Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2014                          Nr. 18

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf die Arbeit des Vereins.

Inhaltlich standen wieder mehrere Projekte im Mittelpunkt unserer Arbeit, die teils in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Veranstaltern geplant und durchgeführt wurden.

    - Veranstaltung zum 9. November 2013: Wie in den Jahren zuvor ist es auch im Jahre 2013 gelungen, die Arbeit verschiedener Organisationen im Arbeitskreis 9. November zu koordinieren. Sprecher dieses Arbeitskreises ist seit einigen Jahren Hubert Schneider. In zahlreichen Sitzungen, die auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in deren Räumen stattfanden, wurde die Veranstaltung geplant und dann auch durchgeführt. Die Veranstaltung begann in diesem Jahr wegen des Schabbat erst um 17.30. Erinnert wurde an die Verschleppung jüdischer Männer in das Konzentrationslager Sachsenhausen im Kontext des 9. November 1938. Schülerinnen des Neuen Gymnasiums haben sich mit ihrer Lehrerin Christine Eiselen dabei vor allem mit den Ereignissen in Bochum beschäftigt. Die Schülerinnen trugen während der Veranstaltung die Ergebnisse ihrer Bemühungen vor. Der Schwerpunkt wurde dabei auf die Darstellung von Einzelschicksalen gelegt. Den hohen Stellenwert, den die Gedenkveranstaltung in der Stadt hat, unterstrichen auch die Ansprachen der Oberbürgermeisterin, Frau Dr. Scholz, und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, Herrn Grigory Rabinovich. Das Totengebet (Kaddisch) sprach Herr Aaron Naor von der jüdischen Gemeinde. Artur Libischewski vom Kinder- und Jugendring Bochum e.V. moderierte die Veranstaltung. Um 19.00 führten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Interessierte durch die neue Synagoge. Im umfassenden Rahmenprogramm zu dem Gedenktag war unser Verein mit 3 Veranstaltungen beteiligt.

    - Bereits um 15.30 Uhr des 9. November hatte Hubert Schneider einen sehr gut besuchten Rundgang zu den in Bochum verlegten Stolpersteinen durchgeführt. Ein zweiter Rundgang wurde von der VVN-BdA Bochum angeboten. Diese Rundgänge sind inzwischen zum festen Bestandteil der Gedenkveranstaltungen zum 9. November geworden.

    - Am 14. November hielt Hubert Schneider im Stadtarchiv einen Vortrag zum Thema „November 1938 - Verschleppung jüdischer Männer in Konzentrationslager und Gefängnisse.“

    - Am 4. November wurde im Kino Endstation im Bahnhof Langendreer – unter Federführung unseres Vereins – ein Dokumentarfilm von Jürgen Hobrecht gezeigt: „Wir haben es doch erlebt – Das Ghetto von Riga.“ 20 000 Juden, darunter auch 70 Bochumer, wurden 1941/42 nach Riga verschleppt. Die Stadt Bochum, die Mitglied des Riga-Komitees ist, hatte durch einen finanziellen Beitrag diese Veranstaltung ermöglicht.

    - Das Projekt Stolpersteine wurde 2013 fortgeführt: Am 17.September war Gunter Demnig wieder in Bochum, verlegte 20 neue Steine. In einer Veranstaltung im Bochumer Stadtarchiv stellten die Paten am 1. Oktober ihre Rechercheergebnisse einer größeren Öffentlichkeit vor. Die Namen der Personen, deren Schicksal die Stolpersteinpaten erforschten, und die Orte, an denen die Steine verlegt wurden, werden an anderer Stelle in diesem Heft genannt. Nach wie vor betreuen Andreas Halwer vom Stadtarchiv und Hubert Schneider die "Paten": Diese Betreuung beginnt mit der Auswahl der Personen, für die ein Stolperstein gelegt werden soll, wird fortgesetzt bei der konkreten Recherchearbeit. Die Arbeit ist spannend und im positiven Sinne aufregend: Die Beschäftigung mit Einzelschicksalen führt Schüler und Privatpersonen hautnah an ein Thema heran, dem man ansonsten bestenfalls neutral gegenüberstand. Die "Paten" nehmen in vielen Fällen Anstrengungen auf sich (Archivbesuche, Zeitzeugenbefragung), von denen sie vor der Übernahme der Aufgabe keine Vorstellung hatten. Alle Betroffenen nähern sich somit auf sensible Weise einem großen Thema und einem Stück der Stadtgeschichte. Es ist politische Bildungsarbeit im besten Sinne. Die von den Paten in schriftlicher Form vorgelegten Rechercheergebnisse können nachgelesen werden:
    www.Bochum.de/Stolpersteine

    - Zahlreich sind unsere Aktivitäten in der Stadt: Regelmäßige Stadtführungen zum jüdischen Leben in Bochum (unter Einschluss der bisher verlegten "Stolpersteine") wurden mit unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Eine Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum und der Evangelischen Stadtakademie hat dazu geführt, dass man dort solche Führungen fest in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen hat.

    - In der Goethestraße wurde am 27. November die Stele Juden in der Goethestraße aufgestellt. Hervorgehoben werden auf der Stele besonders die Familien Schoenewald, Ising und Felsenthal. Diese drei Familien repräsentieren beispielhaft das deutsch-jüdische Bürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Sie stehen für das Engagement in der jüdischen Gemeinde und in der Kommune. Sie zeigen, welche Bedeutung die Bildung in der Erziehung hatte und die Verpflichtung gegenüber Kunst und Wissenschaft. Sie leisteten wichtige Beiträge zum Wirtschaftsleben der Stadt und übernahmen soziale Verantwortung. Im Stelenprojekt der Evangelischen Stadtakademie ist das die dritte Stele, die hier in der Stadt aufgestellt wurde. An den letzten beiden Stellen (Anfänge jüdischen Lebens in Bochum, sie steht vor dem Modehaus Baltz, und Juden inder Goethe-straße), war unser Verein insofern beteiligt, als wir das Material zusammengestellt und die Stelen mitgestaltet haben. Das wird auf den Stelen auch vermerkt.

    - Auch Anfragen aus dem In- und Ausland zu jüdischem Leben in Bochum erreichten uns. Einige seien hier genannt:

    - Frau Yvonne Weissberg schrieb uns aus der Schweiz. Sie schreibt eine Arbeit über den jüdischen Frauenbund und bat um die Überlassung Hubert Schneiders Veröffentlichung über Ottilie Schoenewald. Dieser hat mit Frau Weissberg telefoniert, ihr inzwischen den Text geschickt.

    - In Bochum gab es eine Auseinandersetzung des Bochumer Friedensplenums mit der Stadt. Es ging dabei um die Benennung eines Feinschmeckermarktes auf dem Springerplatz. Der Platz, früher Moltkemarkt, wurde nach dem Krieg umbenannt: Namensgeber war jetzt der von den Nazis ermordete Kommunist Springer. Der Markt soll jetzt nach dem Willen des Initiators wieder Moltkemarkt heißen. Diese Aktion löste bei Teilen der Bevölkerung Empörung aus, die das Friedensplenum aufgriff. Auch Hubert Schneider hat zu diesem Thema einen offenen Brief geschrieben, in dem er die Ablehnung der Benennung nach einem preußischen Militär begründete. Die Stadt Bochum hat inzwischen die Benennung „Moltkemarkt“ für den Feinschmeckermarkt akzeptiert.

    - Frau Dr. Kilius aus Frankfurt arbeitet über den Schauspieler Joachim Gottschalk, der mit der Bochumer Jüdin Meta Wolf verheiratet war. Das Paar nahm sich zusammen mit seinem Sohn gemeinsam das Leben, weil es sich dem Druck der Nazis nicht beugen wollte. Hubert Schneider hat vor einiger Zeit die Geschichte der Bochumer Familie Wolff geschrieben, der Text steht im letzten Mitteilungsheft. Frau Dr. Kilius wird mit diesem Text arbeiten. Inzwischen interessiert sich auch das Deutsche Filmmuseum für den Text. Hubert Schneider hat ihn dem Museum überlassen.

    - Seit geraumer Zeit wurde eine Auseinandersetzung um die Ehrenpromotion für den früheren Nazigauleiter Westfalen-Süd Wagner durch die juristische Fakultät der Universität Münster im Jahre 1933 geführt. Hubert Schneider mischte da indirekt mit. Die Fakultät teilte nun mit: Die Fakultät möchte einen sogenannten Feststellungsbeschluss dahingehend treffen, dass Josef Wagner nicht Ehrendoktor unserer Fakultät war. Bei einer unklaren Rechtslage sind solche Fest- stellungsbeschlüsse rechtlich möglich. Für den Fall, dass Wagner niemals Ehrendoktor wurde, würde es sich um eine rein deklamatorische Feststellung handeln. Für den Fall, dass ihm damals der Titel verliehen wurde, würde er ihn dann verlieren. …Interessant wird sein, ob die Fakultät diesen Beschluss in irgendeiner Form veröffentlicht. Zur Erinnerung: Es gibt viele Hinweise, dass Wagner Ehrendoktor wurde. Bei der Universität Münster findet man aber offensichtlich keinen Hinweis, dass Wagner die entsprechende Urkunde erhalten hat …

    - Einen hohen Stellenwert hat für uns nach wie vor der Kontakt mit den Überlebenden der alten Bochumer jüdischen Gemeinde. Briefwechsel und viele Telefonate zeugen davon. Sehr willkommen ist unser jährlich zum jüdischen Neujahrsfest verschicktes Mitteilungsblatt: Die Reaktionen zeigen, dass es gelesen wird: Hannah Deutch aus New York und Paul Wassermann aus London haben sehr ausführlich geschrieben. Andere wie Hermann Brecher aus Israel, Frau Szlamarzarnik aus Argentinien lassen erkennen, dass sie das Heft mit Interesse lesen. Auch aus telefonischen Rückmeldungen wird deutlich, dass das Heft immer noch als eine Verbindung zur Geburtsstadt Bochum gesehen wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Menschen i.d.R. 90 Jahre und älter sind. Solange wir solche Rückmeldungen bekommen, werden wir das Heft weiter produzieren. Diese Kontakte führen auch immer wieder dazu, dass uns Dokumente zu einzelnen Familiengeschichten zugänglich gemacht werden.

    - Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns an Aktionen, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Neonazis richten Einige Mitglieder unseres Vereins sind sehr aktiv im „Bochumer Bündnis gegen Rechts“.

    - Zu den betrüblichen Nachrichten des Jahres gehören Meldungen über den Tod von Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde oder deren Angehörigen. Wenige Monate nach seinem Sohn starb in Bochum Alfred Salomon im Alter von 94 Jahren. Er war das letzte Mitglied der alten jüdischen Gemeinde, der noch in Bochum lebte. Unser Mitgefühl gilt Frau Salomon, die binnen kurzer Zeit den Mann und den einzigen Sohn verlor. Wir werden in einem gesonderten Beitrag seiner gedenken. Von einigen Mitgliedern der alten Gemeinde kommt die Post zurück: Edmund Schnitzer in Kanada, Lotte Wertheim in den USA, Ruth Baum in Israel.

    - Nach wir vor gilt: Wir sind im Internet zu finden. Unsere Adresse:
    www.erinnern-fuer-die-zukunft.de

    (Hubert Schneider)