Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2014                          Nr. 18

Inhaltsverzeichnis

Zum Tod von Alfred Salomon

Am 29. Oktober 2013 starb im Alter von 94 Jahren Alfred Salomon. Er war das letzte in Bochum lebende Mitglied der jüdischen Vorkriegsgemeinde. Seit Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts trat er häufig in der Öffentlichkeit auf: Bei Veranstaltungen, in zahlreichen Interviews, vor allem aber bei Begegnungen mit Schülern erzählte er nicht nur seine eigene Geschichte. Er prägte somit stark das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm selbst und von der alten jüdischen Gemeinde gewann. AlfredSalomonAls er 1919 in eine wohlhabende Metzgerfamilie, die gleichzeitig eine Gastronomie betrieb, hineingeboren wurde, schien ihm ein glückliches Leben bestimmt. Nach 1933 geriet dieses Leben aus den Fugen. Der Verhaftung in der Pogromnacht im November 1938 entging er durch die Flucht nach Berlin. Von dort aus wurde er 1943 mit seiner jungen Ehefrau nach Auschwitz deportiert. Elfriede Salomon wurde sofort ermordet, Alfred überlebte mit sehr viel Glück.  Alfred Salomon kam 1945 psychisch und physisch stark beschädigt nach Bochum zurück. Die Schrecken setzten sich fort: Er fand kein Mitglied seiner Familie.
Später musste er erfahren, dass seine Eltern in Riga ermordet worden waren. Seine Geschwister lebten in Argentinien, Palästina und in England. Wie weiterleben? Über Auschwitz konnte und wollte er nicht sprechen. Mit wem hätte er auch sprechen sollen? Die jüdische Gemeinde war sicher ein Zufluchtsort: Hier fand er Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Hier musste er nichts erklären, hier konnte er sich engagieren. Das tat er in den nächsten Jahren, zuletzt als 2. Vorsitzender der Gemeinde. 1950 gab er diese Position auf, um sich jetzt voll dem Aufbau einer ökonomischen Existenz zu widmen. Das war schwierig genug. Einige Versuche, sich selbständig zu machen, scheiterten. Stabilität gewann sein Leben, als er als Angestellter in die Privatwirtschaft wechselte und das mit einigem Erfolg. Und dieser Erfolg ermöglichte es ihm, mit Frau und Kind – er hatte inzwischen eine Familie gegründet – in der deutschen Gesellschaft der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts Fuß zu fassen. Zur jüdischen Gemeinde – inzwischen Bochum-Herne-Recklinghausen – hielt er viele Jahre Distanz. Erst ab 1978 taucht er in den Akten als Rechnungsprüfer der Gemeinde auf. Er blieb es bis 1991. Kontakt mit Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde hatte er immer, vor allem mit Erich Mayer in den USA, den er auch wiederholt besuchte. Ein besonders Erlebnis für ihn war es, als 1995 fast 60 Mitglieder der alten jüdischen Gemeinde mit je einer Begleitperson zu einem offiziellen Besuch nach Bochum kamen. Als 1994 unser Bürgerverein gegründet wurde, dessen Ziel es war, die Stadt Bochum zu einer solchen Einladung zu bewegen, waren Alfred Salomon und Karl-Heinz Menzel sofort dabei. Zunächst skeptisch, ob das gelingen könnte, engagierte er sich dann stark bei der Vorbereitung und Gestaltung dieses Treffens. Alfred Salomon hat dem Bürgerverein auch danach die Treue gehalten: Solange er es gesundheitlich konnte, hat er kein Treffen versäumt.

Zur neuen jüdischen Gemeinde in den 90er Jahren gewann er ein distanziertes Verhältnis, er war aber immer loyal. Solange er konnte, beteiligte er sich an den Diskussionen um den Neuaufbau. Ein letztes großes Ereignis war die Einweihung der neuen Synagoge in Bochum. Das war eine große Genugtuung für ihn. Alfred Salomon wurde Ehrenmitglied der neuen Gemeinde.

Zuletzt war Alfred Salomon, bedingt durch seine Krankheit, an seine Wohnung gebunden. Für die Besucher blieb er ein spannender Gesprächspartner. Der Verfasser dieser Zeilen durfte dies oft selbst erleben.

Die letzten Monate des Lebens von Alfred Salomon waren überschattet vom plötzlichen Tod seines einzigen Sohnes. Das war zu viel für ihn, das konnte er kaum mehr ertragen.

Alfred Salomon starb am 29. Oktober 2013 im Alter von 94 Jahren. Unter Teilnahme der höchsten Repräsentanten der Stadt Bochum wurde er auf dem jüdischen Friedhof an der Wasserstraße beigesetzt. Man spürte es: Allen Teilnehmern an der Beisetzung war klar, dass mit Alfred Salomons Tod ein Abschnitt der Stadtgeschichte zu Ende gegangen war. Er war der letzte Repräsentant der letzten alten jüdischen Gemeinde gewesen.

(Hubert Schneider)