volkshochschule – an, die Führung übernimmt die Person, die an den gewünschten Terminen Zeit hat. Die gemachten Erfahrungen sind durchaus positiv, zeigen aber auch, wie gering das Wissen über jüdisches Leben in der Bevölkerung ist. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die Führungen mit jungen Leuten. Dabei besteht die Hoffnung, dass diese Gruppen, wenn sie etwas erfahren über Judentum und jüdisches Leben, weniger anfällig sind für die Propaganda rechter Grup- pierungen, die ihre Aktivitäten ja gerade auf Jugendliche ausrichten. In diesem Sinne sind solche Führungen durch die Synagoge auch politische Aufklärungsarbeit.

 • Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") und auf dem jüdischen Friedhof wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

 • Hubert Schneider hielt auch im vergangenen Jahr bei unterschiedlichen Gelegenheiten Vorträge zur Geschichte der Juden in Bochum: Am 28. Januar 2011 hielt er in Herne auf der offiziellen Veranstaltung der Stadt zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus einen Vortrag zum Thema: Die Einrichtung von Judenhäusern 1939 und deren Funktion bei der Vertreibung der Juden: Das Beispiel Herne/Wanne-Eickel. Der Text des Vortrags wird in diesem Heft abgedruckt, eine überarbeitete und erweiterte Fassung erscheint demnächst als Aufsatz in einer Zeitschrift. Am 12. April 2011 hielt Hubert Schneider einen Vortrag vor 270 Oberstufenschülern in Herten. Die Stadt feierte den 75. Jahrestag ihrer Stadterhebung – am 20. April 1936 wurden anlässlich des Hitler-Geburtstags zahlreiche Gemeinden zu Städten ernannt. Hubert Schneider sprach zum Thema Erinnerungskultur. Nachgewiesen ist, dass auch aus Herten im Januar 1942 Juden nach Riga deportiert und dort ermordet wurden. Hubert Schneider sprach über das Schicksal dieser Juden aus Herten, ihren Transport nach Riga und seine Spurensuche in Lettland.

 • Die Stadt Castrop-Rauxel plant offensichtlich die Verlegung von Stolpersteinen, das Projekt wird dort kontrovers diskutiert. Das Stadtarchiv in Castrop lud Hubert Schneider ein, über seine Erfahrungen in Bochum zu berichten. Bei dem Gespräch waren neben der Archivleitung, Vertreter der Parteien im Rat und des Kulturausschusses auch Vertreter einer Bürgerinitiative anwesend.

 • Im Rahmen der Veranstaltungen zum 9. November 2010 fand am 27. Oktober 2010 im Stadtarchiv Bochum die öffentliche Vorstellung des Buches von Hubert Schneider: Die Entjudung des Wohnraums – Judenhäuser in Bochum statt. Dr. Manfred Keller stellte das Buch vor, Hubert Schneider las aus seinem Buch. In den folgenden Wochen und Monaten folgten zahlreiche Lesungen von Hubert Schneider, u.a. auch im Jüdischen Museum in Dorsten und in Hattingen. Als Reaktion auf das Judenhaus-Buch von Hubert Schneider und die Inter-netpräsentation der Stolpersteinrecherchen kommen immer wieder Anfragen an den Verein:
  a) Michael Büchner aus Erfurt erkundigte sich nach der Familiengeschichte von Siegbert Vollmann, dessen Familie ursprünglich aus Schmalkalden kam. Büchner will über die Juden in Schmalkalden forschen;
  b) aus Israel kam eine Anfrage zur Familie Wahl, Nachkommen der Familie leben offensichtlich in Neuseeland;
  c) Nachkommen der Familie Heilbronn haben sich aus den USA gemeldet. Erste historische Fotos aus dem Fotoalbum der Familie - sie wurden um 1900 in Bochum aufgenommen - wurden übermittelt.

 •  Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Briefwechsel und viele Telefonate zeugen davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden. So erreichte uns eine Anfrage aus Zürich. Frau Evi Lanter-Leitler aus Zürich hatte im Internet unser Mitteilungsheft gelesen,  vor allem interessierte sie der Artikel von Sabine Krämer über die Gedenkfeier in Linden.  Frau Lanter-Leitler ist eine Enkelin von Oskar Salomon Lipper aus Linden. Sie konnte uns neue Informationen über das Schicksal des Oskar S. Lipper zur Verfügung stellen.

 •  Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten Einige Mitglieder unseres Vereins  sind sehr aktiv im „Bochumer Bündnis gegen Rechts.“

 •  Regelmäßig bekommen wir Anfragen aus der Stadt oder von außen, die Fragen nach dem früheren jüdischen Leben in Bochum betreffen. Aus den USA meldete sch Frau Roberta Halle-Bass. Wir waren ihr vor Jahren behilflich, die Spuren ihrer Familie in Bochum aufzunehmen – das Grab eines Vorfahren befindet sich auf dem hiesigen jüdischen Friedhof. Frau Halle-Bass betreibt immer noch Familien- forschung, wir konnten ihr wieder behilflich  sein. Aus Israel haben sich die Nachkommen der Familie Wegerhoff/Rosenstein gemeldet, die nach der Bochumer Geschichte ihrer Familie fragten, vor allem nach dem Schicksal des jüngsten Bruders Karl-Heinz. Hubert Schneider hat die ihm vorliegenden Informationen nach Israel übermittelt, erhielt im Gegenzug Informationen zum weiteren Schicksal des heute in Israel lebenden Zweigs der Familie. Inzwischen konnte in Bochum eine Kusine der Wegerhoffs ausfindig gemacht werden. Die Kontakte zwischen den Wegerhoffs und der Kusine in Bochum sind eingeleitet.
    In Herne wird ein Buch über den Transport nach Zamosc im April 1942 geplant. Hubert Schneider wurde aufgefordert, einen Artikel über die Forschungsstelle, die sich mit dem Schicksal der Mitgle Deportierten aus Bochum zu schreiben. Das Buch wird Ende 2011 erscheinen.
   In Holland gibt es eine Forschungsstelle, die sich mit dem Schicksal der Mitglieder der Kindertransporte 1939 beschäftigt. Auf Anfrage schickte Hubert Schneider die ihm vorliegenden Unterlagen zu Bochum. Im Juli 2011 wurde die vom Landesverband Westfalen Münster erarbeitete Ausstellung: “Verwischte Spuren. Erinnerung und Gedenken an Nationalsozialistisches Unrecht in Westfalen” eröffnet. Unser Verein stellte für dieses Projekt das umfassende Text- und Bildmaterial zur Bochumer Familie Schmerler (Shulamith Nadir) zur Verfügung.
   Für den gleichzeitig erschienen Ausstellungskatalog schrieb Hubert Schneider einen Aufsatz zu dem Bochumer Rechtsanwalt Wilhelm Hünnebeck, der als sogenannter „Mischling 1. Grades“ in die Fänge der Nationalsozialisten geriet. Der „Freundeskreis Bochumer Synagoge“ wird noch in diesem Jahr einen Bild- und Textband zur neuen Bochumer Synagoge veröffentlichen. Hubert Schneider ist an diesem Projekt mit zwei Textbeiträgen beteiligt.
   Stefan Koldehoff, Redakteur beim Deutschlandfunk, hat sich wieder gemeldet. Es geht immer noch um die Kunstsammlung des Bochumer Bankiers Schüler. In derselben Angelegenheit meldete sich auch RA Stötzel aus Marburg bei uns, der die Rechte der Erben des Kunsthändlers Flechtheim vertritt. Der Bochumer Bankier und Kunstsammler Schüler hatte auch Geschäftsverbindungen mit Flechtheim.

 • Nach langer Zeit kam mal wieder Besuch nach Bochum: Zwei Enkeltöchter von Richard und Isabella Wald, die auf der Kortumstraße ein Hutgeschäft betrieben, kamen für einen Tag in unsere Stadt. Sie hatten durch die Internetpräsentation der Stolpersteinrecherchen erfahren, dass es in Bochum Menschen gibt, die sich mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigen. Während ihres Aufenthaltes wurden sie von den Stolperstein-Paten, dem Ehepaar Hering, betreut.

 • Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde. In Israel starb Siegfried Spandau, mit dem wir in den letzten Jahren einen umfassenden Briefwechsel geführt hatten. Immer wieder hat er Artikel in unserem Mitteilungsheft veröffentlicht. Er war 1939 mit seinen Eltern nach Argentinien geflohen. In Toronto starb Karla Goldberg geb. Baer. Ihre Eltern hatten früher einen Betrieb im Bochumer Gerberviertel. Die Familie floh 1939 nach Frankreich. In Israel starb Erich Ferse, der 1938 mit seinen Eltern und seiner Schwester nach Palästina geflohen war. In San Francisco starb am 6. Februar 2011. Vernon Heyman. Mit ihm und seiner Frau Eve hatte sich ein enger Kontakt entwickelt, der auch ihre Kinder und Enkel einschloss. Alle gehörten 1995 zu den Besuchern in Bochum. Von einzelnen anderen Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde kommt inzwischen die Post zurück, ohne dass wir sagen können, was der Grund dafür ist. Nach wir vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse: www.erinnern-fuer-die-zukunft.de

(Hubert Schneider)