Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2011                          Nr. 15

Inhaltsverzeichnins

Projekt über osteuropäisch-jüdische Einwanderer in Bochum

    Am 27./28. Oktober 1938 wurden reichsweit etwa 17. 000 Juden polnischer Nationalität über die deutsch-polnische Grenze abgeschoben und nachfolgend in Zbazyn (Bentschen) interniert. Im Vorfeld dieser Abschiebung hatte die polnische Regierung am 6. Oktober 1938 alle in Deutschland lebenden polnischen Juden aufgefordert, sich binnen 14 Tagen ihre Staatsangehörigkeit durch Verlängerung ihrer Pässe bestätigen zu lassen. Nach diesem Zeitpunkt wurde eine Rückkehr der Betroffenen nach Polen ausgeschlossen.(1)
    Nach dem was wir bisher wissen, waren auch in Bochum etwa 25 Familien von dieser Ausweisung betroffen. Zu ihrer Vertreibung aus Bochum liegen Berichte von Ottilie Schönewald(2), Hermann Brecher und Susi Schmerler(3) vor. Unsere stellvertretende Vereinsvorsitzende, Sabine Krämer, wird sich nun im Rahmen ihrer Tätigkeit an der Historischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum der Erforschung der Geschichte dieser jüdischen Familien widmen. Während in vielen Orten die Deportationslisten der so genannten „Polenaktion“ erhalten geblieben sind, liegt für Bochum eine solche Liste nicht vor. Daher wird es in einem ersten Schritt darum gehen, zu ermitteln, welche Bochumer Familien von diesem Schicksal betroffen waren. Während die Geschichte der etablierten deutschjüdischen Gemeinde Bochums und ihrer Mitglieder besonders in den Arbeiten Hubert Schneiders und durch Publikationen des Bochumer Stadtarchivs aus unterschiedlichen Perspektiven erforscht wurde, hat der hauptsächlich aus polnisch-jüdischen Einwanderern bestehende „ostjüdische“ Gemeindeteil bislang wenig Beachtung gefunden. In der allgemeinen Forschung über „die Ostjuden“(4) werden diese in den meisten Publikationen entweder als recht homogene Gruppe betrachtet oder auf Stereotype wie den proletarisch-„ostjüdische Malocher“, den jüdisch-orthodoxen „Kaftanjuden“ reduziert. In dieser Arbeit soll der Blick daher bewusst auf die einzelnen Personen gerichtet werden, um ein möglichst nuanciertes Bild dieser Gruppe innerhalb der jüdischen Bochumer Gemeinde zeichnen zu können.
    Zum einen wird es darum gehen, die Geschichte dieser Menschen faktisch zu erfassen, das heißt z. B.: Welche osteuropäisch- jüdischen Einwandererfamilien lebten in Bochum? Wo und wie wohnten Sie? Welche Berufe übten Sie aus? Welchen Verfolgungen waren Sie nach 1933 ausgesetzt? Wie verlief Ihr Schicksal nach der Deportation? Den eigentlichen Schwerpunkt der Arbeit bildet aber die Erforschung der Identität, der Selbstverortung dieser Menschen. Wie sahen sich diese Menschen selbst? Als Polen, „Ostjuden“ oder Juden? Vielleicht waren für viele von ihnen diese Kategorien gar nicht oder kaum von Bedeutung. Möglicherweise waren im alltäglichen Miteinander die Familie, die Arbeitskollegen, die Nachbarn, die Gemeinde oder eine politische Partei der wichtigste Bezugspunkt und nicht die „nationale“ Zugehörigkeit. Fraglich ist auch, ob wirklich alle aus Osteuropa nach Bochum zugewanderten Juden die liberale Haltung der alteingesessenen Bochumer jüdischen Gemeinde in religiösen Belangen ablehnten. Eventuell gab es auch Familien, die eine schnelle Integration in die bestehende Gemeinde anstrebten oder solche, die gar keinen Kontakt zur Gemeinde pflegten, sei es da sie zum Christentum konvertierten oder keine religiösen Bindungen suchten. Es ist durchaus denkbar, dass sich mit zunehmender Aufenthaltsdauer in Deutschland oder in der zweiten Einwanderergeneration politische und religiöse Haltungen veränderten. Wie wir den uns bisher vorliegenden Interviews entnehmen können, kam es teilweise zu Konflikten zwischen den Generationen, wie auch zu freundschaftlichen Verbindungen zwischen jungen Menschen aus alteingesessenen und zugewanderten Familien. In diesem Zusammenhang ist natürlich auch die Haltung der etablierten deutsch-jüdischen Gemeindemitglieder gegenüber den jüdischen Einwanderern von Bedeutung.
    Weitere Fragen des Projektes beziehen sich auf die Zeit nach der nationalsozialistischen Machtergreifung. Durch die eingeleiteten Verfolgungs- und Boykottmaßnahmen verringerten sich die zweifellos bestehenden sozialen und rechtlichen Unterschiede zwischen den etablierten deutschen Juden und den polnisch-jüdischen Migranten. Führte das gemeinsam erfahrene Leid zu einer Annäherung zwischen diesen „Gruppen“? Reagierten die zugewanderten Familien aufgrund der in ihrer Herkunftsregion und in Deutschland schon vor 1933 erlebten Diskriminierung anders, vielleicht „gelassener“ oder gerade besonders wachsam, auf die veränderte Situation seit 1933 als die deutschen Juden, die sich bis dahin überwiegend als gleichberechtigte Deutsche jüdischen Glaubens wahrgenommen hatten?
    Das Projekt möchte auch die Wege der nach Polen abgeschobenen Familien nach ihrer Deportation nachzeichnen. Auch hier wird es zum einen um die faktische Rekonstruktion der Ereignisse gehen, zum anderen werden die Auswirkungen der Verfolgungserfahrungen auf den weiteren Lebensweg der überlebenden ehemaligen polnisch-jüdischen Migranten analysiert werden. Wie beeinflussten diese Erfahrungen ihre Entscheidungen in der Emigration? Wie war das Verhältnis der überlebenden, ehemaligen „ostjüdischen“ Einwanderer zu den überlebenden deutschen Juden in der Emigration? Spielten diese Zuordnungen überhaupt noch eine Rolle oder waren ganz andere Verbindungen von Bedeutung?
    Im Moment gibt es noch sehr viele offene Fragen und viel Arbeit bei der Auswertung der in den Archiven vorhandenen Archivalien. Auch die während der Besuche jüdischer Emigranten in Bochum geführten Interviews geben einigen Aufschluss. Möglicherweise finden sich unter den Lesern dieses Artikels noch Personen, die uns Informationen oder Dokumente zu den betroffenen Familien oder Kontakte zu Menschen, die uns bei den Recherchen weiterhelfen könnten, übermitteln können. Wir wären sehr dankbar.

(Sabine Krämer)

1 Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung der polnischen
Juden aus Deutschland im Jahre 1938. Osnabrück 2002.
2 Wiener Library, Doc P III e, 02/178). Ottilie Schoenewald vertrat die linksliberale Staatspartei im Bochumer Stadtrat und war Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes in Bochum. 1934 wurde sie zur Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes auf Reichsebene gewählt. Sie war die Ehefrau des Vorsitzenden der Bochumer jüdischen Gemeinde, Dr. Siegmund Schoenewald.
Schneider, Hubert: Ottilie Schoenewald. Kämpferin für Frauenrechte, soziale Rechte, Menschenrechte, Bochum o.J. (2006)
3 Susi Schmerler (Shulamit Nadir) und Hermann Brecher gehörten selbst zu den
betroffenen Personen und beschreiben in ihren Berichten auch die Situation im
Lager Zbazyn. Die Berichte befinden sich im Archiv der Vereins „Erinnern für
die Zukunft e.V.“.
4 Zum Begriff „Ostjude“ siehe Maurer, Trude: Die Ostjuden in Deutschland 1918
-1933. Hamburg 1986, S. 11-16