Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Stolpersteine – lebende Steine

    Ein überlanger ICE aus Berlin, der die ganze Länge des Bochumer Hauptbahnhofes einnahm, entließ eine Menge von Reisenden – wir kannten nicht die drei Israelis (Ora und Margalit mit Ehemann Nir), die wir erwarteten, und sie kannten uns auch nicht, aber erstaunlich schnell waren wir beieinander. Sie kamen über Berlin für einen Tag nach Bochum, um das Haus ihrer Vorfahren zu besuchen und die beiden Stolpersteine vor dem Haus mit den Namen der Großeltern, die wie so viele andere Juden von Bochum in die KZs deportiert worden waren.
    2 Stolpersteine vor dem Geschäftshaus in der Kortumstraße 65. Wie viele Menschen mögen darüber schon „gestolpert“ sein, seit diese Steine am 4. Oktober vergangenen Jahres dort verlegt worden sind. Wir, meine Frau und ich, die wir die vorbereitende Recherche über die Familie Wald, die damaligen Geschäfts- eigentümer, erarbeitet hatten, wir stehen manchmal dort und beobachten die Passanten, oder wir stellen uns vor die Steine und manchmal bleibt dann jemand stehen und es kommt zu einem kleinen Gespräch.
    Diese Steine sollen erinnern, an Menschen, die hier einmal lebten, die ihr “Geschäft für eleganten Damenputz” hier betrieben, modische Hüte entwarfen, wie man sie im Paris der dreißiger Jahre trug oder in Berlin, dazu modische Accessoires. Ein Geschäft in allerbester Lage, im Zentrum der Stadt, gegenüber dem Kortumhaus, früher Alsberg, ebenfalls einem jüdischen Kaufhaus, nicht weit ab von der alten Synagoge. Wie sieht es aus, wenn man bei den Großeltern aus dem Fenster guckt, aufs Kortumhaus, in die Harmoniestraße, das wollten die Gäste aus dem Kibbuz in Israel gern mit eigenen Augen sehen. Ihre Mutter hatte ihnen und den Enkeln oft von ihrer Kinder- und Jugendzeit hier erzählt. Freundlich waren die türkischen Menschen, die jetzt dort in den oberen Etagen des Hauses wohnen. „Ich denke auch oft an das Haus meiner Großeltern weit weg von hier“, sagte eine junge Frau, „ich verstehe diese Menschen aus Israel.“
    Es wurde ein Tag mit lebhaften Begegnungen, ein Tag, an dem Steine anfingen „zu sprechen“. Zusammen mit Dr. Schneider waren wir mit den Gästen auf dem alten jüdischen Friedhof an der Wasserstraße, am Grab der Urgroßeltern von Ora und Margalit, ein besonderer Moment, dort eine kleine Kerze aufzustellen.

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Die Urenkelinnen Ora und Margalit vor dem Grabstein ihrer Urgroßeltern Willstädt auf dem jüd. Friedhof an der Wasserstr. Foto: H. Schneider

    Dann noch das Grab des damaligen Vorsitzenden der Synagogengemeinde, Herrn Vollmann, mit dem die Tochter Lotte Wald von Israel aus 1949 korrespondierte wegen verschiedener Unterlagen für ihre toten Eltern. Und so viele andere Grabsteine von jüdischen Bürgern Bochums, die auf einmal durch die Berichte von Herrn Schneider so lebendig wurden. Steine, die anfangen zu sprechen – das Haus, die Stolpersteine, die Grabsteine.
    Wer in Bochum aufmerksam durch den Botanischen Garten geht, kann in einem der großen Gewächshäuser „lebende Steine“ sehen, steinförmige Pflanzen, die von den Steinen, zwischen denen sie in den trockenen Regionen Südafrikas wachsen, kaum zu unterscheiden sind. Eindeutig wird es dann, wenn im Spätsommer oder im Herbst leuchtende, strahlenförmige Blüten aus den „Steinen“ herauskommen, man traut seinen Augen nicht. So konnten wir, die sog. „Paten“ für die Stolpersteine, erleben, wie u n s e r e Steine lebendig wurden, wie daraus lebendige Kontakte entstanden.
    Und so passierte das Wunder: Auf der Website der Stadt Bochum erscheinen u.a. die Ergebnisse der Stolpersteinaktion. In Australien entdeckte eine sehr ferne Verwandte den Namen von Elsa und Richard Wald. Und über eine Email-Kette mit verschiedenen Stationen hatten wir schließlich den Kontakt mit den Töchtern von Lotte Wald, Ora und Margalit, gerade rechtzeitig, bevor sie ihre Reise nach Deutschland antraten.
    Ora schrieb nach der Rückkehr in den Kibbuz: der Besuch in Bochum war aufregend, die Begegnung mit uns war, „as if we met family - als wenn wir Familie getroffen hätten“. Wir sind sehr glücklich und dankbar über diesen Ausgang der Recherche, das wird nicht allen Paten zuteil. Und sie dort wissen, dass nicht Trümmer aus der traurigen Vergangenheit übrig geblieben sind, sondern Menschen, die ihnen und ihren Großeltern „warm feelings and commitment“ entgegenbringen. Ja, Sympathie und Engagement haben wir erlebt.

Eine gute Idee - das mit den Stolpersteinen!

(Dr. Wolfgang Hering und Frau Erika)