Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2014                          Nr. 18

Inhaltsverzeichnis

November 1938. Jüdische Männer werden in Konzentrationslager und Polizeigefängnisse verschleppt - Das Beispiel Bochum

Am Mittwoch, dem 9. November ging in Deutschland um 16.44 Uhr die Sonne unter. Das Wetter war in weiten Teilen des Landes ungewöhnlich mild für den Spätherbst. Ein Hochdrucksystem aus Südeuropa wirkte dem Zufluss kälterer Luft aus Skandinavien entgegen. Die Nachttemperaturen fielen meist nur auf knapp unter zehn Grad Celsius. Der Himmel war größtenteils bedeckt, aber es blieb fast überall trocken, nur hier und dort war leichter Nieselregen zu verzeichnen.
So steht es im amtlichen Wetterbericht.

Auch in Bochum war es für einen Novembertag warm. Karola Freimark, die Chronistin jüdischen Lebens in Bochum in dieser Zeit – sie wird in diesem Vortrag noch öfters zitiert werden -, schrieb am 10. November an ihre gerade in Philadelphia angekommenen Kinder:

(...) wir hatten dieser Tage 15 Grad Wärme. (...)“. Für Samstag und Sonntag (12. und 13. November) sind 18 bis 20 Grad C angekündigt.

Den Pogrom, der spät an jenem Abend begann und dann über Deutschland hinwegfegte, hatte die Führung des Staates angefacht, gefördert und organisiert; beteiligt waren vor allem Mitglieder der NSDAP und ihre Hilfstruppen. Ermöglicht, hin und wieder auch begünstigt, wurde er von der Polizei. Die Krawalle liefen ganz und gar nicht simultan überall im Land ab, sondern begannen, kulminierten und endeten an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten im Laufe von 24 Stunden. In einigen Ausnahmefällen dauerten sie noch über diese Zeit hinaus an.

In seiner Gesamtheit betrachtet wirkte der Pogrom hektisch und chaotisch, und doch besaß er eine gewisse vereinheitlichende Struktur und einen Rhythmus. Die Gewalt, die sich über das Reich ergoss, folgte im Allgemeinen den Vorgaben der NSDAP und der SA. Zuallererst erhielten die wichtigsten Regionaldienststellen der Partei in den größeren Städten die Instruktionen aus München. Während die lokalen SA-Trupps für ihren Zerstörungsauftrag mobil machten, sickerten die Anweisungen in einem langwierigen Prozess, der in nicht wenigen Fällen erst spät am 10. November abgeschlossen war, durch die Partei- und SA-Hierarchien.

Ein besonders auffallendes Merkmal des Pogroms war ihre enorme geografische Ausbreitung. Die Gewalt brach sich nicht in Dutzenden, sondern in Hunderten Gemeinden Bahn, und dies waren in den allermeisten Fällen kleine Orte, in denen nur eine Handvoll Juden lebten. Jüdische Bevölkerungszentren wie Berlin und Frankfurt bildeten sicherlich Schwerpunkte des Terrors und der Zerstörung, doch ein bedeutender Prozentsatz deutscher Juden lebte nicht in diesen Großstädten, sondern in der Provinz. Die Liste der Orte, in denen am 9. und 10. November Pogrome stattfanden, umfasst viele Namen, die selbst vielen Deutschen kein Begriff waren und sind, z.B. Allendorf, Laubach, Nieder-Mockstadt, Obbornhofen, Ritterhude, Strümpfelbrunn, das hier bekannte Xanten und viele andere mehr. Überall dort waren Deutsche bereit, ihren jüdischen Nachbarn Gewalt anzutun. Die Zahl der Juden in diesen und vielen anderen weithin unbekannten Orten war seit dem 30. Januar 1933 geschrumpft. Viele waren in die größeren Städte gezogen, um in den größeren jüdischen Gemeinden dort Schutz und Trost zu suchen. Doch ein paar jüdische Familien waren auch im November 1938 noch da, und sie boten beim Pogrom ebenso leichtes Ziel wie ihre kleinen Synagogen.

In der Dunkelheit der Nacht vom 9. auf den 10. November bestand der Kern der Täter noch aus den SA-Trupps, doch vom Morgengrauen an wurde ein beträchtlich weiterer Täterkreis in die Aktion einbezogen. Erinnert sei in Bochum an den Bericht von Frau Schmidt, der Sekretärin von Rechtsanwalt Schoenewald, die nach dem Krieg aussagte, die schlimmsten Zerstörungen im Hause Schoenewald in der Goethestraße 9 seien am 10. November von einer Jungenklasse eines Gymnasiums, die von ihrem Lehrer angeführt wurde, durchgeführt worden. Ähnliche Berichte aus vielen anderen Städten liegen vor. Deutsche Jugendliche spielten demnach eine zentrale Rolle bei der Gewalt in der Pogromnacht und am Tag danach. In vielen Fällen gingen die Übergriffe gegen die Juden und ihr Eigentum zu einem guten Teil auf das Konto männlicher Teenager. Oft wurden sie von Schuldirektoren, Lehrern oder Funktionären der HJ in Bewegung gesetzt. Doch in vielen Fällen handelten sie auch spontan, angestachelt von ihren Freunden, Eltern und anderen Erwachsenen. Manchmal gingen die Jugendlichen ebenso brutal vor wie die älteren SA-Männer – siehe das Beispiel Schoenewald in Bochum. Die meisten dieser Jugendlichen kamen aus Verhältnissen, die man als stabil bezeichnen kann – in Bochum waren es beispielsweise Gymnasiasten. Geht man davon aus, dass Gruppen von Halbwüchsigen, ganz unabhängig von der jeweiligen Kultur, häufig ein besonders hohes Aggressionspotenzial besitzen, kamen in Nazi-deutschland noch Faktoren hinzu, dass sich dieses Potenzial entladen konnte. Erstens gab es erwachsene Autoritätspersonen, die das gewalttätige Verhalten förderten und belohnten. Und zweitens waren die Jungen in den Schulen und ihren HJ-Einheiten ständig mit antisemitischer Propaganda gefüttert worden. In den Augen tausender deutscher Teenager, die sich bei diesem Pogrom an Gotteshäusern, Eigentum und Menschen vergriffen, standen die deutschen Juden außerhalb der Gesellschaft.

Im Laufe des 10. November, bei Tag, fand auch der größte Teil der Massenverhaftungen statt. Schließlich wurden etwa 36 000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt.

Und um diese verhafteten jüdischen Männer soll es im Folgenden gehen. Für Bochum ist dieses Kapitel jüdischer Lokalgeschichte bisher unzureichend bearbeitet.

Im Rückblick wissen wir, dass die meisten Juden, die nach dem Pogrom in die Lager kamen, bald wieder freigelassen wurden. Doch die Gefangenen selbst wussten das nicht, und die Aussicht auf einen Arrest im Konzentrationslager war entsetzlich. In Deutschland war allgemein bekannt, dass Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen furchtbare Orte waren, an denen Gefangene keine menschen- würdige Behandlung zu erwarten hatten. Die jüdischen Männer in den Autos, Lastwagen und Zügen auf ihrem Weg in die Lager wussten nicht, wann und ob sie überhaupt wieder freikommen würden. Der Pogrom war vorbei, doch für diese Männer und ihre Familien begann ein neuer Alptraum.

In Bochum kamen am Vormittag des 10. November aus Berlin - Funkspruch SSD aus Dortmund Nr. 4/2 - Anweisungen für das weitere Vorgehen – die meisten waren durch die Realität längst überholt. Für uns wichtig ist der Passus, in dem es um die Verhaftungen von jüdischen Männern geht. Unter Punkt 7 der Anweisung heißt es:

Sobald wie möglich sind in den dortigen Bezirken, insbesondere einflussreiche und vermögende männliche Juden und nicht zu hohen Alters festzunehmen und zwar soviel, wie in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Über Vorkommnisse und das Veranlasste ist laufend zu berichten.

Als direktes Zeugnis für die Verhaftungen in Bochum gibt es nur die Er- innerungssplitter des Kaufmanns Leo Baer aus der Gerberstraße, datiert 13. November 1938, festgehalten in einem bis heute nicht veröffentlichten Manuskript. Als indirekte Zeugnisse sind die Briefe von Karola und Simon Freimark an ihre Kinder Gerhard und Stefanie in Philadelphia zu nennen. Auf beide Zeugnisse soll im Folgenden eingegangen werden.

Zunächst der Bericht Leo Baers über den Transport von Bochum über Dortmund nach Sachsenhausen. Der Text endet mit der Ankunft im Konzentrationslager.(1)

Deutschland, den 13. November 1938(2)

Nachts gegen 3 Uhr wurden die Häftlinge im Gefängnis des Polizeipräsidiums zu Bochum geweckt und aufgefordert, auf den Hof zu gehen, wo durch Scheinwerfer beleuchtet verschiedene Personen-Autobusse auf uns warteten. Also geht’s doch in’s Konzentrationslager! bemerkten einige unter uns.

Alle uns bei unserer Ankunft abgenommenen Sachen, sowie auch Geld, wurden wieder an die Besitzer ausgeteilt.

Der Transport der Bochumer Juden endete vor dem Dortmunder Gefängnisplatz, wo die übrigen Juden aus anderen Städten gesammelt und für den Eisenbahntransport in ein Lager zusammengestellt wurden. Schupobeamte in großer Zahl unter Aufsicht eines Schupo-Hauptmanns übernahmen von Bochum aus die Überwachung. Wir standen seit Morgengrauen stundenlang und warteten auf das, was noch alles kommen wird. Mit einem Mal erschienen die Schupobeamten mit Körben und verteilten eine gefüllte Papiertüte an Jedermann, mit der Bemerkung, dass dieses unsere Ration für die Dauer des Transports sei. Noch wusste keiner, wohin es ging und aus Neugier musste jeder den Inhalt der Tüte kontrollieren, der aus 2 Doppelschnitten mit dünn bestrichener Margarine bestand. Plötzlich kam Bewegung in die Reihen. Ein Schupo hatte einem Häftling mit der Faust in’s Gesicht geschlagen und mit einem Fußtritt traktiert. Die Ursache hierzu ist mir unbekannt. Sofort ertönte die Stimme des Schupo-Hauptmannes: ‚Die Wachtmeister alle antreten!’ Etwa 20 Mann stellten sich in strammer Haltung auf und die Stimme des Schupo-Hauptmannes fuhr fort: ’Ich habe soeben festgestellt, wie ein Wachtmeister einen Häftling tätlich angefasst, ihn in’s Gesicht geschlagen und getreten hat. Ich verwarne Sie. Sollte ich noch einmal derartiges feststellen, werde ich jeden, ohne Ausnahme, zur Verantwortung ziehen. Rührt Euch!’ Er schaute dann auf seine Uhr und gab den Befehl: ‚Laden und sichern!’ Für alte Soldaten bedeutete dieser Befehl nichts Gutes. Waren wir denn so schwere Verbrecher?

Es war gegen Mittag, als wir über die Straßen zum nahe gelegenen Bahnhof gebracht wurden. Da stand der Sonderzug, aus modernen Waggons bestehend, bereit. Nachdem wir noch eine Zeitlang von den Passanten des Bahnsteiges mit verwunderten, mitleidigen und leider auch schadenfrohen Blicken gestreift wurden, setzte sich der Zug in östlicher Richtung in Bewegung. Jede Tür war mit Schupo besetzt. Befehl: Fenster dürfen nicht geöffnet werden! Unterhaltung mit den Wachmannschaften streng verboten! Wir kommen nicht nach Dachau, ging das Gerücht. Nur nicht nach dem berüchtigten Dachau. Der Mangel an Rauchmaterial
wurde von vielen schmerzlich empfunden. Man begann gleich mit dem Essen der Butterbrote und die allgemeine Stimmung, von der man nicht sagen kann, dass sie gedrückt war, hielt bis zur Dämmerung an und alles erweckte den Anschein, als ob wir an einer Fahrt in’s Blaue teilnehmen würden. Wir haben alle von Konzentrationslagern erzählen gehört, von Entbehrungen, von auf der Flucht Erschossenen und Misshandlungen, doch glaubte jeder, dass ihm bei guter Führung kein großes Leid zugefügt würde und letzten Endes sind wir ja keine Verbrecher, nur leider die Opfer des Attentates auf den Gesandtschaftsrat von Rath in Paris, verübt durch unseren Glaubensgenossen Grünspan. Mit diesem Fanatiker haben wir doch nichts gemein. Die zigtausend Juden, die man in ganz Deutschland zusammenzieht, kann man als Geisel doch nicht alle umbringen und die Freiheitsberaubung bei einigermaßen menschlicher Behandlung ist Sühne genug. Hinter Hannover erfuhren wir das Endziel unserer Reise. – Station Oranienburg bei Berlin. – Dann werden wir wohl nach Sachsenhausen kommen.

Richtig, der Zug hielt auf der Station Oranienburg und von hier soll er auf ein totes Anschlussgleis transportiert werden. Der Zug hielt noch nicht ganz, als auch schon von allen Seiten das blendende Licht von Scheinwerfern in unsere Waggons drang. Türen wurden aufgerissen und in einem ohrenbetäubenden Gebrüll hörte man: ‚Raus Ihr verdammten Judenschweine! Seid ihr noch nicht heraus, verfluchte Schweinebande?’

Ich hatte das seltene Glück, in dem langen Durchgangswagen nicht unweit von der Tür zu sitzen und weiß nur, dass ich nach einem heftigen Tritt nach draußen flog und auf dem Boden liegend mit Stiefeln der SS traktiert wurden. ‚Auf, auf, alle antreten!’ Es entstand in unentwirrbares Menschenknäuel. Einige Meter abseits standen schwere Maschinengewehre, die von der Bedienungsmannschaft wie in offener Feldschlacht bedient wurden. Das Geräusch, das das Einführen von Patronengurten in die Zuführer der M.G.’s machte durch Aufschlagen der Stahlteile, tappte auf unsere Nerven. All das muss sich in wenigen Sekunden abgespielt haben, denn plötzlich hörten wir die, alles Höllengeschrei übertönende Stimme des begleitenden Schupo-Hauptmannes: ‚Ich bin der verantwortliche Transportleiter. Raus aus den Waggons! Lassen Sie die Häftlinge in Ruhe. Ich bin der Transportleiter! Unverschämtheit!’ Doch nach und nach ging die Stimme des Schupo-Hauptmannes in dem Geschrei der Verwundeten und dem Gebrüll von verdammten Judenschweinen, schnell antreten, wollt Ihr wohl usw. klagend unter, so wie die Stimme des Predigers in der Wüste.

Was sich hierauf auf dem Wege bis ins KZ abgespielt hatte, ist schwer wiederzugeben. Im Lager wurden die Häftlinge auf einem Platz vor dem elektrischen Draht in Reihen aufgestellt. Hierauf stellten SS Plakate mit der Aufschrift:

Wir sind die Mörder des Gesandtschaftsrats von Rath.
Wir sind die Schänder der deutschen Kultur.
Wir sind schuld an Deutschlands Unglück.
Wir sind Volksbetrüger.

Ein SS-Mann vor der Front forderte die Häftlinge auf, die Aufschrift auf den Plakaten genau anzusehen und nach einer Weile sagte er: ‚Das Gelesene werdet Ihr im Chor laut und deutlich sprechen.’ Nachdem er das erste Plakat zeigte, gab er ein Zeichen zum Einsetzen. Der erste Versuch war schwach. ‚Ich werde es Euch schon beibringen.’ Der Chor wurde genau 24 Stunden gedrillt. 24 Stunden in aufrechter Haltung, ohne Essen, Trinken und ohne ein Bedürfnis verrichten zu dürfen, kommen einer Ewigkeit gleich. SS-Männer schlichen durch die Reihen und kontrollierten, ob jeder auch kräftig mitsprach. Sich umzusehen war verboten.“

Hier endet der Bericht von Leo Baer. Der Empfang in Sachsenhausen war nur die Ouvertüre zu dem, was die Häftlinge im Lager selbst erlebten. Doch darüber berichtet Baer nur wenig, wir werden es später noch hören. Um das eigentlich Unbeschreibliche darzustellen, müssen wir auf andere Erinnerungen zurückgreifen.

Doch zuvor wollen wir sehen, wie die Verhaftung und Deportation der Männer auf die Angehörigen in Bochum wirkte. Eine Quelle hierfür sind die Briefe von Karola und Simon Freimark an ihre Kinder in Philadelphia.

Da sie natürlich mit einer Zensur ihrer Briefe rechnen mussten, sind sie in ihren Äußerungen sehr vorsichtig, sie deuten mehr an als sie schreiben. Mit den Kindern haben sie vereinbart, dass sie in ihre Briefe bewusst Rechtschreibefehler einbauen werden, um so das Gegenteil auszudrücken von dem, was im Brief steht. Z.B. schreiben sie: Hier ist es sehr schöhn, soll heißen; die Situation ist fürchterlich (Briefe vom 10. und 11. November 1938).

Simon Freimark selbst wurde am 11. November verhaftet und in das Bochumer Polizeigefängnis in der Uhlandstraße gebracht, aber bereits am 13. November wieder entlassen. Ob der Grund hierfür die Kriegsbeschädigung Simons war, wie Karola am 17. November schrieb, sei dahingestellt. Oder war die frühe Entlassung Freimarks dem Einfluss eines Mannes namens Boecksteger geschuldet? Der ehemalige Zigarrenhändler hatte den Textilbetrieb Leo Seidemanns übernommen. Simon F. war Geschäftsführer in dem Betrieb, ohne seine fachliche Kompetenz konnte der Betrieb nicht arbeiten. Oder war es ganz anders? Wir sind ja geneigt, auch dem Handeln der Nazis rationale Gründe zu unterstellen. Das war aber in den wenigsten Fällen der Fall. In den Tagen nach dem 9. November wurden zahlreiche jüdische Männer in Deutschland, die zunächst in die örtlichen Polizeigefängnisse gebracht worden waren, wieder entlassen, auch in Bochum. Karola Freimark schreibt z.B. am 17. November , dass Günther, unser Nachbar, Werner L. u. die Bekannten über 60 wieder zurück sind, sie hofft, dass die anderen auch bald kommen, also, die, die von Bochum abtransportiert worden waren.(3)

Und am 21.11.1938 schrieb sie: Unsere neuen Nachbarn Simon treffen wir öfters, her father came on Friday the 18 th back, he was only here; also many others from our people. Nach Schätzungen von Karola Freimark sind um die 60 Bochumer jüdische Männer nach Sachsenhausen gekommen (Brief vom 27. Nov. 1938).
Verhaftet wurden offensichtlich viel mehr, auch in Bochum. Anderen wieder gelang es, der Verhaftung zu entgehen: Rosemarie Marienthal berichtete zum Beispiel, dass ihr Vater, der Rechtsanwalt Marienthal, am 9. Nov. im Krankenhaus lag. Als SA-Leute ihn dort verhaften wollten, habe sich ein Arzt vor das Patientenzimmer gestellt, so den Abtransport verhindert. Walter Kaminski, dessen Maßschneiderei für Herrenkleidung in der Viktoriastraße und dessen Wohnung in der Goethestraße verwüstet worden waren, gelang in der Nacht die Flucht in die Schweiz. Er kam erst Wochen später, kurz vor seiner Abreise in die USA, zurück, um Frau und Sohn abzuholen. Siegbert Vollmann berichtete später, er sei noch in der Nacht für zwei Wochen bei Verwandten außerhalb Bochums untergetaucht. SA-Männer seien wiederholt in seiner Wohnung gewesen, um ihn zu verhaften. Otto Fromm, dessen Fabrik für Knabenhosen bereits im Juni 1938 arisiert worden war, hielt sich am 9. November nicht in Bochum auf, er kam auch nicht mehr zurück, entging so der Verhaftung und der Verschleppung nach Sachsenhausen. Er betrieb von außerhalb Bochums die Emigration in die USA, reiste Anfang Dezember mit seiner Tochter Gerta aus. Und Alfred Salomon erzählte, dass er um Mitternacht Bochum verlassen habe, um zu Verwandten nach Berlin zu gehen.

Bleibt die Frage: Warum kamen die einen ins KZ, warum wurden andere nach relativ kurzer Zeit wieder aus den Polizeigefängnissen entlassen?

Eigentlich sollten sich die Verhaftungen am 9./10. November 1938 auf einen bestimmten Teil der Juden konzentrieren. Grundlage der Verhaftungen waren Befehle, die überall in Deutschland in der Nacht vom 9. auf den 10. November an die Polizeidienstellen ausgegeben wurden. Der erste dieser Befehle ging von Heinrich Müller, dem Chef der Gestapo, an die Gestapo-Dienststellen, und zwar um 23.55 Uhr am 9. November, etwa zwei bis zweieinhalb Stunden, nach Goebbels Rede im Alten Rathaussaal. Das Fernschreiben war ziemlich kurz. Unter Punkt 3 instruierte es die Gestapo, sich auf die Festnahme von etwa 20-30 000 Juden im Reich vorzubereiten. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Reinhard Heydrich, damals Chef der Sicherheitspolizei und des SD, konkretisierte in einem um 1.20 Uhr morgens nachgeschobenen Befehl – per Blitz-Fernschreiben an die Staatspolizeileitstellen, SD-Oberabschnitte, SD-Unterabschnitte (10. November 1938, 1.20 Uhr) Müllers ziemlich vage Direktive hinsichtlich der Festnahmen. Er war weitaus präziser gefasst und gründete auf einer sorgfältigen Abwägung der Probleme, die mit einer so massiven Operation verbunden waren. Detailliert wurde festgelegt, dass die Polizei die Verhaftungen erst dann durchführen sollte wenn sie nicht mehr gebraucht wurde, um Plünderungen zu verhindern und arischen Besitz zu schützen. Statt die genaue Zahl der Juden zu nennen, die verhaftet werden sollten, bestimmte Heydrich, dass nur so viele Juden in Gewahrsam genommen werden sollten, wie in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden konnten. Heydrich fürchtete offenbar, dass die Festnahme von 30 000 Juden das System von Gefängnissen und Konzentrationslagern überlasten würde. Wie Müller betonte auch Heydrich, dass die verhafteten Juden wohlhabend sein sollten. Und er fügte noch zwei weitere Einschränkungen hinzu: Die Inhaftierten sollten gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters sein. Zudem sollten sie nicht misshandelt werden.

Diese Anweisungen spiegelten die Absicht wider, eine große Zahl wohlhabender Juden als Geiseln zu nehmen und dies als Druckmittel zu benutzen, um sie zu einer zügigen Arisierung ihres Besitzes und zur Ausreise zu zwingen. Sie verrieten auch den Wunsch, dass sich Festnahme und Haft der Juden geordneter abspielen sollten als das Niederbrennen der Synagogen und die Verwüstung jüdischer Geschäfte. Nach Heydrichs Vorstellung sollte es eine saubere Arbeitsteilung geben zwischen der deutschen Polizei, die ihre Aufgaben effizient und professionell erledigte, und der SA, der man den primitiven Vandalismus überließ. Doch die Praxis sah anders aus: Viele Juden, die im Zuge des Pogroms festgenommen wurden, waren nicht wohlhabend. Die Gefängnisse und Konzentrationslager waren mit Juden überfüllt. Und viele dieser Juden waren nicht relativ jung und gesund, sondern vielmehr zu alt und schwach, um die Tortur zu überstehen. Ursache für die oft willkürlichen Verhaftungen waren wohl auch Unsicherheiten in Hinblick auf den genauen Text des Befehls, der in der Nacht telefonisch verbreitet worden war. Aber auch der Übereifer von SA- und SS-Männern, die sich nicht um die Einzelheiten des Befehls scherten, spielte eine Rolle. Erst allmählich gewannen viele Polizeibeamte ein klares Bild von dem Befehl und begannen ihn umzusetzen Deshalb wurden viele Juden, die bei der ersten Razzia in Arrest genommen worden waren, innerhalb von wenigen Tagen wieder freigelassen, darunter Weltkriegsveteranen (wie Simon Freimark) und Männer, die nachweisen konnten, dass sie bald auswandern würden. Die Polizei hatte einen großen Ermessungsspielraum und handelte ohne klare Linie.

Doch zurück zu den Briefen der Freimarks. In der Folge galt ihre Sorge dem Schicksal des Freundes Viktor Wassermann, vor allem aber Leo Seidemann, der über seine Frau Else mit den Freimarks verwandt war. Am 21. November berichtet Karola, Viktor Wassermann und Leo Seidemann seien bis jetzt noch nicht zurück. We hope that they come to weekend. Aunt Else is so silent and I must admire her. Karola fordert ihre Kinder auf, sich bei den Verwandten in den USA dringend um Affidavits für Leo und Else Seidemann zu bemühen, denn sie weiß natürlich, dass die KZ-Häftlinge entlassen werden sollen, wenn sie nachweisen können, dass sie sich ernsthaft um die Ausreise aus Deutschland bemühen. Je mehr Zeit vergeht, umso dringlicher werden die Notrufe Karolas. Die Herren, die zusammen fort kamen, sind noch nicht zurück, u.a. Onkel Leo und Viktor. Wir hoffen, dass sie bald kommen.(Brief vom 27. November).

Endlich ein Lichtblick: Am 28. November kann Karola den Kindern melden: Die Verwandten in den USA haben Affidavits für Leo und Else Seidemann zugesagt. Karola bittet, die Verwandten mögen die Affidavits für die Seidemanns beschleunigen. Gleichzeitig bittet sie um Bürgschaften auch für Viktor Wassermann.
Aber die Männer sind immer noch nicht zurück. Die Stimmung ist sehr bedrückt, hoffentlich kommen bald einige Herren von hier von ihrer Reise zurück diese Woche. (Brief vom 29. November) und Karola fügt hinzu: alle jüdischen Gemeinden liegen still.

Am 2. Dezember 1938 kann Karola melden, dass die Rabbiner David und Kliersfeld und einige andere wieder da sind. Onkel Leo noch nicht. Kannst Dir Tantes Verfassung vorstellen. Kurze Zeit gibt es Hoffnung: Übrigens hofft man, dass diese Woche bestimmt alle entlassen werden. Hoffentlich auch Onkel Leo von hier, denn Tante Else ist mit ihren Nerven am Ende. (Brief vom 4. Dezember 1938). Leo Seidemann kam am 8. Dezember zurück, wohlbehalten, wie Karola am 9. Dezember schreibt, sieht ganz gut aus. Simon sucht den Heimgekehrten nach der Arbeit sofort auf und meint: Er sieht ganz gut aus, nur isst er für zwei. (Brief Simon vom 9. Dezember.) Einige Tag später – am 16. Dezember - kommt auch Viktor Wassermann zurück.

Von den Erlebnissen der Heimkehrer im Lager schreiben die Freimarks nichts. Wahrscheinlich wissen Sie auch nichts, haben die Männer auch nichts berichtet, waren sie doch bei ihrer Freilassung ermahnt worden, nicht über ihre Erfahrungen zu reden. Diese Drohungen gehörten zur Standardprozedur bei der Freilassung der Juden. Heydrich hatte das Lagerpersonal eigens angewiesen, solche Warnungen auszusprechen. Man sagte den Gefangenen, dass NS-Agenten die Emigranten im Auge behalten würden, so dass nicht einmal Nordamerika eine sichere Zuflucht biete. Wer redete, würde für den Rest seines Lebens im Konzentrationslager landen oder man würde Maßnahmen gegen seine noch in Deutschland verbliebenen Angehörigen ergreifen. In Anbetracht ihrer jüngsten Erfahrungen nahmen sich viele entlassene Häftlinge diese Drohungen zu Herzen. Sie sträubten sich, Genaueres über ihre Lagererfahrungen zu erzählen, selbst ihren Frauen gegenüber.

Sachsenhausen

Karola Freimark schrieb am 27. November an ihre Kinder – wir haben es schon gehört –, dass um die 60 Männer in das Konzentrationslager verschleppt worden seien. Das scheint zu stimmen: Wir kennen heute die Namen von 60 jüdischen Männern aus Bochum, die in Sachsenhausen waren. Grundlage für diese Aussage sind die erhaltenen Entlassungslisten aus dem Lager Sachsenhausen.

Schaut man sich die Altersstruktur der Verschleppten an, so ergibt sich folgendes Bild:
- Über 60 Jahre alt sind 12 Männer. Die ältesten sind der Kaufmann Victor Capell (70 Jahre), der Kaufmann Hugo Marcus (69 Jahre), der Rechtsanwalt Siegmund Schoenewald (66 Jahre alt.) Mit Ausnahme von Capell werden diese Männer als erste wieder entlassen, am 28. November. Victor Capell wird, warum auch immer, erst am 7. Dezember entlassen.
- Zwischen 50 und 60 Jahre alt sind 24 Männer.
- Zwischen 40 und 50 Jahre alt sind 14 Männer.
- Zwischen 30 und 40 Jahre alt sind 7 Männer.
- Zwischen 20 und 30 Jahre alt sind 2 Männer.
- Unter 20 Jahre alt ist der Schüler Gerd Freudenberg (Jg. 1921), der zusammen mit seinem Vater, dem Rechtsanwalt Hugo Freudenberg verschleppt wird. Beide werden am 7. Dezember wieder entlassen. Gerd gelingt im Januar mit einem Kindertransport die Flucht über Holland nach Großbritannien.

So sieht sie aus, die Bilanz für Bochum, so wurde die Aufforderung aus Berlin, gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters umgesetzt: 36 der verhafteten Männer waren zwischen 50 und 70 Jahren, unter den übrigen waren 14 zwischen 40 und 50 Jahre alt, ein Junge war erst 16. Es waren vor allem selbstständige Kaufleute, noch in Bochum lebende Rechtsanwälte und Ärzte und die Honoratioren der jüdischen Gemeinde (die beiden Rabbiner, der Kantor, der Vorstand der Gemeinde), die verhaftet wurden. Auf einzelne werden wir noch zu sprechen kommen.

Karola Freimark spricht auch davon, dass mehr Männer zunächst in das Bochumer Polizeigefängnis kamen, aber nach einigen Tagen wieder entlassen wurden – auch das haben wir bereits gehört. Wir kennen die Namen von 7 Personen, die nach einigen Tagen aus dem Bochumer Polizeigefängnis, und 2, die aus dem Dortmunder Polizeigefängnis relativ schnell wieder entlassen wurden. Hier gibt es sicher eine höhere Dunkelziffer, es waren sicher mehr.

Vom Transport der Bochumer Männer nach Sachsenhausen, von der Ankunft dort haben wir durch den Bericht Leo Baers schon gehört. Um zu erfahren, was sie dort erleben mussten, müssen wir auf andere Erlebnisberichte zurückgreifen. Es sind vor allem die Erinnerungen von Hans Reichmann, die uns einen Eindruck davon vermitteln, welchen Demütigungen die Männer in Sachsenhaus ausgesetzt waren.(4) Reichmann saß in der Baracke 16, in der Baracke, in der auch der Bochumer Rabbiner Dr. David, Hans Ehrenberg, Victor Capell und Leo Seidemann untergebracht waren. Ehrenberg, Capell und Dr. David werden in dem Bericht auch erwähnt.

Einige Informationen zu Sachsenhausen.

Rund 36 000 jüdische Männer wurden im gesamten Deutschen Reich bis zum 16. November 1938 festgenommen und größtenteils in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen verschleppt. Zusammen mit dem KZ Buchenwald, mit dessen Bau im Sommer 1937 begonnen worden war, bildete das KZ Sachsenhausen eines der neuen großen KZ. Im Juli 1936 hatte die SS mit der preußischen Regierung einen langfristigen Pachtvertrag über ein 76 Hektar großes Waldgelände im Forst Sachsenhausen bei Oranienburg nahe Berlin abgeschlossen, auf dem nach Himmlers Worten ein vollkommen neues, jederzeit er- weiterungsfähiges, modernes und neuzeitliches Konzentrationslager geschaffen werden sollte, das allen Anforderungen und Erfordernissen nach jeder Richtung hin gewachsen ist und sowohl in Friedenszeiten sowie für den Mobilisierungsfall die Sicherung des Reiches gegen Staatsfeinde und Staatsschädlinge in vollem Umfang jederzeit gewährleistet.

Schon Ende Juli 1937 begannen die ersten Häftlinge, Baracken zu bauen und den Wald zu roden. Im Frühjahr 1938 war der erste Bauabschnitt mit dem sogenannten Kleinen Lager, den Unterkünften für die SS und Werkstätten vollendet. Mit der Polizei-Aktion gegen sogenannte Asoziale im Juni 1938 hatte das KZ Sachsenhausen eine Zahl von über 6 000 Häftlingen erreicht.

Nun trafen erneut Tausende von Häftlingen täglich in den Konzentrationslagern ein. In Buchenwald kamen am 10. November 1525, am 11. November 3915, am 12. November 3360 und einen Tag später noch einmal 1019 Häftlinge an. In Sachsenhausen wurden noch am 10. November morgens insgesamt 8 359 Häftlinge gezählt, darunter nach wie vor über 5300 Arbeitsscheue, die seit der Juni-Aktion hier gefangen gehalten wurden. Eine Woche später waren, so meldete die Effektenverwaltung, 6471 Juden neu hinzugekommen, die Gesamtstärke betrug jetzt 14 062 Häftlinge. Damit hatte sich die Häftlingszahl seit Juni mehr als verdoppelt.

Tausende neuer Häftlinge wurden in den vorhandenen Baracken zusammengepfercht. In Dachau wie in Sachsenhausen hatte man die Betten ausgeräumt und den Boden mit Stroh bedeckt, auf dem die Männer nebeneinander, eingezwängt liegen mussten. Die hygienischen Verhältnisse waren erbärmlich. Es gab kaum Latrinen, Waschen war nahezu unmöglich, außerdem herrschte Wassermangel. Berichte über den Durst und die katastrophalen hygienischen Bedingungen durchziehen sämtliche Erinnerungen.

Der tägliche Arbeitsdienst, den die Häftlinge in Sachsenhausen verrichten mussten, diente weit mehr der Erniedrigung und dem Zugrunderichten als ökonomischen Zwecken. Vor allem das gefürchtete Klinkerwerk, das in der Nähe des KZ Sachsenhausen im Sommer 1938 gebaut worden war und laut Befehl des Inspekteurs der Konzentrationslager, Theodor Eicke, jährlich 150 Millionen Ziegel produzieren sollte, bedeutete schwerste, sinnlose Qualen für die Häftlinge. Die Eisenbahnloren und die tonnenschweren Planierwalzen mussten von den Häftlingen selbst gezogen werden. Da es weder Schubkarren gab noch Schaufeln ausgeteilt wurden, zwang die SS die Häftlinge, die Jacken auf dem Rücken zu knöpfen und den Sand in der Schürze zu tragen. Wo die SS-Männer auftauchten, trieben sie das Arbeitstempo absichtlich hoch, bis die Häftlinge vor Erschöpfung zusammenbrachen. Leo Baer musste im Klinkerwerk arbeiten. In einem kurzen Text Eine Unterhaltung im KZ Oranienburg erinnert er sich. Er schildert dabei die Situation nach der halbstündigen Ruhepause:

Bald darauf ertönte das Pfeifsignal. Die halbe Stunde Pause war vorüber und alles stob wie der Wind auseinander, um sich zur eingeteilten Gruppe zu begeben. (...)

Zurück zur Arbeit brüllten die SS-Männer. ‚Wollt Ihr Saujuden nicht schneller laufen. Ihr bewegt Euch ja wie die Geldschränke.’ Dann sausten die Reitpeitschen blindlings in die Menge. Abgehetzt kamen wir auf unseren Arbeitsplätzen an. Hier mussten wir im Laufschritt die Sandmengen an die befohlene Stelle tragen, und zwar in unseren eigenen Jacken, die wir mit dem Rückteil nach vorne anziehen mussten. Im Schweiß gebadet war der Rücken bei der Kälte entblößt und viele blieben wegen Erschöpfung im Sande liegen.

Ein anderer erinnert sich:

Dort zogen Juden eine viele Tonnen schwere Walze über die abgebaute Tontrasse (...) Scharführer tobten und schlugen mit dicken Holzprügeln auf die ihnen nicht schnell genug laufenden Häftlinge ein. Menschen brachen zusammen unter der Last eiserner Träger, wurden wieder hochgerissen und schleppten ächzend weiter.“(5)
Aber es war nicht die Grausamkeit allein, die den Schrecken des Konzentrationslagers ausmachte, sondern vor allem das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der Willkür.

Die Strafen, die die Häftlinge erlitten, stellten nicht Sanktionen für Übertretungen eines von der SS aufgestellten Regelwerks dar, dem sich zu fügen die Chance bedeutet hätte, der Bestrafung zu entgehen. Im Gegenteil, die SS mache sich einen Spaß darauf, Strafen zu erteilen für Verstöße, die den Häftlingen gar nicht bekannt sein konnten. Reichmann schreibt, dass man jederzeit Ohrfeigen oder Prügel bekommen konnte, weil man vielleicht eine Hand in der Hosentasche hatte. In einem Block hatte ein SS-Scharführer einen jüdischen Häftling nach dem Namen gefragt, den einer von euch“ ermordet hat, und schrie, als er die richtige Antwort vom Rath erhielt von Rath, du Drecksau! und bestrafte den Häftling mit 20 Kniebeugen.

In jedem Moment, ohne erkennbaren Anlass, konnten die Häftlinge Opfer von Gewalt werden. Hinzu kamen die Erniedrigung der Opfer und der Hohn der Täter. Es fällt in Reichmanns Erinnerungen auf, wie sehr ihn die Differenz zwischen den lebenserfahrenen, gebildeten, in früheren Zeiten hoch geachteten Häftlingen und ihren ungehobelten, jugendlich-unverschämten rohen Peinigern schmerzte. Wie jung die SS-Leute tatsächlich auch gewesen sein mögen, in Reichmanns Wahrnehmung waren es vornehmlich 18- und 20jährige, die mitleidlos ohne Achtung des Alters und der einstigen sozialen Stellung auf ihre Opfer einschlugen und sie verhöhnten.

Zitat: Ein zwanzigjähriger Junge befiehlt:’ Mal hopsen’ und lässt einen sechzigjährigen Juden wie einen Frosch springen. Der Alte wird rot, er ächzt, die Luft geht ihm aus. Tränen stehen ihm in den Augen, er kippt um, aber er muss sich wieder erheben und in Kniebeugen weiterhüpfen, bis ihn endlich der Abmarschbefehl befreit. Was mag sich die kleine Bestie bei dem Kommando ‚mal hopsen’ denken? Vielleicht gar nichts, vielleicht so viel wie in dem Augenblick, wo sie ein Steinchen fortscharrt oder ein Stäubchen abputzt. Eine ganz bedeutungslose Sache: ‚mal hopsen’. Dass ein alter Mann gedemütigt wird, dass ihm die Tränen in den Augen stehen, was schert das den jungen Kämpfer von der Totenkopf-Standarte? (6)

Und an anderer Stelle:

13 000 Männer werden von einem Dutzend Maschinengewehren und ein paar Hundert jungen Burschen in Schach gehalten. 13 000 Männer, eine kriegsstarke Division, sind der Willkür grausamer Kinder ausgeliefert. Täglich werden Kübel von Schmutz über ehrenhafte Menschen gegossen. 18jährige Jungen lassen Häftlinge, die ihre Großväter sein könnten, bellen, krähen oder sie haben den ‚witzigen’ Einfall, sie rufen zu lassen: ‚Meine Mutter ist eine Hure’; Arbeitswillige werden jedem Arbeitserfolg zuwider wie Galeerensklaven angetrieben, Männer werden von Knaben geschlagen, getreten, gedemütigt und – Männer wurden von Knaben erschossen! Immer wieder frage ich mich nach den Motiven dieses infernalischen Treibens. Wenn die Arbeitszüge nachmittags einrücken, die Häftlinge zu ihren Blocks eilen, lugt jeder scharf aus, damit ‚es’ ihn nicht erwischt. ‚Es’ – das sind die Stiefelspitzen der Blockführer, die nach einem ungeschriebenen Lagergesetz die Arbeitszüge auf dem Appell-Platz erwarten und‚ in die Gegend treten’. Ministerialrat Flatow und ich haben unsere ‚Laufstrecke’ scharf überprüft, aber so sehr ich auch den Plan einhalte, ein wuchtiger Stiefeltritt sitzt mir im Oberschenkel, und ich humpele meinem Block zu. Diesen Tritt habe ich zehn Tage gespürt. Warum hat er mich getreten? Ich weiß es nicht, und er weiß es auch nicht.(7)

Die Gewalt ist allgegenwärtig:

Wenn unsere Blocks um fünf Uhr endlich über den dunklen Appell-Platz zur Baracke abmarschieren, begleiten uns wieder prügelsüchtige Perverse. Sie lachen in hämischer Vorfreude, lauern auf einen guten Augenblick, springen in unsere Marsch-Glieder und einer, dessen Gesicht vor widerlicher Lust feixt, schlägt meinem Nebenmann und mir zwei schallende Ohrfeigen. Die Züge dieses Gesichts haben sich mir eingebrannt. Die Schläge sind so wuchtig, dass unsere Mützen im Bogen davon fliegen. Der Wolf bellt schrill: ‚Ihr habt Staatseigentum verschleudert! Jetzt könnt ihr sie bezahlen!“ Er hat sie uns heruntergeschlagen, er weiß es genau; aber wir haben Staatseigentum verschleudert. Wir suchen im Durcheinander, kriechen am Boden, unserer Kameraden stoßen und drängen, das Klatschen hat sie besorgt gemacht. Ich finde meine Mütze wieder. Der Wolf heult und sucht neue Opfer. Warum?(8)

Dazu kommt ein unbegreiflicher Zynismus:

Ihr Juden seid selbst zum Sterben zu dumm. Gestern hat die Lore einem das Bein abgefahren. Warum legt ihr denn nicht euern Kopf unter die Lore, warum lasst ihr euch nur das Bein abfahren?“ Ich starre dem 18jährigen Jungen, der an uns vorüber patrouilliert, ins Gesicht. Auch er war auf einer deutschen Schule, und vor ein paar Jahren ist er konfirmiert worden. Warum sind die guten Lehren in ihm erstorben, warum?(9)

Reichmann versucht eine Antwort:

Die Achtung vor den Urtatsachen des Lebens aber haben diese zweibeinigen Wesen, die sich Menschen nennen, nicht gelernt. Sie kennen keine Ehrfurcht vor dem Leben, und sie haben keine Scheu vor dem ewigen Antlitz. Ist es der Judenhass, der jedes natürliche Fühlen ausgetilgt hat, ist es Rachetrieb oder nur Ausbeutung der Prügelfreiheit, die hier herrscht? Immer wieder erschauere sich vor so viel Verruchtheit. Nirgendwo bis zu diesen Tagen habe ich die Gemeinheit so nackt, der Grausamkeit so unmittelbar ins Gesicht gesehen; nicht in der jugendlichen Schonungslosigkeit der Schulzeit, gewiss nicht in den Gefängnissen, nicht beim Militär und nicht im Krieg. So dünn also war die Tünche unserer Zivilisation, dass ein paar Monate des neuen Gewaltsystems schon sie fortspülen konnte.(10)

Dieses sind die Erfahrungen, mit denen die in Sachsenhausen eingesperrten Männer konfrontiert wurden. Man könnte beliebig fortfahren mit den Beispielen, die Berichte von Hans Reichmann füllen viele, viele Seiten. Die Lektüre ist quälend, man erträgt es kaum. Was bei Reichmann über die im Block 16 einsitzenden Bochumer Männer zu erfahren ist, soll hier dargestellt werden.

Hans Ehrenberg, 1883 in Hamburg geboren, der getaufte Jude, Philoso- phieprofessor und evangelische Pfarrer, nimmt einen breiten Raum ein. Für die SS ist der jüdische Pfarrer ein sensationeller Anlass, ihren Witz spielen zu lassen. Was bist du, Pfarrer? Rabbiner, meinst du? Öfters wird er höheren SS-Führern vorgestellt, und seine ruhigen Antworten begleiten sie mit dem üblichen Hohn. Dennoch galt er der SS offensichtlich als besonders gefährlich. Lt. Reichmann richtete er sich von Anfang an auf eine längere Haft ein. Ist er auch als ‚Jude’ mit dem großen Fang ins Lager gekommen, den Vorkämpfer der Bekenntniskirche und umstrittenen ‚Juden-Pfarrer’ wird die Gestapo ihn nicht so leicht freigeben.(11) So kam es denn auch: Ehrenberg wurde als einer der Letzten der Novemberhäftlinge aus Sachsenhausen entlassen: im März 1939.

Reichmann: „Die religiösen Kameraden erleben hier ihre Bewährungsprobe. Ehrenberg wird ohne Anlass, weil er gerade im ersten Glied steht, gepackt und ans Tor gestellt’. (12) Nach vier Stunden Frieren humpelt er matt und überhungert in die dunkle Baracke, in der wir anderen schon auf dem Stroh liegen. ...

Ehrenberg lächelt und nimmt dankbar Brot und eine Tasse Lager-Tee, den wir für ihn warmgehalten haben.

Ehrenberg ist ein frommer Mann, der auf die Frage, wie er das ganze Geschehen der letzten Jahre in sein religiöses System einordnet, antwortet:

Es ist eine Strafe über das jüdische Volk gekommen und auch über das deutsche.

Morgens beginnt er seinen Arbeitstag mit einem Psalm, den er seinen jüdischen Kameraden Professor Treitel, Dr. Preiser und dem Musiker Leisorowitsch vorspricht. Diese vier Männer tun einen traurig-ernsten Dienst. Sie sind das Leichen-Kommando“ im Lager.

Reichmann: Das hat es bisher nicht gegeben. Jetzt erst, wo 6 000 Männer aus Büro und Geschäft zu Schwerarbeit gezwungen werden und so viele bejahrte Juden hier vegetieren, wo septische Ausschläge und Lungenentzündungen umgehen, hält der Tod reiche Ernte. Sie täglich einzubringen, wird ein eigenes Kommando geschaffen. Die scharfe Trennung zwischen Juden und Ariern, die das Dritte Reich draußen so peinlich fordert wird für die Toten nicht mehr gebraucht. Das Leichenkommando, diese vier feinen jüdischen Menschen, sammeln sie alle, die Asozialen und die Juden, die Zigeuner und die BVer. Es trägt sie aus dem Revier, wäscht sie, kleidet sie in ein Papierhemd und bettet sie auf Holzspäne. Dann nimmt sie der schwarze Kasten auf, den diese vier Männer drei, fünf, ja zehn Mal am Tag durchs Lager in den Leichenschuppen tragen. Es brüllt über den Appell-Platz: ‚Leichen-Kommando’! Und dann marschieren die vier Kameraden, die jeder kennt und mit scheuem Blick begleitet, militärisch formiert ins Revier. In sechs Wochen haben sie mehr als 90 Juden eingesargt. Manchmal stört sie die SS, bei ihrem stillen Werk: ‚Die Juden pflegen doch ihre Toten auf Stroh zu legen.’

Und dann kommen finstere Vorstellungen zu Tage, abergläubische Totenbräuche und Riten, die seit Generationen, ja seit Jahrhunderten in den Köpfen von Menschen spuken, die wir einmal unsere Volksgenossen nannten. ‚Warum sterben gerade so viele Juden?’ fragt ein SS-Mann neugierig, nicht etwa teilnahmsvoll.

Das Leichenkommando erklärt die Todesfälle aus dem plötzlichen Wechsel zwischen der gewohnten Büroarbeit und den Bedingungen des Lagers. ‚Da könnt ihr euch ja bei uns bedanken, dass wir endlich gesunde Menschen aus euch machen.’
‚Wenn man schon hier ist’, meint Ehrenberg, ‚so soll man wenigstens was Sinnvolles tun. Unser Dienst an den Toten erscheint mir sinnvoll.’

Und Reichmann schließt:
Mir und uns allen auch. Wir sind den Kameraden dankbar, es werden reine Hände sein, die uns betten, wenn wir in unserem Kampf ums Leben unterliegen.(13)

Hans Ehrenberg floh nach seiner Entlassung aus dem Lager nach Großbritannien, kam nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Er starb 1958 in Heidelberg.

Der 1875 geborene Dr. Moritz David gehört zu den ältesten Gefangenen im Konzentrationslager Sachsenhausen. Er war 33 Jahre Rabbiner der jüdischen Gemeinde Bochum, bevor er von dem jüngeren Josef Kliersfeld abgelöst wurde. Warum kam er ins Lager? Er entsprach nicht den Vorgaben für die Verhaftung: Er war nicht reich, weder jung noch gesund. Er war angesehener Repräsentant der Gemeinde, das reichte wohl für die Verhaftung.

Hans Reichmann schreibt, Dr. David habe ihm berichtet, was in der Pogromnacht in der Wohnung des Rabbiners geschah:

Dreimal in dieser Nacht sei der Partei-Mob in sein Haus gestürmt, um noch einen Schlüssel, noch einen Bilderrahmen zu suchen, der vielleicht der Zerstörung entgangen war. Ich schütze Ihr Leben, habe der Bandenführer mit vorgehaltenem Revolver gesagt, mehr kann ich nicht tun. Die Volkswut ist rasend.(14) Dr. David ist im Lager zum Stubendienst eingeteilt, die relativ angenehmste Form der Lagerarbeit, die aber auch nicht vor Überfällen schützt. Reichmann: Rabbiner David und ein paar ältere Kameraden spülen vier Stunden hintereinander Essnäpfe im Waschraum, als ein

Scharführer in die Tür tritt. Ein Mithäftling Davids weiß nicht, dass er in der Stellung erstarren muss, die er im Augenblick hat. Er wäscht die Näpfe weiter und wird durch zwei kräftige Ohrfeigen über die Lagerordnung belehrt. Am Abend erzählt er mir davon mit einem traurigen Blick ins Leere.(15)

Rabbiner David war zuständig für theologische Fragen.

Reichmann: „Es ist Freitagabend, und ich grüße den freundlichen Rabbiner Dr. David: ‚Gut Schabbos, Kamerad Rabbiner! Darf ich dich etwas fragen? ... Wo steht das: ‚Und Mose erschlug den Ägypter’ und wo ‚Du sollst nicht stehen bleiben beim Blute deines Nächsten!’ Du weißt doch, warum ich dich frage. Die Bibel wiederholt sich. Wir sind hier in Ägypten.’ Der Rabbiner gibt mir die Zusammenhänge, und ich sehe die biblischen Bilder ganz deutlich. Hier aber ist kein Mose, der unseren Fronvogt erschlägt.(16)

Und weiter: Ich habe oft mit dem stillen feinen Rabbiner gesprochen. Es gab da noch ein Wort, eins aus der Bibel, das mich begleitete; es war tröstend und niederdrückend zugleich: ‚Wächter, wie spät ist es in der Nacht? – Es kommt der Morgen, und es kommt die Nacht.’(17)

Für Dr. David kam der Morgen der Freiheit bald: Wie viele über 60jährige Männer, wurde er am 28. November entlassen. Fortan bemühte er sich um die Ausreise aus Bochum. Karola Freimark berichtete wiederholt ihren Kindern von diesen Bemühungen, auch davon, wie er immer mehr abmagerte. Einmal zerschlug sich eine Hoffnung: David hatte eine verwitwete Frau geheiratet. Deren Sohn aus erster Ehe lebte als Arzt in den USA. Er gewährte eine Bürgschaft für das Ehepaar David. Nur: Akzeptiert wurde nur die Bürgschaft für die Mutter, nicht für den Stiefvater. Frau David blieb natürlich bei ihrem Mann. Schließlich gelang die Flucht nach England. Nach Kriegsausbruch wurden die deutschen Einwanderer als feindliche Ausländer inhaftiert, ein Teil von ihnen wurde nach Australien gebracht. Mit der Zusage, dass seine Frau in kurzer Zeit folgen könne, begleitete Dr. David den Transport als Seelsorger. Seine Frau ließ man aber nicht nachreisen. David sah sie erst nach Kriegsende wieder. Fortan lebte das Ehepaar in einem Altersheim in Manchester. Von dort aus pflegte Dr. David auch Kontakte mit Mitgliedern seiner alten Bochumer Gemeinde. Einige Briefe an Siegbert Vollmann, den Vorsitzenden der neuen Gemeinde, sind überliefert. Dr. David starb 1956 in Manchester.

Zu den Alten, um die Hans Reichmann sich große Sorgen macht, gehört der 1868 geborene Victor Capell.

Reichmann: „Wenn doch auch die Alten durchhielten! Ich beobachte sie jeden Tag, unsere Alten, den 69jährigen Labisch, den 71jährigen Capell, den ebenso alten Laser und den vornehmen Fabrikanten Hermann aus Westfalen, der nicht einmal eine Mütze für sein weißes Haar hat. Er wird täglich schwächer, er leidet unter dem Elend seines Sohnes, der mit ihm hierher gebracht ist, fast mehr als unter seinem eigenen. ‚Ist es nicht ein Verbrechen, dass wir Kinder haben, Kinder in dieser Welt?’ Die anderen halten sich überraschend gut. Sie stehen um fünf Uhr auf, klopfen Steine und essen abends ihre erste und einzige warme Mahlzeit. Aber wie lange werden ihre Kräfte noch reichen? Ich frage sie, wie sie sich fühlen, und sie gestehen, dass sie sich viele solche Tage nicht mehr zutrauen.(18)

Warum kam Capell ins Lager? Auch er entsprach nicht den Vorgaben. Der alte Mann war, zusammen mit seinem Schwiegersohn Sally Davids, Inhaber der Firma Victor Capell oHG. Das war ein Geschäft für Kurz-, Weiß- und Wollwaren en gros am Hellweg 9. Außerdem betrieben sie ein Unternehmen zur Herstellung von Herrenhemden und Damenschürzen. Das Geschäft war nach 1933 immer schlechter gegangen, am 16. Juli 1938 hatten Capell und Davids es an die Kaufleute Walter Niederhagemann in Essen und Jakob Zahl in Bochum verkauft. Der Betrieb war im November 1938 also längst arisiert. Warum Capell erst am 7. Dezember und nicht – wie die anderen über 60jährigen - bereits am 28. November entlassen wurde, wir wissen es nicht. 1939 emigrierten Victor Capell und seine Frau in die USA: Die dort bereits seit 1923 bzw. 1936 lebenden Söhne Max und Heinz hatten das ermöglicht. Die Tochter Liselotte war schon in Schweden, kam später auch in die USA. Der Tochter Else, ihrem Mann Sally Davids und deren Tochter Ingeborg gelang die Flucht nicht mehr: Sie wurden im April 1942 nach Zamosc deportiert. Von dort kam niemand zurück. Lediglich der Sohn Werner überlebte, er kam mit einem Kindertransport 1939 nach England.

Im Block 16 lag auch Leo Seidemann, den wir schon aus den Freimarkbriefen kennen. Er wird von Hans Reichmann in seinem Erinnerungsbuch nicht erwähnt.

Die Familie Seidemann kam ursprünglich aus Ostpreußen, die ersten Familienmitglieder kamen kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Bochum. Sie wurden erfolgreiche Geschäftsleute: Sie gründeten Einzelhandelsgeschäfte. Leo und sein Bruder Julius waren u.a. Inhaber einer Fabrik für Knabenanzüge und Hosen am Marienplatz 6. Der Betrieb wurde bereits im August 1938 mit behördlicher Genehmigung an den branchenfremden Peter Boecksteger aus Krefeld verkauft. Auch hier ging es bei der Verhaftung Leo Seidemanns im November 1938 nicht mehr darum, Druck auszuüben, um die Arisierung zu forcieren. Es ging darum, die Seidemanns aus Deutschland zu vertreiben. Nach der Freilassung Leos bemühte er sich mit seiner Frau, Deutschland zu verlassen. Im Gespräch waren Kuba, Bolivien, Südamerika, favorisiert wurden aber die USA. Schließlich bekam man Visen für Chile, und es gelang auch, von den Geschwistern in den USA das Geld für die Schiffspassage zu erhalten. Ein Beinbruch der Ehefrau Else verzögerte die Ausreise. Als Else wieder reisefähig war, hatte Chile die Grenzen geschlossen. Erneute Bürgschaften aus den USA verfielen, weil die Visen nicht rechtzeitig kamen. Am 7. Oktober 1941 schrieb Else Seidemann an die Freimark-Kinder:

Von uns selbst gibt es kaum etwas zu sagen als dass wir gesund sind und warten, dass der Krieg vorübergeht. Was es sonst Neues gibt, hört Ihr gewiss durch Eure l. Eltern welche sehr wünschen, bald bei Euch zu sein. Für uns besteht kaum Aussicht, doch darf man trotzdem nicht den Mut verlieren.

Am 23. Oktober 1941 verbot die deutsche Regierung die Ausreise der Juden, am 5. Oktober 1941 hatten die Deportationen der Juden aus Österreich und Deutschland nach Kowno, Lodz, Minsk und Riga begonnen.

Leo und Else Seidemann wurden im April 1942 nach Zamosc deportiert. Von dort ist niemand zurückgekommen.

Auch Karola und Simon Freimark gelang die Flucht in die USA nicht mehr. Sie wurden im April 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebten, emigrierten 1946 zu ihren Kindern in die USA. Nach Deutschland, nach Bochum sind sie nie mehr gekommen.

Entlassung und Bedeutung der KZ-Haft für die Entlassenen.

Die Verhaftung der jüdischen Männer im November 1938 war von Beginn an nicht als dauerhafte Maßnahme geplant, sondern diente dem Raub des Vermögens und der Vertreibung aus Deutschland. Die Massenverhaftungen führten jedoch zu einer immensen Überbelegung der KZ, dass selbst die SS erkannte, dass „die Konzentrationslager derart überbelegt seien, dass es ans Unerträgliche grenze. Es bestehe bereits Seuchengefahr.“(19) Die Führung der Sicherheitspolizei sorgte dafür, dass durch vorzeitige Entlassungen der Druck auf die Lager nachließ: Ende November kam der Befehl heraus, alle jüdischen Häftlinge, die im Ersten Weltkrieg Frontkämpfer gewesen waren, freizulassen; am 12. Dezember folgte die Anweisung, alle jüdischen Häftlinge über 50 Jahre zu entlassen. (Nach Bochum kamen die letzten über 50jährigen Männer am 16. Dezember zurück: Ausnahme Ehrenberg).

Ab Ende November wurden in Sachsenhausen in der Regel täglich etwa 150 bis 200 jüdische Häftlinge freigelassen. Am 31. Dezember waren von den über 6400 jüdischen Häftlingen noch 958 in Sachsenhausen, am 31. Januar 1939 noch 338.

Die Häftlinge kehrten anders in ihre Heimatorte zurück als sie weggegangen waren: Zutiefst verletzt, in ihrer Würde, ihrer Identität gebrochen. Und sie mussten erkennen, dass auch in den früheren Heimatorten nichts mehr so war wie bisher. Zwar waren die Scherben weggeräumt, aber die vernagelten Schaufenster und vor allem die Menschen, die achtlos daran vorbeiliefen und ihren Alltag lebten, als sei nichts geschehen, zeigten den Heimkehrern aus den Konzentrationslagern, dass sie ihre Heimat verloren hatten. In diesem Deutschland durften sie nicht mehr lebten, die meisten wollten es auch nicht mehr.

Und nun folgte das letzte Kapitel der Juden in Deutschland: Die Suche nach einem Land, in das man fliehen konnte. Und das führt zu der Frage: Was wurde aus den aus Sachsenhausen entlassenen Bochumer jüdischen Menschen?

Wie verlief nun das weitere Leben der im November Verhafteten?

Alle noch in Deutschland lebenden Juden, natürlich auch die nach Sachsenhausen deportierten und nach Bochum zurückgekehrten bemühten sich um eine Ausreise aus Deutschland. Nur ungefähr die Hälfte der Sachsenhausen-Häftlinge hatte Erfolg. Die Voraussetzungen waren auch schlecht: Die deutsche Regierung sorgte dafür, dass die Flüchtlinge ohne Besitz das Land verlassen mussten, sie kamen also als Fürsorgefälle im Emigrationsland an. Diese Länder hatten kein Interesse an diesen Menschen. De Flüchtlinge mussten also Verwandte, Freunde finden, die nicht nur die Reise bezahlten, sondern auch Garantien abgaben, dass die Flüchtlinge im jeweiligen Gastland nicht der öffentlichen Fürsorge anheim fielen. Und das war in vielen Fällen unmöglich.

So fanden von den 60 Männern, die aus Sachsenhausen nach Bochum zurückkehrten, nur 29 ein Emigrationsland. 29 Männer wurden ab Anfang 1942 in die Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Jede Geschichte der erfolgreichen Emigration und jede Geschichte der gescheiterten Emigration, der Deportation in den sicheren Tod, ist dramatisch. Einige Geschichten sind bereits erforscht und aufgeschrieben. So die Geschichte des 1887 geborenen Alexander Adler aus Bochum- Linden. Er war in Sachsenhausen unter der Nummer 11746 registriert. Er wurde im Lager misshandelt, zog sich eine Blutvergiftung in der rechten Hand zu, die nicht behandelt wurde. Nach seiner Rückkehr nach Bochum am 16. Dezember 1938 wurde er sofort in das evangelische Krankenhaus eingeliefert. Nach dem vorliegenden Krankenbericht des Krankenhauses starb Alexander Adler am 23. Dezember 1938 um 17 Uhr an einer Sepsis. Er wurde in der Familiengruft der Familie Röttgen auf dem jüdischen Friedhof in Hattingen beigesetzt.

Von den zwölf über 60- jährigen gelang nur dreien die Flucht: Viktor Capell und seine Frau wurden von ihren zwei bereits Jahre zuvor ausgereisten Söhnen in die USA geholt. Siegmund Schoenewald gelang die Flucht nach Holland, von dort nach England. Eigentlich hatte er nicht mehr die Kraft, auch nicht mehr den Willen, sich um die Ausreise zu bemühen. Es war letztlich sein Anwaltskollege Hermann Röttgen, der die Flucht vorbereitete und den Verzweifelten über die Grenze brachte. Siegmund Schoenewald starb bereits 1943 in England. Dem Tierarzt Dr. Wolfram gelang die Flucht zu seinen Söhnen nach England. Von Rabbiner David wurde an anderer Stelle bereits berichtet.

Für die, denen die Flucht gelang, begann ein schwerer Neuanfang. Häufig ohne die entsprechenden Sprachkenntnisse galt es, in einer fremden Kultur einen Neuanfang zu wagen, wobei meistens die in Deutschland erworbenen Qualifikationen nicht anerkannt wurden. Dazu kamen Probleme, die sich mit dem Kriegsbeginn im September 1939 ergaben. Wer zum Beispiel nach England kam, wurde als feindlicher Ausländer interniert, stand oft Jahre unter Kontrolle. Wer nach Frankreich, nach Holland oder Belgien geflohen war, kam nach dem Einmarsch der deutschen Armee wieder in die Gewalt der deutschen Behörden. Auch darüber ist an anderer Stelle bereits berichtet worden.

Es gibt Familien, die bis heute jedes Jahr den Tag der Ankunft im Emigrationsland als den Tag einer zweiten Geburt feiern. Es sind die heute Alten, die versuchen, so die Familiengeschichten wach zu halten. Ich kenne Angehörige von Opfern, für welche die Erinnerung an die Ermordeten bis heute eine offene, klaffende Wunde ist. Für sie gibt es keinen Schlussstrich unter die Geschichte, sie müssen damit leben.

(Hubert Schneider)
 

1 Die Verschleppung der jüdischen Männer ins KZ Sachsenhausen. Abgedruckt als Dokument 43 bei Wilbertz, Gisela: Synagogen und jüdische Volksschulen in Bochum und Wattenscheid, Bochum 1988, 72-74. Siehe auch Stadtarchiv Bochum (Hrsg.), Vom Boykott bis zur Vernichtung. Leben, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden in Bochum und Wattenscheid 1933-1946, Essen 2002. S. 214-216.
2 Der Bericht ist mit großer Wahrscheinlichkeit Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts von Leo Baer in Frankreich geschrieben worden. Die Erinnerungssplitter Leo Baers werden im Stadtarchiv Bochum aufbewahrt.
3 Die Annahme Karola Freimarks, dass die über 60jährigen zurückkommen, erweist sich – wie wir noch sehen werden – als falsch. Unter den 60 nach Sachsenhausen verschleppten Männern aus Bochum sind 12 über 60 Jahre alt, der Älteste ist 71.
4 Hans Reichmann, Deutscher Bürger und verfolgter Jude. Novemberpogrom und KZ Sachsenhausen 1937 bis 1939, München 1998. Der Bericht wurde bereits im Sommer 1939 im englischen Exil niedergeschrieben. Siehe auch Leon Szalet, Baracke 38. 237 Tage in den „Judenblocks“ des KZ Sachsenhausen, Berlin 2006. Szalet gehörte zu den noch bei Kriegsausbruch in Deutschland lebenden polnischen Juden, die im September 1939 nach Sachsenhausen kamen.
5 Reichmann, Deutscher Bürger, S. 27.
6 Reichmann, S. 194.
7 Reichmann, S. 193.
8 Reichmann, S. 194.
9 Reichmann, S. 195.
10 Reichmann, S. 196.
11 Reichmann, S. 240.
12 „Torstehen“ ist eine der – kleinen – Lagerstrafen, neben den großen Strafen „Am Pfahl hängen“, die Versetzung in die Strafkompanie oder in den Bunker. Sie wird täglich 50 oder 100mal verhängt. Auch da gibt es Varianten. Die härtere Form: Die Häftlinge stehen von morgens bis abends barhäuptig am Tor. Manchmal müssen sie in Kniebeuge verharren, andere hat man mit Kniebeuge und mit gehobenen Armen ans Tor gestellt. Andere werden nach dem Abendappell ans Tor gestellt, wo sie bis zum Schlafengehen bleiben müssen. Wenn sie in die Baracke zurückkommen, gibt es für sie kein Essen Das gehört mit zur Torstrafe. Reichmann, S. 192f.
13 Reichmann, S. 197f.
14 Reichmann, S. 154
15 Reichmann, S. 179
16 Reichmann, S. 186
17 Reichmann, S. 187
18 Reichmann, S. 187.
19 So Ende November 1938 der Leiter des Sanitätswesens der SS Dr. Grawitz. Zitiert nach Reichmann, S. 30.