Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2014                          Nr. 18

Inhaltsverzeichnis

Rede zur Verleihung der Dr. Ruer-Medaille
an Hannes Bienert am 17.10.2013

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Hannes Bienert,
liebe Burgis Bienert,
verehrte Freunde und Weggefährten von Hannes Bienert,

anlässlich der Verleihung der Dr. Ruer-Medaille an Hannes Bienert sind wir heute feierlich versammelt. Um das Wirken von Hannes Bienert zu verstehen, ist ein Blick zurück in seine Vergangenheit notwendig. 1928 in Beuten im heutigen Polen geboren erlebte er als kleines Kind am 9. November 1938 das erste Mal die Schrecken der Naziherrschaft. Bei den Gedenkveranstaltungen in Wattenscheid, die nicht nur untrennbar mit seinem Namen verbunden sind, sondern auf seine Initiative hin seit nunmehr 23 Jahren stattfinden, hast Du, lieber Hannes, Deine persönlichen Erinnerungen an diesen fürchterlichen Auftakt zum Völkermord an den Juden eindrücklich beschrieben. Die Schreie der Nazischergen am 9. November 1938 „Juda verrecke!“ unter dem Klirren der zerborstenen Glasscheiben oder die Schilder „Deutsche, kauft nicht bei Juden“ waren Dir schon als Kind schon ins Gedächtnis eingebrannt.

Schon ein Jahr später begannen auch für die Familie Bienert die Schrecken des 2. Weltkrieges. Er selbst wurde noch als Flakhelfer in den 2. Weltkrieg eingezogen und hat nur mit viel Glück und mit dem Entzug aus seinem Regiment überleben können. Es folgte die Flucht und Vertreibung mit Viehwaggons. Zu seinen schrecklichen Erlebnissen gehörte auch die Aufgabe, die vielen Toten während der Flucht aus den Güterzügen herauszutragen und zu beerdigen. Bei der Flucht selbst verlor Deine kleinste Schwester Heidrun ihr Leben. Deine Mutter, die streng katholisch war, wollte eine religiöse Beerdigung, aber der polnische Priester wehrte sich dagegen, ein deutsches Kind zu beerdigen. Hannes Bienert brachte seine kleine Schwester in die Leichenhalle und legte sie unter die Füße eines anderen Toten, der im Sarg lag, damit der Wunsch der Mutter, dass ihr Kind mit den Segnungen der Kirche beerdigt werden konnte, in Erfüllung ging. Der 2. Weltkrieg hat Dich, lieber Hannes, bis zum heutigen Tage geprägt und ist Dein Antrieb, für Frieden und Freiheit in der Welt einzustehen. Der Schwur von Buchenwald „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ wurde Dein Lebensmotto und Dein Lebenselixier.

Nach dem Krieg arbeitete Hannes Bienert als Bergmann, u. a. in der Zeche Holland in Wattenscheid. Als nur zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg die Wiederbewaffnung Deutschlands beschlossen worden ist, nahmst Du, lieber Hannes, eine klar pazifistische Haltung ein. Als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands bist Du und viele Deiner Genossen in der Adenauer-Ära kriminalisiert und einige von Euch auch eingesperrt worden. Erinnert sei hier an Klaus Kunold. Als einer der Gründerväter des Ostermarsches für Frieden bist Du seit den 60er Jahren aktiver Friedenskämpfer. Legendär ist Deine heiße Suppe an der Friedenskirche in Wattenscheid, wenn die Ostermarschierer durchgefroren Halt in der alten Freiheit machen.

Als Sprecher der Antifaschistischen Initiative Wattenscheid kämpfst Du bis zum heutigen Tag gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit. Als 1978 die Landeszentrale der NPD in Wattenscheid eröffnete, fand sie in Dir ihren größten Widersacher. Zwischenzeitlich beherbergte die Landeszentrale auch die Bundeszentrale der „Jungnationaldemokraten“. Legendär die Organisation der Demonstration gegen den Bundesparteitag der NPD in Wattenscheid 1983. Aber für einen Kampf gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit musste Deine Familie und Du auch einen hohen persönlichen Preis bezahlen. Denn Anfang der 90er Jahre bedrohte eine rechtsterroristische Gruppe namens „Volkswille“ Deine Familie und Dich mit Leib und Leben. Ich erinnere mich nur zu gut an den Stern-Artikel von Werner Schmitz, wo Deine Frau Burgis und Du am Fenster fotografiert wurden, darauf die Schmierereien „Bienert, Du bist tot!“ zu sehen waren. Dass an Deinem Auto manipuliert worden ist und ein Beerdigungsinstitut beauftragt worden war, Deine Leiche abzuholen, zeigte das perfide Wirken dieser Rechtsterroristen.

Wie gefährlich die Situation damals für Dich konkret war, ist im Bericht des leitenden Kriminalhauptkommissars zu entnehmen, der bei der Aktion „Volkswille“ Sprengstoff vorfand, der in der Lage gewesen wäre, ganze Häuserzeilen in die Luft zu jagen. Du aber hast Dich nicht einschüchtern lassen. Ganz im Gegenteil: Du verstärktest Deinen Kampf gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus umso mehr. Dein besonderes Anliegen ist es stets, die junge Generation in die politische Arbeit mit einzubinden. So sind ganze Generationen von Juso-Vorsitzenden oder auch Schülersprechern von Wattenscheider Schulen an Deiner Seite gewesen. Dir ist es auch zu verdanken, dass wir heute eine Vielzahl von politisch aufgeklärten Menschen haben, die im Kampf gegen die Nazis bei dir sozialisiert worden sind. Zu denen zählt zweifelsohne mein Abgeordnetenkollege Serdar Yüksel, der auch Gründungsmitglied der Antifaschistischen Initiative Wattenscheid ist.

Durch Deine Initiative findet seit 1990 alljährlich die Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938 am Nivelles-Platz in Watten-scheid statt. Gerade die Einbindung der jungen Generation durch Dich ist im Besonderen zu würdigen. Aber nicht nur an Gedenktagen bist Du in Erscheinung getreten, denn Du hast Deine Aufgabe als eine alltägliche angesehen. Die Vermittlung von Zeitzeugen in Schulen (die Tochter von Bertold Brecht, Orna Birn bach), das Organisieren von Ausstellungen (Justiz und National-sozialismus) oder die Auschwitz-Gedenkausstellung seien exemplarisch dafür genannt.

Ein besonderes Anliegen ist Dir bis zum heutigen Tage die Betreuung der Flüchtlinge. Jahrzehntelang schon erfreuen sich die Kinder in den Übergangswohnheimen alljährlich an den Geschenken, die andere Kinder aus Solidarität zur Verfügung gestellt haben. Wenn Du verkleidet als Väterchen Frost mit dem sowjetischen Postsack an den Übergangswohnheimen aufkreuzt, so warten die Kinder und ihre Mütter schon sehr gespannt auf die tollen Gaben, um ihren grauen Alltag durch Deine Hilfe zu entfliehen. Die Kinder von damals sind heute erwachsen und zum Teil immer noch in den Übergangswohnheimen anzutreffen.

Wenn in 22 Tagen wieder der Reichspogromnacht gedacht wird, so begegnet man nicht nur der Gedenktafel alleine, sondern seit 2009 auch den durch Deine Spendensammelaktionen finanzierten Stelen am Nivelles-Platz in Wattenscheid.

Durch Deinen unermüdlichen Einsatz wird seit 2009 durch die Stelen in Wattenscheid der 87 deportierten und ermordeten Juden gedacht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, nur durch die Hartnäckigkeit von Hannes Bienert konnte dieses beispiellose Projekt realisiert werden. Die vielen Vergessenen haben jetzt einen Namen und einen würdigen Ort, an dem man ihrer gedenken kann. Lieber Hannes, Dein jüngstes Engagement, den Rathausvorplatz in Wattenscheid nach Betty Hartmann zu benennen, war nicht ganz einfach zu realisieren. Die Verwaltung der Stadt Bochum lehnte Deinen Bürgerantrag zunächst ab. Durch viele Einzelgespräche und durch Deine glaubhafte Überzeugungskraft konntest Du die Bezirksvertretung in Wattenscheid davon überzeugen, Deinem Vorschlag zu folgen. Betty Hartmann wurde 1942 von den Nazis in Auschwitz im Alter von nur 13 Jahren ermordet. Mit der Namensnennung des Vorplatzes erinnern wir an das Schicksal der jüngsten ermordeten Wattenscheider Jüdin.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Berthold Brecht:

»Die Schwachen kämpfen nicht. Die Starken kämpfen vielleicht eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Sie sind unentbehrlich.«

Du, lieber Hannes, bist wirklich unentbehrlich. Ich wünsche Dir und Deiner Familie, insbesondere Ihnen, liebe Frau Bienert, die seit Jahrzehnten hinter dieser nicht immer einfachen Arbeit stand, auch in Zukunft Kraft und gutes Gelingen. Glück auf!

(Axel Schäfer)