Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins

Bochum, September 2015                          Nr. 19

Inhaltsverzeichnis

Wir erinnern uns
September 1995

Der Besuch von Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde in Bochum

Der Umgang der Stadt Bochum mit den Überlebenden der alten jüdischen Gemeinde gestaltete sich zunächst sehr schwierig. Bochumer Emigranten, die sich seit den 1970er Jahren an die Stadtverwaltung wandten, wurden bis Mitte der 1990er Jahre mit einer Einladungspraxis konfrontiert, die einem Ausschlussverfahren gleichkam. Die Kriterien für eine Einladung nach Bochum, die bis 1994 gültig blieben, dokumentiert ein Absagebrief aus dem Amt für Verkehrs- und Wirtschaftsförderung an einen Bochumer Emigranten in den USA:

Gemäß einem Beschluss der hiesigen parlamentarischen Gremien lädt die Stadt Bochum seit 1979 ihre ehemaligen jüdischen Bürger auf Antrag in ihre alte Heimatstadt ein. Grundlage für eine Einladung, die sich auf Übernahme der Aufenthaltskosten (keine Reisekosten) und Zahlung eines Taschengeldes erstreckt, sind jedoch folgende Voraussetzungen: Der Antragsteller muss 1. zu Beginn der nationalsozialistischen Verfolgungszeit (1933) mindestens 1 Jahr in Bochum gewohnt haben, 2. bei seiner Emigration mindestens 10 Jahre gewesen sein und 3. heute in Israel leben.

Abgesehen davon, dass dieses Programm alle diejenigen, die nicht nach Palästina geflohen waren, von dem Besuchsprogramm ausschloss, lud die Stadt zwischen 1979 und 1994 insgesamt 20 Ehepaare aus Israel auf deren Antrag ein, d.h. sie wurden für eine Woche auf Kosten der Stadt in einem Hotel untergebracht. Erst die Gründung eines Bürgervereins bewirkte die Revision dieser Einladungspraxis. Am 24. August 1994 konstituierte sich der Verein Erinnern für die Zukunft e.V. zur Förderung einer Einladung an die zwischen 1933 und 1945 verfolgten und aus Bochum und Wattenscheid vertriebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Dem Vorstand des neuen Bürgervereins gelang es binnen kurzem, die Adressen von 126 Mitgliedern der alten jüdischen Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt in vielen Ländern der Welt lebten, ausfindig zu machen. Er unterrichtete die Emigranten über das Ziel, eine Einladung seitens der Stadt zu fördern, obwohl sich die Mitglieder bewusst waren, dass es aufgrund der persönlichen Erinnerung und der bisherigen Versäumnisses sicher manchem nicht leicht fallen würde, noch einmal eine Brücke nach Bochum zu schlagen. Zugleich bat der Verein um Vorschläge für ein Besuchsprogramm. Ein Jahr nach der Vereinsgründung besuchten im September 1995 schließlich 52 Bochumer jüdische Emigranten mit je einer Begleitperson ihre frühere Heimatstadt. Den Initiatoren war in wenigen Monaten die politische Durchsetzung der Besuchswoche gelungen. Zwar kam es im Vorfeld und auch während des Besuches zu einigen Irritationen zwischen Stadt und Verein, durch die Vorbereitung und die Gestaltung des Programms des Besuchs gelang es jedoch, die öffentliche Meinung so zu prägen, dass der Versuch, zu erinnern ohne zu gedenken, scheiterte.

Zahlreiche Veranstaltungen und Vorträge im Vorfeld des Besuches, unter anderem im Stadtarchiv, befassten sich mit dem Thema jüdisches Leben in Bochum und Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus. In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv fand eine Fortbildung für Lehrer aller Schularten statt. Gemeinsam mit dem Bochumer Bildungsladen e.V. wurde das von Jugendring, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Volkshochschule entwickelte Stadtspiel um Stationen der Geschichte jüdischen Lebens und der Judenverfolgung erweitert. Die Evangelische Stadtakademie führte mit dem Verein in zahlreichen Gemeinden Veranstaltungen unter dem Thema Ich möchte noch einmal Bochum besuchen – Bochumer Juden schreiben aus der Emigration durch, die Diskussionen über die Alltagserfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus auslösten. Ebenfalls in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie fand eine Veranstaltung über Bochumer Jüdinnen und Juden im Exil – Ein Kapitel verdrängter Stadtgeschichte statt.  An einem Seminar der Evangelischen   Studierendengemeinde  nahmen Mitglieder des Vereins und die späteren Betreuerinnen und Betreuer der Besucher teil, zumeist Studierende der Ruhr-Universität Bochum, die sich im Rahmen ihres Studiums mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt hatten. Das Seminar befasste sich mit der Geschichte der Jüdischen Gemeinde Bochum und deren Erfahrung von Vertreibung, Flucht und Asyl.

Der Verein versuchte, die in den Briefen der jüdischen Emigranten beschriebenen Erfahrungen, Wünsche und Fragen bei der Gestaltung des Besuchsprogramms aufzugreifen und umzusetzen: Gespräche mit Vertretern der Stadt und der politischen Parteien beim Empfang im  Rathaus,  mit der Bochumer Bevölkerung und mit Schülerinnen und Schülern beim Besuch Bochumer Schulen waren wesentliche Bestandteile des Programms. Das Projekt Zimmerdenkmäler in der Bochumer Blumenstraße fand breite Resonanz, auch über Bochum hinaus. Auch die Wünsche, die Bochumer Universität kennen zu lernen und an einer Konzert- oder Theaterveranstaltung teilzunehmen, konnten erfüllt werden: Rektorat und Allgemeiner Studierendenausschuss (ASTA) empfingen die Besuchergruppe, im Auditorium Maximum fand ein Konzert der Bochumer Symphoniker zu Ehren der Gäste statt. Ein wichtiges Anliegen war das Gedenken an die Ermordeten und der Besuch von Stätten der Kindheit und Jugend: des früheren Wohn- und Geschäftshauses und der Schule, des Standortes der Synagoge und der jüdischen Volksschule, ein Besuch im Stadtpark. Dem Gedenken der verstorbenen Angehörigen galt ein Besuch auf dem Wattenscheider und dem Bochumer jüdischen Friedhof. Ebenso zum Programm gehörte der Besuch des Erev-Shabbat-Gottesdienstes im damals neuen Gemeindezentrum in Bochum-Laer, dem sich ein Empfang durch die heutige jüdische Gemeinde anschloss. Die Brücke zur heutigen Gemeinde wurde auch dadurch geschlagen, dass ein Teil des Erlöses einer von der Bochumer Malerin Lisa Lyskava initiierten Verkaufsausstellung von Werken Bochumer Künstler der Gemeinde  gespendet wurde.

Während des ganzen Besuchs wurden die Gäste von 24 jungen Frauen und Männern betreut. Und das war sicher auch der Schlüssel des Erfolges des Besuches: Gegenüber diesen jungen Leuten, die gut vorbereitet und offen auch für schwierige Fragen waren, verloren die Gäste ihre Befangenheit, konnten sie letztlich den Besuch – bei allen leidvollen Erinnerungen – auch genießen. Der Kreis hat sich geschlossen, sagte eine Besucherin zum Abschied. Bei Nacht und Nebel musste ich die Stadt verlassen, um zu überleben. Mit allen Ehren wurde ich jetzt empfangen. Das macht das Leid zwar nicht ungeschehen, aber es tut gut. Ich kann jetzt in Ruhe in meine neue Heimat zurückkehren.

Der Besuch hatte Folgen: Nicht nur, dass in den folgenden Jahren immer wieder kleinere Besuchergruppen zu einem Besuch nach Bochum eingeladen wurden, auch die Kontakte zwischen Bochum und den Emigranten wurden fortgesetzt, dauern bis heute an. Der Verein Erinnern für die Zukunft e.V. gibt seit 1997 jährlich ein Vereinsblatt heraus, das an alle Emigranten verschickt wird. In ihm wird nicht nur über die Arbeit des Vereins, die Vorgänge in Bochum berichtet, das Blatt wurde auch zum Forum, in dem die Erinnerungen der Bochumer Juden veröffentlicht werden. Auch die heutige jüdische Gemeinde berichtete wiederholt über ihre Entwicklung. Die Stadt Bochum meldet sich immer wieder bei den Besuchern, der Freundeskreis Bochumer Synagoge informierte kontinuierlich über den Fortgang des Baus der neuen Synagoge und über seine Arbeit.

Durch die breite Resonanz, welche die Besuche in der Bochumer Öffentlichkeit und in den Medien hervorriefen, wurde das Thema jüdisches Leben in Geschichte und Gegenwart in der Bochumer Gesellschaft präsent. Die Erinnerungskultur erhielt einen neuen Stellenwert. 2003 erschien das Gedenkbuch für die Opfer der Shoah aus Bochum und Wattenscheid. Zu nennen  ist  hier  auch  das  Projekt  Stolpersteine  des  Künstlers Gunter Demnig, das bis heute dazu führte, dass bereits vor fast 200 Wohnungen in Bochum und Wattenscheid solche Erinnerungssteine liegen. Die von Bochumer Bürgern erarbeiteten Recherchen können im Internet eingesehen werden. Von großer Bedeutung ist das Projekt Orte des Erinnerns. Stationen jüdischen Lebens in Bochum und Wattenscheid der Evangelischen Stadtakademie. An ausgewählten Orten in der Stadt werden Stelen aufgestellt, die Juden nicht nur in ihrer Opferrolle zeigen, sondern vor allem auch ihre bedeutende Stellung bei der Stadtentwicklung vor der Shoah. Die Arbeiten von Organisationen, die sich schon länger mit jüdischen Themen beschäftigen (vor allem die Evangelische Stadtakademie, der Verein Erinnern für die Zukunft e.V. und die VVN - Bund der Antifaschisten) werden ganz anders wahrgenommen. Ausstellungen und Vorträge zu diesen Themen finden eine breite Resonanz.

Diese Entwicklung trug ganz entscheidend dazu bei, dass in Bochum die Spitzen in Gesellschaft und Politik und immer größere Bevölkerungskreise die zunehmenden Probleme der jüdischen Gemeinde nicht nur wahrnahmen, sondern auch bereit waren, sich an der Diskussion um die Lösung dieser Probleme zu beteiligen und Lösungen zu akzeptieren.

Hubert Schneider